{"id":4809,"date":"2015-07-06T08:00:53","date_gmt":"2015-07-06T06:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4809"},"modified":"2015-07-07T12:01:27","modified_gmt":"2015-07-07T10:01:27","slug":"%e2%80%9ebitte-nicht-so-spielen-wie-es-in-den-noten-steht%e2%80%9c-%e2%80%93-urtext-und-spielbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/07\/06\/%e2%80%9ebitte-nicht-so-spielen-wie-es-in-den-noten-steht%e2%80%9c-%e2%80%93-urtext-und-spielbarkeit\/","title":{"rendered":"\u201eBitte nicht so spielen, wie es in den Noten steht!\u201c \u2013 Urtext und Spielbarkeit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Mahler_1892.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-4826\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Mahler_1892.jpg\" alt=\"\" width=\"108\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Mahler_1892.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Mahler_1892-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Mahler_1892-779x1024.jpg 779w\" sizes=\"(max-width: 108px) 100vw, 108px\" \/><\/a>Eine Szene aus dem Musikunterricht, an die wir uns alle h\u00f6chst ungern erinnern: Eine bestimmte Stelle misslingt uns immer wieder, und der Lehrer ruft, bereits der Verzweiflung nahe: \u201eEinfach so spielen, wie es in den Noten steht!\u201c<\/p>\n<p>Klingt einfach und selbstverst\u00e4ndlich. Wenn es trotzdem nicht klappt, muss es ja wohl an den Fingern liegen, nicht an den Noten. Insbesondere wenn man aus einer Urtext-Ausgabe spielt, aus einer Edition, deren Noten ja kritisch gepr\u00fcft wurden und daher in Ordnung sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aber ist dies tats\u00e4chlich immer der Fall? Kann es nicht doch auch an den Noten liegen, wenn sich Spielprobleme ergeben?<!--more--><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dazu ein Werk vorstellen, bei dem man zumindest passagenweise das Mantra der Musiklehrer umdrehen muss: \u201eBitte <em>nicht <\/em>so spielen, wie es in den Noten steht!\u201c<\/p>\n<p>Es geht um das einzige erhaltene Kammermusikwerk Gustav Mahlers, um das Klavierquartett in a-moll, von dem nur der Kopfsatz und Skizzen zu einem weiteren Scherzo-Satz \u00fcberliefert sind. F\u00fcr die demn\u00e4chst im Henle-Verlag erscheinende Neuausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klavierquartett+a-moll_1228\" target=\"_blank\">HN 1228<\/a>) stand der Herausgeber Christoph Flamm vor besonderen Problemen. Einzige Quelle f\u00fcr die wohl um 1876 entstandene Komposition ist eine autographe Partitur, die zwar den Verlauf des ersten Satzes vollst\u00e4ndig \u00fcberliefert, im Detail aber nicht ganz ausgearbeitet und abgeschlossen ist. So fehlen an vielen Stellen dynamische Angaben und Vorzeichen, Bogensetzungen erscheinen inkonsequent oder sind sehr nachl\u00e4ssig notiert. In einem Teil der Reprise ist der Klaviersatz sogar nur skizzenhaft festgehalten (meist lediglich Grundt\u00f6ne mit Generalbassziffern) und l\u00e4sst sich nur mittels der Analogie zur Exposition erg\u00e4nzen:<\/p>\n<div id=\"attachment_4810\" style=\"width: 609px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4810\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4810\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-1.jpg\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"483\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-1.jpg 1663w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-1-300x241.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-1-1024x824.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4810\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, S. 16, T. 203 ff.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_4811\" style=\"width: 613px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4811\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4811\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-2.jpg\" alt=\"\" width=\"603\" height=\"508\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-2.jpg 2823w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-2-300x253.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-2-1024x864.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 603px) 100vw, 603px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4811\" class=\"wp-caption-text\">Edition Henle Hn 1228, T.201 ff.<\/p><\/div>\n<p>Am auffallendsten sind aber Eigenheiten im Klaviersatz, die sich wie ein roter Faden durch die Komposition ziehen und die man nicht anders als ungeschickt bezeichnen kann. So haben beide H\u00e4nde h\u00e4ufig dieselben Noten zu spielen; auch bei gebrochenen Akkorden wird kaum auf Bequemlichkeit und Spannweite der Hand oder auf m\u00f6gliche Kollisionen mit der anderen Hand geachtet. Diese Eigenheiten muten insofern erstaunlich an, als das Klavier f\u00fcr den Komponisten im Mittelpunkt seiner musikalischen Ausbildung stand, ja Mahler in seiner Jugend sogar \u00f6ffentlich als Pianist auftrat.<\/p>\n<p>Hier seien nur zwei Stellen aus dem Klavierquartettsatz vorgestellt \u2013 mit unterschiedlichen Konsequenzen f\u00fcr den pr\u00e4sentierten Urtext und seine Spielbarkeit.<\/p>\n<p>1)\u00a0 In den Takten 132\u2013134 sind die Viertelakkorde von Z\u00e4hlzeit 1 und 3 der linken Hand wie nachschlagende Achtelnoten notiert:<\/p>\n<div id=\"attachment_4814\" style=\"width: 330px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-3a1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4814\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4814 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-3a1.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-3a1.jpg 892w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-3a1-267x300.jpg 267w\" sizes=\"(max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4814\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, S. 10, T. 132<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_4813\" style=\"width: 341px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_3b.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4813\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4813 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_3b.jpg\" alt=\"\" width=\"331\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_3b.jpg 355w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_3b-300x189.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 331px) 100vw, 331px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4813\" class=\"wp-caption-text\">\u00dcbertragung<\/p><\/div>\n<p>Es scheint einleuchtend, dass diese Stelle in der Edition \u2013 Urtext hin, Urtext her \u2013 nur in bearbeiteter Form erscheinen kann; eine notengetreue \u00dcbertragung verbietet sich bereits durch die Verschiebungen, die sich nicht ad\u00e4quat in unserem Notensystem darstellen lassen. Aber gerade diese Verschiebungen kaschieren optisch massive Kollisionen beider H\u00e4nde auf den Z\u00e4hlzeiten 1 und 3. Um diese zu vermeiden, hat sich der Herausgeber entschlossen, die Akkorde der rechten Hand zu blo\u00dfem a<sup>1<\/sup> zu reduzieren, wobei der Untersatz der linken Hand nun an den \u201ekorrekten\u201c Stellen, also Z\u00e4hlzeit 1 und 3 erscheint. (Au\u00dferdem wurden in Anlehnung an die dreit\u00f6nige Struktur der linken Hand sowie aller nachfolgender Takte bei der 3. und 5. Note der rechten Hand die \u201e\u00fcberz\u00e4hligen\u201c Noten a<sup>2<\/sup> sowie g<sup>2<\/sup> gestrichen, die zwar spielbar sind, aber im Widerspruch zum generellen Erscheinungsbild des Motivs stehen.)<\/p>\n<div id=\"attachment_4815\" style=\"width: 365px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_4.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4815\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4815\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_4.jpg\" alt=\"\" width=\"355\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_4.jpg 355w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_4-300x189.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4815\" class=\"wp-caption-text\">Henle Edition HN 1228, T. 132 (hier mit roter Kennzeichnung der gestrichenen Noten)<\/p><\/div>\n<p>Mit diesen letztlich unvermeidbaren Ma\u00dfnahmen ergibt sich ein musikalisch logischer und zugleich spielbarer Text \u2013 ein Urtext im strengen Sinn des Wortes liegt aber nicht mehr vor.<\/p>\n<p>2)\u00a0 Auch bei der zweiten Stelle, den Takten 57 ff., ergeben sich Kollisionen zwischen den beiden H\u00e4nden:<\/p>\n<div id=\"attachment_4816\" style=\"width: 2991px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-5.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4816\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4816\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-5.jpg\" alt=\"\" width=\"2981\" height=\"2490\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-5.jpg 2981w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-5-300x250.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Abb.-5-1024x855.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 2981px) 100vw, 2981px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4816\" class=\"wp-caption-text\">Henle Edition HN 1228, T. 56 ff.<\/p><\/div>\n<p>Anders als beim ersten Beispiel kann hier die Stelle genauso wiedergegeben werden, wie sie Mahler notiert hat. Denn im Prinzip l\u00e4sst sich die Stelle so spielen, wie es in den Noten steht \u2013 die gehaltenen Noten der linken Hand werden lediglich gleichsam \u201eignoriert\u201c. Es kommt ja auch bei anderen Komponisten und Werken vor, dass eine von einer Hand gehaltene Note von der anderen wieder angeschlagen werden soll. Allerdings ist eine solche Spielweise hier klanglich mehr als unbefriedigend. Daher hat der Herausgeber hier auf einen Ausf\u00fchrungsvorschlag der rechten Hand zur Vermeidung von Notenverdoppelungen verwiesen, den er selbst beim Durchspiel ausprobiert hat:<\/p>\n<div id=\"attachment_4817\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_6.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4817\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4817\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_6.jpg\" alt=\"\" width=\"502\" height=\"88\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_6.jpg 1380w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_6-300x52.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/07\/Blog_Mahler_6-1024x179.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 502px) 100vw, 502px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4817\" class=\"wp-caption-text\">T. 57f., Ausf\u00fchrungsvorschlag des Herausgebers<\/p><\/div>\n<p>Versteht sich, dass solche Vorschl\u00e4ge, f\u00fcr die ja mehrere Varianten denkbar w\u00e4ren, nicht in den Haupttext einer Urtext-Ausgabe aufgenommen werden k\u00f6nnen. Entsprechend unverbindlich werden sie im Bemerkungsteil (auf den in einer Fu\u00dfnote verwiesen wird) pr\u00e4sentiert \u2013 dem Pianisten steht es nat\u00fcrlich frei, sich eine andere L\u00f6sung zu suchen. Viel wichtiger ist es (und dies gilt auch f\u00fcr einige weitere Stellen in diesem Werk), ihn darauf aufmerksam zu machen, dass bestimmte Stellen in diesem Werk nicht so gespielt werden k\u00f6nnen oder sollen, wie sie in den Noten stehen.<\/p>\n<p>Was meinen Sie dazu?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Szene aus dem Musikunterricht, an die wir uns alle &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/07\/06\/%e2%80%9ebitte-nicht-so-spielen-wie-es-in-den-noten-steht%e2%80%9c-%e2%80%93-urtext-und-spielbarkeit\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":4826,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[517,516,3,33,102],"tags":[519,518,692],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4809"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4809"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4809\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4826"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}