{"id":4517,"date":"2015-04-27T08:00:24","date_gmt":"2015-04-27T06:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4517"},"modified":"2015-05-26T12:36:19","modified_gmt":"2015-05-26T10:36:19","slug":"von-der-schwierigkeit-verzierungen-zu-notieren-ratsel-um-eine-trillernebennote-in-chopins-berceuse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/04\/27\/von-der-schwierigkeit-verzierungen-zu-notieren-ratsel-um-eine-trillernebennote-in-chopins-berceuse\/","title":{"rendered":"Von der Schwierigkeit Verzierungen zu notieren &#8211; R\u00e4tsel um eine Trillernebennote in Chopins Berceuse"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4537\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach-ornamentguide.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4537\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4537\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach-ornamentguide.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"125\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach-ornamentguide.jpg 1022w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach-ornamentguide-300x181.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4537\" class=\"wp-caption-text\">J.S. Bach, Verzierungstabelle (s.u.)<\/p><\/div>\n<p>Das Thema \u201eVerzierungen\u201c in der Musik ist wahrlich uferlos. Wir haben es mit einem Ph\u00e4nomen zu tun, das sich an der Grenze zwischen Notation und Auff\u00fchrung abspielt. Verzierungen sind im wahrsten Sinn des Wortes eine \u201eZierde\u201c, die der Ausf\u00fchrende dem aufgeschriebenen oder gedruckten Notentext beigibt. Verzierungen oder Ornamente wurden in der \u00e4lteren Musik daher meist erst gar nicht notiert. Die Auff\u00fchrungstradition lehrte den Interpreten, an welchen Stellen er welche Auszierungen anbringen konnte. Eindrucksvoll zeigt etwa die Fl\u00f6tistin <a href=\"http:\/\/www.rachelbrownflute.com\/\" target=\"_blank\">Rachel Brown<\/a> in unserer Ausgabe der 12 Fantasien von Georg Philipp Telemann (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/media\/review\/0556.pdf\" target=\"_blank\">HN 556<\/a>), was man mit dem Notentext machen kann, ja muss, um ihn stilgerecht aufzuf\u00fchren. Verzierung hat also im Kern immer mit Improvisation zu tun.<!--more--><\/p>\n<p>Doch bereits in der alten Musik begann man damit, Ornamentik nicht allein dem Interpreten zu \u00fcberlassen. Schon fr\u00fch entwickelte sich ein Repertoire von Symbolen, die dem eigentlichen Notentext hinzugegeben wurden. Entscheidend war dann nat\u00fcrlich zu wissen, welches Symbol f\u00fcr welche Verzierung stand. Johann Sebastian Bach zum Beispiel trug aus diesem Grund in das \u201eClavierb\u00fcchlein\u201c f\u00fcr seinen Sohn Wilhelm Friedemann eine Tabelle ein, die genau angibt, was der Spieler bei welchem Zeichen zu tun hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_4518\" style=\"width: 591px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach_Verzierungstabelle_HN_589.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4518\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4518\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach_Verzierungstabelle_HN_589.jpg\" alt=\"\" width=\"581\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach_Verzierungstabelle_HN_589.jpg 4632w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach_Verzierungstabelle_HN_589-300x93.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/Bach_Verzierungstabelle_HN_589-1024x317.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 581px) 100vw, 581px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4518\" class=\"wp-caption-text\">Johann Sebastian Bach, Verzierungstabelle aus dem &quot;Clavierb\u00fcchlein&quot;<\/p><\/div>\n<p>Verzierungssymbole und Erkl\u00e4rungen dieser Symbole gibt es aus den letzten vier Jahrhunderten zu Hauf. Fast wirkt es so, als habe man immer st\u00e4rker versucht, die Ornamentik dem Bereich der Improvisation zu entziehen und sie genau auszubuchstabieren. Es half nichts. Welcher Musiker kennt nicht Diskussionen um die Fragen \u201eVorschlag auf oder vor die Z\u00e4hlzeit\u201c, \u201eTriller von Hauptnote oder von Nebennote\u201c, usw.<\/p>\n<p>Immer detaillierter wurde in der Musikgeschichte die Notation von Vorzeichen zu Ornamenten. Denn, je nach Kontext, kann etwa f\u00fcr Trillernebennoten oder Nachschlagsnoten nicht auf den Tonvorrat der jeweiligen Grundtonart zur\u00fcckgegriffen werden. Um sicherzustellen, dass f\u00fcr die nicht ausnotierten T\u00f6ne des Ornaments auch die korrekten Vorzeichen zur Anwendung kommen, werden zum Verzierungszeichen die jeweiligen Akzidenzien gesetzt. In Chopins Berceuse taucht in T. 43 in der rechten Hand ein Triller \u00fcber <em>heses<\/em><sup>1<\/sup> auf, dem Chopin in allen ma\u00dfgeblichen Quellen ein \u266d beigibt.<\/p>\n<div id=\"attachment_4523\" style=\"width: 144px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/01.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4523\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4523\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/01.jpg\" alt=\"\" width=\"134\" height=\"85\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4523\" class=\"wp-caption-text\">Chopin, Berceuse, T. 43<\/p><\/div>\n<p>Klarer Fall, denkt man, und trillert mit Hauptnote <em>heses<\/em><sup>1<\/sup> und der Nebennote <em>ces<\/em><sup>2<\/sup>. W\u00e4re da nicht das Sch\u00fclerexemplar von Camille O\u2019Meara-Dubois. Folgende Eintragung ist dort auf <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b52500434w\/f6.image.r=op%2057%20chopin.langDE\" target=\"_blank\">S. 4<\/a>, Ende des f\u00fcnften Taktes, zu finden. Erst bei im Zuge der Vorbereitung einer revidierten Ausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Berceuse+Des-dur+op.+57_1258\" target=\"_blank\">HN 1258<\/a>) fiel mir auf, dass hier wom\u00f6glich ein Problem verborgen liegt. Warum hielt Chopin es f\u00fcr n\u00f6tig, an dieser Stelle eine Eintragung in das Unterrichtsexemplar seiner Sch\u00fclerin zu machen? Und viel wichtiger, was bedeutet sie?<\/p>\n<p>Ich lese:\u00a0 <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/02.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4524\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/02.jpg\" alt=\"\" width=\"115\" height=\"80\" \/><\/a><\/p>\n<p>Chopin geht es offenbar um die Nebennote. Der zus\u00e4tzliche Notenkopf auf der mittleren Notenlinie ist deutlich zu erkennen; vom Notenkopf zieht sich eine Linie zum Vorzeichen \u266d \u00fcber dem Triller, das noch einmal mit Bleistift durch ein \u266d \u00fcberschrieben ist. Will Chopin hier nicht unmissverst\u00e4ndlich klar machen, dass die Nebennote <em>b<\/em><sup>1<\/sup> lauten soll? Das gedruckte \u266d \u00fcber dem Triller w\u00e4re somit als Aufhebung des Doppel \u266d vor der Hauptnote zu verstehen. Es bezieht sich also auf die Tonh\u00f6he <em>h<\/em><sup>1<\/sup> und nicht etwa <em>c<\/em><sup>2<\/sup> \u2013 und das scheint Chopin mit dieser Eintragung verdeutlichen zu wollen. Der Triller w\u00fcrde demnach\u00a0 <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/03.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4526\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/03.jpg\" alt=\"\" width=\"146\" height=\"48\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/03.jpg 337w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/03-300x99.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 146px) 100vw, 146px\" \/><\/a> lauten, bzw, \u201ekorrekt\u201c notiert\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/04.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4527\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/04.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"48\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/04.jpg 312w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/04-300x107.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 135px) 100vw, 135px\" \/><\/a>. W\u00e4re Chopin also exakt gewesen, h\u00e4tte er\u00a0 <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/05.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4528\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/05.jpg\" alt=\"\" width=\"90\" height=\"58\" \/><\/a>notieren m\u00fcssen. Denkbar sind jedenfalls beide Varianten \u2013 Nebennote <em>ces<\/em><sup>2<\/sup> und Nebennote <em>ceses<\/em><sup>2<\/sup>. Unsere revidierte Ausgabe wird daher \u00fcber eine Fu\u00dfnote zum Notentext \u00fcber dieses Problem informieren.<\/p>\n<p>Die um Genauigkeit bem\u00fchte Ornamentnotation Chopins scheitert hier an seiner von Chromatik durchzogenen Harmonik. Einen \u00e4hnlichen Fall findet man in Chopins <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klavierkonzert+Nr.+2+f-moll+op.+21_420\" target=\"_blank\">Klavierkonzert Nr. 2<\/a> f-moll, 3. Satz, T. 260.<\/p>\n<div id=\"attachment_4519\" style=\"width: 602px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/HN_420_E_Chopin.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4519\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4519\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/HN_420_E_Chopin.jpg\" alt=\"\" width=\"592\" height=\"161\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/HN_420_E_Chopin.jpg 4648w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/HN_420_E_Chopin-300x81.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/HN_420_E_Chopin-1024x278.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4519\" class=\"wp-caption-text\">F. Chopin, Klavierkonzert Nr. 2, Finale, T. 257-260<\/p><\/div>\n<p>An dieser Stelle schweigen sich die Quellen zur Nebennote des Trillers \u00fcber <em>eses<\/em><sup>3<\/sup> aus. Wollte man beckmesserisch sein, m\u00fcsste man <em>f<\/em><sup>3<\/sup> lesen \u2013 eine absurde Vorstellung, denn eine kleine Terz (sozusagen <em>d<\/em><sup>3<\/sup>\/<em>f<\/em><sup>3<\/sup>) kommt als Triller-Intervall nicht in Frage. Ziemlich wahrscheinlich ist hingegen, dass die Nebennote von T. 257 an gleichbleibend <em>es<\/em><sup>3<\/sup> lauten<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/06.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4529 alignright\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/04\/06.jpg\" alt=\"\" width=\"119\" height=\"98\" \/><\/a> soll. Es w\u00e4re in T. 260 \u00fcber der Trillerschlange ein Doppel \u266d zu erg\u00e4nzen, damit die Nebennote hier <em>feses<\/em><sup>3<\/sup> (= klingend <em>es<\/em><sup>3<\/sup>) lautet. Im n\u00e4chsten Nachdruck unserer HN 420 werden wir diese kleine Erg\u00e4nzung vornehmen.<\/p>\n<p>Ornamentik wird in unseren stark regulierten Notentexten immer eine letzte Bastion der Improvisation bleiben. Selbst wenn Komponisten sich um eine genaue Ausformulierung von Verzierungen bem\u00fchten \u2013 oft bleibt ein kleiner Rest an Unsch\u00e4rfe, der dem Interpreten \u00fcber das Notat hinaus einen kleinen Spielraum an Freiheit einr\u00e4umt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema \u201eVerzierungen\u201c in der Musik ist wahrlich uferlos. 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