{"id":5797,"date":"2016-05-30T08:00:56","date_gmt":"2016-05-30T06:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=5797"},"modified":"2016-05-25T11:00:03","modified_gmt":"2016-05-25T09:00:03","slug":"ein-%e2%80%9efauler-apfel%e2%80%9c-in-camille-saint-saens%e2%80%99-2-cellosonate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/05\/30\/ein-%e2%80%9efauler-apfel%e2%80%9c-in-camille-saint-saens%e2%80%99-2-cellosonate\/","title":{"rendered":"Ein \u201efauler Apfel\u201c in Camille Saint-Sa\u00ebns\u2019 2. Cellosonate?"},"content":{"rendered":"<p>Vom Genie-Gedanken der Romantik war Saint-Sa\u00ebns denkbar weit entfernt. Musik sei die Kunst, T\u00f6ne nacheinander beziehungsweise miteinander zu kombinieren, \u00e4u\u00dferte er einmal, und was seine k\u00fcnstlerische Produktion angehe, so bringe er gem\u00e4\u00df seiner naturgegebenen Anlage musikalische Werke hervor \u2013 so wie ein Apfelbaum \u00c4pfel hervorbringe. Dieser Vergleich mag zun\u00e4chst befremden, entspricht aber vollkommen der \u00c4sthetik von Saint-Sa\u00ebns, der Form und Handwerk beim Komponieren in den Vordergrund stellte.<!--more--><\/p>\n<p>Herausgeber von Urtext-Editionen profitieren insofern von dieser n\u00fcchternen Sicht, als Saint-Sa\u00ebns die nach dem Entwurfsstadium festgelegte Konzeption f\u00fcr seine Werke meist als definitiv ansah. W\u00e4hrend viele seiner Zeitgenossen noch in Abschriften oder Druckfahnen teilweise einschneidende \u00c4nderungen vornahmen, behielt er die Version des Autographs bis in Details hinein in aller Regel unver\u00e4ndert bis zur Ver\u00f6ffentlichung bei.<\/p>\n<p>Diese Methode schr\u00e4nkt die Zahl der Varianten beim Quellenvergleich von vornherein ein. Sie bedeutet aber keineswegs, dass nicht doch fragw\u00fcrdige Stellen auftreten, in denen der Herausgeber Entscheidungen treffen muss \u2013 gelegentlich sogar gegen die Quellen.<\/p>\n<p>Als Beispiel mag Saint-Sa\u00ebns\u2019 2. Cellosonate F-dur op. 123 dienen, zu der ich gerade eine neue Urtext-Edition vorbereite (<a href=\"http:\/\/henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violoncellosonate+Nr.+2+F-dur+op.+123_1280\" target=\"_blank\">HN 1280<\/a>). Das Autograph zu der 1905 entstandenen Komposition ist nur f\u00fcr den ersten Satz erhalten. Der Vergleich der Quellen f\u00fcr diesen Satz zeigt, dass Saint-Sa\u00ebns so manche Stichfehler in den Druckfahnen \u00fcbersah. In Takt 34 beispielsweise wandert im Klavier die Figur der rechten Hand parallel zur linken abw\u00e4rts. Die drei 32stel-Noten der letzten Gruppe m\u00fcssen daher <em>des\u2013f\u2013des<\/em><sup>1<\/sup> lauten, in der Erstausgabe (und auch noch in der gegenw\u00e4rtigen Durand-Edition) finden wir dagegen <em>f\u2013as\u2013des<\/em><sup>1<\/sup> \u2013 eine typische Terzverwechslung des Stechers, wie der Vergleich mit dem identischen Vortakt zeigt (Takt 34 ist daher im Autograph gar nicht ausnotiert).<\/p>\n<div id=\"attachment_5804\" style=\"width: 627px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/1-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5804\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5804\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/1-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"617\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/1-Kopie.jpg 3439w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/1-Kopie-300x181.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/1-Kopie-1024x618.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 617px) 100vw, 617px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5804\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, Takte 32\u201336<\/p><\/div>\n<p>In Takt 12 sehen wir, dass Saint-Sa\u00ebns auch hier und da Nachl\u00e4ssigkeiten bei der Niederschrift unterliefen. Vor der jeweils 10. Note <em>c<\/em> fehlt in den in Oktaven gef\u00fchrten Triolen im Klavier ein Aufl\u00f6sungszeichen; offenbar \u00fcbersah der Komponist, dass er zuvor den melodischen Vorhalt <em>cis<\/em> (3. Note) notiert hatte (die gewollte Folge <em>c\u2013d\u2013e<\/em> in dieser 4. Triole ist eindeutig, da sie noch im selben Takt eine Oktave h\u00f6her wiederholt wird).<\/p>\n<div id=\"attachment_5805\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/2-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5805\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5805\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/2-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"610\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/2-Kopie.jpg 3252w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/2-Kopie-300x100.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/2-Kopie-1024x343.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5805\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, Takte 11\u201312<\/p><\/div>\n<p>Die Erstausgabe folgt genau dem Autograph, das als Stichvorlage diente:<\/p>\n<div id=\"attachment_5807\" style=\"width: 626px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/3-Kopie1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5807\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5807\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/3-Kopie1.jpg\" alt=\"\" width=\"616\" height=\"318\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/3-Kopie1.jpg 2417w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/3-Kopie1-300x155.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/3-Kopie1-1024x530.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 616px) 100vw, 616px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5807\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, Takt 12<\/p><\/div>\n<p>Erst ein um 1910 erschienener Nachdruck korrigiert die Stelle:<\/p>\n<div id=\"attachment_5809\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/4-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5809\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5809\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/4-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/4-Kopie.jpg 1486w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/4-Kopie-300x157.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/4-Kopie-1024x538.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5809\" class=\"wp-caption-text\">Nachdruck, Takt 12<\/p><\/div>\n<p>Ist in diesen F\u00e4llen unabh\u00e4ngig vom Quellenbefund der intendierte \u201eUrtext\u201c eindeutig, so gibt es an einer anderen Stelle Zweifel. Ab Takt 94 setzt im Klavier eine abw\u00e4rts gerichtete Folge von regul\u00e4ren und gebrochenen Oktaven ein, die die R\u00fcckleitung zum Eingangsmotiv des Satzes (das Takt 97 im Klavier erscheint) ausschm\u00fcckt. Harmonisch handelt es sich um eine simple Dominante-Tonika-Folge, wie sie im Cello deutlich mit <em>C<\/em>\/<em>c<\/em>\/<em>g<\/em>\/<em>e<\/em><sup>1<\/sup> \u2013 <em>F<\/em> zum Voschein kommt. Insofern w\u00fcrde man ab Takt 95 im Klavier die absteigende Sequenz <em>b\u2013g\u2013e\u2013c<\/em> etc. erwarten, also mit den Noten des Septakkords von C-dur, der sich Takt 97 nach F-dur l\u00f6st.<\/p>\n<div id=\"attachment_5810\" style=\"width: 624px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/5-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5810\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5810\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/5-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"614\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/5-Kopie.jpg 1924w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/5-Kopie-300x244.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/5-Kopie-1024x833.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 614px) 100vw, 614px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5810\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, Takt 95\u201399<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_5811\" style=\"width: 626px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/6-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5811\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5811\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/6-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"616\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/6-Kopie.jpg 1689w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/6-Kopie-300x92.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/6-Kopie-1024x317.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 616px) 100vw, 616px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5811\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, Takt 95\u201396.<\/p><\/div>\n<p>Demgegen\u00fcber aber notiert Saint-Sa\u00ebns <em>b\u2013g\u2013e\u2013cis\u2013e\u2013d<\/em> (und wiederholt diese Folge in den nachfolgenden Oktaven), vermeidet also den Grundton der Dominante und ersetzt ihn gleichsam durch <em>d<\/em>, welches durch die Nebent\u00f6ne <em>cis<\/em> und <em>e<\/em> vorbereitet wird.<\/p>\n<p>Bis hierher erscheint der uns angebotene \u201eApfel\u201c \u2013 um das eingangs zitierte Bonmot des Komponisten wieder aufzugreifen \u2013, noch frisch und essbar. Wie sieht es aber damit am Ende der Folge, in Takt 96, Z\u00e4hlzeit 4 aus? Ist hier <em>cis<\/em> nach dem Modell zuvor oder doch <em>c<\/em> im Blick auf das F-dur zu Beginn von Takt 97 gemeint? In beiden F\u00e4llen w\u00e4ren Vorzeichen zu erwarten \u2013 entweder \u266e als Warnvorzeichen vor <em>c<\/em> oder erneut \u266f. Aber weder im Autograph noch in der Erstausgabe finden sich solche Vorzeichen. Haben wir also hier einen \u201efaulen Apfel\u201c im \u201eBaum\u201c von Op. 123?<\/p>\n<p>Der schon erw\u00e4hnte Nachdruck, der einige offensichtliche Fehler der Erstausgabe korrigiert, aber vermutlich ohne Beteiligung des Komponisten erschien, erg\u00e4nzt \u266f vor dem tiefen <em>C<\/em><sub>1<\/sub>, (\u266f vor <em>C<\/em> gilt ja noch) und deutet demzufolge eine Fortsetzung des aus Takt 95 bekannten Modells an. Diese Erg\u00e4nzung mutet jedoch insofern inkonsequent an, als jetzt nur die linke Hand <em>cis<\/em>, die rechte aber weiterhin <em>c<\/em> spielt.<\/p>\n<div id=\"attachment_5812\" style=\"width: 627px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/7-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5812\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5812\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/7-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"617\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/7-Kopie.jpg 2456w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/7-Kopie-300x96.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/7-Kopie-1024x330.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 617px) 100vw, 617px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5812\" class=\"wp-caption-text\">Nachdruck, Takt 95\u201396.<\/p><\/div>\n<p>Schaut man sich das Autograph genauer an, f\u00e4llt auf, dass bereits in Takt 95 Vorzeichen fehlen. Saint-Sa\u00ebns notierte n\u00e4mlich \u266d nur einmal zu Beginn des Takts, wegen der ver\u00e4nderten Oktavlage m\u00fcsste es aber in Z\u00e4hlzeit 4 erneut stehen. Offenbar folgt der Komponist hier dem \u00e4lteren (und an sich zu seiner Zeit nicht mehr g\u00fcltigen) Prinzip, wonach Vorzeichen bis auf Widerruf f\u00fcr alle nachfolgenden Oktavlagen zu gelten haben. Legt man dieses Prinzip zugrunde, besteht kein Zweifel mehr am vierfachen <em>cis<\/em> Ende Takt 96.<\/p>\n<p>In unserer Edition wird daher dieser Lesart der Vorzug gegeben.<\/p>\n<div id=\"attachment_5813\" style=\"width: 629px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/8.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5813\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5813\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/8.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/8.jpg 3582w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/8-300x194.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/05\/8-1024x663.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5813\" class=\"wp-caption-text\">HN 1280, Takt 95\u201396<\/p><\/div>\n<p>Ein Rest an Zweifel bleibt jedoch, sodass sich eine zus\u00e4tzliche Fu\u00dfnote empfiehlt. Was meinen Sie, verehrte Leser?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Genie-Gedanken der Romantik war Saint-Sa\u00ebns denkbar weit entfernt. 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