{"id":5776,"date":"2016-05-16T08:00:27","date_gmt":"2016-05-16T06:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=5776"},"modified":"2016-05-18T12:11:20","modified_gmt":"2016-05-18T10:11:20","slug":"%e2%80%9e%e2%80%a6-die-auserste-leistungsgrenze-dieser-art-auf-dem-pianoforte%e2%80%9c-busoni-bearbeitet-bach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/05\/16\/%e2%80%9e%e2%80%a6-die-auserste-leistungsgrenze-dieser-art-auf-dem-pianoforte%e2%80%9c-busoni-bearbeitet-bach\/","title":{"rendered":"\u201e\u2026 die \u00e4u\u00dferste Leistungsgrenze dieser Art auf dem Pianoforte\u201c: Busoni bearbeitet Bach"},"content":{"rendered":"<p>In K\u00fcrze wird die zweite Ausgabe im Henle-Katalog erscheinen, die auf dem Cover den doppelten Komponistennamen <em>Bach \u00b7 Busoni<\/em> tr\u00e4gt. Busonis ber\u00fchmtes Arrangement der nicht minder ber\u00fchmten <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Chaconne+aus+der+Partita+Nr.+2+d-moll+%28Johann+Sebastian+Bach%29_557]\" target=\"_blank\">Chaconne<\/a> ist bereits l\u00e4nger bei uns erh\u00e4ltlich. Nun folgen die <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Choralvorspiele+%28Johann+Sebastian+Bach%29_1293\" target=\"_blank\">10 Choralvorspiele<\/a>.<\/p>\n<p>Fast m\u00fcsste man von 11 \u00bd Choralvorspielen sprechen, denn unsere Edition bringt zus\u00e4tzlich zu den bekannten 10 Orgel-\u00dcbertragungen einerseits eine zweite Version der Nr. 1 (\u201eKomm, Gott, Sch\u00f6pfer\u201c), die seit der Erstver\u00f6ffentlichung 1916 nun erstmals wieder zug\u00e4nglich gemacht wird; diese Zweitfassung, die nur in Teilen einen wirklich neuen Notentext enth\u00e4lt, mag man als \u201ehalbes\u201c neues Choralvorspiel z\u00e4hlen. Ein vollg\u00fcltiges neues Werk ist andererseits die Transkription des Orgelchoralvorspiels \u201eAus tiefer Not schrei\u2018 ich zu dir\u201c. Unsere Herausgeber haben das St\u00fcck im Nachlass Busonis (Staatsbibliothek zu Berlin \u00b7 Preu\u00dfischer Kulturbesitz) entdeckt. Die Quelle ist inzwischen als <a href=\"http:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht\/?PPN=PPN824435206&amp;PHYSID=PHYS_0001\" target=\"_blank\">Digitalisat<\/a> einzusehen; in einer Urtextausgabe erscheint das Werk nun allerdings zum ersten Mal.<!--more--><\/p>\n<p>Busoni scheint dieses Arrangement in der Tat urspr\u00fcnglich f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung vorgesehen zu haben. Ein explizites Notabene \u201ef\u00fcr den Stecher\u201c (rechts oben auf der ersten Manuskriptseite) legt diese Vermutung nahe. Zum Druck kam es jedoch nie. Warum? War Busoni mit dem Klaviersatz nicht zufrieden? Er selbst r\u00e4umt in der Fu\u00dfnote auf der ersten Seite ein: \u201eDer Vortrag eines <span style=\"text-decoration: underline\">polyphonen<\/span> sechsstimmigen Satzes bildet so ziemlich die \u00e4u\u00dferste Leistungsgrenze dieser Art auf dem Pianoforte\u201c. Wir m\u00fcssen dem Komponisten Recht geben. Der Klaviersatz ist ausgesprochen dicht. Fast m\u00f6chte man zweifeln, ob es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, diese Menge an Noten mit zehn Fingern zu bew\u00e4ltigen. Ich habe es versucht: Es geht dann doch verbl\u00fcffend gut \u2013 aber Sechsstimmigkeit l\u00e4sst sich auf der Orgel zweifellos besser darstellen als auf dem Klavier. Die vermutlich 4 Jahre sp\u00e4ter entstandenen \u2013 und dann auch ver\u00f6ffentlichten \u2013 10 Choralvorspiele sind jedenfalls deutlich pianistischer angelegt. Vielleicht war \u201eAus tiefer Not\u201c eine \u00fcbertragungstechnische Finger\u00fcbung, eine Vorstufe, \u00fcber die Busoni mit den publizierten Choralvorspielen hinausgewachsen war. M\u00f6glicherweise hatte Busoni diesen \u201e\u00dcbertragungs-Versuch\u201c (so der Titel) noch im Hinterkopf, als er im Vorwort zur Erstausgabe der 10 Choralvorspiele von 1898 schrieb:<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em>Was den Herausgeber veranlasste, eine Auswahl Bach\u2019scher Choralvorspiele f\u00fcr das Pianoforte zu umschreiben, war weniger die Absicht, eine Probe der \u00dcbertragungskunst abzulegen, als vielmehr der Wunsch, ein gr\u00f6\u00dferes Publikum f\u00fcr diese an Kunst, Empfindung und Phantasie so reichen Kompositionen des Meisters zu interessieren und damit in musikliebenden Kreisen allm\u00e4hlich das Verlangen zu erwecken, auch die \u00fcbrigen Werke dieser Gattung (\u00fcber hundert an Zahl) kennen zu lernen.<\/p>\n<p>Die Art der \u00dcbertragung, die wir im Gegensatz zu den \u201e<em>Konzertbearbeitungen<\/em>\u201c als eine solche \u201eim <em>Kammerstil<\/em>\u201c bezeichneten, stellt an die technische F\u00e4higkeit des Spielers nur selten die h\u00f6chsten Anforderungen; will man zu diesen nicht die Kunst des Anschlages z\u00e4hlen, der es bei dem Vortrage dieser Choralvorspiele allerdings im umfassendsten Ma\u00dfe bedarf.\u201c<\/p>\n<p>In unserer Urtextausgabe erscheint \u201eAus tiefer Not\u201c im Anhang \u2013 m\u00f6gen nun Pianisten die Nr. 11 mit den \u00fcbrigens 10 \u00bd St\u00fccken vergleichen und \u00fcberlegen, aus welchen Gr\u00fcnden Busoni das St\u00fcck nie hat drucken lassen.<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>Zum Schluss noch ein kleines Textproblem, das zeigt, wie schwierig der Umgang mit Bearbeitungsausgaben ist. In T. 20 schreibt Busoni im mittleren System (1. Note) ein <em>f<\/em>:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/Bach-Busoni-S-37-6k.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"alignleft size-full wp-image-5786\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/Bach-Busoni-S-37-6k.jpg\" width=\"5789\" height=\"1768\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/Bach-Busoni-S-37-6k.jpg 5789w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/Bach-Busoni-S-37-6k-300x91.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/Bach-Busoni-S-37-6k-1024x312.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 5789px) 100vw, 5789px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00dcber den herben Klang der Note erschrickt vermutlich jeder Pianist. Ein Fehler Busonis?<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>Um das herauszufinden, mussten wir die Quellen zur Bach-Vorlage heranziehen. Der autorisierte Erstdruck von 1739 schreibt tats\u00e4chlich <em>f<\/em>; in einigen Exemplaren wurde dieses <em>f<\/em> sp\u00e4ter zu <em>fis<\/em> korrigiert \u2013 aber nicht in allen. Busoni verwendete f\u00fcr seine Bearbeitung aber vermutlich nicht Bachs Original-Druck, sondern entweder die Ausgabe von Griepenkerl\/Roitzsch (1847) oder die alte Bach-Ausgabe (1853). Bei Griepenkerl steht <em>f<\/em>, die alte Bach-Ausgabe schreibt fis. Diese Quellenlage wirft etliche Fragen auf, die sich kaum beantworten lassen. Naheliegend ist lediglich, dass sich Busoni offenbar an Griepenkerl orientierte. \u00dcbernahm er dabei mit dem <em>f<\/em> einen Fehler? Schrieb Busoni bewusst <em>f <\/em>oder eher \u201eunreflektiert\u201c, ohne die Note zu hinterfragen? Und auf einer anderen Ebene: Wiegt Bachs Original (dessen Lesart allerdings nicht eindeutig ist) mehr oder das Autograph der Busoni-Bearbeitung? Wer ist ma\u00dfgeblich f\u00fcr den korrekten Text der Transkription: Der Komponist des Originals oder der Arrangeur?<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss hier noch \u2013 zur Entspannung \u2013 meine pers\u00f6nliche Lieblingsaufnahme eines der bekanntesten Bach\/Busoni-Choralvorspiele, der Nr. 3, \u201eNun komm\u2019 der Heiden Heiland\u201c mit Vladimir Horowitz:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/JnNUbeR_SjQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In K\u00fcrze wird die zweite Ausgabe im Henle-Katalog erscheinen, die &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/05\/16\/%e2%80%9e%e2%80%a6-die-auserste-leistungsgrenze-dieser-art-auf-dem-pianoforte%e2%80%9c-busoni-bearbeitet-bach\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[310,472,574,301,20,3,496],"tags":[573,118],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5776"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5776"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5776\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}