{"id":6861,"date":"2017-07-03T08:00:10","date_gmt":"2017-07-03T06:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6861"},"modified":"2020-01-21T10:08:37","modified_gmt":"2020-01-21T09:08:37","slug":"durchgehend-lombardisch-zu-einem-winzigen-textproblem-in-mozarts-d-moll-streichquartett-kv-421","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/07\/03\/durchgehend-lombardisch-zu-einem-winzigen-textproblem-in-mozarts-d-moll-streichquartett-kv-421\/","title":{"rendered":"Durchgehend \u201elombardisch\u201c? Zu einem winzigen Textproblem in Mozarts d-moll-Streichquartett KV 421"},"content":{"rendered":"<p>Das ungemein heitere D-dur-Trio aus dem Menuett von Mozarts sonst so d\u00fcster-dramatischem d-moll-Streichquartett KV 421 geh\u00f6rt schon immer zu meinen Lieblingsst\u00fccken. Die erste Violine, begleitet von simpler \u201epizzicato\u201c-Begleitung der Unterstimmen, spielt dabei raffiniert mit Volksmusik-Ankl\u00e4ngen: zum einen stimmt sie ganz offenkundig einen Jodler an, erkennbar an der simplen Dreiklangsmelodik, bei der gewisserma\u00dfen die Bruststimme immer wieder in die \u201eKopfstimme\u201c umschl\u00e4gt, eben wie bei einem echten alpenl\u00e4ndischen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5Duj8wErAmc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jodler<\/a>; zum andern durchzieht den ganzen Satz geradezu prototypisch der sogenannte \u201elombardische\u201c Rhythmus, untr\u00fcgliches Kennzeichen etwa f\u00fcr schottische, ungarische oder slawische Volksmusik (erkennbar am umgekehrt punktierten, synkopischen Rhythmus):<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_6867\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp1_Variante_B1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6867\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-6867 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp1_Variante_B1.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"479\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp1_Variante_B1.jpg 900w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp1_Variante_B1-300x159.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6867\" class=\"wp-caption-text\">KV 421, Trio, Takte 1-4<\/p><\/div>\n<p>H\u00f6ren wir uns das kurze St\u00fcck in der gro\u00dfartigen Auff\u00fchrung des Jerusalem String Quartets an:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Trio-Jerusalem-String-Quartet.mp3\">KV 421, Trio, Jerusalem String Quartet<\/a><\/p>\n<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-6861-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Trio-Jerusalem-String-Quartet.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Trio-Jerusalem-String-Quartet.mp3\">https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Trio-Jerusalem-String-Quartet.mp3<\/a><\/audio>\n<p>Wie die meisten Henle-Blog-Leser bereits wissen, erarbeite ich derzeit die Urtextausgaben s\u00e4mtlicher Streichquartette Mozarts. <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/index.html?katalog=1&amp;q=Mozart%2C+Streichquartette+Band+IV&amp;s=\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Band IV<\/a> ist bereits erschienen, Band III mit den sechs Haydn gewidmeten Quartetten erscheint im n\u00e4chsten Jahr (2018). Hierin kommt auch unser kleines Trio vor. Und just dieses Trio enth\u00e4lt ein kleines, gar nicht (so leicht) l\u00f6sbares Editionsproblem. Es sei kurz vorgestellt \u2013 Ihre Meinung dazu w\u00fcrde mich brennend interessieren:<\/p>\n<p>Ein einziges Mal, n\u00e4mlich in Takt 14, notiert Mozart in seiner eigenh\u00e4ndigen Niederschrift des Satzes <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> den \u201elombardischen\u201c, sondern den \u201enormalen\u201c punktierten Rhythmus:<\/p>\n<div id=\"attachment_6878\" style=\"width: 244px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Autograph1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6878\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-6878\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Autograph1-234x300.jpg\" alt=\"\" width=\"234\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Autograph1-234x300.jpg 234w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Autograph1-801x1024.jpg 801w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Autograph1.jpg 834w\" sizes=\"(max-width: 234px) 100vw, 234px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6878\" class=\"wp-caption-text\">KV 421, Trio, Autograph, Takte 14-16<\/p><\/div>\n<p>Ein Schreibfehler? M\u00f6glich, denn selbst ein Mozart verschreibt sich gelegentlich. Und gewisserma\u00dfen erschwerend kommt hinzu, dass just diese Stelle in der Erstausgabe wie zu erwarten, n\u00e4mlich lombardisch, gestochen und gedruckt ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_6869\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Erstausgabe-Variante_A.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6869\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-6869  \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Erstausgabe-Variante_A-300x98.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"98\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Erstausgabe-Variante_A-300x98.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421-Erstausgabe-Variante_A.jpg 868w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6869\" class=\"wp-caption-text\">KV 421, Trio, Erstausgabe, Violine 1, Takte 14-16<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Erstausgabe erschien 1785 gewisserma\u00dfen unter den Augen Mozarts beim Wiener Verlag Artaria und sie ist insofern von erstrangiger Quellenbedeutung, als ihr Notentext zwar viele Fl\u00fcchtigkeiten und Ungenauigkeiten, jedoch auch an zahlreichen Stellen Erg\u00e4nzungen \u00fcber das Autograph hinaus enth\u00e4lt (vor allem dynamische Zeichen); diese Erg\u00e4nzungen und Korrekturen sind so markant, dass sie nur auf Mozart selbst zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen. Es liegt also auf der Hand, dass Mozart seinen urspr\u00fcnglich in der autographen Partitur niedergelegten Text im daraus herauskopierten Stimmenmaterial verfeinerte und korrigierte. Mozart\u2019sche Privatauff\u00fchrungen der \u201eHaydn-Quartette\u201c sind brieflich belegt. Das von ihm korrigierte Stimmenmaterial, das dann dem Notenstecher als Stichvorlage zur Erstausgabe diente, ist freilich verloren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Alle<\/span> die vielen Druckausgaben des 19. Jahrhunderts bis etwa zur H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts basieren auf dieser Erstausgabe. Unsere fragliche Stelle \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 immer mit dem lombardischen Rhythmus. Zahlreiche Schallplattenaufnahmen aus der Zeit bis etwa 1960 dokumentieren diese \u2013 problematische \u2013 Lesart, denn die meisten Quartette des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts spielten aus der seinerzeit viel genutzten, heute freilich wertlosen, weil nicht textkritischen, Edition Peters-Ausgabe. Hier als Beispiel die Heroen meiner Jugend, das Juilliard Quartet :<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421Trio-Juilliard-Quartet.mp3\">KV 421,Trio, Juilliard Quartet<\/a><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-6861-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421Trio-Juilliard-Quartet.mp3?_=2\" \/><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421Trio-Juilliard-Quartet.mp3\">https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/KV-421Trio-Juilliard-Quartet.mp3<\/a><\/audio>\n<p>Bis dann Alfred Einstein kam und die 10 \u201eber\u00fchmten\u201c Streichquartette Mozarts erstmals nach textkritischer Methode (im Verlag Novello 1945) herausbrachte. Ein Markstein der Editionsgeschichte, denn Einstein konnte zahllose \u00dcberlieferungsfehler dieser Werke, auch des d-moll-Quartetts, durch akribisches Vergleichen mit dem <a href=\"http:\/\/www.bl.uk\/manuscripts\/Viewer.aspx?ref=add_ms_37763_f014r\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Autograph<\/a> entlarven und richtigstellen. Er bringt die Stelle aus dem Trio von KV 421 gem\u00e4\u00df Autograph, ohne jeden Kommentar. Ludwig Finschers quellen- und textkritische Editionsarbeit f\u00fcr die Neue Mozart-Ausgabe (NMA, 1962) und das B\u00e4renreiter-Stimmenmaterial basieren auf Einsteins Ausgabe (dabei \u00fcbernahm er gute Entscheidungen Einsteins, aber leider auch viele seiner Fehler). An unserer Stelle gibt diese Ausgabe die autographe, nicht der Erstausgaben-Lesart wieder, also nicht lombardisch, sondern:<\/p>\n<div id=\"attachment_6870\" style=\"width: 590px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6870\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-6870\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp2.jpg\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"461\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp2.jpg 580w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/07\/Notenbsp2-300x238.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6870\" class=\"wp-caption-text\">KV 421, Trio, Takte 14-16 (NMA)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>Ich kenne kein Streichquartettensemble von heute, das nicht diesem Text folgen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch welche Fassung ist die richtige, also die von Mozart gew\u00fcnschte? Beide Quellen, Autograph wie Erstausgabe, haben prim\u00e4ren Rang. Ein schier unl\u00f6sbarer Konflikt. Sicherlich: Mozarts Handschrift ist eindeutig und der Stecher der Erstausgabe (oder der Kopist der dieser Ausgabe zugrundeliegenden, heute verlorenen, Stichvorlage) kann sich verschrieben haben. Aber genauso gut kann Mozart diese kleine Stelle vor der Drucklegung noch korrigiert haben.<\/p>\n<p>Ich bin unsicher, was im Haupttext zu edieren ist. Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt die autographe Version besser \u2013 und ich k\u00f6nnte auch einen musikalisch-stilistischen Grund daf\u00fcr angeben. Doch es geht ja beim Edieren nicht um Geschmacksurteile. Wahrscheinlich werde ich die Stelle im Kritischen Bericht kommentieren und\/oder die jeweils alternative Lesart vielleicht sogar als \u201eOssia\u201c-Fu\u00dfnote bringen? Doch was meinen die Streichquartettspieler und die Mozart-Fans unter den Lesern dieses Beitrags? Welche Argumente k\u00f6nnen Sie beisteuern? Danke f\u00fcr Ihr Interesse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ungemein heitere D-dur-Trio aus dem Menuett von Mozarts sonst &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/07\/03\/durchgehend-lombardisch-zu-einem-winzigen-textproblem-in-mozarts-d-moll-streichquartett-kv-421\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[653,654,3,303,651,42,652],"tags":[650,34,649],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6861"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6861"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8621,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6861\/revisions\/8621"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}