{"id":4907,"date":"2015-09-14T08:00:34","date_gmt":"2015-09-14T06:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4907"},"modified":"2015-09-14T09:08:55","modified_gmt":"2015-09-14T07:08:55","slug":"urtext-und-ur-kontext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/09\/14\/urtext-und-ur-kontext\/","title":{"rendered":"Urtext und Ur-Kontext"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2015\/09\/Leinenband_Details_3_low.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3056\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2015\/09\/Leinenband_Details_3_low-300x168.jpg\" alt=\"leinen cover Urtext\" width=\"300\" height=\"168\" \/><\/a>Das Urtext-Prinzip ist in unserem Blog ja bereits hinl\u00e4nglich diskutiert worden und kann so als bekannt vorausgesetzt werden \u2013 aber kennen Sie den Ur-Kontext? Dieser spielt n\u00e4mlich bei Henle ebenfalls eine gro\u00dfe Rolle (auch wenn wir ihn nicht auf\u2019s Cover schreiben&#8230;).<!--more--><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>Bei der Konzeption einer Urtext-Ausgabe ziehen wir nicht nur das einzelne Werk in Betracht, sondern auch seinen (urspr\u00fcnglichen) Kontext. Wir legen in unseren Ausgaben n\u00e4mlich nicht nur m\u00f6glichst s\u00e4mtliche Werke eines Komponisten f\u00fcr eine bestimmte Besetzung in einem Band vor (so dass es bei uns dann gleich alle Klaviertrios von Mendelssohn oder Violinsonaten von Beethoven gibt), sondern ber\u00fccksichtigen gleicherma\u00dfen den Entstehungs- oder origin\u00e4ren Ver\u00f6ffentlichungskontext: Die bekannte Faur\u00e9sche <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Fantaisie+op.+79+und+Morceau+de+lecture+f%C3%BCr+Fl%C3%B6te+und+Klavier_580\" target=\"_blank\"><em>Fantaisie<\/em> f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier<\/a> zum Beispiel erscheint bei Henle zusammen mit dem vergleichsweise unbekannten <em>Morceau de lecture<\/em> f\u00fcr dieselbe Besetzung, das im Sommer 1898 gemeinsam mit der <em>Fantaisie <\/em>f\u00fcr den allj\u00e4hrlichen <em>Concours de fl\u00fbte<\/em> am Pariser Conservatoire entstand. (Womit \u00fcbrigens zugleich s\u00e4mtliche Werke von Gabriel Faur\u00e9 f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier vorgelegt sind \u2013 und nebenbei deutlich wird, dass es sich bei diesem Ausschnitt aus seinem \u0152uvre um reine Auftragskompositionen aus seiner Zeit am Conservatoire handelt.)<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel sind unsere Lied-Ausgaben Robert Schumanns, bei denen wir die Lieder in den von Schumann zusammengestellten Opera und originalen Tonarten ver\u00f6ffentlichen. Sie meinen, das ist doch logisch? Das mag vielleicht f\u00fcr die \u201egro\u00dfen\u201c Zyklen wie die<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Dichterliebe+op.+48_549\" target=\"_blank\"> <em>Dichterliebe<\/em> op. 48<\/a> oder den <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Liederkreis+op.+39%2C+Fassungen+1842+und+1850_550\" target=\"_blank\">Eichendorff-Liederkreis op. 39<\/a> gelten, aber suchen Sie mal eine aktuelle Ausgabe der <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Zw%C3%B6lf+Gedichte+op.+35%2C+Liederreihe+nach+Kerner_552\" target=\"_blank\"><em>Zw\u00f6lf Gedichte von Justinus Kerner<\/em> op. 35<\/a>! Diese sind n\u00e4mlich im Laufe der letzten einhundert Jahre versprengt worden in die verschiedenen B\u00e4nde gro\u00dfer Sammlungen, die Schumanns Lieder (ebenso wie die von Franz Schubert oder Hugo Wolf) f\u00fcr den praktischen Gebrauch zusammengestellt anbieten und dabei nicht nur Transpositionen vornehmen, sondern mitunter auch origin\u00e4re Werkzusammenh\u00e4nge zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der historisch informierte Leser mag nun einwenden, dass solche Aufl\u00f6sung der Zyklen doch kein Problem ist, da diese ja auch zu Schumanns Zeiten keineswegs vollst\u00e4ndig erklangen, sondern \u00f6ffentlich nur einzelne Lieder vorgetragen wurden. Zudem hat Schumann selbst gerne mal dieses oder jenes Lied aus einem Zyklus in anderem Zusammenhang abgeschrieben oder ver\u00f6ffentlicht und dabei sogar transponiert \u2013 wie zum Beispiel die \u201eFr\u00fchlingsnacht\u201c aus Opus 39 in das pianistisch einfacher zu bew\u00e4ltigende G-dur (vgl. die Wiedergabe beider Fassungen in unserer Urtext-Ausgabe HN 550).<\/p>\n<div id=\"attachment_4920\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-58_HN_550_klein.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4920\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4920     \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-58_HN_550_klein.jpg\" alt=\"&quot;Fr\u00fchlingsnacht&quot; aus Opus 39 Anfang\" width=\"600\" height=\"541\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-58_HN_550_klein.jpg 1000w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-58_HN_550_klein-300x270.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4920\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Fr\u00fchlingsnacht&quot; (Anfang), Originaltonart<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_4921\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-68_HN_550_klein.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4921\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4921   \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-68_HN_550_klein.jpg\" alt=\"&quot;Fr\u00fchlingsnacht&quot; G-dur\" width=\"600\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-68_HN_550_klein.jpg 1000w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Seite-68_HN_550_klein-300x279.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4921\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Fr\u00fchlingsnacht&quot; (Anfang), von Schumann nach G-dur transponiert<\/p><\/div>\n<p>Auch gibt es bis heute von der \u201eMondnacht\u201c aus demselben Eichendorff-Zyklus mindestens ebenso viele Einzelaufnahmen wie vollst\u00e4ndige Einspielungen von Opus 39. Und schlie\u00dflich: Ist die Gruppierung mehrerer Lieder zur Ver\u00f6ffentlichung nicht \u00fcberhaupt den Verlegern geschuldet, die keine aufwendigen Einzelausgaben, sondern ganze Hefte produzieren wollten?<\/p>\n<div id=\"attachment_4942\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Schumann-Cover.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4942\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4942 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Schumann-Cover.jpg\" alt=\"schumann opus 35 EA\" width=\"540\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Schumann-Cover.jpg 600w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Schumann-Cover-243x300.jpg 243w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4942\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe (Brahms-Institut, L\u00fcbeck)<\/p><\/div>\n<p>All dies ist durchaus richtig \u2013 geht aber am Kern der \u201eUrtext\u201c-Frage vorbei, die ja auf die sch\u00f6pferische Intention des Komponisten abzielt. Und diese betraf bei Schumanns Liederzyklen eben auch und gerade die Organisation der Texte \u2013 was bei einem literarisch so gebildeten und engagierten Komponisten auch kein gro\u00dfes Wunder ist. Aus den Textabschriften und Kompositionsautographen Schumanns geht klar hervor, dass er an der Auswahl und Anordnung der Texte f\u00fcr einen Zyklus lange feilte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Kerner.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-4913 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Kerner-211x300.jpg\" alt=\"Kerner\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Kerner-211x300.jpg 211w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Kerner.jpg 353w\" sizes=\"(max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a>So vertonte er im November\/Dezember 1840 insgesamt 14 Gedichte des von ihm gesch\u00e4tzten Justinus Kerner, die er mehrfach umsortierte und daraus zwei Lieder wieder ausschied, bevor \u201eein kleiner Cyklus Kerner\u2019scher Gedichte\u201c zur \u201eLiederreihe nach Justinus Kerner\u201c op. 35 wurde. Erst in der letzten \u00dcberarbeitung vor der Drucklegung entschied er sich noch, das erste Lied (\u201eLust der Sturmnacht\u201c) aus G-dur nach Es-dur zu transponieren \u2013 womit dieser wahrhaft st\u00fcrmische Auftakt der Liederreihe in einem dominantischen Verh\u00e4ltnis zum nachfolgenden \u201eStirb, Lieb\u2019 und Freud\u2019\u201c steht.<\/p>\n<p>Solche gezielten Bem\u00fchungen des Komponisten um die vollendete Form eines Opus sind uns Grund und Anlass genug, den Kerner-Zyklus in seiner originalen Form zu edieren \u2013 und mit unserer <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Zw%C3%B6lf+Gedichte+op.+35%2C+Liederreihe+nach+Kerner_552\" target=\"_blank\">HN 552<\/a> den Musikern erstmals eine moderne praktische Urtext-Ausgabe zu bieten, in der sie die Lieder in ihrem Ur-Kontext studieren k\u00f6nnen. Ob sie dann daraus bewusst nur einzelne f\u00fcr den Vortrag ausw\u00e4hlen oder vielleicht doch den gesamten Zyklus musizieren, sei ihnen gerne \u00fcberlassen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Urtext-Prinzip ist in unserem Blog ja bereits hinl\u00e4nglich diskutiert &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/09\/14\/urtext-und-ur-kontext\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[343,3,314,102],"tags":[30,527,70,67,706],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4907"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4907"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4907\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4907"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4907"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4907"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}