{"id":5420,"date":"2016-01-11T07:00:35","date_gmt":"2016-01-11T06:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=5420"},"modified":"2016-01-07T21:39:37","modified_gmt":"2016-01-07T20:39:37","slug":"parallelstelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/01\/11\/parallelstelle\/","title":{"rendered":"Die \u201eParallelstelle\u201c \u2013 handle with care\u2026"},"content":{"rendered":"<p><a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-5423\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/Abb_Wiederholung.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"393\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/Abb_Wiederholung.jpg 250w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/Abb_Wiederholung-190x300.jpg 190w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Wenn als Idealziel einer kritischen Urtext-Ausgabe gelten darf, herauszufinden und darzustellen, was das vom Komponisten \u201eeigentlich Gemeinte\u201c ist, so besteht die grundlegende Aufgabe vor allem darin, alle relevanten Quellen zu dem Werk heranzuziehen, zu vergleichen und ihre Unterschiede zu bewerten.<\/p>\n<p>Doch dies allein gen\u00fcgt in der Regel nicht. Denn nicht selten kommt es vor, dass sich der Komponist in seinem Autograph verschreibt oder versehentlich ein Zeichen vergisst (typischerweise sind es Vorzeichen), und alle folgenden Quellen wie Abschriften und Erstdrucke dann dieses Versehen blind \u00fcbernehmen. Durch blo\u00dfes Vergleichen der Quellen untereinander lassen sich solche durchgehenden Fehler nicht herausfinden.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Es ist also zus\u00e4tzlich immer n\u00f6tig, den Notentext <em>in sich<\/em> auf Stimmigkeit zu pr\u00fcfen, unabh\u00e4ngig davon, was in den Quellen steht. (Die Ausgabe muss gewissermassen auch \u201ekritisch\u201c gegen\u00fcber dem Komponisten sein.)<\/p>\n<p>Eine gute Hilfe f\u00fcr das Aufsp\u00fcren von solchen Ungereimtheiten ist das Betrachten von sogenannten \u201eParallelstellen\u201c. Das kann etwa die Reprise eines ganzen Werkteils in einem St\u00fcck in A-B-A-Form sein, oder die Wiederholung eines Taktes oder einzelnen Motivs, oft auch sequenziert auf einer anderen harmonischen Stufe. Kleine Abweichungen zwischen ansonsten identischen Takten k\u00f6nnen ein Indiz daf\u00fcr sein, dass hier etwas vergessen wurde.<br \/>\nDoch Achtung: nicht alles, was sich in einem St\u00fcck wiederholt oder irgendwie \u00e4hnelt, muss vom Komponisten auch genau gleich gemeint sein. Auch in der Musik gilt: <em>variatio delectat<\/em>\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>Zur Illustration dieser Problematik m\u00f6chte ich drei aktuelle Beispiele aus Edvard Griegs <em>Peer-Gynt-Suiten<\/em> vorstellen. Griegs eigene Bearbeitungen seiner beiden Orchestersuiten op. 46 und op. 55 f\u00fcr Klavier zu 2 H\u00e4nden bzw. zu 4 H\u00e4nden sind bei uns soeben neu erschienen (<a title=\"HN 1239\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Peer-Gynt-Suiten_1239\" target=\"_blank\">HN 1239<\/a> und <a title=\"HN 1243\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Peer-Gynt-Suiten+-+Fassung+f%C3%BCr+Klavier+zu+vier+H%C3%A4nden_1243\" target=\"_blank\">HN 1243<\/a>), herausgegeben von unseren bew\u00e4hrten Grieg-Spezialisten Ernst-G\u00fcnter Heinemann und Einar Steen-N\u00f8kleberg.<\/p>\n<p>Grieg las die Druckfahnen der Erstausgaben zwar sorgf\u00e4ltig Korrektur, was falsche T\u00f6ne betrifft (dennoch entdeckten wir noch einen echten Notenfehler, der bis heute in den Ausgaben herumspukte). Auf der Ebene von Artikulation und Dynamik war der Komponist aber etwas nachl\u00e4ssiger. So fanden unsere Herausgeber zahlreiche fragliche Angaben, die durch einen Vergleich mit Parallelstellen oft bereinigt werden konnten.<\/p>\n<p>Die Erstausgabe des <em>Arabischen Tanzes<\/em> aus der 2. Suite op. 55, vierh\u00e4ndige Fassung, hat in T.\u00a0103\u2013104 der Primo-Stimme folgende Phrasierung, die sich am Ende von T.\u00a0103 zwischen rechter und linker Hand unterscheidet: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5428\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Peters_1.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Peters_1.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Peters_1-300x76.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Wir befinden uns hier in der Reprise des ersten Teils, und der dort korrespondierende T.\u00a017 hat in der Tat eine plausiblere Lesart, bei der die Artikulation der linken Hand mit der rechten \u00fcbereinstimmt (siehe jeweils die rot unterstrichenen Noten): <a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5429\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Peters_2.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Peters_2.jpg 500w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Peters_2-300x110.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Blick ins Autograph erhellt zudem, dass Grieg die Wiederholung in T.\u00a0103\u2013104 gar nicht ausnotiert hat, sondern sich mit einer Anweisung f\u00fcr den Notenstecher die Schreibarbeit ersparte. Er bezeichnete die betreffenden Takte des ersten Teils mit Buchstaben und vermerkte dann in der Reprise einfach \u201eWiederholung von a bis gg\u201c (siehe Abbildung ganz oben). Somit ist klar, dass f\u00fcr Grieg die Wiederholung exakt identisch zu sein hatte und die Abweichung in T.\u00a0103 sicher auf ein Versehen des Notenstechers zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Dementsprechend gleichen wir in unserer Ausgabe die Phrasierung in T.\u00a0103 an die erste Stelle an, zumal dieses Motiv im St\u00fcck noch 6 weitere Male in dieser Form auftritt:<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5431\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Henle.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"267\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Henle.jpg 640w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_4hdg_Henle-300x125.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>Kurioserweise tritt in der <span style=\"text-decoration: underline\">zwei<\/span>h\u00e4ndigen Fassung des <em>Arabischen Tanzes<\/em> ein ganz \u00e4hnlicher Fall bei einer rhythmischen Variante dieses Unisono-Motivs auf, diesmal bereits in den Takten 11\u201312: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5430\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Peters.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Peters.jpg 550w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Peters-300x134.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/p>\n<p>Hier fehlt in der linken Hand der Bogen ganz, daf\u00fcr steht ein Staccato-Punkt auch auf dem letzten Auftakt-Achtel, im Widerspruch zur rechten Hand (und zum obigen Beispiel aus der vierh\u00e4ndigen Fassung).<\/p>\n<p>Diese Notierung ist diesmal in allen Quellen \u00fcbereinstimmend, auch das Autograph hat diese Lesart. Wir vermuten hier aber stark ein Versehen Griegs, der vielleicht beeinflusst durch die vorausgehenden Noten einen Staccatopunkt zu viel setzte und den Bogen verga\u00df. Daf\u00fcr spricht die Parallelstelle in der Reprise T. 97\/98, die sowohl im Autograph als auch in der Erstausgabe wieder die \u201erichtige\u201c Phrasierung hat: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5432\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"206\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Autograph.jpg 350w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Autograph-300x176.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/p>\n<p>Gest\u00fctzt durch zahlreiche weitere Vorkommen des Unisono-Motivs mit ebendieser Phrasierung, gleicht unsere Ausgabe also auch T.11\u201312 an die \u00fcbrigen Stellen an: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5433\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Henle.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"258\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Henle.jpg 600w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/ArabischerTanz_2hdg_Henle-300x129.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in diesen beiden F\u00e4llen der Vergleich mit den Parallelstellen im St\u00fcck also sehr hilfreich war, um einzelne \u201eAusrei\u00dfer\u201c ausfindig zu machen, sieht es in anderen St\u00fccken der <em>Peer-Gynt-Suiten<\/em> nicht so eindeutig aus.<\/p>\n<p>So etwa in <em>Anitras Tanz<\/em> aus der 1. Suite op. 46: hier pr\u00e4sentiert sich in der vierh\u00e4ndigen Fassung der Beginn des Hauptthemas in einer durchweg uneinheitlichen Artikulation. Die erste Achtel nach den zwei Vorschlagsnoten ist 8mal mit Staccatopunkt, aber 11mal ohne Staccatopunkt notiert\u2026<\/p>\n<p>Hier jeweils zwei frei aus dem St\u00fcck herausgegriffene Beispiele des Motivs, zun\u00e4chst mit Staccato zur 1. Achtel\u2026:<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5434\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/AnitrasTanz_Peters_mit.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"217\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/AnitrasTanz_Peters_mit.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/AnitrasTanz_Peters_mit-300x93.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>\u2026 und hier ohne Staccato:<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5436\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/AnitrasTanz_Peters_ohne.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/AnitrasTanz_Peters_ohne.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/01\/AnitrasTanz_Peters_ohne-300x103.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Leider ist das Autograph zu diesem St\u00fcck verschollen, und auch in der Parallelfassung f\u00fcr Klavier zu 2 H\u00e4nden geht es in diesem Punkt \u00e4hnlich konfus zu, so dass nicht mehr zu entscheiden ist, ob diese st\u00e4ndigen Wechsel von Grieg wirklich gewollt sind. Und wenn es ein Versehen war (was zu vermuten ist), so ist immer noch unklar, welcher Lesart der Vorzug zu geben w\u00e4re.<\/p>\n<p>An Stellen wie diesen ist man als Herausgeber gut beraten, Zur\u00fcckhaltung zu wahren und den Text nicht zu \u201egl\u00e4tten\u201c, sondern in seiner Uneinheitlichkeit zu belassen. (So haben wir es auch f\u00fcr unsere Neuausgabe entschieden.) Das Ber\u00fccksichtigen von Parallelstellen darf nicht zu einer generellen \u201eAngleicheritis\u201c f\u00fchren, die sich vom eigentlichen Urtext-Gedanken wieder entfernt. Hier er\u00f6ffnen sich aber f\u00fcr den ausf\u00fchrenden Pianisten Freir\u00e4ume, diese offenen Fragen durch seine Interpretation zu beantworten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn als Idealziel einer kritischen Urtext-Ausgabe gelten darf, herauszufinden und &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/01\/11\/parallelstelle\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[105,87,88,522,301,344,20,3],"tags":[515,690,549,550],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5420"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5420"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5420\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}