{"id":495,"date":"2012-04-02T08:00:25","date_gmt":"2012-04-02T06:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=495"},"modified":"2015-05-19T14:44:00","modified_gmt":"2015-05-19T12:44:00","slug":"von-den-anfangen-der-%e2%80%9eschopfung%e2%80%9c-joseph-haydns-skizzen-in-der-gesamtausgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/04\/02\/von-den-anfangen-der-%e2%80%9eschopfung%e2%80%9c-joseph-haydns-skizzen-in-der-gesamtausgabe\/","title":{"rendered":"Von den Anf\u00e4ngen der \u201eSch\u00f6pfung\u201c: Joseph Haydns Skizzen in der Gesamtausgabe"},"content":{"rendered":"<p>Dass es im G. Henle Verlag nicht nur die blauen Urtext-Editionen gibt, sondern auch gro\u00dfe Gesamtausgaben-B\u00e4nde mit den Werken von <a title=\"Haydn-GA\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/gesamtausgaben\/joseph-haydn-werke\/index.html\" target=\"_blank\">Haydn<\/a>, <a title=\"Beethoven-GA\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/gesamtausgaben\/beethoven-werke\/index.html\" target=\"_blank\">Beethoven <\/a>und <a title=\"Brahms-GA\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/gesamtausgaben\/johannes-brahms-werke\/index.html\" target=\"_blank\">Brahms <\/a>ist wohl hinl\u00e4nglich bekannt. Schlie\u00dflich bilden diese B\u00e4nde ja auch die verl\u00e4ssliche Grundlage unserer praktischen Ausgaben dieser Komponisten. Dass sich aber darin neben den Partituren der s\u00e4mtlichen Werke eines Komponisten auch fr\u00fchere Fassungen oder gar Skizzen finden, ist schon weniger selbstverst\u00e4ndlich \u2013 und mancher wird sich vielleicht sogar fragen: Was sind eigentlich Musik-Skizzen und wozu werden sie in einer Gesamtausgabe ver\u00f6ffentlicht?<!--more--><\/p>\n<p>Nun, ebenso wie in der Malerei so sind auch in der Musik Skizzen die erste schriftliche Fixierung einer Idee, sei es eines einzelnen Motivs oder des Verlaufs eines ganzen Satzes. Sie stehen damit im Kompositionsprozess, wie wir ihn uns bei Joseph Haydn vorzustellen haben, zwischen dem Phantasieren am Klavier auf der einen Seite und der Ausarbeitung einer Komposition auf der anderen. Der mit Haydn befreundete Maler Albert Christoph Dies hat das in seinen <em>Biographischen Nachrichten \u00fcber Joseph Haydn<\/em> (1810) wie folgt beschrieben: <em>Um acht Uhr nahm Haydn sein Fr\u00fchmahl. Gleich nachher setzte er sich an das Klavier und phantasierte so lange, bis er zu seiner Absicht dienende Gedanken fand, die er sogleich zu Papier brachte: So entstanden die ersten Skizzen von seinen Kompositionen [\u2026] Um vier Uhr ging er wieder an die musikalische Besch\u00e4ftigung. Er nahm dann die des Morgens entworfene Skizze und setzte sie in Partitur [\u2026].<\/em><\/p>\n<p>Die Skizzen liefern uns also ganz konkret erste Hinweise darauf, mit welchen Ideen sich Haydn an\u2019s Werk machte. \u00a0Aus dem Vergleich von Skizze und sp\u00e4terer Niederschrift k\u00f6nnen wir nachvollziehen, wie Haydn kompositorisch gearbeitet hat. \u00a0Das Wunder, wie ein Kunstwerk entsteht, das wir bei einem heutigen K\u00fcnstler wie Gerhard Richter in dem aktuellen Kinofilm <em><a title=\"Richter\" href=\"http:\/\/www.gerhard-richter-painting.de\" target=\"_blank\">Gerhard Richter Painting<\/a><\/em> verfolgen k\u00f6nnen, wird so auch f\u00fcr einen schon seit 200 Jahren toten Komponisten zumindest in Ausschnitten erfahrbar \u2013 <em>wenn <\/em>sich Skizzen zu seinen Werken erhalten haben.<\/p>\n<p>Dieses <em>wenn<\/em> bedeutet freilich eine sehr wesentliche Einschr\u00e4nkung, denn Skizzen haben von Natur aus schlechte Chancen, f\u00fcr die Nachwelt erhalten zu bleiben. Schlie\u00dflich war ihre Aufgabe als \u201eGed\u00e4chtnisst\u00fctze\u201c mit Vollendung eines Werkes erf\u00fcllt. Danach wurden sie meist vom Komponisten selbst vernichtet oder verschwanden auf andere Weise. Auch von Haydn sind uns \u201enur\u201c zu ca. 70 seiner Werke Skizzen bekannt. Zu vielen Sinfonien und Streichquartetten gibt es nur einzelne Seiten oder gar keine Entw\u00fcrfe mehr. Anders bei der <em>Sch\u00f6pfung<\/em>: Hier haben sich mit insgesamt 36 eng beschriebenen Seiten au\u00dfergew\u00f6hnlich viele Skizzen erhalten, die Einblick in die Werkstatt des Meisters geben.<\/p>\n<p>So kann man nur aus diesen Bl\u00e4ttern erkennen, dass die ber\u00fchmte Sopranarie \u201eAuf starkem Fittige\u201c urspr\u00fcnglich eine ganz andere Melodie hatte. Der f\u00fcnfmal notierte Beginn des Rezitativs \u201eNun ist die erste Pflicht getan\u201c l\u00e4sst deutlich werden, wie Haydn selbst bei solch scheinbar standardisierten musikalischen Floskeln sehr genau abwog, bevor er sich f\u00fcr eine Variante entschied. Die drei zur Ouvert\u00fcre <em>Die Vorstellung des Chaos<\/em> erhaltenen Partiturskizzen wiederum zeigen, wie Haydn aus einer zun\u00e4chst nur auf einer Seite umrissenen Grundidee langsam den gesamten Satz entwickelt und mit immer feineren rhythmischen und harmonischen Details ausstaffiert.<\/p>\n<p>Grund genug f\u00fcr eine historisch-kritische Gesamtausgabe, die das Oeuvre eines Komponisten ja in seiner historischen \u201eGewordenheit\u201c erfahrbar machen will, diese fr\u00fchesten Erscheinungsformen eines Werkes ebenso genau zu dokumentieren wie die vollst\u00e4ndig ausgearbeitete Komposition, die am Ende dieses Prozesses steht. Es fragt sich nur, wie diese Dokumentation aussehen sollte. Denn der Vergleich mit der Malerei hinkt in einer Hinsicht sehr: Im Gegensatz zu einer Bildskizze ist eine Kompositionsskizze f\u00fcr den unge\u00fcbten Leser praktisch nicht entzifferbar.<\/p>\n<div id=\"attachment_519\" style=\"width: 592px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Haydn_Abbildung-19-Ausschnitt.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-519\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-519\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Haydn_Abbildung-19-Ausschnitt.jpg\" alt=\"Ausschnitt Skizze\" width=\"582\" height=\"220\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-519\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt einer Skizze (Vergr\u00f6\u00dferung durch Doppelklick)<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/Haydn_Abbildung-19-Ausschnitt.jpg\"><\/a><\/p>\n<p>Haydn schrieb seine Skizzen ja nur f\u00fcr seinen eigenen Gebrauch; sie sind daher viel schwerer lesbar als seine Autographe (die ja bereits f\u00fcr einen Musiker oder Kopisten entstanden, der sie fehlerfrei lesen k\u00f6nnen sollte). Und er fixierte in diesen Skizzen auch nur das, was er unbedingt als Erinnerungsst\u00fctze f\u00fcr die Ausarbeitung brauchte. F\u00fcr ihn selbstverst\u00e4ndliche Elemente \u2013 wie z. B. Notenschl\u00fcssel, Tonartvorzeichnung oder den Text einer Arie \u2013 hielt er darin gar nicht fest. Schlie\u00dflich notierte er seine Ideen auf so einem Skizzenblatt nicht unbedingt \u201eordentlich\u201c hintereinander, sondern er benutzte das Blatt als einen nach formalen Aspekten gegliederten Schreibraum. Etwa so, wie man einen gro\u00dfen Einkaufszettel schreibt: links oben die Sachen vom B\u00e4cker, darunter die Lebensmittel vom Supermarkt, rechts au\u00dfen besondere Posten wie Blumen oder B\u00fccher\u2026 Auch wenn uns sp\u00e4ter noch Erg\u00e4nzungen dazu einfallen, ordnen wir sie in dieses Muster ein.<\/p>\n<p>Genau<strong> <\/strong>so<strong> <\/strong>geht Haydn vor, wenn er auf einer Seite zun\u00e4chst mal die Ideen f\u00fcr bestimmte Abschnitte an verschiedenen Pl\u00e4tzen notiert, dann Alternativen dazu dar\u00fcber und darunter. Dann f\u00e4llt ihm eine ganz neue L\u00f6sung ein, die aber immer noch auf dieser f\u00fcr die eine Arie gedachten Seite stehen soll. Und da kaum noch eine Zeile frei ist, beginnt er, hinter bereits notierten Abschnitten einfach neu zu schreiben, und quetscht seine Gedanken schlie\u00dflich in die letzten Freir\u00e4ume, bis das Blatt so vollgeschrieben ist, dass man kaum noch etwas entziffern kann.<\/p>\n<p>So kommt es, dass man zur Lekt\u00fcre so mancher Skizzenbl\u00e4tter einen regelrechten Fahrplan braucht, um das Notierte im richtigen Zusammenhang zu lesen. Deswegen werden Haydns Skizzen in der vom <a title=\"JHI\" href=\"http:\/\/www.haydn-institut.de\/\" target=\"_blank\">K\u00f6lner Joseph Haydn-Institut <\/a>herausgegebenen Gesamtausgabe nicht (nur) abgebildet, sondern auch in eine eindeutig lesbare Notenschrift \u00fcbertragen. Und diese \u00dcbertragung wird mit jenen zus\u00e4tzlichen Informationen ausgestattet, die f\u00fcr Haydn selbstverst\u00e4ndlich waren: Satznummern und Taktzahlen bezeichnen, worauf sich der Eintrag bezieht; zusammengeh\u00f6rige Systeme werden markiert oder die Fortsetzung eines Notats an anderer Stelle angezeigt. Schlie\u00dflich liefert ein Kommentar Hinweise darauf, in welche Reihenfolge das Blatt beschrieben wurde und wie die einzelnen Abschnitte miteinander zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<div id=\"attachment_545\" style=\"width: 597px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/q_191.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-545\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-545\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/03\/q_191.jpg\" alt=\"\" width=\"587\" height=\"231\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-545\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt einer \u00dcbertragung (Vergr\u00f6\u00dferung durch Doppelklick)<\/p><\/div>\n<p>Normalerweise werden die Skizzen in der Haydn-Gesamtausgabe schlicht am Ende des Partitur-Bandes, in einem Anhang, wiedergegeben. Bei der <em>Sch\u00f6pfung<\/em> bedeutete die gro\u00dfe Gunst der \u00dcberlieferung eine Herausforderung, dieses in seiner Vielfalt f\u00fcr Haydn einmalige Werkstattmaterial optimal aufzubereiten. Die Skizzen werden daher in einem eigenen Band (<a title=\"Skizzenband\" href=\"http:\/\/www.henle.com\/de\/detail\/index.html?Titel=Die+Sch%C3%B6pfung+Hob.+XXI%3A2_5837\" target=\"_blank\">HN 5837<\/a>) ver\u00f6ffentlicht, der im eigentlich Sinne gar kein Band ist, sondern eine Schatulle: mit einzelnen Heften f\u00fcr die farbigen Abbildungen, die \u00dcbertragungen und den Kommentar. \u00a0So kann man die heute in London, New York und Wien aufbewahrten Skizzen erstmals wieder in ihrem \u201eoriginalen\u201c Zusammenhang lesen, \u00dcbertragung und Skizze direkt miteinander vergleichen und den Kommentar dazu heranziehen. \u00a0Auf diese Weise soll dem Leser die bestm\u00f6gliche Grundlage f\u00fcr das Studium von Haydns Skizzen gegeben werden \u2013 auf dass er selbst einen kleinen Blick in die Werkstatt eines gro\u00dfen Meisters tun kann. Und wir freuen uns besonders, dass diese Anstrengungen bei der diesj\u00e4hrigen Internationalen Musikmesse in Frankfurt mit der Auszeichnung \u201e<a title=\"best-edition\" href=\"http:\/\/www.best-edition.de\/html\/2012_preistraeger_01.htm\" target=\"_blank\">Best edition<\/a>\u201c f\u00fcr den Band mit den <em>Sch\u00f6pfungs<\/em>-Skizzen belohnt wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es im G. Henle Verlag nicht nur die blauen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/04\/02\/von-den-anfangen-der-%e2%80%9eschopfung%e2%80%9c-joseph-haydns-skizzen-in-der-gesamtausgabe\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[387,386,309,3,24,408],"tags":[40,693,45,44,46,691],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=495"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/495\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}