{"id":6890,"date":"2017-07-17T07:00:59","date_gmt":"2017-07-17T05:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6890"},"modified":"2017-07-17T07:35:51","modified_gmt":"2017-07-17T05:35:51","slug":"mozart-klaviervariationen-kv265","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/07\/17\/mozart-klaviervariationen-kv265\/","title":{"rendered":"\u201eJeder nur ein Kreuz\u201c\u2026 Fehlt ein Vorzeichen in Mozarts Klavier&shy;variationen KV 265?"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder Mozart: Im <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/07\/03\/durchgehend-%e2%80%9elombardisch%e2%80%9c-zu-einem-winzigen-textproblem-in-mozarts-d-moll-streichquartett-kv-421\/\" target=\"_blank\">letzten Blog vor zwei Wochen<\/a> ging es um ein kleines rhythmisches Problem in seinem d-moll-Streichquartett, heute soll ein fragliches Vorzeichen in einem seiner bekanntesten Klavierwerke im Mittelpunkt stehen. Eine interessante Kundenanfrage stie\u00df uns auf die folgende Stelle in Mozarts <em>Zw\u00f6lf Variationen \u00fcber \u201eAh, vous dirai-je Maman\u201c<\/em> KV 265.<!--more--><\/p>\n<p>Konkret geht es um die 2. Variation, die als Ganzes wie folgt aussieht:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/KV_265-var2.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4514\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/KV_265-var2.jpg\" alt=\"\" width=\"1128\" height=\"1001\" \/><\/a><br \/>\n<em>(Zum Vergr\u00f6\u00dfern Bild anklicken)<\/em><\/p>\n<p>In dieser Variation kontrastiert Mozart das ruhige Thema in der Oberstimme mit einer quirligen Sechzehntelbewegung in der linken Hand, in der die jeweilige Hauptnote von der unteren und oberen Nebennote umspielt wird. Dabei ist die untere Nebennote immer eine <span style=\"text-decoration: underline\">kleine<\/span> Sekunde, d.h. in jeder Vierergruppe geht es zwischen 2. und 3. Note einen <span style=\"text-decoration: underline\">Halb<\/span>tonschritt nach unten: <em>c\u2013h\u2013c<\/em>, <em>a\u2013gis\u2013a<\/em>, <em>h\u2013ais\u2013h<\/em>, <em>f\u2013e\u2013f<\/em>, <em>g\u2013fis\u2013g <\/em>und so fort.<\/p>\n<p>Aber \u2013 wirklich immer\u2026? Nein, in T.68 spielt uns Mozart einen Streich: die 2. Gruppe lautet hier <em>cis\u2013cis<\/em><sup>1<\/sup><em>\u2013<strong><span style=\"color: #0000ff\">h<\/span><\/strong>\u2013cis<\/em><sup>1<\/sup>, es geht also ausnahmsweise einen <span style=\"text-decoration: underline\">Ganz<\/span>tonschritt nach unten. Absicht oder Versehen? Sollte es konsequenterweise hier nicht auch <em>his<\/em> hei\u00dfen? Fehlt nicht ein Kreuz vor dem <em>h<\/em>? Der dadurch entstehende Querstand <em>his<\/em> in der linken Hand gegen das <em>b<\/em> in der rechten Hand w\u00e4re kein Problem, man vergleiche etwa gleich im n\u00e4chsten Takt die ganz analoge Stelle mit einem <em>ais<\/em> links gegen <em>as<\/em> rechts.<\/p>\n<p>Die Quellen sprechen bei dieser Frage eine eindeutige Sprache, allen voran Mozarts Autograph. Es ist nur fragmentarisch erhalten, enth\u00e4lt zum Gl\u00fcck f\u00fcr uns aber die Variation 2 \u2013 ohne Kreuz vor dem <em>h<\/em>:<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4520\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/KV_265-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"855\" height=\"333\" \/><br \/>\n<em>KV 265, Autograph (Ausschnitt)<\/em><\/p>\n<p>Auch alle Druckausgaben, die zu Mozarts Lebzeiten erschienen (und die gro\u00dfe Beliebtheit seiner Komposition belegen), notieren durchweg ein <em>h<\/em>, kein <em>his<\/em>:<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4517\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/ea-torricella.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"183\" \/><br \/>\nErstausgabe Torricella, Wien 1785<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4518\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/ea-artaria.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"218\" \/><br \/>\nAusgabe Artaria, Wien 1787<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4519\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/ea-speyer.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"174\" \/><br \/>\nAusgabe Bossler, Speyer 1787<\/p>\n<p>Und wem das noch nicht gen\u00fcgend Beweise sind, m\u00f6ge die 12. Variation betrachten\u2026 Hier greift Mozart wieder auf die gleiche Umspielungsfigur in der linken Hand zur\u00fcck (nun im 3\/4-Takt), und der T. 308, der dem T. 68 inhaltlich entspricht, steht in allen Quellen eindeutig mit <em>h<\/em>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/KV_265-var12.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4521\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2017\/07\/KV_265-var12.jpg\" alt=\"\" width=\"1116\" height=\"203\" \/><\/a><br \/>\n<em>(Zum Vergr\u00f6\u00dfern Bild anklicken)<\/em><\/p>\n<p>Philologisch ist also alles wasserdicht, und auch keine der mir bekannten modernen Ausgaben (darunter Neue Mozart Ausgabe, Wiener Urtext und Peters) hat die Notwendigkeit gesehen, ein (geklammertes) Kreuz vor dem <em>h<\/em> oder zumindest eine Fu\u00dfnote zu erg\u00e4nzen. Und doch bleibt ein kleiner Zweifel, denn das <em>his<\/em> klingt fraglos gut und w\u00e4re im musikalischen Kontext, wie oben beschrieben, eigentlich naheliegender.<\/p>\n<p>Und was \u201esagen\u201c die Interpreten? Eine kleine YouTube-Recherche ergab in der Tat einige Treffer, bei denen namhafte Interpreten wie etwa Faz\u0131l Say ein <em>his<\/em> an der entsprechenden Stelle spielen:<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/NUSDpxZgy0I?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Und was w\u00fcrden Sie spielen? Schreiben Sie\u2019s in den Kommentar!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder Mozart: Im letzten Blog vor zwei Wochen ging &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/07\/17\/mozart-klaviervariationen-kv265\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,301,3,303],"tags":[655,34,72,80],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6890"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6890"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6890\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6890"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}