{"id":4736,"date":"2015-06-08T08:00:59","date_gmt":"2015-06-08T06:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4736"},"modified":"2015-08-11T11:47:42","modified_gmt":"2015-08-11T09:47:42","slug":"klappt%e2%80%99s-oder-klappt%e2%80%99s-nicht-uber-wendestellen-in-der-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/06\/08\/klappt%e2%80%99s-oder-klappt%e2%80%99s-nicht-uber-wendestellen-in-der-musik\/","title":{"rendered":"Klappt\u2019s oder klappt\u2019s nicht? \u00dcber Wendestellen in der Musik"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/Bindung_5a.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-4738\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/Bindung_5a.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/Bindung_5a.jpg 564w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/Bindung_5a-199x300.jpg 199w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Haben Sie sich auch schon manchmal im Konzert gewundert, mit was f\u00fcr merkw\u00fcrdigen Notengebilden die Musiker die B\u00fchne betreten? So mancher Pianist stellt gro\u00dfe Pappen aufs Pult, auf denen vollst\u00e4ndige S\u00e4tze einer Bach\u2019schen Suite in verkleinerten Kopien zusammengeklebt sind. Auch bei Quartettabenden h\u00e4ngen gerne rechts und links vom Notenst\u00e4nder angeklebte Kopien herunter \u2013 ganz zu schweigen von Lieder-Recitals, bei denen sich auf dem Fl\u00fcgel ganze Berge von selbst angefertigten Faltbl\u00e4ttern sammeln. Der Grund daf\u00fcr liegt nat\u00fcrlich auf der Hand: Man kann oder will nicht dort bl\u00e4ttern, wo die Notenseite endet. Aber als Lektorin f\u00fcr praktische Urtext-Ausgaben frage ich mich dann schon: Geht das nicht auch anders?<!--more--><\/p>\n<p>Die Fortschrittlichen sagen jetzt vielleicht: Ja, elektronisch \u2013 und wirklich wird ja seit Jahren an elektronischen Noten mit entsprechender Bl\u00e4ttersoftware gearbeitet, bei der man die Seiten (zum Beispiel mit einem Fu\u00dfpedal) \u201ewendet\u201c. Aber wirklich b\u00fchnenreif ist diese Technik noch nicht. Solange also Musiker noch mit Papier statt Tablet auftreten, ist uns die L\u00f6sung dieses Problems eine besondere Verpflichtung.<\/p>\n<p>Und das ist der Grund, warum die Arbeit an einer praktischen Urtext-Ausgabe mit der Konstitution des wissenschaftlich fundierten Notentextes keineswegs abgeschlossen ist. Vielmehr sind die optimale Verteilung dieses Notentextes auf der Doppelseite, die Suche nach geeigneten Wendestellen f\u00fcr den Musiker und \u2013 falls solche fehlen \u2013 das Ausknobeln besonderer L\u00f6sungen ganz wesentliche und mitunter auch zeitintensive Aufgaben im Herstellungsprozess.<\/p>\n<p>Schon die Entscheidung, ob der Kopfsatz einer Sonate auf einer rechten oder linken Seite beginnt, hat ja Auswirkungen bis ins Finale. Freilich ist das Risiko heute durch den modernen Computersatz etwas minimiert: W\u00e4hrend beim Notenstich die einmal gestochene Seite nur noch mit gro\u00dfem Aufwand zu ver\u00e4ndern war, kann man heute am Bildschirm verschiedene M\u00f6glichkeiten durchspielen. Im Idealfall endet mit einer rechten Seite nat\u00fcrlich auch der Satz oder die Geige hat in einer Duosonate mehrere Takte Pause, w\u00e4hrend das Klavier spielt. Geht dies nicht auf, so kann man sich mitunter durch Einf\u00fcgen einer Leerseite behelfen, um die Bl\u00e4tterstelle nach vorne zu verschieben oder den nachfolgenden Satz besser aufzuteilen \u2013 worauf wir mit dem Hinweis \u201eDiese Seite bleibt unbedruckt, um gutes Bl\u00e4ttern zu erm\u00f6glichen\u201c aufmerksam machen.<\/p>\n<div id=\"attachment_4745\" style=\"width: 608px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-676.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4745\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4745\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-676.jpg\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"391\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4745\" class=\"wp-caption-text\">aus: J.S. Bach, Drei Gambensonaten BWV 1027-1029 (HN 676)<\/p><\/div>\n<p>Aber was macht man, wenn das Soloinstrument einfach keine Pause hat, die zum Wenden reicht? Dann hilft meist nur eins: die Klapptafel, mit der man die Doppelseite um eine Seite erweitert und die nach Bedarf ein- und ausgeklappt werden kann. So fand sich auch in unserer Neuausgabe der <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violinsonate+Nr.+1+d-moll+op.+75_572\" target=\"_blank\">1. Violinsonate von Saint-Sa\u00ebns<\/a> eine \u00fcberzeugende L\u00f6sung f\u00fcr das abschlie\u00dfende Allegro molto. Die Erstausgabe hatte dem Geiger in diesem von Sechzehntelskalen durchzogenen Satz gnadenlos abverlangt, w\u00e4hrend ein oder zwei Viertelpausen (bei einem Tempo von Viertel = 168 kaum ein Wimpernschlag!) zu wenden. In unserer Neuausgabe wird der spielerische Elan dank einer Klapptafel durch nichts mehr gebremst.<\/p>\n<div id=\"attachment_4750\" style=\"width: 633px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-572a.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4750\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4750\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-572a.jpg\" alt=\"\" width=\"623\" height=\"261\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-572a.jpg 2939w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-572a-300x125.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/HN-572a-1024x429.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4750\" class=\"wp-caption-text\">aus: Saint-Sa\u00ebns, Sonate Nr. 1 d-moll op. 75 (HN 572)<\/p><\/div>\n<p>Auch <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Streichquartett+G-dur+op.+post.+161+D+887_850\" target=\"_blank\">Schuberts gro\u00dfem G-dur-Quartett<\/a> ist nur mit einer Klapptafel beizukommen, wobei hier durchaus Pausen vorkommen \u2013 diese aber an dynamisch so delikaten Stellen auftreten, dass ein Bl\u00e4ttern ebenfalls nicht wirklich passt. Und bei den Solosuiten oder -sonaten eines <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Sechs+Suiten+BWV+1007-1012+f%C3%BCr+Violoncello+solo+_666\" target=\"_blank\">Johann Sebastian Bach<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Drei+Suiten+op.+131c+f%C3%BCr+Violoncello+solo+_478\" target=\"_blank\">Max Reger<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Sechs+Sonaten+op.+27+f%C3%BCr+Violine+solo+_776\" target=\"_blank\">Eugen Ysa\u00ffe<\/a> sind Klapptafeln geradezu unerl\u00e4sslich, damit man diese hochkomplexe Musik auch im Konzert nach unseren Ausgaben spielen kann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_1014_Dreiseiter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4763\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_1014_Dreiseiter.jpg\" alt=\"\" width=\"1800\" height=\"1093\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_1014_Dreiseiter.jpg 1800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_1014_Dreiseiter-300x182.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_1014_Dreiseiter-1024x621.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1800px) 100vw, 1800px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In solchen F\u00e4llen ist dann neben dem Notensetzer allerdings auch die Herstellung gefordert, denn die Einrichtung einer Ausgabe mit mehreren Klapptafeln auf einem 16 Seiten umfassenden Druckbogen gleicht schon fast einem Puzzlespiel. Bindung und Beschnitt bedeuten ebenfalls eine Herausforderung, denn die angeh\u00e4ngte Seite muss ja schnell, leicht und lautlos aus- und einzuklappen sein \u2013 wof\u00fcr es nicht nur das richtige Papier, sondern auch eine millimetergenaue Falzung braucht.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_0999_ysaye-falz.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4759\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_0999_ysaye-falz.jpg\" alt=\"ysaye falz\" width=\"1200\" height=\"776\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_0999_ysaye-falz.jpg 1200w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_0999_ysaye-falz-300x194.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/IMG_0999_ysaye-falz-1024x662.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Diese durchaus aufw\u00e4ndige Herstellung ist auch einer der Gr\u00fcnde, weswegen die Klapptafel immer nur Ausnahme und nicht Regel sein kann. Ein anderer ist der schlichte Umstand, dass die Klapptafel das Bl\u00e4ttern insgesamt erschwert: Zum einen muss der Arm einen weiten Weg zur\u00fccklegen, zum anderen m\u00fcssen die Noten nachtr\u00e4glich justiert werden, damit sie nach dem Wenden wieder mittig auf dem Pult stehen. Die Klapptafel ist daher vorrangig zu Beginn oder am Ende eines Satzes zu finden.<\/p>\n<p>Mitunter bieten sich auch andere L\u00f6sungen zur optimalen Pr\u00e4sentation des Notentextes an, z. B. in einem \u201eLeporello\u201c. Diese gefalteten Drei- oder Vierseiter sind besonders f\u00fcr Duoformationen geeignet, bei denen beide Stimmen musikalisch eng verzahnt sind. So bieten wir in <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Fl%C3%B6tenduo+WoO+26_973\" target=\"_blank\">Beethovens Fl\u00f6tenduo WoO 26<\/a> beiden Musikern eine Partitur und k\u00f6nnen zugleich unpraktische Wendestellen im Satz vermeiden.<\/p>\n<p>Und jetzt fragen Sie sich vielleicht langsam: Wo bleiben denn die Pianisten? Schlie\u00dflich ist Henle doch in erster Linie ein Klavierverlag! Die Antwort sitzt auf dem Podium: Pianisten sind es gewohnt, im Konzert<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=If6SJWoAQKE\" target=\"_blank\"> jemanden zum Umbl\u00e4ttern<\/a> an ihrer Seite zu haben. Gleichwohl bem\u00fchen wir uns auch hier um m\u00f6glichst gute Wendestellen \u2013 und \u00e4ndern daf\u00fcr mitunter auch ein jahrelang eingef\u00fchrtes Layout wie letzthin bei unserer Revision der <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violoncellosonate+e-moll+op.+38_1134\" target=\"_blank\">Brahms\u2019schen Cellosonate in e-moll<\/a>.<\/p>\n<p>Das Allegretto quasi Menuetto nahm hier urspr\u00fcnglich zweieinhalb Seiten ein und hatte in T. 15 und 76 auch durchaus passable Wendestellen. Aber: nach Beendigung des Trio-Teils musste man erst zwei Seiten zur\u00fcckbl\u00e4ttern zum Beginn des Dacapo und dann nach nur 15 Takten erneut wenden \u2013 was gerade im Konzert, wenn der Umbl\u00e4tterer daf\u00fcr aufsteht, f\u00fcr Unruhe sorgt. Um dies zu vermeiden, haben wir diesen Satz in unsere gerade frisch nach dem Notentext der Johannes Brahms-Gesamtausgabe revidierten Ausgabe nun auf zwei Doppelseiten verteilt und hoffen, dass sich Pianisten, Umbl\u00e4tterer und Zuh\u00f6rer daran erfreuen!<\/p>\n<p>Auf diese Schwachstelle wurden wir \u00fcbrigens durch einen Musiker aufmerksam gemacht. Haben Sie auch Verbesserungsw\u00fcnsche an unsere Ausgaben? Dann melden Sie sich \u2013 wir tun alles, damit auch in Zukunft mit unseren Noten alles klappt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie sich auch schon manchmal im Konzert gewundert, mit &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/06\/08\/klappt%e2%80%99s-oder-klappt%e2%80%99s-nicht-uber-wendestellen-in-der-musik\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4738,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[310,293,347,33,312],"tags":[512,514,513],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4736"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4736"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4736\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11634,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4736\/revisions\/11634"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4738"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4736"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4736"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4736"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}