{"id":576,"date":"2012-04-16T08:00:30","date_gmt":"2012-04-16T06:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=576"},"modified":"2016-04-01T15:53:44","modified_gmt":"2016-04-01T13:53:44","slug":"auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-takt-bachs-c-dur-praeludium-aus-dem-wohltemperierten-klavier-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/04\/16\/auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-takt-bachs-c-dur-praeludium-aus-dem-wohltemperierten-klavier-i\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem verlorenen Takt: Bachs C-dur-Praeludium aus dem Wohltemperierten Klavier I"},"content":{"rendered":"<p>Kenner unter unseren Lesern werden wissen, dass zur ber\u00fchmten Er\u00f6ffnung von Bachs Wohltemperiertem Klavier I ein zus\u00e4tzlicher Takt durch die Musikwelt geistert, bekannt unter dem Namen \u201eSchwencke-Takt\u201c. <!--more-->Die Henle-Urtextausgabe des Werkes umfasst 35 Takte, mit dem \u201eSchwencke-Takt\u201c hat das St\u00fcck 36 Takte. Falls er tats\u00e4chlich in das Pr\u00e4ludium einzuf\u00fcgen w\u00e4re \u2013 und das wird zu diskutieren sein \u2013 m\u00fcsste zwischen Takt 22 und 23 Folgendes stehen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/04\/nb01.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-594\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/04\/nb01.jpg\" alt=\"\" width=\"341\" height=\"175\" \/><\/a><\/p>\n<p>Schaut man sich ein wenig im Internet um, best\u00e4tigt sich, dass dieser omin\u00f6se Einschub tats\u00e4chlich nach wie vor f\u00fcr Verwirrung sorgt. In Diskussionsforen werden verschiedene Ausgaben verglichen, die den Takt aufweisen oder eben nicht. Und manch einer stellt die berechtigte Frage: Was ist hier nun Bach und was nicht?<\/p>\n<p>Die Quellenlage zum Wohltemperierten Klavier ist sp\u00e4testens seit Erscheinen der \u201eNeuen Ausgabe S\u00e4mtlicher Werke\u201c eindeutig gekl\u00e4rt. Die wichtigste Quelle f\u00fcr den Notentext ist das Autograph, in das Bach selbst in mehreren Stadien Korrekturen eintrug und das somit die g\u00fcltige Gestalt des Notentextes eindeutig \u00fcberliefert. Das Autograph des C-dur-Praeludiums umfasst 35 Takte, kommt also ohne den \u201eSchwencke-Takt\u201c aus.<\/p>\n<p>Bachs Autograph wurde jedoch immer wieder abgeschrieben. Diese Abschriften dienten erneut als Vorlage f\u00fcr weitere Abschriften, sodass sich ein weit verzweigtes Netz von Handschriften erhalten hat, die zum Teil direkt, zum Teil auf Umwegen auf Bachs Autograph zur\u00fcckgehen. Einer der Kopisten war der Hamburger Musikdirektor Christian Friedrich Gottlieb Schwencke (1767\u20131822). Er fertigte eine Handschrift des Wohltemperierten Klaviers I an, die sich nur \u00fcber mehrere heute verschollene Zwischenstufen auf das Autograph zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. In dieser Abschrift Schwenckes taucht zum ersten Mal jener zu einiger Ber\u00fchmtheit gelangte Takt auf.<\/p>\n<p>Ob Schwencke den Takt selbst erg\u00e4nzte, oder ob er bereits in einer der verschollenen Vorlagen stand, l\u00e4sst sich nicht mehr kl\u00e4ren. Wichtiger ist vielleicht die Frage, wie man \u00fcberhaupt auf die Idee kommen konnte, das Pr\u00e4ludium um einen Takt zu verl\u00e4ngern. Fehlt in Bachs Autograph etwas?<\/p>\n<p>Nun, das St\u00fcck l\u00e4sst sich fast durchg\u00e4ngig in regelm\u00e4\u00dfige Gruppen von je vier Takten unterteilen. Allerdings eben nur fast. Ein Takt mehr \u2013 und die Regelm\u00e4\u00dfigkeit w\u00e4re vollkommen! Schwencke hatte daher das Gef\u00fchl, die drei Takte 21\u201323 m\u00fcssten um einen vierten erweitert werden, zumal die harmonische Abfolge von T. 22 nach T. 23 in der Tat abrupt und k\u00fchn wirkt. Vermutlich dachte Schwencke, dieser Takt sei in der \u00dcberlieferung versehentlich abhanden gekommen und f\u00fcgte ihn in den Notentext ein. Dennoch: Dass Bach die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit und Stauchung der Takte 21\u201323 beabsichtigte, daran besteht kein Zweifel, an der Eindeutigkeit der Quellenlage ist nicht zu r\u00fctteln.<\/p>\n<p>Hermann Keller schreibt in seinem B\u00fcchlein \u00fcber das Wohltemperierte Klavier: \u201eSchwencke war ein gebildeter und kenntnisreicher Musiker, der wohl nicht daran dachte, Bach verbessern zu wollen\u201c (Hermann Keller, <em>Das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach<\/em>, Kassel etc.: B\u00e4renreiter 1965, S. 40). Offenbar war aber genau das der Fall. Die vermeintliche Verbesserung fand ihren Weg in Drucke des Wohltemperierten Klaviers; der \u201eSchwencke-Takt\u201c schaffte es allm\u00e4hlich, sich in der \u00dcberlieferungsgeschichte einzunisten.<\/p>\n<p>Den Anfang machte die Ausgabe im Bonner Verlag Simrock (1801 oder 1802), als deren Herausgeber Schwencke selbst gilt. Auch in der Peters-Ausgabe durch Carl Czerny aus dem Jahr 1837 taucht der Takt auf. In weiteren Ausgaben des 19. Jahrhunderts wird zwar bisweilen die Herkunft des Phantom-Taktes richtig gestellt. Der gro\u00dfe Erfolg der Czerny-Ausgabe \u2013 die auch heute wieder \u00fcber Internet-Portale wie die \u201ePetrucci Music Library\u201c greifbar ist \u2013 sorgte aber daf\u00fcr, dass der \u201eSchwencke-Takt\u201c gro\u00dfe Verbreitung fand. Wenig hilfreich in diesem Zusammenhang war <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=N6jtO5-Q0YY&amp;feature=fvwrel\" target=\"_blank\">Charles Gounods <em>M\u00e9ditation<\/em> \u201eAve Maria\u201c<\/a>. Dieser Evergreen und Top-Seller aus den 1850er Jahren entnahm das Bachsche Praeludium der Czerny-Ausgabe und sorgte somit daf\u00fcr, dass der \u201eSchwecke-Takt\u201c in das kollektive Kulturged\u00e4chtnis einging.<\/p>\n<p>So h\u00e4lt sich der \u201eSchwencke-Takt\u201c hartn\u00e4ckig bis in unsere Tage. <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Das+Wohltemperierte+Klavier+Teil+I+BWV+846-869_14\" target=\"_blank\">Unsere Urtextausgabe <\/a>des Praeludiums stellt den Sachverhalt eindeutig dar:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/04\/Bach-Pr\u00e4ludium.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5664\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/04\/Bach-Pr\u00e4ludium.png\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"156\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/04\/Bach-Pr\u00e4ludium.png 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/04\/Bach-Pr\u00e4ludium-300x66.png 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em><\/em>Der Fu\u00dfnotenstern zwischen T. 22 und 23 verweist auf folgende Bemerkung:<\/p>\n<p><em>1783 f\u00fcgte der Kopist Schwencke nach T 22. einen auf der Bassnote G basierenden Takt hinzu, der von zahlreichen Ausgaben \u00fcbernommen wurde. Dieser Erg\u00e4nzungstakt ist nicht authentisch.<\/em><\/p>\n<p>Auf dass sich niemand ernsthaft auf die Suche nach dem verlorenen Takt mache!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kenner unter unseren Lesern werden wissen, dass zur ber\u00fchmten Er\u00f6ffnung &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/04\/16\/auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-takt-bachs-c-dur-praeludium-aus-dem-wohltemperierten-klavier-i\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,87,310,388,301,20,3],"tags":[47,50,48,49],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=576"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}