{"id":6997,"date":"2017-10-02T08:00:43","date_gmt":"2017-10-02T06:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=6997"},"modified":"2019-05-21T11:10:11","modified_gmt":"2019-05-21T09:10:11","slug":"%e2%80%9eeine-kleine-fruhlingsweise%e2%80%9c-%e2%80%93-endlich-im-urtext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/10\/02\/%e2%80%9eeine-kleine-fruhlingsweise%e2%80%9c-%e2%80%93-endlich-im-urtext\/","title":{"rendered":"\u201eEine kleine Fr\u00fchlingsweise\u201c \u2013 endlich im Urtext!"},"content":{"rendered":"<p>Manch ein Leser wird denken, ich h\u00e4tte mich in der Jahreszeit geirrt: Zum Herbstbeginn ein Fr\u00fchlingsblog?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Fr\u00fchlingsweise1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-7013\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Fr\u00fchlingsweise1.jpg\" alt=\"\" width=\"94\" height=\"131\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Fr\u00fchlingsweise1.jpg 568w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Fr\u00fchlingsweise1-215x300.jpg 215w\" sizes=\"(max-width: 94px) 100vw, 94px\" \/><\/a>Mein unzeitgem\u00e4\u00dfer Beitrag hat aber einen Anlass. Im G. Henle Verlag wurde gerade eine <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Humoresken+op.+101_1044\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausgabe<\/a> ver\u00f6ffentlicht, die ein kleines St\u00fcck enth\u00e4lt, das die meisten von uns vermutlich als die \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OBD9e0s1WSs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fr\u00fchlingsweise<\/a>\u201c der Comedian Harmonists kennen (Bearbeitung einer Liedversion, Text von Hans Lengsfelder). Was steckt aber hinter diesem Ohrwurm, und was hat er mit dem G. Henle Verlag zu tun?<!--more--><\/p>\n<p>Die \u201eFr\u00fchlingsweise\u201c ist urspr\u00fcnglich die Nr. 7 im 1895 ver\u00f6ffentlichten Zyklus f\u00fcr Klavier zu zwei H\u00e4nden <em>Humoresken<\/em> op. 101 von Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k. Dvo\u0159\u00e1k schuf diese acht Miniaturen w\u00e4hrend seiner amerikanischen Periode im Jahr 1894. Erste Ideen skizzierte er offenbar noch in New York, die Niederschrift der acht \u201ekleinen leichten Klavierkompositionen\u201c (so der Komponist in einem Brief an seinen Verleger) f\u00e4llt aber in Dvo\u0159\u00e1ks Heimaturlaub, den er in Vysok\u00e1 in B\u00f6hmen verbrachte. Wie die acht St\u00fccke zu ihrem Titel \u201eHumoresken\u201c kommen, ist v\u00f6llig unklar. In den Skizzenb\u00fcchern gibt es vielmehr Hinweise darauf, dass der Komponist urspr\u00fcnglich an eine Reihe Schottischer T\u00e4nze gedacht hatte, an <em>Ecossaisen<\/em> also. Und tats\u00e4chlich erinnern die St\u00fccke, die ohne Ausnahme im 2\/4-Takt stehen, mit ihren regelm\u00e4\u00dfigen achttaktigen Phrasen und ihrem t\u00e4nzerischen Gestus an jene Ecossaisen, die seit ca. 1800 in ganz Europa popul\u00e4r waren. Auch Komponisten wie Ludwig van Beethoven und Franz Schubert steuerten \u00fcbrigens Beitr\u00e4ge zu dieser Gattung bei (siehe z. B. <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=S%C3%A4mtliche+T%C3%A4nze%2C+Band+I_74\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 74<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=S%C3%A4mtliche+T%C3%A4nze%2C+Band+II_76\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 76<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=T%C3%A4nze+f%C3%BCr+Klavier_449\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 449)<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-Portrait.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7005 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-Portrait.jpg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"214\" \/><\/a>Was Dvo\u0159\u00e1k bewog, die St\u00fccke schlie\u00dflich als \u201eHumoresken\u201c zu bezeichnen, ist unbekannt. Bereits im Autograph \u00fcbertitelte der Komponist seinen Zyklus jedenfalls mit dem tschechischen Begriff \u201eHumoresky\u201c. Der Titel ist also authentisch, daran l\u00e4sst das Autograph keinen Zweifel. Daf\u00fcr wirft diese Handschrift eine ganze Reihe von Fragen auf. Sie diente n\u00e4mlich nicht als Vorlage f\u00fcr die Erstausgabe, die Anfang 1895 bei Simrock erschien, sondern scheint eher eine erste, vorl\u00e4ufige Niederschrift zu sein. Das zeigen die zahlreichen Korrekturen und Streichungen; manches ist nachtr\u00e4glich mit Bleistift angedeutet, und sogar die Reihenfolge der acht St\u00fccke weicht von derjenigen der Erstausgabe ab (die \u201eFr\u00fchlingsweise\u201c ist im Autograph z.B. die Nr. 6). Es muss also eine weitere, revidierte und heute verschollene Handschrift gegeben haben, die Dvo\u0159\u00e1k an seinen Verleger schickte und die als Vorlage f\u00fcr den Stich diente. Die Erstausgabe wiederum, das ist belegt, wurde von Dvo\u0159\u00e1k Korrektur gelesen und dient daher unserer Edition als Hauptquelle. Trotzdem finden sich zahlreiche Unterschiede zwischen Autograph und Erstausgabe, bei denen oft nicht zu entscheiden ist, ob sie Absicht oder Versehen sind.<\/p>\n<p>In manchen F\u00e4llen scheint der Fall klar zu sein, so etwa in T. 37 der Nr. 2. Unten ein Ausschnitt aus unsere Urtextausgabe, einschlie\u00dflich Fu\u00dfnote.<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-8179 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2427\" height=\"2191\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-1.jpg 2427w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-1-300x271.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-1-768x693.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-1-1024x924.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 2427px) 100vw, 2427px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Herausgeber haben sich an dieser Stelle dazu entschieden, im Haupttext die Lesart des Autographs zu bringen, obwohl die Hauptquelle, die Erstausgabe, eine andere Note aufweist. Das dort zu findende <em>dis<\/em><sup>2<\/sup> ist jedoch aus verschiedenen Gr\u00fcnden unwahrscheinlich. Schaut man sich die \u00fcbrigen Griffe in diesem Takt an \u2013 und zwar in der rechten und linken Hand \u2013, w\u00e4re ein Wechsel der unteren Note am Taktende zum <em>dis<\/em><sup>2<\/sup> unlogisch. Ein Blick auf die Takte 39, 41, 43 unterst\u00fctzt diese Vermutung. Es ist also gerechtfertigt, der Erstausgabe hier einen Stichfehler zu unterstellen und deren Lesart nur in einer Fu\u00dfnote mitzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Etwas anders liegt der Fall in Nr. 3. Sowohl in T. 30 als auch in T. 41 hat das Autograph Lesarten, die zwar denkbar sind. Der Notentext der Erstausgabe ist jedoch hier nicht grunds\u00e4tzlich anzuzweifeln. Daher weist unsere Ausgabe auf die Unterschiede im Autograph \u201enur\u201c in jeweils einer Fu\u00dfnote hin.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-8180 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1623\" height=\"1805\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-2.jpg 1623w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-2-270x300.jpg 270w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-2-768x854.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Dvorak-HN_1044_Ausschnitt-2-921x1024.jpg 921w\" sizes=\"(max-width: 1623px) 100vw, 1623px\" \/><\/a>Diese Beispiele zeigen, vor welche Fragen die beiden Herausgeber Christian Schaper und Ullrich Scheideler bei der Vorbereitung der Ausgabe immer wieder gestellt waren: Gilt die Erstausgabe oder das Autograph? Beide Quellen sind problematisch. Das Autograph, weil es ein Vorstadium repr\u00e4sentiert, die Erstausgabe, weil sie zwar Korrektur gelesen wurde, aber offensichtlich nicht gr\u00fcndlich genug.<\/p>\n<p>Die Humoreske Nr. 7, die \u201eFr\u00fchlingsweise\u201c ist von derartigen Textproblemen gl\u00fccklicherweise kaum betroffen. Sie war \u00fcbrigens schon 10 Jahre nach der Erstver\u00f6ffentlichung so beliebt, dass der Verlag Simrock sie 1905 (Dvo\u0159\u00e1k starb 1904) als Einzelausgabe herausbrachte. Schon damals waren zahllose Bearbeitungen im Umlauf, wie die Liste auf dem Titelblatt eindrucksvoll unter Beweis stellt \u2013 wohlgemerkt alle nicht vom Komponisten selbst! Die Umarbeitung zur \u201eFr\u00fchlingsweise\u201c scheint vor diesem Hintergrund fast schon folgerichtig&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Titelblatt-Humoreske-Dvorak-Bearbeitungen1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7010\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Titelblatt-Humoreske-Dvorak-Bearbeitungen1-769x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"824\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Titelblatt-Humoreske-Dvorak-Bearbeitungen1-769x1024.jpg 769w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Titelblatt-Humoreske-Dvorak-Bearbeitungen1-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/10\/Titelblatt-Humoreske-Dvorak-Bearbeitungen1.jpg 1476w\" sizes=\"(max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Unsere Urtextausgabe will jedoch eine Lanze f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WmAZoexenx8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Originalfassung<\/a> brechen \u2013 und zudem f\u00fcr die \u00fcbrigen sieben Humoresken, die ganz zu Unrecht ein Schattendasein f\u00fchren. Es handelt sich um charmante, gut spielbare Klavierminiaturen, die, obwohl sie einen ganz eigenen Ton treffen, durch und durch waschechter Dvo\u0159\u00e1k sind. \u00dcberzeugen Sie sich selbst!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manch ein Leser wird denken, ich h\u00e4tte mich in der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/10\/02\/%e2%80%9eeine-kleine-fruhlingsweise%e2%80%9c-%e2%80%93-endlich-im-urtext\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,536,658,301,3,102,408],"tags":[696,528,659,706],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6997"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6997"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6997\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}