{"id":6842,"date":"2017-06-19T08:00:34","date_gmt":"2017-06-19T06:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6842"},"modified":"2017-06-14T09:33:14","modified_gmt":"2017-06-14T07:33:14","slug":"%e2%80%9eder-kunftige-lowe-zeigt-bereits-seine-pranken%e2%80%9c-%e2%80%93-zur-revision-von-beethovens-klaviervariationen-band-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/06\/19\/%e2%80%9eder-kunftige-lowe-zeigt-bereits-seine-pranken%e2%80%9c-%e2%80%93-zur-revision-von-beethovens-klaviervariationen-band-i\/","title":{"rendered":"\u201eDer k\u00fcnftige L\u00f6we zeigt bereits seine Pranken\u201c \u2013 Zur Revision von Beethovens Klaviervariationen Band I"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/Beethoven2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-6848\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/Beethoven2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Der G. Henle Verlag ist daf\u00fcr bekannt, seine \u00e4lteren Ausgaben auf den Pr\u00fcfstand zu stellen und gegebenenfalls auf den aktuellen Stand zu bringen. Zuletzt wurde hier im Blog \u00fcber die revidierte Neuausgabe von <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/11\/28\/auch-editionen-haben-ihre-geschichte-zur-revision-von-cesar-francks-violinsonate\/\" target=\"_blank\">C\u00e9sar Francks Violinsonate<\/a> berichtet. Heute m\u00f6chte ich auf die Revision von Beethovens Klaviervariationen hinweisen, deren erster Teil in K\u00fcrze erscheinen wird (<a title=\"HN 1267\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Variationen+f%C3%BCr+Klavier%2C+Band+I_1267\" target=\"_blank\">HN 1267<\/a>).<!--more--><\/p>\n<p>Die praktischen Ausgaben zu Beethovens Klaviervariationen (Teil I: HN 142\/143, Teil II: HN 144\/145) erschienen erstmals im Januar 1963. Sie basieren auf der entsprechenden Publikation innerhalb der Gesamtausgabe (<em>Beethoven Werke<\/em>, Abteilung VII, Band 5), die als erster Band der neuen Gesamtausgabe \u00fcberhaupt 1961 bei Henle erschien. Der Pilotcharakter wird schon \u00e4u\u00dferlich daran sichtbar, dass nicht eine Person allein, sondern die Mitarbeiter des Beethoven-Archivs Johannes Herzog, Friedhelm Klugmann und Emil Platen unter der Leitung des damaligen Archivleiters Joseph Schmidt-G\u00f6rg f\u00fcr die Herausgabe verantwortlich waren. Wie seinerzeit \u00fcblich, war der Kritische Bericht nicht in der Ausgabe selbst enthalten, sondern sollte als gesonderter Band in K\u00fcrze nachfolgen. Durch die Vorbereitung neuer B\u00e4nde wie auch personelle Wechsel im Beethoven-Archiv wurde die Ver\u00f6ffentlichung dieses Berichts immer wieder verschoben, was insofern Auswirkungen auf die praktischen Ausgaben hatte, als dort im Laufe der Jahre in den Nachdrucken lediglich punktuelle Nachbesserungen, keine grundlegenden \u00dcberarbeitungen m\u00f6glich waren.<\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigung des nachtr\u00e4glichen Kritischen Berichts durch Felix Loy (der im Herbst 2017 erscheinen soll) bot uns daher die Gelegenheit, die schon l\u00e4ngst f\u00e4llige Revision unserer Urtextausgabe in Angriff zu nehmen. Das nur pauschal \u00fcber die Quellenlage berichtende, sehr knapp gehaltene alte Vorwort wurde jetzt dem Henle-Standard angepasst und durch einen ausf\u00fchrlichen Bemerkungsteil erg\u00e4nzt. Vor allem aber wurde der Notentext anhand s\u00e4mtlicher verf\u00fcgbaren Quellen gepr\u00fcft und wo n\u00f6tig ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Variationen bilden in der Klassik die zentrale Form, um sich mit einem musikalischen Gedanken auseinanderzusetzen, und so nimmt es nicht wunder, dass Beethoven sich damit mehr als vier Jahrzehnte lang, also nahezu \u00fcber den gesamten Zeitraum als sch\u00f6pferischer Komponist, besch\u00e4ftigte. Der revidierte erste Band HN 1267 enth\u00e4lt die Klaviervariationen der Bonner und fr\u00fchen Jahre der Wiener Zeit (WoO 63\u201366, 68\u201373, 75), die zwischen 1782 und 1799 im Druck erschienen. Gegen\u00fcber den wesentlich bekannteren sp\u00e4teren Variationen \u2013 namentlich den sogenannten \u201eEroica\u201c-Variationen op. 35 und den ber\u00fchmten Diabelli-Variationen op. 120 \u2013 m\u00f6gen diese fr\u00fchen Kompositionen zun\u00e4chst weniger attraktiv erscheinen, zumal die Themen aus damals zumindest zeitweisen sehr popul\u00e4ren, aber heute v\u00f6llig vergessenen B\u00fchnenwerke stammen.<\/p>\n<div id=\"attachment_6850\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-63_17821.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6850\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-6850\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-63_17821-790x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"829\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-63_17821-790x1024.jpg 790w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-63_17821-231x300.jpg 231w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-63_17821.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6850\" class=\"wp-caption-text\">Titelblatt der Erstausgabe der Neun Variationen WoO 63 (1782)<\/p><\/div>\n<p>Man sollte aber die fr\u00fchen Variationen nicht untersch\u00e4tzen, denn an zahlreichen Stellen lassen sich bereits typische Elemente des Personalstils erkennen. Oder wie es Klaus Schilde, der die Revision des Fingersatzes f\u00fcr unsere Neuausgabe \u00fcbernommen hat, in einem Brief an mich ausgedr\u00fcckt hat: \u201eDer zuk\u00fcnftige L\u00f6we zeigt bereits seine Pranken\u201c. Dies gilt in gewissem Ma\u00dfe sogar schon f\u00fcr die im Alter von zw\u00f6lf Jahren verfassten \u201eNeun Variationen \u00fcber einen Marsch von Ernst Christoph Dressler\u201c WoO 63. Denn hier wird bereits das Prinzip erkennbar, durch das sich Beethoven von den meisten zeitgen\u00f6ssischen Werken dieser Gattung abhebt: Die einzelnen Ver\u00e4nderungen beziehen sich nicht nur auf das Thema, sondern auch auf bestimmte Elemente vorangehender Variationen.<\/p>\n<div id=\"attachment_6851\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Titel.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6851\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-6851\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Titel-1024x725.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Titel-1024x725.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Titel-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Titel.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6851\" class=\"wp-caption-text\">Titelblatt der Erstausgabe der 24 Variationen WoO 65<\/p><\/div>\n<p>Besonders hingewiesen sei auf die Revision der \u201e24 Variationen \u00fcber die Ariette <em>Venni Amore<\/em> von Vincenzo Righini\u201c WoO 65. Zum einen bilden diese Variationen das wohl bedeutendste Werk im ersten Teil der Neuausgabe, zum anderen zeigen sich in der Revision hier die st\u00e4rksten \u00c4nderungen gegen\u00fcber der fr\u00fcheren Ausgabe. 1984 wurde n\u00e4mlich ein Exemplar der Erstausgabe von 1791 wiederentdeckt. Zuvor war man, da sich wie bei den meisten der fr\u00fchen Variationen kein Autograph erhalten hat, auf den sp\u00e4teren Druck von 1802 angewiesen. Angesichts der Qualit\u00e4t dieser Komposition, die mit einer F\u00fclle von Besonderheiten wie der \u00fcberaus differenzierten Folge von Ver\u00e4nderungen, Kontrasten innerhalb der gleichen Variation und ausgedehnter Coda aufwartet, hatte man eine zeitnahe Umarbeitung des 1790\/91 entstandenen urspr\u00fcnglichen Werks vermutet. Beim Vergleich beider Ausgaben wurde die These von zwei Fassungen zwar hinf\u00e4llig, aber es zeigte sich doch eine F\u00fclle von Abweichungen insbesondere f\u00fcr Dynamik, Bogensetzung und Artikulation, gelegentlich aber auch f\u00fcr Stimmf\u00fchrung und Rhythmus, wie nachfolgendes Beispiel aus Variation I (Takt 5) zeigt:<\/p>\n<div id=\"attachment_6852\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Seite1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6852\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-6852\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Seite1-1024x228.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Seite1-1024x228.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Seite1-300x66.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65-Erstausgabe_1791_Seite1.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6852\" class=\"wp-caption-text\">WoO 65, Erstausgabe (1791), Var. I, Takte 1-6<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_6853\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65_1802.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6853\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-6853\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65_1802-1024x233.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"145\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65_1802-1024x233.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65_1802-300x68.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/06\/WoO-65_1802.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6853\" class=\"wp-caption-text\">WoO 65, Zweitausgabe (1802), Var. I, Takte 1-6<\/p><\/div>\n<p>Da der Nachdruck von 1802 aller Wahrscheinlichkeit ohne Mitwirkung Beethovens erschien, wurden durch die Wiederentdeckung des ersten Drucks die authentischen Lesarten greifbar. Unsere Revision bringt \u2013 unter Ber\u00fccksichtigung der eindeutigen Korrekturen des sp\u00e4teren, von unbekannter Hand eingerichteten Drucks \u2013 erstmals den Notentext nach der Originalausgabe.<\/p>\n<p>Wer nun Lust bekommen hat, diese Variationen anzuh\u00f6ren, dem sei eine Einspielung von Mark Dierauf empfohlen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ZzM4s4_5WtQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der G. 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