{"id":6369,"date":"2016-12-12T08:00:42","date_gmt":"2016-12-12T07:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6369"},"modified":"2016-12-08T12:34:39","modified_gmt":"2016-12-08T11:34:39","slug":"herbstliche-gedanken-zum-%e2%80%9ebunten-blatt%e2%80%9c-in-fis-moll-von-robert-schumann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/12\/12\/herbstliche-gedanken-zum-%e2%80%9ebunten-blatt%e2%80%9c-in-fis-moll-von-robert-schumann\/","title":{"rendered":"Herbstliche Gedanken zum \u201eBunten Blatt\u201c in fis-moll von Robert Schumann"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_6374\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/12\/bunte_blaetter_cover_erstausgabe.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6374\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-6374 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/12\/bunte_blaetter_cover_erstausgabe-791x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"243\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/12\/bunte_blaetter_cover_erstausgabe-791x1024.jpg 791w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/12\/bunte_blaetter_cover_erstausgabe-231x300.jpg 231w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6374\" class=\"wp-caption-text\">Robert Schumann, Bunte Bl\u00e4tter op. 99, Erstausgabe, Robert-Schumann-Haus Zwickau, Archiv-Nr.: 1996.23-D1; der Download des Bildes ist verboten. Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken.<\/p><\/div>\n<p><em><strong>Ein kleines Geburtstagsgeschenk<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong> f\u00fcr Andr\u00e1s Schiff (Dezember 2016)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Bunte Bl\u00e4tter \u00fcberall in den B\u00e4umen und auf den Wegen. Jedenfalls sieht man sie hier, in der Forstenrieder Allee in M\u00fcnchen, wo der G. Henle Verlag seinen Sitz hat. Bunte Bl\u00e4tter \u00fcberall \u2013 das gibt mir gleich das ideale Stichwort f\u00fcr Schumanns eher seltener gespielte <em>Bunte Bl\u00e4tter<\/em> op. 99.<br \/>\nE i n\u00a0 Blatt aus Op. 99 hat es mir dabei besonders angetan, n\u00e4mlich das vierte in fis-moll (\u201eZiemlich langsam\u201c). Dieses will ich heute besonders intensiv f\u00fcr Sie betrachten. Seine Schlichtheit, gepaart mit seinem melancholischen Reiz macht, finde ich, dieses Blatt besonders attraktiv. Ich bin da in guter Gesellschaft, denn auch Clara Schumann und Johannes Brahms empfanden das so; beide schrieben bekanntlich ausgedehnte Variationen ausgerechnet \u00fcber dieses eine Blatt:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Clara Wieck-Schumann, [Sieben] <em>Variationen \u00fcber ein Thema von Robert Schumann ihm gewidmet<\/em> op. 20 [1853]: Urtextausgabe im G. Henle Verlag <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ausgew%C3%A4hlte+Klavierwerke_393\" target=\"_blank\">HN 393<\/a>, S. 62\u201373.<\/p>\n<p>Johannes Brahms, [Sechzehn] <em>Variationen \u00fcber ein Thema von Robert Schumann. Clara Schumann gewidmet<\/em>, op. 9 [1854]: Urtextausgabe im G. Henle Verlag <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Schumann-Variationen+op.+9_438\" target=\"_blank\">HN 438<\/a> (Einzelausgabe) oder <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Variationen+f%C3%BCr+Klavier_440\" target=\"_blank\">HN 440<\/a> (s\u00e4mtliche Variationen), S. 1\u201322.<\/p>\n<p>Beide Variationen-Zyklen erschienen \u00fcbrigens zeitgleich im November 1854. Robert Schumann befand sich da schon seit gut acht Monaten in der Privatanstalt des Dr. Richarz in Endenich.<\/p>\n<p>Das fis-moll-St\u00fcck (\u00fcberschrieben mit \u201eAlbumblatt\u201c, weil es das erste der f\u00fcnf \u201eAlbumbl\u00e4tter\u201c aus Opus 99 darstellt) ist nur eine Notenseite kurz und auch gar nicht so schwer zu spielen (auf der Henle-Skala der Schwierigkeitsgrade von 1\u20139 bekommt es eine \u201e4\u201c und ist somit das leichteste St\u00fcck aus Opus 99. Es folgt eine\u00a0 Einspielung von D\u00e9nes V\u00e1rjon:<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/KmWsyqz4c28?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Beim ersten Blick auf diese Noten k\u00f6nnte man glauben, es handle sich um einen Choral. Die Melodie in der Sopranstimme sieht aus wie ein Kirchenlied. Sie ist getragen, ja fast monoton, und wird im Stile eines vierstimmigen Chorals ausgesetzt. Ich bin \u00fcberzeugt, dass man im Kirchengesangbuch \u00e4hnliche Melodien finden wird. Aber es ist kein Kirchenlied, sondern eine Neusch\u00f6pfung Schumanns \u201eim alten Stil\u201c.<\/p>\n<p>Choralhaft wirkt auch das Gleichma\u00df der Aneinanderreihung von jeweils vier Takten in einer schlichten A \u2013 B \u2013 A-Form: | 4+4 | : 4+4 + 4+4 : |<\/p>\n<div id=\"attachment_6379\" style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/12\/Albumbl\u00e4tter4.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6379\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-6379    \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2016\/12\/Albumbl\u00e4tter4-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"261\" height=\"346\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6379\" class=\"wp-caption-text\">Robert Schumann: Bunte Bl\u00e4tter op. 99,4. Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken.<\/p><\/div>\n<p>Das Choralidiom zusammen mit dem sehr einfachen formalen Bau wirkt \u201ealtert\u00fcmlich\u201c auf uns, wie ein Zitat aus einer fr\u00fcheren, l\u00e4ngst vergangenen Zeit. Und damit nicht genug. Schumann bedient sich im ersten \u201eAlbumblatt\u201c zus\u00e4tzlich noch des Gestus der (barocken) Gavotte. Dieser \u00fcblicherweise rasche, hier wie in Zeitlupe eingefrorene Tanz ist vor allem durch sein metrisches kurz \u2013 kurz \u2013 lang gekennzeichnet. Ist nicht auch \u201eDer Dichter spricht\u201c (die letzte Nummer der <em>Kinderszenen<\/em> op. 15) in dieser Hinsicht eine Schwester unseres Albumblattes?<\/p>\n<p>Vielleicht war das Gavotte-\u201eIdiom\u201c \u00fcbrigens auch die haupts\u00e4chliche Motivation f\u00fcr Clara Schumann und vor allem f\u00fcr Johannes Brahms, ausgerechnet \u00fcber dieses Albumblatt Variationen zu verfassen; denn einerseits war die Gavotte schon zu Bachs Zeiten eine beliebte Vorlage f\u00fcr Variationen und andererseits liebte vor allem Brahms bekanntlich die Variation \u00fcber alte Formen.<\/p>\n<p>Ich sagte oben, das Albumblatt in fis-Moll St\u00fcck \u00fcbe in seiner Melancholie einen besonderen Reiz auf mich aus. Mir will scheinen, gerade Schumanns R\u00fcckbezug zu der alten Form der Gavotte und des Chorals ist ein wesentlicher Grund daf\u00fcr. Das Entscheidende, das Raffinierte des St\u00fccks, liegt aber in der Kombination des Alten mit dem ganz Neuen. Und dies Neue liegt in der Harmonik. Schumann kombiniert n\u00e4mlich die immer gleiche, fast formelhaft wiederholte Melodie des A-Teils mit jeweils unterschiedlich akkordischem (harmonischem) Unterbau. Das ist verbl\u00fcffend in der Wirkung, denn es beleuchtet die simple Melodie immer wieder in neuem Licht, in neuer \u201eFarbe\u201c: Im ersten Viertakter verharren wir in fis-moll, beim zweiten geht es von fis-moll nach A-dur, beim dritten (= Takte 17\u201320) geht es von dem verminderten Septakkord \u00fcber ais kadenzierend nach A-dur, und zu guter Letzt folgt nochmals das fis-moll der ersten vier Takte. Mit immer derselben viertaktigen Melodie dar\u00fcber. Verbl\u00fcffend, oder?<\/p>\n<p>Und dann sind da die Sept- oder Nonakkorde jeweils im Schwerpunkttakt 2, 6, 18 und 22. Spielen Sie doch einmal die ersten vier Takte und lassen Sie besonders diesen \u201eTakt-Zwei\u201c auf sich wirken. Sie sp\u00fcren dann pl\u00f6tzlich im schreitenden Gleichma\u00df der Gavotte die wohltuend scharfe Dissonanz des Akkordes. Dieses harmonische Gew\u00fcrz, sozusagen, m\u00fcssen Sie in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfen \u2013 dann bekommt das ganze kleine St\u00fcck Gr\u00f6\u00dfe und Tiefe. Denn just dieser Akkord ist der mehrfach wiederholte kleine H\u00f6hepunkt im Binnengeschehen des Satzes: F\u00fcr diesen kurzen Augenblick bleibt die Bewegung jeweils auf dem punktiertem <em>cis<\/em><sup>2<\/sup> stehen \u2013 und im Bass h\u00f6ren wir ein <em>d<\/em> (gro\u00dfe Septime) oder ein <em>h<\/em> (gro\u00dfe None) \u2013 sch\u00e4rfste Dissonanzen, eigentlich. Man h\u00e4lt den Atem an. Der traditionelle vierstimmige Choralsatz wird genau durch diesen \u201efalschen\u201c Basston harmonisch stark angereichert. Denn alle \u00fcbrigen Stimmen im Akkord verhalten sich norm- und erwartungsgerecht. Dadurch entstehen an diesen Stellen die in Barock und Klassik undenkbaren, weil schlicht satztechnisch falschen vierstimmigen Akkorde. F\u00fcr mich sind es genau diese vierstimmigen Akkorde (Dreiklang mit gro\u00dfer Sept oder gro\u00dfer None) das Spannende an diesem St\u00fcck. Sie werden geradezu autonom, als eigeng\u00fcltiger Klang gesetzt, noch dazu jeweils und immer im metrisch betonten Zentrum der Taktfolge. Und meiner Meinung nach sind es auch genau diese Sept- oder Non-Akkorde die neben dem \u201ealtert\u00fcmlichen\u201c Rahmen der choralhaft-langsamen Gavotte das melancholische Element hineintragen; denn sie f\u00e4rben den \u201ereinen\u201c Dreiklang sanft ein, indem sie einen an sich st\u00f6renden fremden, vierten Ton sehr stimmungsvoll integrieren. Selbst wenn Sie das nicht als melancholisch empfinden sollten, dann werden Sie mir aber doch Recht geben, dass diese F\u00e4rbung des Dreiklangs fis-moll durch den Bass-Zusatz von <em>d<\/em> oder <em>h<\/em> im \u00fcbertragenen Sinne etwas mit \u201eBunten Bl\u00e4ttern\u201c, n\u00e4mlich mit \u201eChromatik\u201c, also mit Verf\u00e4rbung, zu tun hat.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man diesen dissonanten Akkord \u00fcbrigens mit dem \u00fcblichen Handwerkszeug der \u201eHarmonielehre\u201c analysieren, w\u00fcrden sicher Begriffe wie \u201eTrugschluss\u201c, \u201eMediante\u201c, \u201eVorhaltston\u201c oder \u201eVI. Stufe\u201c fallen. Das ist ja alles fraglos richtig, sagt aber doch noch gar nichts \u00fcber die konkrete Wirkung (!) in unserem St\u00fcck aus. Oder?<\/p>\n<p>Eine abschlie\u00dfende Beachtung verdient der verminderte Akkord in Takt 17 mit seiner \u201eAufl\u00f6sung\u201c in den verf\u00e4rbten fis-moll-Akkord in Takt 18. Das ist ein geradezu mystischer Moment. Dieser verminderte Akkord (T. 17) ist auch der einzige im ganzen St\u00fcck, der von Schumann explizit mit einem Halte-Pedalzeichen versehen ist. Und zwar nicht allein, um die Vorschlagsnote <em>ais<\/em> der linken Hand in den Akkordklang zu integrieren (der Akkord w\u00e4re ja ohne Pedal nicht zu greifen), sondern auch, um diesen besonders sph\u00e4rischen verminderten Klang mit gedr\u00fccktem Pedal klanglich abzusetzen. Denn wenn man nicht sehr genau hinh\u00f6rt, bemerkt man gar nicht, dass genau an dieser Stelle die Wiederholung des A-Teils beginnt. Der verminderte Akkord verf\u00e4rbt und vertuscht damit erneut den an sich \u00e4u\u00dferst simplen Melodieverlauf.<\/p>\n<p>Genau durch diese F\u00e4rbungen wird das kleine Albumblatt aus Op. 99 so ungemein attraktiv und es passt so wunderbar in die leicht melancholische Herbststimmung, der wir uns mit Schumann hingeben wollen, wenn wir das St\u00fcck spielen oder h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleines Geburtstagsgeschenk f\u00fcr Andr\u00e1s Schiff (Dezember 2016) Bunte Bl\u00e4tter &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/12\/12\/herbstliche-gedanken-zum-%e2%80%9ebunten-blatt%e2%80%9c-in-fis-moll-von-robert-schumann\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[623,621,301,314],"tags":[622,719,67,72],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6369"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6369\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}