{"id":6636,"date":"2017-03-27T08:00:04","date_gmt":"2017-03-27T06:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6636"},"modified":"2017-04-07T09:27:43","modified_gmt":"2017-04-07T07:27:43","slug":"%e2%80%9ees-wurde-mich-freuen-dieses-stuck-bald-veroffentlicht-zu-sehen%e2%80%9c-%e2%80%93-zur-erstausgabe-von-liszts-bearbeitung-der-ouverture-zu-wagners-%e2%80%9etannhauser%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/03\/27\/%e2%80%9ees-wurde-mich-freuen-dieses-stuck-bald-veroffentlicht-zu-sehen%e2%80%9c-%e2%80%93-zur-erstausgabe-von-liszts-bearbeitung-der-ouverture-zu-wagners-%e2%80%9etannhauser%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"\u201eEs w\u00fcrde mich freuen, dieses St\u00fcck bald ver\u00f6ffentlicht zu sehen\u201c \u2013 Zur Erstausgabe von Liszts Bearbeitung der Ouvert\u00fcre zu Wagners \u201eTannh\u00e4user\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das 19. Jahrhundert ist reich an K\u00fcnstlerfreundschaften. Diejenige zwischen Franz Liszt und Richard Wagner hebt sich nicht nur durch die Bedeutung ihres musikalischen Schaffens, ihre komplexen pers\u00f6nlichen Beziehungen, sondern auch durch ein markantes Ungleichgewicht bez\u00fcglich Geben und Nehmen hervor. Pointiert gesagt: Der eine, Liszt, bewunderte, der andere, Wagner, lie\u00df sich bewundern. Liszts Einsatz f\u00fcr Wagners Opern und Musikdramen, f\u00fcr die er vorbehaltlose Begeisterung empfand, kannte keine Grenzen, w\u00e4hrend Wagner Liszts Werke, von den Symphonischen Dichtungen abgesehen, kaum zur Kenntnis nahm und allenfalls aus Dankbarkeit f\u00fcr die ihm zuteil gewordene Hilfe lobend anerkannte.<\/p>\n<div id=\"attachment_6642\" style=\"width: 444px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/wagner_listz_blog.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6642\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"size-full wp-image-6642 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/wagner_listz_blog.jpg\" width=\"434\" height=\"463\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/wagner_listz_blog.jpg 1460w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/wagner_listz_blog-280x300.jpg 280w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/wagner_listz_blog-958x1024.jpg 958w\" sizes=\"(max-width: 434px) 100vw, 434px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6642\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Aline Bureau<\/p><\/div>\n<p><!--more-->So nimmt es nicht Wunder, dass unter Liszts rund 70 Operntranskriptionen (\u00fcberwiegend f\u00fcr Klavier solo) Wagners B\u00fchnenwerke mit insgesamt 19 Arrangements breiten Raum einnehmen. Die bereits im Henle-Katalog vorliegenden Liszt-Bearbeitungen zum \u201eSpinnerlied\u201c aus <em>Der fliegende Holl\u00e4nder<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Spinnerlied+aus+%22Der+fliegende+Holl%C3%A4nder%22+%28Richard+Wagner%29_585\" target=\"_blank\">HN 585<\/a>) und zu \u201eIsoldens Liebestod\u201c aus <em>Tristan und Isolde<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Isoldens+Liebestod+aus+%22Tristan+und+Isolde%22+%28Richard+Wagner%29_558\" target=\"_blank\">HN 558<\/a>) werden demn\u00e4chst durch die Konzertparaphrase der Ouvert\u00fcre zu <em>Tannh\u00e4user<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ouvert%C3%BCre+zu+%22Tannh%C3%A4user%22%2C+Konzertparaphrase+f%C3%BCr+Klavier+%28Richard+Wagner%29_1066\" target=\"_blank\">HN 1066<\/a>) erweitert.<\/p>\n<div id=\"attachment_6638\" style=\"width: 493px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/tannh\u00e4user-ea.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6638\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"size-full wp-image-6638 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/tannh\u00e4user-ea.jpg\" width=\"483\" height=\"421\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/tannh\u00e4user-ea.jpg 947w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/tannh\u00e4user-ea-300x261.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6638\" class=\"wp-caption-text\">Titel der Erstausgabe der Partitur von Wagners Tannh\u00e4user<\/p><\/div>\n<p>Bei der Quellenbeschaffung f\u00fcr diese Liszt-Bearbeitung (R 275, S 442) trat bald ein Problem ins Blickfeld, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Versteht sich, dass wir Lektoren um dem Begriff \u201eUrtext\u201c gerecht zu werden, Einblick in alle verf\u00fcgbaren Quellen nehmen m\u00fcssen, wobei neben dem Autograph der Erstausgabe \u2013 als in der Regel autorisierter Ver\u00f6ffentlichung \u2013 besondere Bedeutung zukommt. In allen g\u00e4ngigen Lexika und Liszt-Biographien wird als Erstausgabe \u201eDresden, 1849 bei C. F. Meser\u201c angegeben. Datierung und Verlag erschienen mir auf den ersten Blick plausibel, denn in seinem Brief vom 26. Februar 1849, kurz nach der erfolgreichen Premiere des <em>Tannh\u00e4user<\/em> in Weimar unter seiner Leitung, berichtete Liszt dem Freund wie folgt von seinen Bearbeitungen der Ouvert\u00fcre sowie des sogenannten \u201eLieds an den Abendstern\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;padding-left: 30px\">\u201eWissen Sie, was mir eingefallen ist? Nicht mehr und nicht weniger als mir auf meine Art\u00a0\u00a0 und f\u00fcr das Klavier die Tannh\u00e4user-Ouvert\u00fcre und die ganze Szene: ,O du mein holder Abendstern\u2018 aus dem dritten Akt anzueignen. \u2013 Was die erstere angeht, glaube ich, dass sich wenige Spieler finden werden, welche ihre technische Schwierigkeit meistern, aber die Szene des ,Abendstern\u2018 w\u00fcrde leicht den Pianisten zweiten Ranges zug\u00e4nglich sein. Wenn Sie einverstanden sind, sie Meser zum Druck anzubieten, oder wenn Sie mir erlauben, dar\u00fcber f\u00fcr H\u00e4rtel oder Schlesinger zu verf\u00fcgen, so w\u00fcrde es mich freuen, diese St\u00fccke bald ver\u00f6ffentlicht zu sehen.\u201c (im Original auf Franz\u00f6sisch)<\/p>\n<p>Da Liszt als Motivation f\u00fcr die beiden Kompositionen die pers\u00f6nliche Aneignung zu seinem eigenen besseren Verst\u00e4ndnis nennt, darf man vermuten, dass die Bearbeitung der Ouvert\u00fcre bereits vor der Separatauff\u00fchrung dieses St\u00fccks in Weimar am 12. November 1848 entstanden ist, diejenige zum \u201eAbendstern\u201c entsprechend kurz vor oder w\u00e4hrend den Proben zur Oper im Januar\/Februar 1849. F\u00fcr uns von Interesse ist vor allem der letzte Satz des Zitats. Liszt brachte ja hier nicht nur den Dresdner Musikalienh\u00e4ndler und Verleger Carl Friedrich Meser ins Spiel, bei dem die Originalpartitur von Wagners <em>Tannh\u00e4user<\/em> in Kommission vertrieben wurde und zahlreiche andere Einzelausgaben und Arrangements der Oper erschienen waren, sondern unterstrich vor allem auch seinen ausdr\u00fccklichen Willen zur baldigen Ver\u00f6ffentlichung. Doch die weltweite Suche nach einem Exemplar dieser Ausgabe blieb ergebnislos. Finden konnte ich dagegen in zahlreichen Bibliotheken Ausgaben mit dem Zusatz \u201e(Herm. M\u00fcller)\u201c unter dem Verlagsimpressum.<\/p>\n<div id=\"attachment_6639\" style=\"width: 475px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/m\u00fcller.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6639\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"size-full wp-image-6639 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/m\u00fcller.jpg\" width=\"465\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/m\u00fcller.jpg 809w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/m\u00fcller-283x300.jpg 283w\" sizes=\"(max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6639\" class=\"wp-caption-text\">Titelblatt der Ausgabe von 1867<\/p><\/div>\n<p>Da Hermann M\u00fcller nach dem Tod Carl Friedrich Mesers 1856 dessen Gesch\u00e4ft \u00fcbernahm und dabei neu erschienene Ausgaben mit eben diesem Zusatz versah, konnten diese Ausgaben folglich nicht von 1849 stammen. Die Suche im sogenannten \u201eHofmeister-Verzeichnis\u201c (eine monatlich herausgegebene Liste der neu erschienenen Musikalien im deutschsprachigen Raum) ergab f\u00fcr diese Meser-M\u00fcller-Edition das Datum \u201eOktober 1867\u201c, was auch mit der von M\u00fcller weiter gef\u00fchrten Plattennummer 832 \u00fcbereinstimmte (f\u00fcr 1849 w\u00e4re eine Plattennummer ca. 400\u2013450 zu erwarten). Nun ist es keineswegs undenkbar, dass sich f\u00fcr eine Komposition keine Exemplare der Erstausgabe, sondern nur sp\u00e4tere Nachdrucke finden lassen. Im vorliegenden Fall aber war es schon sehr ungew\u00f6hnlich, denn in aller Regel wird man f\u00fcr Liszts Klavierwerke entweder in den Liszt-Nachl\u00e4ssen von Weimar (Goethe-Schiller-Archiv) und Budapest (Franz-Liszt-Musikakademie) oder im Nachlass der Liszt-Sch\u00fclerin Ruth Dana in New York (The Juilliard School) f\u00fcndig, aber auch hier gab es nur Exemplare der Ausgabe von 1867.<\/p>\n<p>Je mehr ich mich in das Thema hineinarbeitete, desto skeptischer wurde ich gegen\u00fcber dem Eintrag \u201eC.F. Meser, 1849\u201c. Bereits die ausdr\u00fcckliche Angabe \u201eManuskript\u201c (im Sinne von: \u201eaus dem Manuskript vorgetragen\u201c) im Programmzettel der mutma\u00dflichen Urauff\u00fchrung am 25. Februar 1851 in Z\u00fcrich durch den Liszt-Sch\u00fcler Hans von B\u00fclow, dem die Komposition im Autograph gewidmet ist, war ein nicht zu l\u00f6sender Widerspruch. Warum sollte B\u00fclow aus einer Handschrift (gemeint ist eine heute verschollene Abschrift des Autographs) spielen, wenn seit mindestens anderthalb Jahren eine Druckausgabe zur Verf\u00fcgung stand? Den endg\u00fcltigen Beweis daf\u00fcr, dass die Erstausgabe tats\u00e4chlich erst 1867 erschien, lieferten dann die Briefwechsel Liszts mit B\u00fclow sowie mit dem Verlag Breitkopf &amp; H\u00e4rtel. Zwischen 1849 und 1860 ist von der Bearbeitung der Tannh\u00e4user-<em>Ouvert\u00fcre<\/em> keine Rede; offenbar wollte Liszt B\u00fclow zun\u00e4chst das Exklusivrecht zur Auff\u00fchrung \u00fcberlassen. Am 30. November 1860 aber kam Liszt gegen\u00fcber B\u00fclow auf eine Ver\u00f6ffentlichung zu sprechen. Er merkte an, dass M\u00fcller die Absicht habe, seine Bearbeitung der <em>Tannh\u00e4user<\/em>-Ouvert\u00fcre herauszugeben. Zu einem Vertragsabschluss kam es aber zu diesem Zeitpunkt trotzdem nicht, vermutlich deshalb, weil B\u00fclow seine eigenen Erfahrungen mit diesem Verleger in dunklen Farben malte, denn er bezeichnete M\u00fcller als \u201eeinen der niedertr\u00e4chtigsten Spitzbuben\u201c (im franz\u00f6sischen Original: \u201el\u2019un des plus inf\u00e2mes filous\u201c). Ein Jahr sp\u00e4ter versuchte Liszt die Komposition bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel unterzubringen \u2013 jedoch ohne Erfolg. Als Ende 1866 auch ein weiterer Versuch beim Leipziger Verlag Carl Friedrich Wilhelm Siegel scheiterte, griff Liszt offenbar wieder zum alten Angebot M\u00fcllers zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Ich brauchte also nicht l\u00e4nger einem Phantom nachzujagen. Bleibt die Frage, wie es zu dieser falschen Datierung \u201e1849\u201c kam. Sie d\u00fcrfte auf Lina Ramanns chronologisches Werkverzeichnis im 2. Band ihrer Liszt-Biographie (1894) zur\u00fcckgehen (vor dem Werktitel Kompositionsjahr, danach Erscheinungsjahr):<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/Ramann.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6656\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/Ramann.jpg\" width=\"656\" height=\"128\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/Ramann.jpg 656w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/Ramann-300x58.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 656px) 100vw, 656px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die Liszt-Forschung ist dieser Falschdatierung bis heute ungepr\u00fcft gefolgt \u2013 wobei eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung in der nach wie vor fehlenden Gesamtausgabe der Liszt-Korrespondenz liegt, deren Einzelteile auch von Experten kaum zu \u00fcberblicken sind. In unserer Neuausgabe werden nun als Kompositionsjahr 1848 und als Erscheinungsjahr 1867 angegeben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/z.png\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6641\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/z.png\" width=\"664\" height=\"266\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/z.png 1380w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/z-300x120.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/03\/z-1024x411.png 1024w\" sizes=\"(max-width: 664px) 100vw, 664px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 19. Jahrhundert ist reich an K\u00fcnstlerfreundschaften. 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