{"id":4468,"date":"2015-03-30T08:00:57","date_gmt":"2015-03-30T06:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4468"},"modified":"2023-03-14T10:51:08","modified_gmt":"2023-03-14T09:51:08","slug":"von-hummel-zu-barenreiter-zu-einer-tierisch-falschen-dynamik-im-kopfsatz-aus-kv-499","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/03\/30\/von-hummel-zu-barenreiter-zu-einer-tierisch-falschen-dynamik-im-kopfsatz-aus-kv-499\/","title":{"rendered":"Zu einer furchtbar falschen Dynamik im Kopfsatz aus KV 499"},"content":{"rendered":"<p>In meinem letzten <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/12\/08\/%E2%80%9Edas-ist-schon-alles-wunderbar%E2%80%9C-zur-neuausgabe-der-streichquartette-mozarts\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrag<\/a> berichtete ich von meiner aktuellen, spannenden Editionsarbeit an den Streichquartetten Mozarts. Es ging um eine kleine, aber doch h\u00f6rbare Richtigstellung eines \u201emfp\u201c im Cellosolo des langsamen Satzes des zweiten \u201ePreu\u00dfischen\u201c Streichquartetts KV 589. Alle Ausgaben geben diese Stelle meines Erachtens falsch wieder. Mein heutiger kurzer Beitrag stellt eine Steigerung dazu dar: Es geht um den Beginn der Durchf\u00fchrung des Kopfsatzes aus dem sogenannten \u201eHoffmeister\u201c-Quartett KV 499. Diese Stelle macht noch viel krasser klar, warum Mozarts Streichquartette bis heute nicht in der bestm\u00f6glichen Notenausgabe vorliegen.<!--more--><\/p>\n<p>Es gibt kein Streichquartett-Ensemble, das an dieser gro\u00dfartigen Stelle nicht <em>forte<\/em> oder gar eine zu <em>fortissimo<\/em> gesteigerte Dynamik spielt; der Kontrast zur unmittelbar vorausgehenden, wunderbaren pianissimo-Stelle k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein, wie man beispielhaft an der Aufnahme des Hagen-Quartetts h\u00f6ren kann:<\/p>\n<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-4468-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/audio\/K499I_01.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/audio\/K499I_01.mp3\">https:\/\/www.henle.de\/media\/audio\/K499I_01.mp3<\/a><\/audio>\n<div id=\"attachment_4469\" style=\"width: 392px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Mozart_K-499-Autograph_GB-Lbl_forte.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4469\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4469\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Mozart_K-499-Autograph_GB-Lbl_forte.png\" alt=\"\" width=\"382\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Mozart_K-499-Autograph_GB-Lbl_forte.png 465w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Mozart_K-499-Autograph_GB-Lbl_forte-300x146.png 300w\" sizes=\"(max-width: 382px) 100vw, 382px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4469\" class=\"wp-caption-text\">W. A. Mozart, KV 499, Beginn der Durchf\u00fchrung<\/p><\/div>\n<p>Musikern bleibt ja gar nichts anderes \u00fcbrig, als hier \u201eforte\u201c zu spielen, denn so steht es in der B\u00e4renreiter-Ausgabe und in der alten Peters-Ausgabe (und in den Druckausgaben des sp\u00e4teren 19. Jahrhunderts). Aber: das <em>forte<\/em> ist falsch, jedenfalls stammt es keinesfalls von Mozart. Der Herausgeber der Neuen Mozart-Ausgabe (= B\u00e4renreiter-Urtext) stellt zwar in seinem \u201eKritischen Bericht\u201c zu Recht fest, das im Autograph erkennbare forte-\u201ef\u201c sei nachtr\u00e4glich mit einem R\u00f6telstift geschrieben worden; doch dann folgt der Fehlschluss: \u201eSehr wahrscheinlich autograph\u201c. Wer Mozarts Handschrift ein wenig kennt, wird \u00fcber diese Fehleinsch\u00e4tzung nur den Kopf sch\u00fctteln. Die entsprechende <a href=\"http:\/\/www.bl.uk\/manuscripts\/Viewer.aspx?ref=add_ms_37764_f002v\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">autographe Seite<\/a> zeigt eindeutig eine fremde Hand, die (oben im 3. Takt der abgebildeten Seite) zwischen die Systeme 2x ein gro\u00df geschwungenes \u201ef\u201c erg\u00e4nzt, und dann in der Akkolade darunter (Takt 114\/115) ein inzwischen stark verblasstes piano-\u201ep\u201c (auch dieses h\u00e4lt der Herausgeber irrt\u00fcmlich f\u00fcr \u201esehr wahrscheinlich autograph\u201c und druckt es ungekennzeichnet ab). In der Erstausgabe von Anton Hoffmeister (Wien, 1786) findet sich an den besagten Stelle(n) keinerlei Dynamik \u2013 wie denn auch? Der aus dem Autograph Stimmen herausschreibende Kopist hatte an dieser Stelle einen Text ohne Dynamik vor sich.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass es sich ohnehin nicht um Mozarts Hand handelt, w\u00e4re zu fragen, was ihn \u00fcberhaupt h\u00e4tte veranlassen k\u00f6nnen, an diesen Stellen eine so gravierende Erg\u00e4nzung der Dynamik nachzutragen. Doch nur w\u00e4hrend des Kompositions- und Niederschriftprozesses, <span style=\"text-decoration: underline\">bevor<\/span> ein Kopist die Stimmen ausschrieb und <span style=\"text-decoration: underline\">bevor<\/span> der Stecher den Notensatz vornahm. Denn wenn eine Textstelle erst einmal falsch oder defizit\u00e4r (also z.B. ohne Dynamik) in einer Druckausgabe in der Welt war, konnte eine nachtr\u00e4gliche Korrektur im Autograph daran doch gar nichts mehr \u00e4ndern. (Oft genug kann man deshalb in Mozart-Autographen erkennen, dass er tats\u00e4chlich dynamische Zeichen in einem zweiten Durchgang erg\u00e4nzte, dies aber immer mit Tinte und Feder, bevor er die Partitur an einen Kopisten zur Ausschrift weitergab.).<\/p>\n<p>Die besagten, im Autograph Mozarts nachgetragenen \u201ef\u201c und \u201ep\u201c in KV 499\/1, Takt 101 und 114, machen also gar keinen Sinn. Weshalb stehen sie dann aber drin? Ich bin der Sache gr\u00fcndlich nachgegangen und kann Folgendes berichten:<\/p>\n<div id=\"attachment_4470\" style=\"width: 198px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Constanze_Mozart.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4470\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4470\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Constanze_Mozart.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Constanze_Mozart.jpg 356w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Constanze_Mozart-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4470\" class=\"wp-caption-text\">Constanze Mozart (1762-1842)<\/p><\/div>\n<p>Die \u201ef\u201c und \u201ep\u201c tauchen erstmals in der Druck\u00fcberlieferung im allerersten Nachdruck der Erstausgabe im Jahr 1793 bei <a href=\"http:\/\/reader.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb11146645_00005.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hummel <\/a> auf (Amsterdam, Berlin; Plattennummer PN 902). Und zwar nur in der Stimme der ersten Violine. Offenbar hatte Hummel oder ein f\u00fcr ihn arbeitender Musiker das dringende Bed\u00fcrfnis, die ihm fehlende Dynamik zu erg\u00e4nzen (oder seine Vorlage, die Erstausgabe von Hoffmeister, hatte eine entsprechende Eintragung eines Musikers, die f\u00fcr bare M\u00fcnze gehalten wurde). Und historisch interessant ist ja dabei durchaus, dass zu Durchf\u00fchrungsbeginn daf\u00fcr offenbar nur die Kontrastdynamik <em>forte<\/em> in Frage kam. Die musikalisch meiner Meinung nach viel delikatere und wirkungsvollere Fortsetzung im <em>piano<\/em> oder gar <em>pianissimo<\/em> kam Hummel nicht in den Sinn. Ein Jahr sp\u00e4ter, 1794, druckte erstmals der Offenbacher Verlag Andr\u00e9 (PN 667) das \u201eHoffmeister\u201c-Quartett nach, und zwar eindeutig nach der Vorlage Hummels. Die falsche Dynamik findet sich auch hier nur in der ersten Violine. Als dann Andr\u00e9 von Constanze Mozart 1799\/1800 den autographen Nachlass Mozarts erwarb, ver\u00f6ffentlichte er sogleich eine neue Druckausgabe (Neustich) der Mozart-Quartette, auch des \u201eHoffmeister\u201c-Quartetts (Offenbach, 1800; PN 1444). Hierin findet sich die falsche Dynamik \u2013 nun erstmals in allen Stimmen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_4474\" style=\"width: 572px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-scaled.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4474\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-4474\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-222x300.jpg\" alt=\"\" width=\"562\" height=\"760\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-222x300.jpg 222w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-757x1024.jpg 757w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-768x1039.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-1136x1536.jpg 1136w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-1514x2048.jpg 1514w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/03\/Andre-PN1444_Vl-I_S.81-scaled.jpg 1893w\" sizes=\"(max-width: 562px) 100vw, 562px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4474\" class=\"wp-caption-text\">Druck von Andr\u00e9, Plattennummer 1444, Violine I, S. 8<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das alles erkl\u00e4rt aber immer noch nicht, wie diese Dynamik in Mozarts Autograph kam. Die Begr\u00fcndung liegt meines Erachtens auf der Hand: Andr\u00e9 oder ein f\u00fcr ihn die neue Druckausgabe vorbereitender Musiker, verglich die wertvolle Handschrift, die nun in seinem Besitz war, mit seiner urspr\u00fcnglichen Druckausgabe von 1794. Am Beginn der Durchf\u00fchrung von KV 499\/1 fielen ihm die vermeintlich \u201efehlenden\u201c forte-\u201ef\u201c und piano-\u201ep\u201c auf und so trug er sie rasch von Hand im Autograph nach. Auf diese Weise gelangten diese nicht autorisierten Zeichen dann in seinen Neudruck. Dieser wurde wiederum von vielen Verlagen \u2013 bis heute \u2013 nachgedruckt, denn Andr\u00e9 br\u00fcstete sich auf der Titelseite mit dem Besitz des Autographs und damit der unzweifelhaften Korrektheit seiner Ausgabe: \u201eEdition faite d\u2018apr\u00e8s le manuscrit original de l\u2019auteur.\u201c<\/p>\n<p>Diese und wahrscheinlich eine weitere fremde Hand aus der Werkstatt Andr\u00e9s hinterlie\u00dfen \u00fcbrigens auch in anderen Streichquartett-Autographen Mozarts ihre Spuren. Und zwar geht es dabei immer um nachgetragene dynamische Zeichen (KV 428, 464 und 465 &#8211; wen die genauen Stellen interessieren, m\u00f6ge mir eine E-Mail schreiben).<\/p>\n<p><strong>Fazit f\u00fcr den Streichquartett-Spieler<\/strong>: Zu Beginn der Durchf\u00fchrung im ersten Satz des \u201eHoffmeister\u201c-Quartetts KV 499 sind Sie frei zu entscheiden, welche Dynamik Sie w\u00e4hlen. Entweder Sie vertrauen darauf, dass Mozart, weil er <span style=\"text-decoration: underline\">keine<\/span> Dynamik vorschreibt, eine Fortsetzung des Pianissimo meint (das ist meine pers\u00f6nliche Ansicht). Oder Sie probieren eine eigene, Ihnen geeignete Dynamik aus, denn das in allen Ausgaben zu findende, nicht authentische \u201eforte\u201c, wie auch das bald darauf eintretende \u201epiano\u201c sind nur eine von vielen M\u00f6glichkeiten. (Oft genug wird \u00fcbrigens bei \u201eforte\u201c-Spiel in Takt 101 die wichtigste Stimme dieser Stelle, n\u00e4mlich das Cello, komplett \u00fcberdeckt &#8211; man h\u00f6re nur oben angegebene Aufnahme.) Die erste tats\u00e4chlich von Mozart stammende Dynamik findet sich dann erst wieder in Takt 126 (\u201ecrescendo\u201c). Noch ein Argument f\u00fcr Fortsetzung des \u201epianissimo\u201c zu Durchf\u00fchrungsbeginn, abgesehen von dessen wunderbarer klanglicher Wirkung: Zu Beginn der Coda (T. 243 ff.) liegt dieselbe musikalische Situation vor, wie zu Beginn der Durchf\u00fchrung. Und wieder schreibt Mozart (und so auch die Erstausgabe) vor dem Wiederholungszeichen \u201epp\u201c, danach keinerlei Dynamik. Daran hat auch nicht das fr\u00fche 19. Jahrhundert gedeutelt, weshalb auch die Neue Mozartausgabe (= B\u00e4renreiter-Urtext) an dieser Stelle richtig ist, weshalb wiederum alle Quartette hier zu Recht den Satz in wundervollem Pianissimo beenden:<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-4468-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/audio\/K499I_02.mp3?_=2\" \/><a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/audio\/K499I_02.mp3\">https:\/\/www.henle.de\/media\/audio\/K499I_02.mp3<\/a><\/audio>\n<p>W.A. 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