{"id":6292,"date":"2016-11-14T08:00:09","date_gmt":"2016-11-14T07:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6292"},"modified":"2020-01-21T10:10:39","modified_gmt":"2020-01-21T09:10:39","slug":"johann-jacob-froberger-zum-400-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/11\/14\/johann-jacob-froberger-zum-400-geburtstag\/","title":{"rendered":"Johann Jacob Froberger zum 400. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Manchem Urtext-Enthusiasten wird schon im Jahr 2014 aufgefallen sein, dass der G. Henle Verlag nun auch die \u201eVor-Bachische\u201c Zeit erkundet. In jenem Jahr erschien eine <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=S%C3%A4mtliche+Werke+f%C3%BCr+Tasteninstrument_956\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Edition<\/a> s\u00e4mtlicher Werke f\u00fcr Tasteninstrument von Johann Kuhnau. Zugegebenerma\u00dfen ist Kuhnau nicht allzu weit entfernt von Bach: Er war nur 25 Jahre \u00e4lter als jener und war zudem sein Vorg\u00e4nger im Amt des Leipziger Thomaskantors.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun jedoch wagen wir uns weiter zur\u00fcck in der Musikgeschichte und legen zu Johann Jacob Frobergers 400. Geburtstag eine Sammlung mit <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ausgew%C3%A4hlte+Werke+f%C3%BCr+Tasteninstrument_1361\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ausgew\u00e4hlten Werken f\u00fcr Tasteninstrument<\/a> vor. Froberger (1616\u20131667) war f\u00fcr die Entwicklung der \u201eClavier\u201c-Musik und insbesondere der Gattung der Suite von zentraler Bedeutung. Er genie\u00dft bis heute einen legend\u00e4ren Ruf, obwohl (oder gerade weil?) wir \u00fcber seine Biographie nur wenig wissen. In Stuttgart geboren, wurde er am Hof in Wien ausgebildet. Froberger unternahm diverse Reisen in europ\u00e4ische Musikzentren, seine wichtigste Wirkungsst\u00e4tte sollte aber der Wiener Hof zur Zeit Ferdinands III. werden. Ihm, dem Kaiser, widmete er jene zwei autographen Prachthandschriften, die \u201eLibro Secondo\u201c (1649) und \u201eLibro Quarto\u201c (1654) betitelt sind. Zwar sind noch zwei weitere autographe Sammlungen \u00fcberliefert (eine tauchte erst 2006 auf!), von einem \u201eLibro Primo\u201c bzw. \u201eTerzo\u201c fehlt jedoch jede Spur. Ein weiterer Faktor, der das Geheimnisvolle um Froberger und sein Werk verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Froberger-Auswahl st\u00fctzt sich ausschlie\u00dflich auf das \u201eLibro Secondo\u201c von 1649 und bringt jeweils ein Beispiel f\u00fcr jede der dort gesammelten Gattungen: eine Toccata, Fantasia und Canzon sowie die als Variationszyklus angelegte Suite \u201eauff die Mayerin\u201c. Gl\u00fccklicherweise kann sich heutzutage jeder Interessierte selbst ein Bild von der autographen Quelle machen, denn die \u00d6sterreichische Nationalbibliothek stellt auf ihrer Website Farbscans des \u201e<a href=\"http:\/\/search.obvsg.at\/primo_library\/libweb\/action\/search.do;jsessionid=A9817417138FF34F02BB91A1ACA1546D?fn=search&amp;ct=search&amp;initialSearch=true&amp;mode=Basic&amp;tab=onb_digital&amp;indx=1&amp;dum=true&amp;srt=rank&amp;vid=ONB&amp;frbg=&amp;tb=t&amp;vl%28freeText0%29=froberger+secondo&amp;scp.scps=scope%3A%28ONB_aleph_online_ausgabe%29&amp;vl%281UI0%29=contains\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Libro Secondo<\/a>\u201c zur Verf\u00fcgung. Das pr\u00e4chtig gestaltete Titelblatt und die Kopftitel mit Schmuck-Initialen stammen zwar nicht von Froberger, sondern von einem Illustrator; den Notentext hingegen schrieb der Komponist selbst in bewundernswert kalligraphischer Klarheit nieder. Ein wahres Fest f\u00fcr die Augen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Fest auch f\u00fcr Editoren \u2013 davon durfte ich mich als Lektor unseres Herausgebers und ausgewiesenen Froberger-Spezialisten Peter Wollny \u00fcberzeugen. Das Autograph Frobergers ist so gut wie fehlerfrei und stets bestens zu lesen. Lesarten-Probleme, mit denen wir in unserem Urtext-Alltag dauernd zu k\u00e4mpfen haben, l\u00e4sst eine solche Quelle gar nicht erst aufkommen. Eine leichte \u00dcbung, k\u00f6nnte man meinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Froberger-Geburtstagsausgabe dennoch einer Urtext-Kommentierung bedarf, liegt vor allem an der enormen zeitlichen Distanz von 400 Jahren, die es f\u00fcr eine moderne Edition zu \u00fcberbr\u00fccken gilt. Denn Frobergers autographe Notation weicht gravierend von unseren heutigen Gepflogenheiten ab. Zur Veranschaulichung unten zwei Beispiele: Der Beginn der in unserer Ausgabe enthaltenen Toccata und Fantasia, jeweils in der Notation der Quelle und gem\u00e4\u00df unserer Urtextausgabe.<\/p>\n<div id=\"attachment_6303\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-Toccata.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6303\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-6303\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-Toccata.jpg\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-Toccata.jpg 1638w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-Toccata-300x214.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-Toccata-1024x732.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6303\" class=\"wp-caption-text\">Autograph<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_6305\" style=\"width: 631px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/toccata.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6305\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-6305\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/toccata.jpg\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"504\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/toccata.jpg 1103w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/toccata-300x243.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/toccata-1024x831.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 621px) 100vw, 621px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6305\" class=\"wp-caption-text\">Henle-Ausgabe<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_6304\" style=\"width: 633px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-fantasia.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6304\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-6304\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-fantasia.jpg\" alt=\"\" width=\"623\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-fantasia.jpg 1606w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-fantasia-300x218.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/A-fantasia-1024x746.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6304\" class=\"wp-caption-text\">Autograph<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_6307\" style=\"width: 629px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/fantasia.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6307\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-6307\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/fantasia.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/fantasia.jpg 1177w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/fantasia-300x132.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/fantasia-1024x450.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6307\" class=\"wp-caption-text\">Henle-Ausgabe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unterschiede fallen schnell ins Auge. In der Toccata notiert Froberger im oberen System auf sechs und im unteren auf sieben Linien. Die Fantasia verwendet zwar 5-Linien-Systeme, wird aber in Partitur notiert, d.h., jede der vier Stimmen bekommt ein eigenes System. Auch die Schl\u00fcsselung unterscheidet sich in der Quelle vom modernen Klaviersatz. Zudem schreibt Froberger im Autograph zwar jeweils eine Taktangabe vor, setzt jedoch die Taktstriche ziemlich unregelm\u00e4\u00dfig (siehe vor allem den Beginn der Toccata).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spezialisten f\u00fcr Alte Musik sind in dieser Notation vermutlich so \u201ezu Hause\u201c, dass sie aus einem Froberger-Autograph problemlos musizieren k\u00f6nnen. Klassisch ausgebildeten Pianisten wird das jedoch nur schwer gelingen. Wir m\u00f6chten mit unserem Auswahlband aber auch diejenigen Musiker ansprechen, die sich Frobergers Klangwelt auf dem modernen Klavier erschlie\u00dfen wollen. Das Ziel unserer Edition war daher, zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert zu vermitteln. Peter Wollny formuliert das in seinem Vorwort so: \u201eDie vorliegende Edition versucht, die Eigenheiten der Notation des Autographs beizubehalten, soweit diese die Lesbarkeit nicht beeintr\u00e4chtigen und sich mit der modernen Klaviernotation vereinbaren lassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konkret hei\u00dft das: Notensysteme, Schl\u00fcsselung und Vorzeichensetzung werden der heute \u00fcblichen Notation angepasst. Die Setzung von Taktstrichen hingegen ist heikler. Es ist zu vermuten, dass die \u201efehlenden\u201c Taktstriche bei Froberger kein Versehen sind, sondern gr\u00f6\u00dfere metrische Einheiten sichtbar zusammenfassen sollen. Diese Information sollte in einer modernen Edition keinesfalls verloren gehen. Wir haben daher Abstand davon genommen, normierte, moderne Taktstriche gem\u00e4\u00df Taktvorgabe zu setzen. Um aber dennoch Orientierungshilfen zu bieten, f\u00fcgt unsere Ausgabe kurze Striche jeweils in die Systeme ein, sogenannte \u201eMensurstriche\u201c:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mensurstrich.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6310\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mensurstrich.jpg\" alt=\"\" width=\"551\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mensurstrich.jpg 1342w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mensurstrich-300x130.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mensurstrich-1024x447.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 551px) 100vw, 551px\" \/><\/a>Als Kostprobe aus unserer Geburtstagsausgabe sei Ihnen folgende Aufnahme der \u201eMayerin\u201c empfohlen, das vielleicht beliebteste Werk Frobergers.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mayerin.mp3\">Variationen &#8220;auff die Mayerin&#8221;<\/a><\/p>\n<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-6292-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mayerin.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mayerin.mp3\">https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/11\/Mayerin.mp3<\/a><\/audio>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchem Urtext-Enthusiasten wird schon im Jahr 2014 aufgefallen sein, dass &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/11\/14\/johann-jacob-froberger-zum-400-geburtstag\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,617,347,301,3,33,602],"tags":[612,613,614,615],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6292"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6292"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8622,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6292\/revisions\/8622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}