{"id":645,"date":"2012-05-14T07:00:41","date_gmt":"2012-05-14T05:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=645"},"modified":"2015-05-20T09:44:07","modified_gmt":"2015-05-20T07:44:07","slug":"finger-weg-von-debussy%e2%80%a6-warum-wir-in-den-%e2%80%9eetudes%e2%80%9c-fingersatze-erganzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/05\/14\/finger-weg-von-debussy%e2%80%a6-warum-wir-in-den-%e2%80%9eetudes%e2%80%9c-fingersatze-erganzen\/","title":{"rendered":"Finger weg von Debussy\u2026? Warum wir in den \u201e\u00c9tudes\u201c Fingers\u00e4tze erg\u00e4nzen"},"content":{"rendered":"<p>Im Sommer 1915 vollendete Claude Debussy in der Abgeschiedenheit des kleinen Badeortes Pourville in der Normandie sein letztes gro\u00dfes Klavierwerk, die <em>Douze \u00c9tudes pour le piano<\/em>. In der Druckausgabe, die im darauffolgenden Jahr erschien, stellte er den 12 Et\u00fcden eine etwas kuriose (und im Stil unnachahmlich Debussy\u2019sche) Bemerkung voran.<!--more--> Das <a title=\"Debussy, Vorwort zu den &quot;\u00c9tudes&quot; (PDF)\" href=\"http:\/\/conquest.imslp.info\/files\/imglnks\/usimg\/e\/ec\/IMSLP61430-PMLP02389-Debussy--12Etudes--1st-ed--comment-by-Debussy.pdf\" target=\"_blank\">franz\u00f6sische Original<\/a> ist in der Petrucci-Library zu sehen, hier ist die deutsche \u00dcbersetzung:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: smaller\"><strong>Einige \u00dcberlegungen\u2026<\/strong><br \/>\nBei diesen \u00c9tudes fehlen die Fingers\u00e4tze absichtlich. Hier eine kurze Begr\u00fcndung:<br \/>\nEin vorgegebener Fingersatz kann sich logischerweise nicht den verschiedenen Handformen anpassen. Im modernen Klavierspiel hilft man sich gern mit \u00fcbereinandergeschriebenen Alternativen, bewirkt damit aber nur Verwirrung\u2026 Die Musik wird damit zu einer merkw\u00fcrdigen Unternehmung, die auf unerkl\u00e4rliche Weise die Zahl der Finger vermehrt\u2026<br \/>\nDas Beispiel Mozarts, dieses fr\u00fchreifen Tastengenies, beantwortet die Frage kaum: er konnte die T\u00f6ne eines Akkordes nicht greifen und nahm deshalb die Nase zu Hilfe. Vielleicht handelt es sich hier aber auch nur um die Hirngespinste eines allzu eifrigen J\u00fcngers.<br \/>\nUnsere alten Meister, ich meine gerade \u201eunsere\u201c alten bewundernswerten Clavecinisten, schrieben niemals Fingers\u00e4tze. Sie vertrauten zweifellos der Kompetenz ihrer Zeitgenossen. An den modernen Virtuosen zu zweifeln, w\u00e4re ungeh\u00f6rig.<br \/>\nZum Schlu\u00df: Fehlende Fingers\u00e4tze sind eine ausgezeichnete \u00dcbung. Sie unterdr\u00fccken den Widerspruchsgeist, der uns dazu verleitet, die Fingers\u00e4tze des Komponisten zu umgehen, und best\u00e4tigen den immerg\u00fcltigen Ausspruch: \u201eDurch sich selbst ist man immer am besten bedient.\u201c<br \/>\nSuchen wir unsere eigenen Fingers\u00e4tze!<br \/>\nC. D. <\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Eine eindeutige Aussage, so scheint es \u2013 wir haben daher einige kritische Kommentare zu unserer <a title=\"HN 390\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Douze+Etudes_390\" target=\"_blank\">Urtextedition der <em>\u00c9tudes<\/em><\/a> erhalten, die wie alle unsere Klavierausgaben hinzugef\u00fcgte Fingers\u00e4tze enth\u00e4lt (nat\u00fcrlich als Erg\u00e4nzung eindeutig gekennzeichnet). Warum, so der Vorwurf, ma\u00dfen wir uns etwas an, was der Autor selbst ganz bewusst vermieden hat?<\/p>\n<p>Aber man muss sich das Vorwort und den Kontext seiner Entstehung etwas genauer ansehen. Zun\u00e4chst stellt sich die Frage, wieso Debussy \u00fcberhaupt eine solche Rechtfertigung vorausschickte \u2013 schlie\u00dflich waren in fr\u00fcheren und technisch ebenfalls schwierigen Klavierzyklen wie <em>Estampes,<\/em> <em>Images<\/em> oder den <em>Pr\u00e9ludes <\/em>auch keine Fingers\u00e4tze enthalten, ohne dass es dazu eines Kommentars bedurft h\u00e4tte. Doch bei den <em>\u00c9tudes<\/em>, die trotz ihres herausragenden k\u00fcnstlerischen Gehalts dem Wortsinn nach ja \u201e\u00dcbungsst\u00fccke\u201c sind, scheint Debussy aufgrund der Gattungstradition \u2013 und wohl auch von Seiten seines Verlegers Jacques Durand \u2013 eine st\u00e4rkere Erwartungshaltung gesp\u00fcrt zu haben, die Ausgabe mit Fingersatzbezeichnungen auszustatten. Dies umso mehr, als Debussy ein gro\u00dfes Vorbild direkt vor Augen stand: Anfang des Jahres 1915 hatte er f\u00fcr Durand die Et\u00fcden von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin neu herausgegeben, die ausgiebig mit originalen Fingers\u00e4tzen des Autors versehen sind.<\/p>\n<p>Was also tun? Der ironische Tonfall der Einleitung und der R\u00fcckgriff auf Anekdote und Sprichwort legen nahe, dass Debussy wohl eher einen eleganten Ausweg aus dieser ihn belastenden Aufgabe suchte, als dass er eine reflektierte Grundsatzkritik am Prinzip der Fingersatzbezeichnung beabsichtigte. Das einzige handfeste Argument scheint sein historischer Verweis auf \u201eunsere alten bewundernswerten Clavecinisten\u201c \u2013 hierbei beruft er sich auf Komponisten wie Jean-Philippe Rameau und insbesondere Fran\u00e7ois Couperin, den Debussy zun\u00e4chst als Widmungstr\u00e4ger seiner <em>\u00c9tudes<\/em> in Betracht gezogen hatte (schlie\u00dflich entschied er sich jedoch f\u00fcr Chopin). Folgt Debussy also einfach einer langen franz\u00f6sischen Tradition von \u201eFingersatzablehnern\u201c?<\/p>\n<p>Doch es ist ausgerechnet Couperin, der Debussy in dieser Hinsicht in den R\u00fccken f\u00e4llt: In seinem Lehrwerk <em>L\u2019art de toucher le clavecin<\/em> (Paris 1716) geht Couperin ausf\u00fchrlich auf die technische Seite des Cembalospiels und auch detailliert auf Fragen des korrekten Fingersatzes ein, insbesondere im Abschnitt \u201ePetite dissertation, sur la mani\u00e8re de doigter, pour paruenir a L\u2019intelligence des agr\u00e9mens qu\u2019on ua trouuer.\u201c (\u201eKleine Abhandlung \u00fcber den Fingersatz, um ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die anzutreffenden Verzierungen zu erlangen.\u201c) In einem weiteren Teil erl\u00e4utert er zahlreiche schwierig zu spielende Stellen aus seinen <em>Pi\u00e8ces de clavecin \u2026 premier livre <\/em>(Erstausgabe Paris 1713) und gibt zweckm\u00e4\u00dfige Fingers\u00e4tze hierzu an:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Couperin-Lart-de-toucher1.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-690\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Couperin-Lart-de-toucher1.png\" alt=\"\" width=\"446\" height=\"537\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Couperin-Lart-de-toucher1.png 446w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Couperin-Lart-de-toucher1-249x300.png 249w\" sizes=\"(max-width: 446px) 100vw, 446px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">Fr. Couperin, <em>L\u2019art de toucher le clavecin<\/em> (1716), S. 46<\/span><\/p>\n<p>Wie wichtig Couperin offenbar die genaue Beachtung seiner dort angegebenen Fingers\u00e4tze war, sieht man daran, dass er in einer sp\u00e4teren Auflage eben jenes<em> Premier livre <\/em>einen entsprechenden Verweis direkt im Notentext einf\u00fcgen lie\u00df: \u201eVoy\u00e9s [sic] ma M\u00e9thode pour la maniere de doigter cet endroit. page 46.\u201c (\u201eSiehe mein Lehrbuch, Seite 46, bez\u00fcglich des Fingersatzes f\u00fcr diese Stelle.\u201c)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Couperin-Premier-livre.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-650 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Couperin-Premier-livre.png\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"288\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">Fr. Couperin, <em>Pi\u00e8ces de clavecin \u2026 premier livre<\/em> (1713), S. 6<\/span><\/p>\n<p>Auch bei Jean-Philippe Rameaus <em>Pi\u00e8ces de Clavessin<\/em> (Paris 1724) gen\u00fcgt bereits ein Blick auf das Titelblatt, um zu sehen, dass er sich darin auch Fragen der Spieltechnik widmet. In einem mehrseitigen Vorspann (\u201eDe la mechanique des doigts sur le clavessin\u201c) behandelt er dabei eingehend Themen wie Handhaltung, Anschlag, korrekte Position der Finger und die daf\u00fcr erforderlichen Fingers\u00e4tze.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Rameau.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-672\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Rameau.png\" alt=\"\" width=\"589\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Rameau.png 589w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Rameau-300x211.png 300w\" sizes=\"(max-width: 589px) 100vw, 589px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">J.-P. Rameau, <em>Pi\u00e8ces de Clavessin<\/em> (1724), Titelseite<\/span><\/p>\n<p>Die von Debussy beschworenen \u201ealten Meister\u201c legten also durchaus Wert auf p\u00e4dagogische Erl\u00e4uterungen und schienen der \u201eKompetenz ihrer Zeitgenossen\u201c doch nicht allzu sehr zu vertrauen\u2026<\/p>\n<p>Nun soll es hier nat\u00fcrlich nicht darum gehen, Debussy postume Nachhilfe in Musikgeschichte zu erteilen. Aber wie man sieht, muss man sich sehr davor h\u00fcten, seine eher scherzhaft-beil\u00e4ufigen Aper\u00e7us f\u00fcr eine historisch fundierte Argumentation zu halten und seine \u201eQuelques mots\u201c als gewisserma\u00dfen \u201eletzten Willen\u201c \u00fcberzuinterpretieren. Im \u00dcbrigen befasste sich Debussy durchaus mit der Problematik des geeigneten Fingersatzes f\u00fcr bestimmte schwierige Stellen, und auch im Entwurfsautograph der <em>\u00c9tudes<\/em> finden sich noch einige Fingersatzl\u00f6sungen. Selbst in der Druckausgabe h\u00e4lt sich Debussy nicht ganz an sein eigenes Vorwort, wie in der 6. <em>\u00c9tude<\/em> \u201ePour les huit doigts\u201c \u2013 die Beschr\u00e4nkung auf nur acht Finger, mit der er implizit also auch einen Fingersatz zur Ausf\u00fchrung der fortlaufenden 4-Ton-Gruppen vorgibt, begr\u00fcndet Debussy in einer Fu\u00dfnote: \u201eIn dieser Et\u00fcde ist aufgrund der st\u00e4ndig wechselnden Position der H\u00e4nde der Einsatz der Daumen unbequem, und eine solche Ausf\u00fchrung w\u00fcrde zur Akrobatik.\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Debussy1.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Debussy1.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"198\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">C. Debussy, <em>\u00c9tudes<\/em>, Nr. 6, T. 1\u20132<\/span><\/p>\n<p>Es ist aber mehr als verst\u00e4ndlich, dass der zu jener Zeit bereits schwerkranke Debussy seine ganze Zeit und Arbeitskraft auf das Komponieren und auf die Vollendung seiner letzten Sonatenprojekte richtete und nicht auf \u201esekund\u00e4re\u201c T\u00e4tigkeiten wie das systematische Beziffern der <em>\u00c9tudes<\/em> mit Fingers\u00e4tzen. Daraus abzuleiten, dass sp\u00e4tere Editionen ebenfalls keine Fingersatzvorschl\u00e4ge aufnehmen d\u00fcrften, scheint uns allerdings \u00fcbertriebene Piet\u00e4t zu sein. \u201eCherchons nos doigt\u00e9s!\u201c \u2013 wir haben Debussy beim Wort genommen und unsere gefunden: in unserer Urtextausgabe stehen sie nun als Hilfestellung, nicht als Vorschrift. Finden Sie die Ihrigen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 1915 vollendete Claude Debussy in der Abgeschiedenheit des &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/05\/14\/finger-weg-von-debussy%e2%80%a6-warum-wir-in-den-%e2%80%9eetudes%e2%80%9c-fingersatze-erganzen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305,390,347,301,3],"tags":[4,59,18,57,697,74,58],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/645"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=645"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/645\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}