{"id":701,"date":"2012-05-28T08:00:04","date_gmt":"2012-05-28T06:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=701"},"modified":"2015-05-20T09:51:29","modified_gmt":"2015-05-20T07:51:29","slug":"den-richtigen-akzent-setzen-zum-rondo-thema-von-schuberts-%e2%80%9earpeggione%e2%80%9c-sonate-3-satz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/05\/28\/den-richtigen-akzent-setzen-zum-rondo-thema-von-schuberts-%e2%80%9earpeggione%e2%80%9c-sonate-3-satz\/","title":{"rendered":"Den richtigen Akzent setzen. Zum Rondo-Thema von Schuberts \u201eArpeggione\u201c-Sonate (3. Satz)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.tabeazimmermann.de\/\" target=\"_blank\">Tabea Zimmermann<\/a>, die\u00a0fabelhafte Bratschistin, schreibt:<!--more--><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px\">\u201eIch spiele gerade die Arpeggione-Sonate [a-moll, D 821] von Schubert mit <a title=\"Kirill Gerstein\" href=\"http:\/\/www.kirillgerstein.com\/\" target=\"_blank\">Kirill Gerstein<\/a> auf CD ein und verwende dazu die wunderbare <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/index.html?katalog=1&amp;q=Arpeggione\" target=\"_blank\">Henle-Ausgabe<\/a>. Beim Vergleich mit dem Autograph [<a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b52500001s.r=Arpeggione.langDE\" target=\"_blank\">Paris<\/a>]\u00a0f\u00e4llt mir beim Beginn des 3. Satzes auf, dass die Akzente im Klavierpart auf der Takt-Eins zu stehen scheinen, und nicht synkopisch, wie bei Henle. Zumindest bei den ersten beiden Takten w\u00fcrde ich es rein optisch \u00fcberzeugender finden, wenn der Akzent f\u00fcr die 1 gelten w\u00fcrde \u2026 Was meinen Sie dazu?\u201c<\/p>\n<p>Die Frage Tabea Zimmermanns ist von allgemeiner Bedeutung, denn Schuberts Schreibweise seiner Akzentzeichen wird oft missverstanden. Hier die fragliche Stelle in Schuberts Handschrift:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_11.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-719 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_11.jpg\" alt=\"\" width=\"603\" height=\"296\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_1.jpg\"><\/a><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte im ersten Moment tats\u00e4chlich meinen, im Autograph Schuberts st\u00fcnden die Akzente zur Solo- und Klavierstimme mehr oder weniger untereinander, also strikt zur Takt-Eins. Ich bin mir aber sicher, dass diese Stelle (und damit der Charakter des Themas insgesamt) eindeutig in beiden Stimmen nicht konform geschrieben und gemeint ist, sondern vielmehr so, wie in meiner Ausgabe wiedergegeben: Im Klavier, rechte Hand, steht der Akzent zur jeweils 2. Achtel, in der Streicherstimme jedoch zur Takt-Eins:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-705 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_2.jpg\" alt=\"\" width=\"622\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_2.jpg 747w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/05\/Schubert_Arp_2-300x175.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 622px) 100vw, 622px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich darf in aller K\u00fcrze meinen Standpunkt mit drei Beobachtungen begr\u00fcnden:<\/p>\n<p><strong>(1) Schreibgewohnheit<\/strong>: Schubert schreibt, wenn er genug Platz hat, in aller Regel die Akzente UNTER und nah an die gemeinte Note. Der Akzent neigt sich dabei leicht nach oben und &#8220;zeigt&#8221; somit auf den gemeinten Notenkopf. Das trifft f\u00fcr unsere Stelle f\u00fcr die Solostimme zu. F\u00fcr die rechte Hand des Klaviers aber notiert er hier den Akzent &#8220;ausnahmsweise&#8221; \u00dcBER den Notenkopf, und zwar nur deshalb, weil dort viel mehr Platz ist (und darunter eine Kollision mit dem bereits notierten Basston drohte). Auch dieser Akzent ist wie \u00fcblich dennoch nach oben geneigt und er \u201ezeigt\u201c auf die punktierte Achtel, nicht auf die Halbe. Man muss also auf den Schreibgestus achten, nicht so sehr auf Unter-\/Obersatz. H\u00e4tte Schubert wirklich die Halbe akzentuieren wollen, h\u00e4tte er den Akzent entweder unter die Halbe oder ausnahmsweise \u00fcber die Halbe und die Achtelpause dann noch dar\u00fcber geschrieben. Und der Neigungswinkel des Akzents h\u00e4tte sich zur Halbenote geneigt. Au\u00dferdem rutscht gewisserma\u00dfen das Akzentzeichen vom ersten bis zum 4. Takt allm\u00e4hlich immer st\u00e4rker nach rechts: wollte man es in T. 1 noch zur Halbenote lesen (ist aber bereits rechts davon), steht der Akzent in T. 4 direkt \u00fcber der &#8220;1 und&#8221;.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang darf ich alle Blog-Leser auf eine gro\u00dfartige Homepage der <a href=\"http:\/\/www.schubert-online.at\/\" target=\"_blank\">Wienbibliothek<\/a> aufmerksam machen, die unendlich viele originale Schubert-Handschriften in hervorragender Wiedergabequalit\u00e4t enth\u00e4lt (aber Achtung: Man kann dort studierend und staunend die Zeit vergessen\u2026).<\/p>\n<p><strong>(2) Musik<\/strong>: Warum h\u00e4tte Schubert den durch den Bass (Halbe) ohnehin betonten Abtakt noch mit Akzent versehen sollen, wo doch die Synkope \u2013 ich meine: eine nur sehr zart zu betonende Synkope \u2013 musikalisch in ihrer Betonung viel ungew\u00f6hnlicher ist? (Ich wei\u00df, es gibt solche Stellen bei Schubert, wo er das &#8220;Normale&#8221; noch betont.) Wir sprechen in der Textkritik an solchen strittigen Stellen (sie ist hier aber gar nicht strittig, siehe oben) von der &#8216;lectio difficilior potior&#8217;, der im Zweifelsfalle vom Autor eher gemeinten schwierigeren (ungew\u00f6hnlicheren) Lesart. Die Synkope ist das hier Ungew\u00f6hnliche in ihrer (leichten) Betonung, nicht die &#8220;1&#8221;. Deshalb musste meiner Meinung nach Schubert hier den Akzent (ein paar Mal) hinschreiben, um das Gemeinte zu verdeutlichen. Das musikalisch Gemeinte ist demnach eine nicht gleichf\u00f6rmig kreisende, sondern, man verzeihe das unwissenschaftliche, aber bildhafte Wort: eine leicht \u201eeiernde\u201c Bewegung.<\/p>\n<p><strong>(3) Erstausgabe<\/strong>: Sie erschien erst 1871 (!) bei Gotthard (Wien), \u00fcber 40 Jahre nach Schuberts Tod. Sie ist zwar keine Quelle im engeren Sinne (es gibt n\u00e4mlich au\u00dfer dem Autograph bei der \u201eArpeggione\u201c-Sonate keine weitere heranzuziehende Prim\u00e4rquelle), aber dennoch liest auch der Wiener Stecher den Akzent zur &#8220;1 und&#8221;, was seine Erfahrung mit Schubert-Autographen gem\u00e4\u00df Punkt 1 belegt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Ich bin also sehr f\u00fcr die bei Henle \u2013 \u00fcbrigens auch in allen anderen mir bekannten Druckausgaben des Werks \u2013 wiedergegebene Notation und hoffe nat\u00fcrlich, Sie, verehrte, liebe Frau Zimmermann, sowie alle unsere Blog-Leser hiervon restlos davon \u00fcberzeugt zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tabea Zimmermann, die\u00a0fabelhafte Bratschistin, schreibt:<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62,391,87,88,340,3,33,312,409],"tags":[698,61,60,63],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/701"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=701"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/701\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=701"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=701"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=701"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}