{"id":6963,"date":"2017-09-18T08:00:40","date_gmt":"2017-09-18T06:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6963"},"modified":"2017-09-16T15:46:56","modified_gmt":"2017-09-16T13:46:56","slug":"sturm-%e2%80%93-les-adieux-%e2%80%93-hammerklavier-sinn-und-unsinn-der-namensgebung-bei-beethovens-klaviersonaten-2-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/09\/18\/sturm-%e2%80%93-les-adieux-%e2%80%93-hammerklavier-sinn-und-unsinn-der-namensgebung-bei-beethovens-klaviersonaten-2-teil\/","title":{"rendered":"Sturm \u2013 Les Adieux \u2013 Hammerklavier. Sinn und Unsinn der Namensgebung bei Beethovens Klaviersonaten, 2. Teil"},"content":{"rendered":"<p>Im ersten Teil meines Blog-Beitrags zu den bekannten Beinamen der Klaviersonaten Beethovens habe ich die authentischen, vom Komponisten selbst vergebenen Titel unter die Lupe genommen. Heute m\u00f6chte ich \u00fcber diejenigen popul\u00e4ren Titel berichten, die mit Beethoven wohl nichts zu tun haben, aber dennoch in aller Munde sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>2. Teil: Die nicht-authentischen Beinamen<\/h2>\n<p><em>Auf Widmungen basierend<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die Verliebte<\/strong><\/em> op. 7: Dieser weniger bekannte Beiname geht auf die Widmungstr\u00e4gerin, Anna Luise Barbara (Babette) Gr\u00e4fin von Keglevicz (ca 1780 bis 1813), zur\u00fcck. Babette war seit sp\u00e4testens 1797 Beethovens Klaviersch\u00fclerin und Carl Czerny wusste zu berichten, dass der Lehrer in seine Sch\u00fclerin verliebt war. Im Oktober 1797 \u2013 Beethoven war 27 Jahre alt \u2013 erschien Opus 7 mit ihrem Namen auf dem Titelblatt und auch in den Folgejahren widmete ihr Beethoven weitere wichtige Klavierwerke: 1799 die Variationen WoO 73, 1801 das 1. Klavierkonzert op. 15 und 1803 die F-dur-Variationen op. 34. Beethovens Werben fiel bekannterma\u00dfen auf unfruchtbaren Boden, er blieb Zeit seines Lebens Junggeselle. Gr\u00e4fin Keglevicz heiratete 1801 den F\u00fcrsten Innocenzo d\u2019Erba-Odescalchi, einen sp\u00e4teren Vize-Pr\u00e4sidenten der Gesellschaft der Musikfreunde.<\/p>\n<p><em><strong>Waldsteinsonate<\/strong><\/em> op. 53: Der Widmungstr\u00e4ger dieser Sonate, Ferdinand Ernst Graf von Waldstein (1762\u20131823), geh\u00f6rte zu den ersten und entscheidenden F\u00f6rderern des jungen Beethoven in Bonn. Waldstein war ein enger Vertrauter des Bonner Kurf\u00fcrsten, der den Grafen beauftragte, Beethoven in Wien einzuf\u00fchren. Zu diesem Zweck gab Waldstein Beethoven vermutlich Empfehlungsbriefe mit auf die Reise. Ber\u00fchmt geworden ist der Eintrag Waldsteins in Beethovens Stammbuch: \u201eLieber Beethowen! Sie reisen itzt nach Wien zur Erf\u00fcllung ihrer so lange bestrittenen W\u00fcnsche. Mozart\u2019s Genius trauert noch und beweinet den Tod seines Z\u00f6glinges. Bey dem unersch\u00f6pflichem Hayden fand er Zuflucht, aber keine Besch\u00e4ftigung; durch ihn w\u00fcnscht er noch einmal mit jemanden vereinigt zu werden. Durch ununterbrochenen Flei\u00df erhalten Sie Mozart\u2019s Geist aus Haydens H\u00e4nden. Bonn d 29.t Oct. [1]792. Ihr warer Freund Waldstein\u201c. Der Graf selbst was sehr musikalisch, spielte Klavier und komponierte auch \u2013 Beethoven verfasste in den letzten Jahren in Bonn 1790\u201392 acht Variationen f\u00fcr Klavier zu vier H\u00e4nden \u00fcber ein Thema Waldsteins (WoO 67), und die Musik zu einem Ritterballet (WoO 1) aus dieser Zeit ist vermutlich eine Auftragskomposition des Grafen. Beethoven selbst nannte die Klaviersonate op. 53 nat\u00fcrlich nicht die \u201eWaldsteinsonate\u201c, aber die Nachwelt brauchte offensichtlich einen griffigen Namen f\u00fcr dieses einzigartige Meisterwerk. (Die Franzosen nennen diese Sonate \u201eL\u2019aurore\u201c, Morgenr\u00f6te.)<\/p>\n<p><em><strong>A Th\u00e9r\u00e8se<\/strong><\/em> op. 78: Diese 1809 in Wien entstandene, wundervolle, viel zu selten gespielte Sonate verdankt ihren Beinamen der Widmungstr\u00e4gerin Therese Gr\u00e4fin Brunsvik de Korompa (1775\u20131861). Therese geh\u00f6rte zusammen mit ihren Geschwistern Franz \u2013 dem die \u201eAppassionata\u201c op. 57 gewidmet ist \u2013, Josephine und Charlotte zum engsten Freundeskreis Beethovens in Wien. Beethoven unterrichtete Therese und Josephine 1799 am Klavier und widmete den beiden sp\u00e4ter auch die vierh\u00e4ndigen Variationen WoO 74.<\/p>\n<p><em><strong>Klaviersonate<\/strong><\/em> op. 90, Moritz Graf von Lichnowsky gewidmet: Diese Sonate tr\u00e4gt zwar keinen popul\u00e4ren Beinamen, aber sie wurde in der Vergangenheit immer wieder stark mit ihrem Widmungstr\u00e4ger in Verbindung gebracht. Anton Schindler, \u00e4u\u00dferst unzuverl\u00e4ssiger Biograph Beethovens, behauptete 1842, lange nach dem Tod des Komponisten, dass der Sonate ein au\u00dfermusikalisches Programm bzw. eine \u201epoetische Idee\u201c zugrunde l\u00e4ge: die Heirat des Grafen mit einer Operns\u00e4ngerin, mit der er ein uneheliches Kind hatte. Der 1. Satz stelle den \u201eKampf zwischen Kopf und Herz\u201c des Grafen dar, der 2. Satz die \u201eConversation mit der Geliebten\u201c. Wir wissen heute, dass diese Anekdote eine komplette Erfindung Schindlers ist und dass er dazu sogar Eintr\u00e4ge in Beethovens Konversationsheften nach dessen Tod fingierte. Von diesem sch\u00f6nen Interpretationsmodell f\u00fcr diese Sonate m\u00fcssen wir uns also leider verabschieden \u2013 es hat nichts mit Beethoven oder dem wahren Entstehungsgrund der Sonate zu tun, der wesentlich vielschichtiger ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_6974\" style=\"width: 930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Zitat.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6974\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Zitat.png\" alt=\"Aus Anton Schindlers sicher erfundener Entstehungsgeschichte zu op. 90\" width=\"920\" height=\"902\" class=\"size-full wp-image-6974\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Zitat.png 920w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Zitat-300x294.png 300w\" sizes=\"(max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6974\" class=\"wp-caption-text\">Aus Anton Schindlers sicher erfundener Entstehungsgeschichte zu op. 90<\/p><\/div>\n<p><em>Auf dem musikalischen Charakter oder au\u00dfermusikalischen Beziehungen basierend<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Mondscheinsonate<\/strong><\/em> op. 27 Nr. 2: Dieser f\u00fcr die Interpretation der Sonate geradezu fatale Beiname hat nat\u00fcrlich nichts mit Beethoven zu tun, er nannte sie wie auch die Sonate op. 27 Nr. 1 \u201eSonata quasi una fantasia\u201c. Der popul\u00e4re Beiname hat seinen Ursprung vielleicht in der ersten Kunstnovelle \u201eTheodor. Eine musikalische Skizze\u201c von Ludwig Rellstab aus dem Jahr 1823. Dort hei\u00dft es aus dem Munde eines Musikfreundes: \u201eKeiner falschen Quinte w\u00e4re ich werth, wenn ich das Adagio aus der Phantasie in Cis-moll vergessen h\u00e4tte. Der See ruht in d\u00e4mmerndem Mondenschimmer; dumpf st\u00f6\u00dft die Welle an das dunkle Ufer; d\u00fcstere Waldberge steigen auf und schlie\u00dfen die heilige Gegend von der Welt ab; Schw\u00e4ne ziehen mit fl\u00fcsterndem Rauschen wie Geister durch die Fluth und eine \u00c4olsharfe t\u00f6nt Klagen sehns\u00fcchtiger einsamer Liebe geheimnisvoll von jener Ruine herab. Still, gute Nacht!\u201c Der 1. Satz ist in seiner Grundstimmung nat\u00fcrlich deutlich vielschichtiger. So schreibt etwa Wilhelm von Lenz: \u201eEs ist als ob man in Mitten einer einsamen Ebene ein kolossales Grab erblickte, bla\u00df von der Sichel des Mondes erhellt, von dem Genius der Trauer niedergeschlagen befragt. [\u2026 Es bleibt] die alles bezwingende Stimme des Todes, welche durch das ganze Adagio, von Angang bis zu Ende geht\u201c. Auch Franz Liszt und Carl Czerny charakterisieren diesen Satz mit den Begriffen \u201eTrauer\u201c, \u201eTod\u201c und \u201eNacht\u201c. Neuerdings r\u00fccken Zusammenh\u00e4nge mit dem Klang der \u00c4olsharfe, die schon Rellstab nannte, wieder in den Vordergrund, da Beethoven sich nachweislich in der Zeit der Entstehung der Sonate f\u00fcr dieses Instrument interessierte.<\/p>\n<p><em><strong>Sturmsonate<\/strong><\/em> op. 31 Nr. 2: Noch ein sehr schwieriger, letzter Fall. Er wird wohl f\u00fcr immer unl\u00f6sbar bleiben, denn der einzige Zeuge daf\u00fcr, dass Beethoven diese Sonate mit Shakespeares Sturm in Verbindung brachte, ist erneut Anton Schindler. Der Biograph gilt seit vielen Jahren nicht nur als unzuverl\u00e4ssig, sondern ist au\u00dferdem daf\u00fcr bekannt, mit b\u00f6ser Absicht und im eigenen Nutzen die Tatsachen zu verdrehen bzw. Geschichten zu erfinden. Er schreibt in seiner Biographie: \u201eEines Tages, als ich dem Meister den tiefen Eindruck geschildert, den die Sonaten in D moll und F moll (Op. 31 und 57) in der Versammlung bei C. Czerny hervorgebracht und er in guter Stimmung war, bat ich ihn, mir den Schl\u00fcssel zu diesen Sonaten zu geben. Er erwiderte: \u201aLesen Sie nur Shakespeare\u2019s Sturm\u2018\u201c. Schindler nutzt diesen Hinweis als weiteres Indiz daf\u00fcr, dass hinter Beethovens Kompositionen immer eine \u201epoetische Idee\u201c st\u00fcnde \u2013 so wie schon die erwiesenerma\u00dfen erfundene Anekdote zur Sonate op. 90 (siehe oben).<\/p>\n<div id=\"attachment_6977\" style=\"width: 622px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Rowe_Tempest.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6977\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Rowe_Tempest.jpg\" alt=\"Er\u00f6ffnungsszene aus &quot;The Tempest&quot; von Shakespeare\" width=\"306\" height=\"512\" class=\"size-full wp-image-6977\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Rowe_Tempest.jpg 612w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/09\/Rowe_Tempest-179x300.jpg 179w\" sizes=\"(max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6977\" class=\"wp-caption-text\">Er\u00f6ffnungsszene aus &quot;The Tempest&quot; von Shakespeare nach einer Ausgabe von 1709<\/p><\/div>\n<p><em>Im Schnelldurchlauf nun noch die restlichen bekannteren popul\u00e4ren Beinamen, die sich leicht erkl\u00e4ren lassen<\/em><\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte Titel \u201eAppassionata\u201c op. 57 taucht erstmalig in Ausgaben gegen Ende der 1830er Jahre auf und ist nat\u00fcrlich dem leidenschaftlichen Charakter dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Sonate geschuldet (die Sonate op. 2 Nr. 1 in derselben Tonart wird daher gelegentlich auch \u201eKleine Appassionata\u201c genannt, so wie die Sonate op. 10 Nr. 1 \u201eKleine Path\u00e9tique\u201c). Au\u00dfermusikalische Assoziationen verschafften einigen Sonaten weitere Beinamen, so etwa der \u201ePastoral\u201c-Sonate op. 28 mit ihrem an die Pastoral-Symphonie erinnernden tonmalerischen Charakter oder der \u201eJagd\u201c-Sonate op. 31 Nr. 3 wegen der rhythmischen Struktur des letzten Satzes. Aber an dieser Stelle h\u00f6re ich nun auf, auch wenn weitere obskure Namen kursieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Teil meines Blog-Beitrags zu den bekannten Beinamen der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/09\/18\/sturm-%e2%80%93-les-adieux-%e2%80%93-hammerklavier-sinn-und-unsinn-der-namensgebung-bei-beethovens-klaviersonaten-2-teil\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,301,344,297,296,470,427,3,408],"tags":[7,646,657],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6963"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6963"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6963\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6963"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6963"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6963"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}