{"id":5010,"date":"2015-10-26T08:00:20","date_gmt":"2015-10-26T07:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=5010"},"modified":"2021-02-09T10:34:01","modified_gmt":"2021-02-09T09:34:01","slug":"weitere-neue-erkenntnisse-zum-autograph-der-klaviersonate-a-dur-kv-331","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/10\/26\/weitere-neue-erkenntnisse-zum-autograph-der-klaviersonate-a-dur-kv-331\/","title":{"rendered":"Weitere neue Erkenntnisse zum Autograph der Klaviersonate A-dur KV 331"},"content":{"rendered":"<p>Regelm\u00e4\u00dfige Henle-Blog-Leser werden sich erinnern: Mein <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/05\/25\/die-musikwelt-wird-staunen-zur-neuen-urtextausgabe-von-mozarts-klaviersonate-a-dur-kv-331\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"text-decoration: underline\">letzter Beitrag<\/span><\/a> behandelte den sensationellen Budapester Fund des autographen Doppelblatts der ber\u00fchmten A-dur-Klaviersonate KV 331 Mozarts sowie die Ank\u00fcndigung meiner inzwischen erschienenen <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+A-dur+KV+331+%28300i%29+mit+t%C3%BCrkischem+Marsch+%28Alla+Turca%29_1300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"text-decoration: underline\">neuen Urtext-Ausgabe<\/span><\/a> dazu.<!--more--> Der folgende Beitrag behandelt nochmals diese Sonate, vornehmlich das \u201ealla turca\u201c-Rondo, gewisserma\u00dfen als ein Abfallprodukt meiner intensiven Besch\u00e4ftigung mit ihrer autographen \u00dcberlieferung.<\/p>\n<p><strong>Merkw\u00fcrdige (?) Wiederholungsanweisungen im \u201ealla turca\u201c-Teilautograph in Salzburg<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dfer dem erw\u00e4hnten, neu aufgefundenen Budapester Doppelblatt hat sich nur eine einzige Seite mit Mozarts Handschrift zu dieser Sonate erhalten \u2013 das Blatt befindet sich im Besitz der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg (Signatur \u201eKV 300i\u201c):<\/p>\n<div id=\"attachment_5155\" style=\"width: 1610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/KV_300i331a-Blog.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5155\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-5155 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/KV_300i331a-Blog.jpg\" alt=\"\" width=\"1600\" height=\"1144\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/KV_300i331a-Blog.jpg 1600w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/KV_300i331a-Blog-300x214.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/KV_300i331a-Blog-1024x732.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5155\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Internationale Stiftung Mozarteum (ISM), Bibliotheca Mozartiana, Signatur: KV 300i<\/p><\/div>\n<p>Etwa in der Mitte oben, unterhalb des gut erkennbaren Wortes \u201e<span style=\"text-decoration: underline\">Coda.<\/span>\u201c finden sich mehrere von Mozart notierte Wiederholungsanweisungen, die wohl an einen Kopisten gerichtet sind, der diesen offensichtlich abgek\u00fcrzt notierten Rondosatz vollst\u00e4ndig ab- und ausschreiben sollte:<\/p>\n<p>1. ein linksseitiges Wiederholungszeichen (mit 1<sup>ma<\/sup>&#8211; und 2<sup>da<\/sup>-volta) \u2013 in der Abbildung f\u00fcr Sie blau markiert<\/p>\n<p>2. jeweils daneben ein <em>dal-segno<\/em>-Verweiszeichen <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-9257\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\" alt=\"\" width=\"14\" height=\"17\" \/><\/a>\u2013 rot markiert<\/p>\n<p>3. die Anweisung \u201eda capo #\u201c \u2013 gr\u00fcn gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Die beiden von mir hochgesch\u00e4tzten Herausgeber der Mozart-Sonaten im Rahmen der <em>Neuen Mozart-Ausgabe<\/em> (<em>NMA<\/em>, B\u00e4renreiter-Verlag) warfen erstmals die Frage auf, was genau mit diesen drei Anweisungen gemeint sein soll, was und ab wo wiederholt wird. Keine banale Frage, denn offenkundig ist die Antwort darauf nicht. Es fehlen n\u00e4mlich alle \u201ealla turca\u201c-Takte, die dieser letzten Seite vorausgehen, und nur hierin stehen die jeweiligen \u201eGegenzeichen\u201c, die eine Aufl\u00f6sung der Frage br\u00e4chten. Von den drei an ein und derselben Stelle notierten Wiederholungsanweisungen scheint mindestens eine wenn nicht gar zwei \u00fcberfl\u00fcssig (<em>NMA<\/em>: \u201ePleonasmus\u201c). Die <em>NMA<\/em>-Herausgeber schlagen als L\u00f6sungsansatz des vorgeblichen Problems sogar hypothetisch vor, dass es sich bei unserem Blatt um ein nachtr\u00e4glich beschriebenes handeln k\u00f6nnte. Das eigentliche Problem wird allerdings durch diese gewagte These keineswegs gekl\u00e4rt (was die Herausgeber auch freim\u00fctig zugeben)<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Dabei ist die Sachlage ganz simpel, sofern man sich nicht vom ersten Augenschein t\u00e4uschen l\u00e4sst. Alle drei Verweiszeichen haben ihren guten Sinn und Grund. Der Augenschein suggeriert, dass man es in der obersten Zeile des Salzburger Autographs mit einem durchg\u00e4ngigen Notentext zu tun habe, also die Schlusstakte des \u201ealla turca\u201c = Takte 90-127. W\u00fcrde es sich so verhalten, so w\u00fcrden Mozarts diverse Wiederholungsanweisungen in Takt 96a stehen. Auf diesen Augenschein sind denn auch die <em>NMA<\/em>-Herausgeber gewisserma\u00dfen hereingefallen. Denn bei den ersten sieben Takten der autographen Salzburger Notenseite handelt es sich meiner \u00dcberzeugung nach gar nicht um die Takte 90-96a\/b, sondern um die Takte 58-64. Erst mit der Da capo-Anweisung sehen wir dann Takt 96b ff. Dazwischen stehen die diversen Wiederholungsanweisungen, die der Kopist genau beachten muss: In Mozarts Komposition, wie wir sie kennen, schlie\u00dft sich ja bekanntlich an Takt 64 (= letzter Takt des A-dur-Teils) die Wiederholung des Satzanfangs, des a-moll-Teiles an, also die Takte 1-24. Und genau das zeigt Mozart mit seiner Anweisung \u201eda capo #\u201c an. Dieses \u201e#\u201c wird Mozart vermutlich sicherheitshalber zu Beginn des \u201ealla turca\u201c-Satzes notiert haben. Nat\u00fcrlich schlie\u00dft sich daran nahtlos der A-dur-Teil (die Takte 25-32) an. Das \u201eda capo #\u201c in Takt 64 verlangt also ganz einfach die Wiederholung der beiden Hauptabschnitte des St\u00fcckes in a-moll und A-dur im Anschluss an Takt 64 (= T. 1-32 <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/arrow-von-zwei-punkten-in-entgegengesetzte-richtungen_318-37218.png.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-5177\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/arrow-von-zwei-punkten-in-entgegengesetzte-richtungen_318-37218.png-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"12\" height=\"12\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/arrow-von-zwei-punkten-in-entgegengesetzte-richtungen_318-37218.png-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/arrow-von-zwei-punkten-in-entgegengesetzte-richtungen_318-37218.png-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/arrow-von-zwei-punkten-in-entgegengesetzte-richtungen_318-37218.png.jpg 626w\" sizes=\"(max-width: 12px) 100vw, 12px\" \/><\/a> T. 65-96a). In Takt 32 musste Mozart dann nur das dal-segno-Sprungzeichen notieren (das ist die zwangsl\u00e4ufige und plausible Hypothese), denn jetzt folgt nicht, wie beim ersten Mal der fis-moll-Teil, sondern es geht gleich hin\u00fcber in die Coda (= T. 96b ff.). Nichts anderes dr\u00fccken die beiden oben rot markierten, entsprechend korrespondierenden <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-9257\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\" alt=\"\" width=\"17\" height=\"20\" \/><\/a> aus. Und somit findet schlie\u00dflich auch das simple, linksseitige Wiederholungszeichen in Takt 64 seine einfache Erkl\u00e4rung: es stellt keineswegs einen \u201ePleonasmus\u201c dar, sondern verlangt schlicht die Wiederholung der Takte 56-64, bevor der Sprung zur \u201eda capo\u201c-Wiederholung der Takte 1 ff. erfolgen soll. Zusammenfassend grafisch dargestellt:<\/p>\n<p><strong><em>Von Mozart notierte, aber erst ab T 58 \u00fcberlieferte Abschnitte:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><strong>#<\/strong><\/span> A (a-moll)\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 B (A-dur)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 C (fis-moll)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 B (A-dur)<\/p>\n<p>T. 1-24\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 25-32\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 33-56\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 57-64, gefolgt von: \u201eda capo<strong> #<\/strong>\u201c<\/p>\n<p><strong><em>Von Mozart nicht ausnotierte, durch Wiederholungsanweisungen verlangte Abschnitte:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><strong>#<\/strong><\/span> A (a-moll)\u00a0\u00a0\u00a0 B (A-dur)\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-9257\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\" alt=\"\" width=\"17\" height=\"21\" \/><\/a><\/p>\n<p>65-88\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0 89-96a<\/p>\n<p><strong><em>Von Mozart ausnotierter Schlussabschnitt:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-9257\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/dalsegno.jpg\" alt=\"\" width=\"15\" height=\"18\" \/><\/a>\u00a0Coda (A-dur)<\/p>\n<p>96b \u2013 127.<\/p>\n<p>Und es geht noch weiter: Erst im Anschluss an den Schluss notiert\/skizziert Mozart gut erkennbar die heikel zu spielenden gebrochenen Oktaven f\u00fcr den dritten und letzten Auftritt des B-Teils in A-dur (T. 89 ff.) \u2013 oben gelb markiert. Diese Oktavenvariante konnte ja, wie wir jetzt wissen, Mozart im Haupttext nicht notieren, denn just diese dritte Wiederholung des B-Teils ist Bestandteil der nicht ausnotierten Ausf\u00fchrung der \u201eda capo #\u201c-Anweisung. Es liegt also mehr als nahe, in Mozarts kleiner Oktavierungsskizze (\u00fcbrigens \u00fcberraschend im Violinschl\u00fcssel notiert, w\u00e4hrend die rechte Hand hier sonst im Sopranschl\u00fcssel geschrieben steht) ebenfalls eine Kopistenanweisung zu erkennen: Alle fr\u00fchen Abschriften und Drucke, alle Ausgaben bis zum heutigen Tag, geben Mozarts Willen hier korrekt wieder. Die gebrochenen Oktavierungen scheinen allerdings eine nachtr\u00e4gliche Idee Mozarts gewesen zu sein, worauf bereits Ulrich Leisinger hinwies<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>: das kurze Notat ist n\u00e4mlich mit anderer Tintenfarbe und in anderem Duktus notiert (der Violinschl\u00fcssel dazu scheint sogar nachtr\u00e4glich erg\u00e4nzt?). Jedenfalls ein faszinierender Einblick in Mozarts Werkstatt.<\/p>\n<p><strong>Rekonstruktion des originalen Gesamtautographs<\/strong><\/p>\n<p>Zum Abschluss nun noch eine Zugabe f\u00fcr den engeren Kreis der (Mozart-) Editionskollegen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Budapester Fund des Doppelblatts im Herbst 2014 zusammen mit der obigen Richtigstellung des Salzburger Textbefunds l\u00e4sst sich der urspr\u00fcngliche Umfang inklusive Lagenordnung des Autographs vor dessen Zerstreuung rekonstruieren. Das muss an dieser Stelle auch deshalb getan sein, weil die einschl\u00e4gige Beschreibung bzw. hypothetische Beschreibung der verehrten <em>NMA<\/em> auch hierin falsch ist. Vom urspr\u00fcnglich vollst\u00e4ndigen Originalmanuskript von KV 331 (= <strong><em>A<\/em><\/strong>) existieren heute (Stand Herbst 2015) nur die beiden folgenden Teile:<\/p>\n<p><strong>A1<\/strong> = das <a href=\"http:\/\/mozart.oszk.hu\/index_en.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Budapester Doppelblatt<\/a>, enthaltend den ersten Satz ab Takt 55 (ab Variation III), das vollst\u00e4ndige Menuett und den ersten Teil des Trios bis einschlie\u00dflich dessen Takt 10.<\/p>\n<p><strong>A2<\/strong> = das Salzburger Einzelblatt, enthaltend Takte 58-64, sowie unmittelbar anschlie\u00dfend Takte 96b-127; siehe hier oben abgebildet und besprochen.<\/p>\n<p>Verschollen sind bis heute demnach: Der Anfang des 1. Satzes (T. 1-54); der Schluss des Trios (2. Satz, ab Trio T. 11); wesentliche Teile des 3. Satzes (T. 1-57).<\/p>\n<p>Einige sekund\u00e4re Merkmale der erhaltenen autographen Teile erlauben eine eindeutige Rekonstruktion des Gesamtautographs (abweichend von <em>NMA<\/em>), begr\u00fcndet wie folgt:<\/p>\n<p>(a)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Paginierung:<\/p>\n<p><strong>A1 <\/strong>ist durchgehend sehr klein, wohl nicht autograph, von \u201e3\u201c bis \u201e6\u201c paginiert, n\u00e4mlich jeweils in der oberen rechten, bzw. bei geraden Seiten linken oberen Ecke. Demnach gehen der Seite \u201e3\u201c (= Anfang von <strong>A1<\/strong>) zwei Seiten (\u201e1\u201c und \u201e2\u201c) voraus. Auf diesen beiden ersten (fehlenden) Seiten m\u00fcssen sich folgerichtig die Takte 1-54 des ersten Satzes befinden.<\/p>\n<p>(b)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Taktanzahl<\/p>\n<p>Diese Schlussfolgerung l\u00e4sst sich auch \u00fcberzeugend durch den tats\u00e4chlichen und vermutlichen Umfang (Anzahl der Takte) begr\u00fcnden: <strong>A1\/2<\/strong> sind zehnzeilig rastriert, pro Seite stehen also f\u00fcnf Akkoladen zur Verf\u00fcgung. Die in <strong>A1<\/strong> erhaltenen Takte des ersten Satzes zeigen eine durchschnittliche Anzahl von 6-7 Takten pro Akkolade. Also passen auf eine Notenseite, selbst wenn Mozart eng notiert haben sollte, maximal etwa 35 Takte (5 x 7). Die fehlenden ersten 54 Takte m\u00fcssen demnach auf zwei (aber nicht mehr) Seiten notiert worden sein. N\u00e4mlich auf den Seiten 1 und 2 (= <span style=\"text-decoration: underline\">ein<\/span> Blatt), das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem anderen Blatt ein Doppelblatt (bifolium) bildet. Auf diesem zweiten Blatt muss die Fortsetzung der fehlenden Trio-Takte (11 f.) und der Beginn des \u201ealla turca\u201c stehen. Diese naheliegende Hypothese kann man wie folgt begr\u00fcnden:<\/p>\n<p>Die dank <strong>A1<\/strong> erhaltenen Anfangstakte des Trios zeigen etwa 10 Takte pro Akkolade, sodass die fehlenden 42 Takte des Trios auf vier bis maximal f\u00fcnf Akkoladen passen. Das entspricht in etwa einer Seite. Akzeptiert man meine Interpretation zu Beginn dieses Blogbeitrags, gehen also dem Beginn von <strong>A2<\/strong> (= T. 58) 57 autograph notierte Takte voraus. F\u00fcr den 3. Satz l\u00e4sst sich dank der wenigen erhaltenen Takte in <strong>A2<\/strong> (die R\u00fcckseite ist vacat) ein Platzbedarf von etwa 11 Takten pro Akkolade ermitteln, weshalb f\u00fcr die fehlenden vorausgehenden 57 Takte etwas mehr als eine Seite ben\u00f6tigt wird (5 Akkoladen \u00e0 11 Takte = 55 Takte\/ Seite); f\u00fcr den Anfang des \u201ealla turca\u201c gen\u00fcgte Mozart daher entweder bei etwas enger Notierung die R\u00fcckseite des fehlenden Doppelblattes oder er nutzte noch die letzte Zeile der vorausgehenden Seite mit dem Schluss des Trios. In jedem Falle beanspruchen die fehlenden Teile des 2. und 3. Satzes nicht mehr als <span style=\"text-decoration: underline\">ein<\/span> Notenblatt bzw. 2 Seiten.<\/p>\n<p>Der aus Paginierung und Platzermittlung ermittelte Umfang der bis heute fehlenden autographen Teile stellt sich demnach zusammenfassend b\u00fcndig wie folgt dar:<\/p>\n<p>1. Satz, T. 1-54:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 entspricht Umfang von einem Notenblatt bzw. 2 Notenseiten<br \/>\n2. Satz, Trio, ab T. 11: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 entspricht etwa einer Notenseite<br \/>\n3. Satz, T. 1-57:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 entspricht etwa einer Notenseite<\/p>\n<p>Zur Rekonstruktion der Lagenordnung des Gesamtautographs KV 331 liegt es nahe, die bei Mozart-Autographen h\u00e4ufig anzutreffenden zwei ineinandergelegten Doppelbl\u00e4tter (2 Bifolia) anzunehmen: Die beiden fehlenden Notenbl\u00e4tter d\u00fcrften also ein zusammenh\u00e4ngendes Doppelblatt (bifolium) bilden (oder gebildet haben), in das hinein das Doppelblatt <strong>A1<\/strong> gelegt war:<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000\">Budapester Bifolium A1<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff\">Fehlendes Bifolium <\/span> <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/10\/1121.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"83\" \/> <span style=\"color: #2e8b57\"> Salzburger Einzelblatt A2<\/span><\/p>\n<p>Diese rekonstruierte Lagenordnung zweier ineinandergelegter Bifolia, erg\u00e4nzt durch ein abschlie\u00dfendes Einzelblatt, entspricht im \u00dcbrigen exakt der Lagenordnung der beiden \u201eSchwester-Klaviersonaten\u201c KV 330 und 332<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>(c)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Foliierungen<\/p>\n<p>In <strong>A1<\/strong> wurden die beiden \u201erechten Seiten\u201c (= Blatt 2r und 3r) zus\u00e4tzlich zur Paginierung in Tinte in sehr kleiner, wohl kaum autographer Schrift jeweils rechts oben, au\u00dfen, mit \u201e10\u201c und \u201e11\u201c foliiert. Das Salzburger Blatt <strong>A2<\/strong> ist re\/oben wiederum auff\u00e4llig gro\u00df mit \u201e13\u201c bezeichnet (und dar\u00fcber hinaus winzig klein nochmals \u201e13\u201c am oberen Au\u00dfenrand). Die Herausgeber der <em>NMA<\/em> mutma\u00dfen<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>, dass es sich bei der \u201e13\u201c um eine Paginierung handeln muss, weil ein Platzbedarf von \u201ekaum mehr als drei Doppelbl\u00e4tter (= S. 1-12) und die Vorderseite (= S. 13) eines Einzelblattes\u201c angenommen werden m\u00fcsste. Wie oben bereits nachgewiesen werden konnte, ist dies eine falsche, immerhin um ein Bifolium zu gro\u00dfz\u00fcgig dimensionierte Annahme. Bei der \u201e13\u201c auf <strong>A2<\/strong> d\u00fcrfte es sich vielmehr um die \u2013 von anderer Hand geschriebene \u2013 Fortsetzung der Foliierung von <strong>A1<\/strong> handeln, denn nach Blatt \u201e11\u201c fehlt, siehe oben (Lagenordnung), Blatt \u201e12\u201c, es folgt <strong>A2<\/strong> = Blatt \u201e13\u201c. Das erste, fehlende Blatt von KV 331 d\u00fcrfte demnach mit \u201e9\u201c foliiert sein. Interessant w\u00e4re es \u00fcbrigens zu erfahren, welches Werk (oder Werke) die vorausgehenden Bl\u00e4tter \u201e1-8\u201c kennzeichnen; ein Zusammenhang mit den Autographen von KV 330 und 332 scheint nicht zu bestehen, denn hier findet sich keinerlei entsprechende Foliierung<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>.<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u201eDer Sinn des Vermerks <em>Da capo<\/em> mit Verweiszeichen \u2026 ist ohne Kenntnis der vorhergehenden Seite des Autographs nicht eindeutig zu kl\u00e4ren; er k\u00f6nnte sich auf die Wiederholung der Dur-Episode Takt 25-32<sup>I<\/sup> beziehen, doch hat Mozart nicht nur den Vermerk, sondern zus\u00e4tzlich auch Repetitionszeichen gesetzt, was einem Pleonasmus gleichkommt. Folgende Hypothese mag hier weiterf\u00fchren: Vielleicht sollte der Satz zun\u00e4chst durch ein (nicht ausnotiertes) \u201aDa capo\u2018 der Takte 25 ff. = Takt 89-96 abgeschlossen werden. Eine nachtr\u00e4glich konzipierte Erweiterung des Satzschlusses war dann auf dem zur Verf\u00fcgung stehenden &#8216;Raum am Ende des Sonatenautographs nicht mehr unterzubringen, weswegen Mozart ein separates Blatt zur Hilfe nehmen mu\u00dfte. Es spricht einiges daf\u00fcr, da\u00df das \u00fcberlieferte autographe Fragment nicht als zuf\u00e4llig abgetrennter Teil des Gesamtautographs, sondern tats\u00e4chlich als zus\u00e4tzlich notierte Erg\u00e4nzung zu verstehen ist. Der allerdings merkw\u00fcrdige Pleonasmus von Da-capo-Vermerk und Repetitionszeichen bliebe damit zwar weiter bestehen, lie\u00dfe sich aber durch unsere Hypothese besser begreifen.\u201c <em>Neue Mozart-Ausgabe<\/em>, Serie IX, Klaviermusik, Werkgruppe 25: Klaviersonaten , Bd. 2. Hrsg. von W. Plath u. W. Rehm. Kassel 1986, S. XI (Vorwort). Man lese auch den Kritischen Bericht zur <em>Neue Mozart-Ausgabe<\/em>, Serie IX, Werkgruppe 25. Kassel 1986, S. 87, 95, 198.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Wiener Urtext Edition Leisinger. In <em>NMA<\/em> wegen der falschen Identifizierung der Anfangstakte des Salzburger Autographs mit Takt 90 ff. schief erl\u00e4utert.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> <em>NMA<\/em>\/KB, Kassel 1986, S. 77 bzw. 96.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> <em>NMA<\/em>\/KB, Kassel 1986, S. 87, und Fu\u00dfnote 36.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Schlie\u00dflich findet sich noch in <strong>A1<\/strong>, 4. Seite, am linken Au\u00dfenrand in H\u00f6he der untersten Akkolade, die mit dem Trio beginnt, wiederum von anderer Hand: \u201e7.\u201c. Die Bedeutung dieser Ziffer ist unklar, wollte man nicht in der \u00dcbereinstimmung mit der Erstausgabe, deren 7. Seite von KV 331 (= S. 20) just mit dem Trio beginnt, mehr als einen reinen Zufall erblicken wollen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regelm\u00e4\u00dfige Henle-Blog-Leser werden sich erinnern: Mein letzter Beitrag behandelte den &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/10\/26\/weitere-neue-erkenntnisse-zum-autograph-der-klaviersonate-a-dur-kv-331\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,87,301,509,3,303,33],"tags":[703,531,34],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5010"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5010"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5010\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9258,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5010\/revisions\/9258"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5010"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5010"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5010"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}