{"id":446,"date":"2012-03-19T08:00:53","date_gmt":"2012-03-19T07:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=446"},"modified":"2015-05-19T14:35:58","modified_gmt":"2015-05-19T12:35:58","slug":"neugierde-lohnt-sich-zur-entstehung-von-maurice-ravels-klaviersonatine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/03\/19\/neugierde-lohnt-sich-zur-entstehung-von-maurice-ravels-klaviersonatine\/","title":{"rendered":"Neugierde lohnt sich. Zur Entstehung von Maurice Ravels Klaviersonatine"},"content":{"rendered":"<p>Als ich 2011 mit der Vorbereitung einer neuen Ausgabe zu Maurice Ravels Klaviersonatine begann, konnte ich mir nicht vorstellen, dabei etwas Neues zu entdecken. <!--more-->Die Quellen f\u00fcr den Notentext sind seit l\u00e4ngerem bekannt und selbstverst\u00e4ndlich sollte das Handexemplar Ravels mit autographen Korrekturen und Fingersatzangaben aus der Pariser Biblioth\u00e8que nationale de France als \u201eletztes Wort\u201c des Komponisten als Hauptquelle dienen. Auch was die Entstehung der Sonatine angeht, waren scheinbar die Fakten l\u00e4ngst bekannt. Alle Autoren und Herausgeber vor mir st\u00fctzten sich ausschlie\u00dflich auf einen Beitrag unter dem Titel <em>When Ravel Composed to Order<\/em> von <a title=\"Michel Dimitri Calvocoressi\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michel_Dimitri_Calvocoressi\" target=\"_blank\">Michel Dimitri Calvocoressi<\/a>, der von 1895 bis 1915 in Paris gelebt und dort zu Ravels engstem Freundeskreis geh\u00f6rt hatte. Calvocoressi besch\u00e4ftigte sich in diesem Artikel, der 1941 in <em>Music &amp; Letters<\/em> erschien, mit den Kompositionen, die Ravel auf Bestellung schrieb. Anders als Debussy lie\u00df sich Ravel sehr gern auf Auftr\u00e4ge und Vorgaben ein, f\u00fchlte sich nach eigener Aussage sogar dadurch in besonderer Weise inspiriert. Calvocoressi kam im Verlauf seiner Darstellung auch auf die Sonatine zu sprechen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-450 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_1.jpg\" alt=\"\" width=\"611\" height=\"114\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_1.jpg 928w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_1-300x56.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ravel nahm demnach 1904 auf Calvocoressis Vorschlag hin an einem Kompositionswettbewerb f\u00fcr den ersten Satz einer Klaviersonatine in der Zeitschrift <em>Weekly Critical Review<\/em> teil. Dieser Wettbewerb sei aber abgesagt worden, weil Ravel der einzige Teilnehmer geblieben sei und \u00fcberdies mit 77 Takten die Vorgabe von 75 Takten \u00fcberschritten habe.<\/p>\n<p>Das Erste, was mich stutzig machte, war die Angabe des Umfangs. Ravels erster Satz seiner Sonatine umfasst 84, nicht 77 Takte. Sollte Ravel damals eine k\u00fcrzere Fassung eingereicht haben? Auch die Behauptung, Ravel sei der einzige Teilnehmer geblieben, weckte meine Neugierde. Sollte der Wettbewerb wirklich derart unattraktiv gewesen sein? Kurz, ich wollte unbedingt die Annonce in dieser omin\u00f6sen <em>Weekly Critical Review<\/em>, deren Namen ich zuvor noch nie geh\u00f6rt hatte, mit eigenen Augen sehen.<\/p>\n<p>Die Recherchen ergaben, dass die englisch-franz\u00f6sische Kulturzeitschrift lediglich zwischen dem 21. Januar 1903 und dem 25. M\u00e4rz 1904 erschienen war und heute nur noch in wenigen Bibliotheken vollst\u00e4ndig greifbar ist. Nick Hearn, ein freundlicher Bibliothekar der Bodleian Library in Oxford wurde schnell f\u00fcndig. Die gesuchte Annonce erschien erstmals am 12. M\u00e4rz 1903 und wurde nochmals am 19. M\u00e4rz, 9. und 23. April wiederholt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-454\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_2.jpg\" alt=\"\" width=\"575\" height=\"948\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vergleicht man den Text mit Calvocoressis Angaben, ergeben sich einige interessante Abweichungen. Der Wettbewerb wurde 1903 (nicht 1904) ausgeschrieben, erbeten wurde der erste Satz einer Klaviersonate (nicht einer Sonatine), zudem mit der Vorgabe der Tonart fis-moll. Au\u00dferdem verschwieg Calvocoressi, dass den Gewinner die Preissumme von 100 Francs (nach heutigem Geldwert ca. 350 \u20ac) und die Publikation seines Manuskripts in einer Beilage der <em>Weekly Critical Review<\/em> erwarteten.<\/p>\n<p>Eine entsprechende Beilage ist nachweislich nie erschienen, aber bedeutet dies zwingend, dass der Wettbewerb \u2013 auch wenn er mehrfach annonciert wurde \u2013 mangels fehlender Beitr\u00e4ger abgesagt wurde?<\/p>\n<p>Zu dieser Frage brachte ein 1999 bei Sotheby\u2019s angebotenes Autograph des ersten Satzes von Ravels Sonatine ein wenig Licht ins Dunkel, da mir der damalige K\u00e4ufer freundlicherweise Kopien dieser Handschrift \u00fcberlie\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-456\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Ravel_3.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"317\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dass es sich hierbei um das Originalmanuskript handelt, das Ravel 1903 zum Wettbewerb einreichte, ergibt sich aus dem Autoreneintrag \u201epar Verla\u201c von fremder Hand (oben rechts), der sp\u00e4ter durch \u201epar Maurice Ravel\u201c ersetzt wurde. Laut Regel Nr. 3 des Wettbewerbs sollten ja die Komponisten ihren Beitrag unter Pseudonym einsenden (siehe Abbildung 2), damit die mit prominenten franz\u00f6sischen Musikern und Komponisten besetzte Jury unbefangen blieb. F\u00fcr Ravel, der solche Spiele liebte, ist es besonders charakteristisch, dass er ein Anagramm seines Namens w\u00e4hlte. Die zahlreichen Stechereintragungen (u.a. oben links: \u201e4 pl[anches] | au format ci-joint\u201c = \u201e4 (Stich-)Platten | im beiliegenden Format\u201c) verweisen au\u00dferdem darauf, dass die Handschrift zum Druck vorbereitet wurde.<\/p>\n<p>Hatte Ravel also den Wettbewerb gewonnen? Und wenn ja, warum wurde die Beilage nie gedruckt? In der Zeitschrift findet sich leider kein Hinweis darauf, und Ravel selbst hat sich, soweit bekannt, nie \u00fcber die ungew\u00f6hnliche Entstehung des ersten Satzes seiner Sonatine ge\u00e4u\u00dfert. Im Gegenteil: In seiner sogenannten \u201eAutobiographischen Skizze\u201c von 1928 hei\u00dft es lapidar: \u201eNach der Sammlung der <em>Miroirs<\/em> komponierte ich eine Sonatine f\u00fcr Klavier und die <em>Histoires naturelles<\/em>.\u201c Damit suggerierte Ravel, dass die Sonatine in G\u00e4nze nach den 1905 beendeten <em>Miroirs<\/em> entstanden w\u00e4re \u2013 dabei hatte Ravel den ersten Satz nachweislich bereits 1904 mindestens zweimal in Salons vorgestellt. Der Vergleich der ersten autographen Niederschrift des ersten Satzes mit der in der vollst\u00e4ndigen, mit \u201eAugust 1905\u201c datierten Partitur (Biblioth\u00e8que nationale de France) zeigt nur marginale Unterschiede, vor allem auch keinen Unterschied im Umfang. Ravel hatte den ersten Satz bei der sp\u00e4teren Erweiterung zur dreis\u00e4tzigen Sonatine nahezu unver\u00e4ndert \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Edition des Notentextes (<a title=\"HN 1018\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonatine_1018\" target=\"_blank\">HN 1018<\/a>) brachte mir meine Neugierde wenig ein, sehr wohl aber f\u00fcr das <a title=\"Vorwort\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/media\/foreword\/1018.pdf\" target=\"_blank\">Vorwort<\/a> und die <a title=\"Bemerkungen\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/media\/review\/1018.pdf\" target=\"_blank\">Bemerkungen<\/a>, die in \u201eUrtext\u201c-Editionen weit mehr sind als blo\u00dfes Beiwerk. Aber es bleiben Fragen, die kaum noch zu beantworten sind. War Ravel sp\u00e4ter die Vorgeschichte seiner Sonatine peinlich? War er es vielleicht sogar selbst, der den Druck in der <em>Weekly Critical Review<\/em> verhinderte?<\/p>\n<p>Ob Ravel nun den Wettbewerb seinerzeit gewann oder nicht \u2013 die Sonatine erwies sich als Gl\u00fccksfall f\u00fcr ihn. Sie wurde eines seiner popul\u00e4rsten Klavierwerke und brachte ihn mit dem renommierten Verlagshaus Durand in Kontakt, das ihm kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung der Komposition (November 1905) einen Vertrag mit exklusivem Verlagsrecht gegen ein fixes Jahresgehalt von 12.000 Francs (heute ca. 42.000 \u20ac) anbot. Einmal mehr hatte sich f\u00fcr Ravel das Komponieren auf Bestellung gelohnt \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich 2011 mit der Vorbereitung einer neuen Ausgabe zu &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/03\/19\/neugierde-lohnt-sich-zur-entstehung-von-maurice-ravels-klaviersonatine\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[301,385,3,308,408],"tags":[38,40,37,39,41],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=446"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}