{"id":5576,"date":"2016-03-07T08:00:17","date_gmt":"2016-03-07T07:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=5576"},"modified":"2016-03-04T12:45:10","modified_gmt":"2016-03-04T11:45:10","slug":"henry-vieuxtemps%e2%80%99-5-violinkonzert-in-neuem-gewand-%e2%80%93-gesprach-mit-den-henle-autoren-marie-cornaz-und-ray-iwazumi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/03\/07\/henry-vieuxtemps%e2%80%99-5-violinkonzert-in-neuem-gewand-%e2%80%93-gesprach-mit-den-henle-autoren-marie-cornaz-und-ray-iwazumi\/","title":{"rendered":"Henry Vieuxtemps\u2019 5. Violinkonzert in neuem Gewand \u2013 Gespr\u00e4ch mit Marie Cornaz und Ray Iwazumi"},"content":{"rendered":"<p>Unter den knapp hundert Kompositionen, die der Geigenvirtuose Vieuxtemps hinterlassen hat, stellt das 5. Violinkonzert a-moll op. 37 sicherlich das mit Abstand bekannteste und beliebteste Werk dar. Seine Popularit\u00e4t verdankt es nicht nur dem brillanten Geigenpart, sondern auch der originellen Form in drei S\u00e4tzen, die pausenlos ineinander \u00fcbergehen.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/599px-Henri_Vieuxtemps_1842_Litho.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"size-full wp-image-5579 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/599px-Henri_Vieuxtemps_1842_Litho.jpg\" width=\"242\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/599px-Henri_Vieuxtemps_1842_Litho.jpg 557w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/599px-Henri_Vieuxtemps_1842_Litho-285x300.jpg 285w\" sizes=\"(max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wenn man sich n\u00e4her mit den \u00fcberlieferten Quellen zu Opus 37 besch\u00e4ftigt, st\u00f6\u00dft man schnell auf erstaunliche Sachverhalte: Einerseits verzichtete der Verlag Bote &amp; Bock 1861 auf die Ver\u00f6ffentlichung einer Orchesterpartitur: 1861 wurden lediglich die Orchesterstimmen sowie eine Fassung f\u00fcr Violine und Klavier gedruckt. Andererseits weist der Klavierpart gegen\u00fcber den Orchesterstimmen erhebliche Unterschiede auf, so dass er eine Fassung sui generis darstellt. Alle bisherigen Ausgaben haben diese\u00a0Version f\u00fcr Violine und Klavier unkritisch nachgedruckt und sind daher nur sehr eingeschr\u00e4nkt als Klavierauszug f\u00fcr die Konzertproben zu benutzen. Unsere in K\u00fcrze erscheinende neue Urtext-Edition (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/index.html?katalog=1&amp;q=HN+1257&amp;s=\" target=\"_blank\">HN 1257<\/a>) schafft hier Abhilfe. Durch die Bearbeitung von Johannes Umbreit, der den \u00fcberlieferten Klavierpart an die Orchesterstimmen anpasste, liegt nun erstmals ein \u201eechter\u201c Klavierauszug dieses beliebten Konzerts vor.<\/p>\n<p>Aber es gibt noch mehr in unserer neuen Edition zu entdecken, wie das Gespr\u00e4ch mit der Vieuxtemps-Expertin Marie Cornaz (Musikabteilung der K\u00f6niglichen Bibliothek in Br\u00fcssel), die das Vorwort schrieb, und dem auf die belgisch-franz\u00f6sische Schule spezialisierten Geiger Ray Iwazumi (Dozent f\u00fcr Violine an der Juilliard School in New York), der als Herausgeber verantwortlich zeichnet, enth\u00fcllt.<\/p>\n<p><em>Frau Cornaz, was ist \u00fcber die Entstehung von Vieuxtemps\u2019 5. Violinkonzert bekannt?<\/em><\/p>\n<p>MARIE CORNAZ: Die Komposition des 5. Violinkonzerts wurde im Fr\u00fchjahr 1861 vollendet. Das ber\u00fchmte Werk wurde urspr\u00fcnglich als Pr\u00fcfungsst\u00fcck f\u00fcr die Sch\u00fcler der Meisterklasse des belgischen Geigers Hubert L\u00e9onard am Br\u00fcsseler Conservatoire royal entworfen. Henry Vieuxtemps spielte es selbst bei den Urauff\u00fchrungen in Br\u00fcssel: mit Klavierbegleitung am 2. Juni, danach mit Begleitung des Conservatoire-Orchesters am 24. September des Jahres.<\/p>\n<p><em>Herr Iwazumi, das Konzert enth\u00e4lt \u2013 neben der Form ein weiteres, sehr ungew\u00f6hnliches Charakteristikum des Werks \u2013 zwei Kadenzen ad libitum. Hat dies mit der Entstehungsgeschichte zu tun und wie unterscheiden sich beide Kadenzen?<\/em><\/p>\n<p>RAY IWAZUMI: Dass es zwei Kadenzen zur Auswahl gibt, d\u00fcrfte aus praktischer Sicht damit zu tun haben, dass es als Wettbewerbsst\u00fcck dienen sollte \u2013 das hei\u00dft, damit wurde den Studierenden eine Wahl und der Jury eine gewisse Abwechslung beim H\u00f6ren der Kandidaten erm\u00f6glicht! Musikalisch gesehen bietet die Wahl zwischen zwei Kadenzen einen faszinierenden Einblick in Vieuxtemps\u2019 genialen Erfindungsreichtum. Die Cadenza Nr. 1 ist wie eine Fantasie\u00a0\u00fcber die\u00a0Exposition der Solo-Violine gebaut, die klugerweise die Themen ausspart, die im 3. Satz wiederkehren. Demgegen\u00fcber tritt die Cadenza Nr. 2, die bei weitem bekannter ist und \u00f6fter gespielt wird, als ausgearbeitete Variation des Orchestertutti zu Beginn der Exposition auf. Insofern stellen beide Kadenzen eine Art Reprise im ersten Satz dar und zeigen, wie flexibel und fantasiereich Vieuxtemps hier die Konzertform in der romantischen Epoche handhabt.<\/p>\n<p><em>Frau Cornaz, wurde die Bedeutung von Vieuxtemps\u2019 Komposition von Anfang an von Publikum und Kritik erkannt?<\/em><\/p>\n<p>MARIE CORNAZ: Ja, das Konzert war unmittelbar erfolgreich. Das Publikum kannte ja bereits Vieuxtemps\u2019 Talent als Komponist von dessen 4. Violinkonzert her und wurde vom neuen Werk in dieser Hinsicht keineswegs entt\u00e4uscht. Die Kritiker waren ebenso begeistert, sowohl nach den beiden Br\u00fcsseler Urauff\u00fchrungen (mit Klavier und mit Orchester) wie auch in anderen St\u00e4dten wie Paris, wo der h\u00e4ufig sehr kritische Hector Berlioz das 5. Violinkonzert geradezu hymnisch lobte.<\/p>\n<p><em>Herr Iwazumi, in Ihrer Edition werden Fingers\u00e4tze und Strichbezeichnungen aus den Quellen beibehalten und in einer separaten Violinstimme als Basis f\u00fcr Ihre zus\u00e4tzlichen Bezeichnungen verwendet. Ist die Violintechnik tats\u00e4chlich \u00fcber 150 Jahre hinweg unver\u00e4ndert geblieben?<\/em><\/p>\n<p>RAY IWAZUMI: Eine fundierte Diskussion dieser Frage w\u00fcrde zu einer Reihe weiterer Themen und einer ausf\u00fchrlichen Auseinandersetzung f\u00fchren. Um sie kurz zu fassen, w\u00fcrde ich die Antwort darauf beschr\u00e4nken, dass sich die f\u00fcr Vieuxtemps\u2019 a-moll-Konzert n\u00f6tige Violintechnik\u00a0sicherlich nicht so stark seit dessen Entstehungszeit ver\u00e4ndert hat. In Vieuxtemps\u2019 Konzert ergeben sich die technischen Anspr\u00fcche aus den musikalischen. Diese Anspr\u00fcche sind in jedem Takt ma\u00dfgeblich, waren zu ihrer Zeit unzweifelhaft innovativ und bleiben unerl\u00e4sslich f\u00fcr jeden Virtuosen, der diese Art von Musik spielen m\u00f6chte. Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum das Konzert &#8211; abgesehen vom Vergn\u00fcgen, das es uns\u00a0aufgef\u00fchrt und\u00a0als Aufnahme bietet &#8211;\u00a0zum Kernrepertoire in den Konservatorien weltweit geh\u00f6rt. Die Fingers\u00e4tze und Strichbezeichnungen ergeben sich gr\u00f6\u00dftenteils durch \u00e4sthetische oder physische Notwendigkeiten. Die von Vieuxtemps angebotenen Fingers\u00e4tze erscheinen eher sp\u00e4rlich,\u00a0liefern aber wichtige und\u00a0gro\u00dfartige Hinweise auf die \u201eGestaltung\u201c der Musik. Und da diese Gestaltung\u00a0einen dauerhaften Wert der Komposition darstellt, behalten wir sie als Teil des Urtexts bei. Meine zus\u00e4tzlichen Fingers\u00e4tze und Strichbezeichnungen (in der bezeichneten Stimme) sollen lediglich helfen, den Spieler auf eine Art durch das Werk zu f\u00fchren, die Vieuxtemps\u2019 Empfehlungen respektiert. Aber wir m\u00fcssen verstehen, dass wir heute\u00a0ein Ma\u00df an Klarheit und Kraft beim Violinspiel zu sch\u00e4tzen gelernt haben, das wegen des technischen Stands von Instrumentenbau und Saitenproduktion zu\u00a0Vieuxtemps\u2019 Lebzeiten nicht m\u00f6glich oder, wie wir vermuten k\u00f6nnen, schlichtweg weniger gefragt war.<\/p>\n<p><em>Herr Iwazumi, w\u00e4hrend der Vorbereitung zur Neuedition konnten Sie eine bislang unbekannte Bearbeitung der ersten Kadenz aus Vieuxtemps\u2019 Konzert von der Hand seines Sch\u00fclers Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe entdecken, die in der Henle-Neuausgabe im Anhang der bezeichneten Violinstimme als Erstausgabe gedruckt wird. Wie l\u00e4sst sich diese Bearbeitung charakterisieren? <\/em><\/p>\n<p>RAY IWAZUMI: Ja, es war ungemein aufregend, ein vollst\u00e4ndiges Arbeitsmanuskript von Ysa\u00ffes Bearbeitung der Cadenza Nr. 1 innerhalb einer Sammlung mit seinen Skizzen und Papieren in der Bibliothek des Conservatoire royal von L\u00fcttich zu finden! Und ich bin sehr dankbar, dass wir sie in unserer Edition der \u00d6ffentlichkeit vorstellen k\u00f6nnen. Um diese Bearbeitung knapp zu charakterisieren, scheint es mir am besten, auf Carl Fleschs Beurteilung zur\u00fcckzukommen, der Ysa\u00ffes Spiel von Vieuxtemps mit seiner Beweglichkeit und seinem Rubato als ideal ansah,\u00a0auch wenn\u00a0\u00e4ltere H\u00f6rer, die noch Vieuxtemps\u2019 Spiel kannten, meinten, dass Vieuxtemps selbst nicht mit dieser Art von Rubato spielte. Ich glaube, Ysa\u00ffes Bearbeitung von Vieuxtemps\u2019 Kadenz kann als Beispiel gelten, die diesen Unterschied vorf\u00fchrt. Die Details darzulegen, was in Ysa\u00ffes Bearbeitung den \u201eYsa\u00ffe-Stil\u201c mit seinem einzigartigen Ansatz von Freiheit und Rubato ausmacht, w\u00fcrde eine faszinierende ausf\u00fchrliche Diskussion ansto\u00dfen, die wir uns f\u00fcr ein anderes Mal aufheben m\u00fcssen!<\/p>\n<div id=\"attachment_5581\" style=\"width: 631px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/Vieuxtemps_Abb_2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5581\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"size-full wp-image-5581\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/Vieuxtemps_Abb_2.jpg\" width=\"621\" height=\"805\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/Vieuxtemps_Abb_2.jpg 771w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/Vieuxtemps_Abb_2-231x300.jpg 231w\" sizes=\"(max-width: 621px) 100vw, 621px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5581\" class=\"wp-caption-text\">Erste Seite des Partiturautographs<\/p><\/div>\n<p><em>Frau Cornaz, trotz seiner Bedeutung als Komponist gibt es f\u00fcr Vieuxtemps bisher weder ein kritisches Werkverzeichnis noch eine verl\u00e4ssliche Briefedition oder eine aktuelle Biographie. Was sind die Gr\u00fcnde daf\u00fcr?<\/em><\/p>\n<p>MARIE CORNAZ: Bis 2011 war das Partiturautograph des 5. Violinkonzerts zusammen mit einer Reihe anderer Manuskripte und Dokumente im Besitz von Vieuxtemps\u2019 Familie verblieben. Dementsprechend war damals der Zugang zu wichtigen Quellen sehr schwierig. Seitdem befindet sich das Material in der Biblioth\u00e8que royale de Belgique in Br\u00fcssel als Anreiz f\u00fcr die Forschung \u00fcber Vieuxtemps. Das 67 Seiten umfassende Partiturautograph, das heute in der Biblioth\u00e8que royale aufbewahrt wird, ist wahrscheinlich das wichtigste St\u00fcck unserer Vieuxtemps-Sammlung, zumal Musikautographe von Vieuxtemps heute sehr selten sind. Aber die Bibliothek besitzt auch eine Reihe von Skizzen, einen Teil der Korrespondenz (mehr als 500 Briefe) und ein wunderbares <a href=\"http:\/\/belgica.kbr.be\/fr\/coll\/mus\/musMs4157_fr.html\" target=\"_blank\">Album<\/a> mit Eintr\u00e4gen von zeitgen\u00f6ssischen Komponisten und Musikern wie Paganini oder Mendelssohn, die Vieuxtemps in seinen Jugendjahren traf.<\/p>\n<p><em>Ich danke Ihnen sehr f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<p>Wer nun Lust bekommen hat, das Werk zu h\u00f6ren, dem sei die Aufnahme mit Shlomo Mintz und dem Sinfonieorchester des S\u00fcdwestfunks unter der Leitung von Myung-Whun Chung empfohlen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/A8-DCoHAq3k?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den knapp hundert Kompositionen, die der Geigenvirtuose Vieuxtemps hinterlassen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/03\/07\/henry-vieuxtemps%e2%80%99-5-violinkonzert-in-neuem-gewand-%e2%80%93-gesprach-mit-den-henle-autoren-marie-cornaz-und-ray-iwazumi\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[564,1,87,423,339,3,24,102,562,452,563],"tags":[565,566],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5576"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5576"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5576\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}