{"id":5608,"date":"2016-03-21T08:00:01","date_gmt":"2016-03-21T07:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=5608"},"modified":"2016-03-17T08:38:41","modified_gmt":"2016-03-17T07:38:41","slug":"verwirrung-um-haltebogen-in-chopins-scherzo-h-moll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/03\/21\/verwirrung-um-haltebogen-in-chopins-scherzo-h-moll\/","title":{"rendered":"Verwirrung um Halteb\u00f6gen in Chopins Scherzo h-moll"},"content":{"rendered":"<p>Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass Chopin-Varianten einen Herausgeber \u2013 der alles daran setzt, dem Musiker <em>einen<\/em> g\u00fcltigen Text an die Hand zu geben \u2013 <span style=\"text-decoration: line-through\"> <\/span>zur Verzweiflung bringen k\u00f6nnen. Der Gedanke, dass man in seiner Verzweiflung nicht allein ist, kann jedoch eine tr\u00f6stliche Wirkung haben. So erging es jedenfalls mir, als ich begann, eine revidierte Ausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/index.html?katalog=1&amp;q=HN+1334&amp;s=\" target=\"_blank\">HN 1334)<\/a> des 1. Scherzos h-moll vorzubereiten. Ich stie\u00df dabei auf ein Dokument, das den ber\u00fchmten Chopin-Sch\u00fcler und Herausgeber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karol_von_Mikuli\" target=\"_blank\">Karol Mikuli<\/a> in ziemlicher Ratlosigkeit zeigt.<!--more--><\/p>\n<p>Gegen Ende der 1870er Jahre bereitete Mikuli seine bis heute weit verbreitete Chopin-Ausgabe bei Kistner vor. Mikuli war \u201enah dran\u201c am Meister, und daher flossen vermutlich viele Korrekturen und Hinweise aus erster Hand in seine Edition ein. Trotz dieser N\u00e4he konnte Mikuli offenbar an vielen Stellen nicht entscheiden, wie denn nun die korrekte Lesart lauten sollte. In seiner Unentschlossenheit wandte er sich offenbar an Zeitzeugen, die Chopins Spiel selbst noch geh\u00f6rt hatten und sich m\u00f6glicherweise an die korrekten Lesarten erinnern konnten. Derartige Anfragen bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Auguste-Joseph_Franchomme\" target=\"_blank\">Auguste Franchomme<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_von_Hiller\" target=\"_blank\">Ferdinand Hiller<\/a> sind jedenfalls dokumentiert.<\/p>\n<p>An Hiller schreibt er am 22. August 1879: \u201eDie alten Original Editionen sind voll von divergirenden Lesarten, in welche die uns vorliegenden Autografe, da sie offenbar Schreibfehler (und das sehr oft) enthalten, nicht genug Licht zu bringen verm\u00f6gen. [\u2026] Es bleibt uns nur Eine Hoffnung: Die Berufung an seinen alten, treuen Freund, der die Sachen so oft von ihm geh\u00f6rt, ja der sie entstehen sah. [\u2026] Hochgeehrter Herr und Meister, lassen Sie uns Ihr entscheidendes berichtigendes Wort in der Sache vernehmen. Einige Striche auf beyfolgendem Blatte werden uns gen\u00fcgen und wir werden gl\u00fccklich seyn, Ihnen die L\u00f6sung der wichtigen Aufgabe zu verdanken.\u201c<\/p>\n<p>Seinem Brief f\u00fcgte Mikuli Notenbeispiele mit gezielten Fragen an, die Hiller annotierte und an den Absender zur\u00fcckschickte. Eine der interessantesten Stellen ist dabei ein Ausschnitt aus dem Scherzo h-moll, Takte 43\u201357:<\/p>\n<div id=\"attachment_5609\" style=\"width: 631px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/7371-2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5609\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5609\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/7371-2.jpg\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/7371-2.jpg 1693w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/7371-2-300x132.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/03\/7371-2-1024x453.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 621px) 100vw, 621px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5609\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus dem Brief Mikulis und Hillers. Original verschollen, Kopie in Warschau, Bibliothek des Fryderyk Chopin Instituts, Signatur F. 7371. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung<\/p><\/div>\n<p>Mikuli m\u00f6chte wissen, ob an den mit A, B und C markierten Stellen ein Haltebogen stehen soll oder nicht. Hiller notiert seine Vorstellungen in das Beispiel hinein, setzt jedoch bei A Halteb\u00f6gen an die falsche Stelle und korrigiert sich selbst bei C. Um alle Missverst\u00e4ndnisse auszur\u00e4umen, erg\u00e4nzt er Mikulis darunter stehende Frage, sodass der Satz nun lautet: \u201eEs geh\u00f6rt an den Stellen A, B zwischen beyde h eine Ligatur | bei C. keine.\u201c<\/p>\n<p>Das klingt nach gro\u00dfer Entschiedenheit. Die falschen bzw. korrigierten Eintragungen im Notenbeispiel deuten jedoch darauf hin, dass sich Hiller seiner Sache keineswegs sicher war. Verwunderlich ist das nicht, schlie\u00dflich lag damals seine Bekanntschaft mit Chopin mehr als 40 Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Worin aber liegt die Unsicherheit Hillers und Mikulis \u2013 sowie \u00fcbrigens der meisten Pianisten unserer Tage, denn es ist eine ber\u00fchmte \u201eChopin-Stelle\u201c \u2013 begr\u00fcndet? Die Wurzel des \u00dcbels liegt, wie so oft, in den Quellen. Ein Autograph ist nicht \u00fcberliefert, lediglich drei Erstausgaben (Paris: Schlesinger, Leipzig: Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, London: Wessel), von denen die deutsche und englische mehrfach korrigiert nachgedruckt wurde. Die Pariser Ausgabe strotzt von Fehlern, eine Korrekturlesung Chopins muss man hier ausschlie\u00dfen; dennoch geht sie vermutlich direkt auf das verschollene Autograph zur\u00fcck. Die Leipziger und Londoner Ausgaben wurden auf der Basis der franz\u00f6sischen Erstausgabe erstellt \u2013 durch Chopins H\u00e4nde gingen sie nicht.<\/p>\n<p>Die genannten Drucke geben die oben zitierte Stelle in allen erdenklichen Varianten wieder. Erschwerend kommt hinzu, dass die Haltebogen-Passage aufgrund der Wiederholungsstruktur des Scherzos insgesamt f\u00fcnfmal (mit geringen Abweichungen) in allen Drucken ausnotiert ist. Und keine Ausgabe gibt sie an allen f\u00fcnf Stellen auf die gleiche Weise wieder.<\/p>\n<p>Da es m\u00fchsam ist, an dieser Stelle auf alle Details einzugehen (bitte schauen Sie in den Kritischen Bericht der demn\u00e4chst erscheinenden Ausgabe) gebe ich im Folgenden nur statistische Tendenzen an: Die franz\u00f6sische Erstausgabe sticht nur wenige Halteb\u00f6gen. Darin folgt ihr die englische Erstausgabe. Die deutsche Erstausgabe setzt hingegen an fast allen Stellen Halteb\u00f6gen. Eine sp\u00e4tere Auflage tilgt sie allerdings wieder. Um die Verwirrung komplett zu machen, werden fast alle Halteb\u00f6gen in einer sp\u00e4teren Auflage der englischen Erstausgabe erg\u00e4nzt. Was war geschehen?<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nur spekulieren.<br \/>\nSzenario 1). Das Autograph setzte urspr\u00fcnglich konsequent Halteb\u00f6gen, die Chopin in einem Korrekturgang inkonsequent tilgte (oder das Autograph war schon zu Beginn in dieser Hinsicht inkonsequent). Entsprechend stechen die franz\u00f6sische und englische Erstausgabe zumeist keine Halteb\u00f6gen. Die deutsche Erstausgabe wurde von einem Lektor durchgesehen, der sinngem\u00e4\u00df Halteb\u00f6gen erg\u00e4nzte.<\/p>\n<p>Szenario 2) Das Autograph enthielt Halteb\u00f6gen, die in der franz\u00f6sischen Erstausgabe zun\u00e4chst gestochen wurden. Breitkopf &amp; H\u00e4rtel erhielten von Schlesinger einen Fahnenabzug und stachen entsprechend die Halteb\u00f6gen. In der Zwischenzeit lie\u00df Chopin in einem Korrekturgang die Halteb\u00f6gen bei Schlesinger wieder entfernen, woraufhin Wessel einen inkonsequent korrigierten Fahnenabzug von Schlesinger als Vorlage enthielt. Gegen dieses Szenario spricht, dass Chopin in einem Korrekturgang f\u00fcr Schlesinger vermutlich auch die zahlreichen \u00fcbrigen Stichfehler eliminiert h\u00e4tte. Zudem sind in Schlesingers Druck keine Spuren von Plattenkorrekturen erkennbar.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen in den sp\u00e4teren Auflagen der deutschen und englischen Erstausgaben kamen vermutlich dadurch zustanden, dass die Verlage versuchten, ihre Drucke an die europ\u00e4ischen Parallelausgaben anzugleichen. Dabei griffen sie jeweils auf unterschiedliche Vorlagen zur\u00fcck. Das Verwirrspiel geht in den sp\u00e4teren Ausgaben des 19. und 20. Jahrhunderts munter weiter. Mikuli folgt in seiner Edition \u00fcbrigens tats\u00e4chlich den Empfehlungen aus Hillers Antwortschreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr unserer Ausgabe habe ich mich entschieden, die franz\u00f6sische Erstausgabe als ma\u00dfgeblich anzusehen. Ich gehe davon aus, dass die wenigen Halteb\u00f6gen, die dort an den fraglichen Stellen notiert sind, versehentlich stehen blieben und dass Chopin alle Parallelstellen gleichlautend mit neu angeschlagener Oktave h h\u00f6ren wollte. Sicher bin ich mir nicht. Chopins letztes Wort zu der Stelle ist leider nirgends \u00fcberliefert, und nur das verschollene Autograph k\u00f6nnte Licht ins Dunkel bringen \u2013 eher jedenfalls als Hillers Erinnerungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass Chopin-Varianten einen Herausgeber \u2013 der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/03\/21\/verwirrung-um-haltebogen-in-chopins-scherzo-h-moll\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,105,87,423,304,88,569,301,288,20,568,3,291,567],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5608"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5608"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5608\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}