{"id":4881,"date":"2015-08-31T08:00:53","date_gmt":"2015-08-31T06:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4881"},"modified":"2015-08-25T15:16:47","modified_gmt":"2015-08-25T13:16:47","slug":"ab-welchem-tempo-%e2%80%9estirbt%e2%80%9c-ravels-%e2%80%9epavane%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/08\/31\/ab-welchem-tempo-%e2%80%9estirbt%e2%80%9c-ravels-%e2%80%9epavane%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Ab welchem Tempo \u201estirbt\u201c Ravels \u201ePavane\u201c?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4883\" style=\"width: 284px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pierre_Petit_1906.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4883\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4883\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pierre_Petit_1906.jpg\" alt=\"\" width=\"274\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pierre_Petit_1906.jpg 368w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pierre_Petit_1906-202x300.jpg 202w\" sizes=\"(max-width: 274px) 100vw, 274px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4883\" class=\"wp-caption-text\">Maurice Ravel (um 1906, Quelle: PD)<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend meiner Assistenzzeit als <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/03\/03\/die-klingenden-garten-der-henliden-%E2%80%93-eine-kleine-urtextsage\/\" target=\"_blank\">Henlidin<\/a> durfte ich im vergangenen Jahr im G. Henle Verlag die unterschiedlichsten Aufgaben \u00fcbernehmen, Neues entdecken, kreativ sein, die sch\u00f6nsten Noten lesen, Feste feiern, viel lernen und eine eigene blaue Urtext-Edition herausgeben: <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Pavane+pour+une+infante+d%C3%A9funte_1260\" target=\"_blank\">HN 1260<\/a>. Die <em>Pavane pour une infante d\u00e9funte<\/em> ist eine kleine Komposition von Maurice Ravel, die er 1899 f\u00fcr Klavier geschrieben und sp\u00e4ter f\u00fcr Orchester umgearbeitet hat. Als sch\u00f6ne Erg\u00e4nzung unseres <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/index.html?Komponisten=P-R&amp;Komponist=Ravel%2C+Maurice\" target=\"_blank\">Ravel-Repertoires<\/a> und mit einer vermeintlich \u201eeinfachen\u201c Quellenlage sollte dieses Projekt f\u00fcr mich auch ein guter Einstieg in die Arbeit einer Herausgeberin sein, aber mit jedem Lesen der Quellen tauchten neue Fragen auf. Eine davon besch\u00e4ftigt mich noch jetzt, nach Erscheinen der Ausgabe, denn auf sie habe ich keine endg\u00fcltige Antwort gefunden: Ab welchem Tempo \u201estirbt\u201c Ravels <em>Pavane<\/em>? <!--more--><\/p>\n<p>Schon zu Lebzeiten Ravels fand die <em>Pavane <\/em>gro\u00dfen Anklang beim Publikum und sie wurde in zahlreichen Arrangements f\u00fcr unterschiedliche Besetzungen verkauft. \u00dcber den etwas merkw\u00fcrdig anmutenden Titel der Komposition soll Ravel sp\u00e4ter gesagt haben, er habe ihn vor allem aus Freude an der Alliteration der Formulierung (<em>infante d\u00e9funte<\/em>) gew\u00e4hlt. Zugleich r\u00e4umte er aber ein, die Musik beschw\u00f6re \u201eeine Pavane, die eine kleine Prinzessin einst am spanischen Hof h\u00e4tte tanzen k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_4884\" style=\"width: 504px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Edward-Austin-Abbeyune-pavane_PD.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4884\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4884 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Edward-Austin-Abbeyune-pavane_PD.jpg\" alt=\"\" width=\"494\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Edward-Austin-Abbeyune-pavane_PD.jpg 1280w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Edward-Austin-Abbeyune-pavane_PD-300x149.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Edward-Austin-Abbeyune-pavane_PD-1024x509.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 494px) 100vw, 494px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4884\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Une Pavane&quot; von Edward Austin Abbey (Quelle: PD)<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_4885\" style=\"width: 294px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pavane_pour_une_infante_defunte_cover.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4885\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4885\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pavane_pour_une_infante_defunte_cover.png\" alt=\"\" width=\"284\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pavane_pour_une_infante_defunte_cover.png 570w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/08\/Ravel_Pavane_pour_une_infante_defunte_cover-236x300.png 236w\" sizes=\"(max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4885\" class=\"wp-caption-text\">Titelblatt der Erstausgabe von 1900<\/p><\/div>\n<p>Aber, will man die <em>Pavane<\/em> nun so spielen, dass eine kleine Prinzessin dazu tanzen kann, muss man sich mit dem Tempo befassen, denn die Werk- und Editionsgeschichte liefert zu diesem Aspekt unterschiedliche, zum Teil gegens\u00e4tzliche Angaben. In den Ausgaben der Klavierfassung bis 1913 lautet die Metronomangabe \u2669 = 80. Ab der 5. Auflage (1913) ist diese Angabe jedoch zu \u2669 = 54 ge\u00e4ndert. Vermutlich besteht ein Zusammenhang mit der Orchesterfassung, deren 2. Auflage von 1912 das Tempo ebenfalls mit \u2669 = 54 angibt. Unklar ist allerdings, ob diese \u00c4nderung auf Ravel zur\u00fcckgeht, da er weder die Metronomangabe in seinem Handexemplar der Klavier-Erstausgabe von 1900 korrigierte noch im Autograph der Orchesterfassung irgendeine Tempoangabe notierte und es keinen Nachweis einer Mitwirkung des Komponisten an den sp\u00e4teren Auflagen der Klavierfassung gibt.<\/p>\n<p>Charles Oulmont, der das Werk bei einer Soir\u00e9e auff\u00fchrte, berichtet in seinen Erinnerungen, Ravel habe sein offenbar zu langsames Tempo mit den sarkastischen Worten kommentiert: \u201eH\u00f6ren Sie mein Junge, denken Sie beim n\u00e4chsten Mal daran, dass ich eine ,Pavane f\u00fcr eine verstorbene Infantin\u2018, keine ,verstorbene Pavane f\u00fcr eine Infantin\u2018 geschrieben habe\u201c. Also: Ab welchem Tempo wird aus der \u201everstorbenen Infantin\u201c eine \u201everstorbene Pavane\u201c? Die Tempospanne 54\u201380 bpm deckt einen gro\u00dfen Spielraum ab: Ist \u2669 = 54 nicht schon jenseits der Grenze des zu langsamen Tempos und \u2669 = 80 nicht doch zu schnell f\u00fcr einen feierlichen Schreittanz?<\/p>\n<p>Ravels eigene <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tn6_yT9SKpM\" target=\"_blank\">Piano Roll-Einspielung<\/a>, die er 1922 in London vornahm, ist bez\u00fcglich der Tempowahl insofern kaum hilfreich, als sein Grundtempo nicht konstant bleibt und dieses Grundtempo zudem nicht mehr exakt rekonstruierbar ist, so dass die Ergebnisse mehr als 10 bpm auseinander liegen (von \u2669 = 58 bis 69 bei einer Spieldauer von 5&#8217;42&#8221; bis 4&#8217;52&#8221;). Ravels Einspielung kann also auch nur eine grobe Orientierung bieten.<\/p>\n<p>Es gibt zurzeit keine endg\u00fcltige L\u00f6sung zu der Frage, ab welchem Tempo die <em>Pavane<\/em> \u201estirbt\u201c. Daher habe ich die Henle-Ausgabe so angelegt, dass jeder selbst entscheiden kann, wie schnell oder langsam er\/sie spielt. Welches Tempo empfinden Sie als das richtige f\u00fcr diese Komposition?<\/p>\n<p>So eine gro\u00dfe Frage f\u00fcr meine erste Notenausgabe! Die Besch\u00e4ftigung mit dieser und so vielen anderen Fragen und Projekten im letzten Jahr hat sich gelohnt, denn es ist ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl, wenn man eine fertige Ausgabe in H\u00e4nden h\u00e4lt, deren Notentext man selbst herausgegeben hat. Danke, liebe Henliden, f\u00fcr dieses sch\u00f6ne Gef\u00fchl und das sch\u00f6ne Jahr mit euch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel stammt von Alexandra Marx.<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>P.S. Damit man die Beitr\u00e4ge unseres Blogs noch besser finden kann, gibt es nun ein Register am linken Bildschirmrand.<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meiner Assistenzzeit als Henlidin durfte ich im vergangenen Jahr &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/08\/31\/ab-welchem-tempo-%e2%80%9estirbt%e2%80%9c-ravels-%e2%80%9epavane%e2%80%9c\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":4883,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[88,301,3,526,308,525,82],"tags":[524,37,716],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4881"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4881"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4881\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11253,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4881\/revisions\/11253"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4883"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}