{"id":4960,"date":"2015-09-28T06:00:36","date_gmt":"2015-09-28T04:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4960"},"modified":"2015-10-12T09:30:18","modified_gmt":"2015-10-12T07:30:18","slug":"dynamikanweisungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/09\/28\/dynamikanweisungen\/","title":{"rendered":"\u201eSmfz\u201c \u2013 Zu einigen ungew\u00f6hnlichen Dynamik&shy;anweisungen in unseren Urtext-Ausgaben"},"content":{"rendered":"<p>Die Dynamik ist gewisserma\u00dfen das Salz in der musikalischen Suppe: ohne sie w\u00fcrde auch die interessanteste Komposition fade wirken. So ist es bei der Erarbeitung eines musikalischen Urtexts oberstes Gebot, nicht nur Noten, Vorzeichen und Artikulation, sondern auch die dynamischen Anweisungen der Komponisten genau zu beachten.<!--more--><\/p>\n<p>Denn manchmal ist es allein die exakte Platzierung einer Dynamikangabe, die einen musikalischen Sinn \u00fcberhaupt erst erkennen l\u00e4sst (siehe z. B. <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/12\/08\/%E2%80%9Edas-ist-schon-alles-wunderbar%E2%80%9C-zur-neuausgabe-der-streichquartette-mozarts\/\" target=\"_blank\">diesen Blogbeitrag <\/a>von W.-D. Seiffert zu den Streichquartetten Mozarts \u2013 oder <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/03\/30\/von-hummel-zu-barenreiter-zu-einer-tierisch-falschen-dynamik-im-kopfsatz-aus-kv-499\/\" target=\"_blank\">diesen<\/a>). Auch unkonventionelle oder auf den ersten Blick widerspr\u00fcchliche Schreibweisen der Komponisten sollten daher nie stillschweigend \u201ebereinigt\u201c werden.<\/p>\n<p>So verwendet Sergej Rachmaninow in seiner <a title=\"HN 1202\" href=\"\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=%C3%89tudes-Tableaux_1202&lt;\/a&gt;\" target=\"_blank\"><em>\u00c9tude-Tableau<\/em> op. 39 Nr. 6 <\/a>eine unge&shy;w\u00f6hn&shy;liche Kombination aus <em>dim.<\/em> und Crescendo-Gabel in Takt 3:<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-4962\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Rachmaninow.jpg\" alt=\"\" width=\"724\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Rachmaninow.jpg 724w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Rachmaninow-300x88.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 724px) 100vw, 724px\" \/><\/p>\n<p>Man beachte, dass er in den ersten 4 Takten keine absoluten Dynamikst\u00e4rken vor&shy;schreibt, sondern nur relative: ein Crescendieren der chromatischen Linie, die in einem betonten (<em>sforzato<\/em>) Akkord endet. Daher vermeidet er auch in T. 3 sicher bewusst eine absolute Angabe und gibt stattdessen mit dem <em>dim<\/em>. an, dass bei der Wiederholung der Figur die Dynamik wieder zu ihrem Ausgangsniveau von T. 1 zur\u00fcckkehren soll. Das <em>dim.<\/em> ist hier also als \u201eleiser als zuvor\u201c, nicht als \u201eleiser werdend\u201c zu lesen.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Bedeutung der Angabe <em>dim.<\/em> scheint Carl Nielsen im Sinn gehabt zu haben, als er die Schlusstakte seines <a title=\"HN 586\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Canto+serioso+f%C3%BCr+Horn+und+Klavier_586\" target=\"_blank\"><em>Canto serioso<\/em><\/a> f\u00fcr Horn und Klavier notierte:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4964 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Nielsen.jpg\" alt=\"\" width=\"405\" height=\"216\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Nielsen.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Nielsen-300x160.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 405px) 100vw, 405px\" \/><\/p>\n<p>Mit der Decrescendo-Gabel und gleich dreimaligem <em>dim.<\/em> im Klavier scheint die Redundanz auf die Spitze getrieben. Die Dynamik ergibt aber wesentlich mehr Sinn, wenn man jedes <em>dim.<\/em> als jeweils stufenweises Leiserwerden versteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>Die immer st\u00e4rker ausdifferenzierte Bezeichnung der Partituren mit Vortrags&shy;anwei&shy;sungen f\u00fchrt ab dem 19. Jahrhundert einerseits zu Erweiterungen an den \u00e4u\u00dfersten R\u00e4ndern des Spektrums (Beethoven verwendet bereits <strong><em>ppp<\/em><\/strong> und <strong><em>fff<\/em><\/strong>, Tschaikowsky f\u00fchrt in seiner 5. Symphonie ein Orchestertutti bis zum <strong><em>ffff <\/em><\/strong>und fordert in der <em>Path\u00e9tique<\/em> vom Solo-Fagott sogar ein <strong><em>pppppp<\/em><\/strong>), andererseits auch zu einer Vielzahl neuer Dynamik&shy;angaben.<\/p>\n<p>Bekannt ist etwa die Vorliebe Johannes Brahms\u2019 f\u00fcr die Bezeichnung <em>poco forte<\/em>, die er auch mit <strong><em>pf<\/em><\/strong> abk\u00fcrzt. Dies ist also keinesfalls als \u201epiano \u2013 (subito) forte\u201c zu lesen, wie man f\u00e4lschlich in Analogie zu der Angabe <strong><em>fp<\/em><\/strong> schlie\u00dfen k\u00f6nnte, die \u201eforte \u2013 (subito) piano\u201c meint.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das <strong><em>pf<\/em><\/strong> aber keine Erfindung Brahms\u2019, sondern bereits seit dem 18. Jahr&shy;hundert belegt. So erkl\u00e4rt Daniel Gottlob T\u00fcrk 1789 in seiner <em>Klavierschule<\/em> das <strong><em>pf<\/em><\/strong> als \u201e1)&nbsp;<em>poco forte<\/em>, ein wenig stark, auch wohl 2)&nbsp;<em>pi\u00f9 forte<\/em>, st\u00e4rker\u201c und weist eigens darauf hin, dass \u201enicht <em>piano forte<\/em>, schwach stark\u201c gemeint sei.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/T\u00fcrk_Klavierschule1789.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4968\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/T\u00fcrk_Klavierschule1789.jpg\" alt=\"\" width=\"1768\" height=\"1379\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/T\u00fcrk_Klavierschule1789.jpg 1768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/T\u00fcrk_Klavierschule1789-300x233.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/T\u00fcrk_Klavierschule1789-1024x798.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1768px) 100vw, 1768px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In unseren j\u00fcngsten Neuerscheinungen trifft man es beispielsweise in den Klarinetten&shy;konzerten von Louis Spohr (<a title=\"HN 995\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klarinettenkonzert+Nr.+1+c-moll+op.+26_995\" target=\"_blank\">HN 995<\/a>) und Bernhard Henrik Crusell (<a title=\"HN 1209\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klarinettenkonzert+f-moll+op.+5_1209\" target=\"_blank\">HN 1209<\/a>) an:<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4969\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Crusell.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Crusell.jpg 500w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Crusell-300x202.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">B. H. Crusell, Klarinettenkonzert f-moll op. 5, 3. Satz, T. 152\u2013154<\/span><\/p>\n<p>Da die Angabe heute nicht mehr allgemein gel\u00e4ufig ist, erl\u00e4utern wir sie daher mit einer Fu\u00dfnote.<\/p>\n<p>Vielleicht war Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k von dem Brahms\u2019schen <strong><em>pf<\/em><\/strong> inspiriert, als er im 1.&#8239;Satz seiner <a title=\"HN 413\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violinsonatine+G-dur+op.+100_413\" target=\"_blank\">Sonatine f\u00fcr Violine und Klavier op. 100<\/a> eine Variante dazu einf\u00fchrte: im Autograph notiert er f\u00fcr die Violine in T. 21 ein <strong><em>pmf <\/em><\/strong> (nach vorausgegangenem <strong><em>pp<\/em><\/strong>), hingegen nur<strong><em> p<\/em><\/strong> im begleitenden Klavier:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4970\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Dvorak.jpg\" alt=\"\" width=\"567\" height=\"235\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Dvorak.jpg 567w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Dvorak-300x124.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 567px) 100vw, 567px\" \/><\/p>\n<p>Es liegt nahe, die Dynamik als <em>poco mezzoforte<\/em> zu lesen. In der Erstausgabe finden sich hier interessanterweise zwei divergierende Angaben f\u00fcr die Violine: In der Partitur steht <strong><em>mf<\/em><\/strong>, in der Einzelstimme <strong><em>p<\/em><\/strong>. Vielleicht wussten die Notenstecher nichts mit Dvo\u0159\u00e1ks ungew\u00f6hnlicher Vorschrift anzufangen\u2026?<\/p>\n<p>Eine besonders kreative Neusch\u00f6pfung gelang Alban Berg in seinem Streichquartett op.&nbsp;3 aus dem Jahre 1910 (siehe unsere <a title=\"HN 7000\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Streichquartett+op.+3_7000\" target=\"_blank\">brandneue Urtext-Ausgabe<\/a>, die ab November erh\u00e4ltlich sein wird<span style=\"text-decoration: underline\"> <\/span>). In der Violine II findet sich im 2. Satz eine Folge von raschen Tonrepetitionen, deren Anfang jeweils betont werden soll, jedoch nach und nach schw\u00e4cher. Nach <em>sforzatissimo<\/em> (<strong><em>sffz<\/em><\/strong>) und <em>sforzato<\/em> (<strong><em>sfz<\/em><\/strong>) gelangt Berg eigentlich ganz folgerichtig zu einem \u201e<em>mezzo-sforzato<\/em>\u201c, das er mit <strong><em>smfz<\/em><\/strong> abk\u00fcrzt:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Berg.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4971\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Berg.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Berg.jpg 1200w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Berg-300x56.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Berg-1024x191.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>(Zu einem \u201e<strong><em>spfz<\/em><\/strong>\u201c kommt es dann allerdings nicht mehr \u2013 oder w\u00e4re es \u201e<strong><em>psfz<\/em><\/strong>\u201c\u2026?)<\/p>\n<p>Zum Abschluss dieses kleinen Rundgangs sei noch ein h\u00fcbscher Fund pr\u00e4sentiert: In Alexander Zemlinskys <a title=\"HN 578\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Trio+f%C3%BCr+Klavier%2C+Klarinette+%28Violine%29+und+Violoncello+d-moll+op.+3_578\" target=\"_blank\">Trio op. 3<\/a> steht der Geiger im 1. Satz vor der paradoxalen Aufgabe, gleichzeitig lauter und leiser zu spielen:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4973\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Zemlinsky1.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"120\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Zemlinsky1.jpg 600w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/09\/Zemlinsky1-300x75.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/p>\n<p>Das Autograph ist nicht erhalten, so dass keine Gegenkontrolle m\u00f6glich ist, aber in diesem Fall d\u00fcrfte die Dynamik sicher nicht auf den Komponisten, sondern den \u00fcberm\u00fcdeten Stecher der Erstausgabe zur\u00fcckgehen\u2026<\/p>\n<p>Kennen Sie \u00e4hnlich ausgefallene Dynamikangaben? Dann hinterlassen Sie doch einen Kommentar!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dynamik ist gewisserma\u00dfen das Salz in der musikalischen Suppe: &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/09\/28\/dynamikanweisungen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[529,71,204,254,528,695,161,530],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4960"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4960"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4960\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}