{"id":4769,"date":"2015-06-22T08:00:10","date_gmt":"2015-06-22T06:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4769"},"modified":"2015-08-11T08:21:06","modified_gmt":"2015-08-11T06:21:06","slug":"tristan-und-kobolde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/06\/22\/tristan-und-kobolde\/","title":{"rendered":"Tristan und Kobolde \u2013 interessante Funde in Griegs \u201eLyrischen St\u00fccken\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-4782\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/grieg.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"214\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/grieg.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/grieg-269x300.jpg 269w\" sizes=\"(max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/>Zu den beliebtesten und erfolgreichsten Kompositionen Edvard Griegs geh\u00f6ren zweifellos seine <em>Lyrischen St\u00fccke<\/em> f\u00fcr Klavier, die er zwischen 1867 und 1901 in zehn Einzelheften ver\u00f6ffentlichte und schlie\u00dflich 1902 in einem Gesamtband zusammenfasste. Doch obwohl die Ausgaben schon zu seinen Lebzeiten zehntausendfach nachgedruckt wurden, sind manche Fehler und Merkw\u00fcrdigkeiten bis heute unver\u00e4ndert stehen geblieben\u2026<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Nun ist es endlich soweit: nach intensiver Quellen\u00adrecherche und editorischer Arbeit erscheint im Herbst bei Henle der Gesamtband mit s\u00e4mtlichen <em>Lyrischen St\u00fccken<\/em> (<a title=\"HN 1136\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=S%C3%A4mtliche+Lyrische+St%C3%BCcke_1136\" target=\"_blank\">HN 1136<\/a>). Die Herausgeber Einar Steen-N\u00f8kleberg und Ernst-G\u00fcnter Heinemann konnten daf\u00fcr erstmals etliche Autographe und Skizzen auswerten, die der Grieg-Gesamtausgabe in den 1970er-Jahren noch nicht zug\u00e4nglich waren. Die zahlreichen Kunden- und H\u00e4ndleranfragen, die bei uns eingehen, zeigen uns, dass die Henle-Neuausgabe mit gro\u00dfer Spannung erwartet wird. Und in der Tat hat sich die M\u00fche gelohnt, denn obwohl Grieg die Erstdrucke seiner Werke gr\u00fcndlich Korrektur las und sein Leipziger Verlag C. F. Peters sie mit gro\u00dfer Sorgfalt stechen lie\u00df, schlich sich doch der ein oder andere Druckfehler in die <em>Lyrischen St\u00fccke<\/em>.<\/p>\n<p>So etwa im dritten St\u00fcck in Heft X op. 71 \u2013 wahrscheinlich spielte dem Komponisten derselbe Kobold einen Streich, der als Namensgeber f\u00fcr dieses St\u00fcck diente. In Takt 16 lautet in beiden H\u00e4nden die jeweils letzte Note im Druck <em>ces<\/em>, entsprechend der Tonartvorzeichnung:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4773\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegKobold01.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegKobold01.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegKobold01-300x105.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\"><em>\u201eKobold\u201c, op. 71 Nr. 3, Takt 15\u201318<\/em><\/span><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird aber jeder Pianist stutzen, wenn zwei Takte sp\u00e4ter ausdr\u00fcckliche Warnvorzeichen vor <em>ces<\/em> stehen \u2013 war dann in T. 16 doch <em>c<\/em> gemeint? Am Ende des St\u00fccks erscheint die Passage nochmals, diesmal eine Quarte h\u00f6her, und best\u00e4tigt diese Vermutung:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4776\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegKobold02.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"260\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegKobold02.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegKobold02-300x104.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\"><em>\u201eKobold\u201c, op. 71 Nr. 3, Takt 74\u201377<\/em><\/span><\/p>\n<p>Endg\u00fcltige Gewissheit gibt schlie\u00dflich das Autograph, in dem Grieg die Aufl\u00f6sungs\u00adzeichen in T. 16 tats\u00e4chlich korrekt notiert hat (zu sehen in der <a title=\"Autograph &quot;Kobold&quot;\" href=\"http:\/\/www.bergen.folkebibl.no\/arkiv\/grieg\/notemanuskript\/stor_71_v1.jpg.4\" target=\"_blank\">digitalen Grieg-Sammlung der Bibliothek Bergen<\/a>). Erst im weiteren Verlauf der Drucklegung haben sich dann die Vorzeichen sozusagen \u201egetrollt\u201c\u2026 In unserer Edition wird dieses Versehen nat\u00fcrlich korrigiert und erspart dem Musiker einiges an Verwunderung, Hin- und Herbl\u00e4ttern und Verbessern.<\/p>\n<p>Weniger klar sind dagegen die Vorzeichen an einer anderen Stelle. In \u201eEntschwundene Tage\u201c, dem ersten St\u00fcck des 6. Hefts op. 57, findet sich im lebhaften Mittelteil eine dramatische Steigerung, die in einen spannungsvollen Akkord m\u00fcndet:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4777\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegOp57_Erstausgabe.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"343\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegOp57_Erstausgabe.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegOp57_Erstausgabe-300x137.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\"><em>\u201eEntschwundene Tage\u201c, op. 57 Nr. 1, T.65\u201370<\/em><\/span><\/p>\n<p>Wie w\u00fcrden Sie den rot umrandeten Akkord in der linken Hand von T. 70 lesen? Beim Durchspielen des St\u00fccks am Klavier griff ich wie selbstverst\u00e4ndlich <em>es<\/em>\/<em>a<\/em>\/<em>c<\/em><sup>1<\/sup>\/<em>ges<\/em><sup>1<\/sup>, also einen unverd\u00e4chtigen verminderten Akkord. Doch eigentlich steht etwas anderes da, denn die Generalvorzeichnung mit 2 Kreuzen macht aus dem <em>c<\/em> ein <em>cis<\/em>\u2026 Das ergibt einen k\u00fchnen dissonanten Akkord, doch irgendwie vertraut \u2013 und tats\u00e4chlich entspricht der Klang <em>es<\/em>\/<em>a<\/em>\/<em>cis<\/em><sup>1<\/sup>\/<em>ges<\/em><sup>1<\/sup> exakt dem ber\u00fchmten Tristan-Akkord (im Original steht er eine Sekunde h\u00f6her, notiert als <em>f<\/em>\/<em>h<\/em>\/<em>dis<sup>1<\/sup><\/em>\/<em>gis<sup>1<\/sup><\/em>). Hat der norwegische Meister hier eine kleine Anspielung auf Wagner versteckt? Tristan in <a title=\"Grieg-Museum Troldhaugen\" href=\"http:\/\/griegmuseum.no\/en\/about-troldhaugen\" target=\"_blank\">Troldhaugen<\/a>, ein verlockender Gedanke \u2013 dagegen spricht aber, dass das <em>cis<\/em> schon seit T. 65 durchweg zum <em>c <\/em>aufgel\u00f6st wird und Grieg eine solch au\u00dfergew\u00f6hnliche Dissonanz sicher mit einem Kreuz klargestellt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ein Blick ins <a title=\"Autograph Opus 57\" href=\"http:\/\/www.bergen.folkebibl.no\/cgi-bin\/websok-grieg?tnr=201876\" target=\"_blank\">Autograph<\/a> erm\u00f6glicht indes noch eine dritte Lesart: denn dort steht zwar auch nur ein Aufl\u00f6sungszeichen (und kein Kreuz), allerdings von Grieg ziemlich undeutlich notiert genau zwischen der 2. und der 3. Note des Akkords:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4778\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/06\/GriegOp57_Ms.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"235\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\"><em>Autograph, Bergen, Offentlige Bibliotek<\/em><\/span><\/p>\n<p>Denkbar ist also auch, dass eigentlich der Akkord <em>es<\/em>\/<em>as<\/em>\/<em>c<\/em><sup>1<\/sup>\/<em>ges<\/em><sup>1<\/sup> gemeint ist \u2013 und damit ein \u201esimpler\u201c As-dur-Dominantseptakkord, der zum folgenden Abschnitt in Des-dur auch sehr gut passen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was meinen Sie \u2013 welche der drei Varianten hatte Grieg wohl im Kopf? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den beliebtesten und erfolgreichsten Kompositionen Edvard Griegs geh\u00f6ren zweifellos &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/06\/22\/tristan-und-kobolde\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[522,301,20,523,3],"tags":[515,74,690,80],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4769"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4769"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4769\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}