{"id":7153,"date":"2017-12-11T08:00:29","date_gmt":"2017-12-11T07:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7153"},"modified":"2017-12-07T14:23:23","modified_gmt":"2017-12-07T13:23:23","slug":"autographe-und-uberprufte-abschriften-zu-ludwig-van-beethovens-klaviersonaten-%e2%80%93-ein-uberblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/12\/11\/autographe-und-uberprufte-abschriften-zu-ludwig-van-beethovens-klaviersonaten-%e2%80%93-ein-uberblick\/","title":{"rendered":"Autographe und \u00fcberpr\u00fcfte Abschriften zu Ludwig van Beethovens Klaviersonaten \u2013 ein \u00dcberblick"},"content":{"rendered":"<p>Ein Werk Beethovens nur auf der Basis eines Erstdrucks zu edieren, stellt jeden Herausgeber einer wissenschaftlichen Ausgabe vor gro\u00dfe Herausforderungen. Der Notentext der Komposition steht dann nur in einem mehr oder weniger fehlerbehafteten Zustand f\u00fcr die Edition zur Verf\u00fcgung. Ist das Autograph \u00fcberliefert, und vielleicht noch weitere handschriftliche Quellen vorhanden \u2013 z.B. die Stichvorlagen f\u00fcr den Erstdruck, die der Komponist selbst \u00fcberpr\u00fcft hat \u2013, so kann man dem Ziel eines gesicherten Notentextes einen deutlichen Schritt n\u00e4her kommen. Aber leider, leider ist die Situation f\u00fcr die Klaviersonaten Beethovens nicht gerade rosig.<!--more--><\/p>\n<p>Hier kommt eine aussagekr\u00e4ftige Tabelle, die ich im Folgenden n\u00e4her erl\u00e4utern m\u00f6chte:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/12\/Tabelle5.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7179\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/12\/Tabelle5.jpg\" alt=\"\" width=\"586\" height=\"886\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/12\/Tabelle5.jpg 586w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2017\/12\/Tabelle5-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 586px) 100vw, 586px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In dieser Tabelle sind alle \u00fcberlieferten Sonaten und Sonatinen f\u00fcr Klavier von Beethoven in der Reihenfolge ihres Entstehens aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<ol>\n<li>Man sieht hier wunderbar, dass das System der Opuszahlen auch bei Beethoven nicht eine wasserdichte chronologische Reihe darstellt. Denn zum einen handelt es sich bei den Sonaten op. 2, die heute als 1. bis 3. Sonate gez\u00e4hlt werden, nicht um die ersten \u00fcberlieferten Sonaten Beethovens \u2013 das sind die sogenannten Kurf\u00fcrstensonaten, die \u00fcber 10 Jahre fr\u00fcher entstanden. Und zum anderen sind die Sonaten Nr. 19 und 20, op. 49 (!), eigentlich viel fr\u00fcher als zu vermuten komponiert worden, n\u00e4mlich zwischen den Sonaten op. 10 und op. 13.<\/li>\n<li>Au\u00dferdem, aber das ist sicher keine \u00dcberraschung, deutet die unvollendete Sonate Es-dur Unv 13 darauf hin, dass Beethoven wahrscheinlich besonders in seinen ersten 30 Lebensjahren weitere Werke dieser Gattung komponierte, die heute verschollen sind (ab 1800 ist dank des umfangreichen Skizzenbestands seine sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit viel umfassender dokumentiert).<\/li>\n<li>Das relative \u201eDurcheinander\u201c in der Entstehung der Sonaten in den f\u00fcnf Jahren zwischen 1794 und 1799 deutet auf ein weniger durchstrukturiertes, zielgerichtetes Arbeiten hin als in den Folgejahren. Diese Vermutung wird dadurch gest\u00fctzt, dass Beethoven ab Mitte 1798 erst begann, in gebundenen Skizzenb\u00fcchern und damit organisierter zu arbeiten \u2013 aus der Zeit davor ist lediglich umfangreiches ungebundenes Skizzenmaterial erhalten.<\/li>\n<li>Eine zus\u00e4tzliche Information, \u00fcber die Tabelle hinaus: S\u00e4mtliche aufgef\u00fchrten vollendeten Kompositionen, mit einer Ausnahme, wurden zu Beethovens Lebzeiten auch ver\u00f6ffentlicht, meist unter seinen kontrollierenden Augen. Lediglich die kleine Sonatine WoO 50, die eine Freundschaftsgabe war, erschien erst posthum.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wie steht es nun um die \u00dcberlieferung der wichtigen handschriftlichen Quellen, den Autographen und \u00fcberpr\u00fcften Abschriften?<\/p>\n<p>Man kann die Quellensituation in dieser Hinsicht in drei Entstehungsperioden teilen:<\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Bis zur Jahrhundertwende 1800<\/span>: Zu Sonaten, die vor diesem Datum entstanden sind, liegen uns weder Autographe noch \u00fcberpr\u00fcfte Abschriften vor (mit der Ausnahme der Sonatine WoO 50, deren Autograph beim Geschenkempf\u00e4nger verblieb, Beethovens engem Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler). Dies hat vermutlich verschiedene Ursachen. Zum einen \u00fcberreichte Beethoven in dieser Zeit offensichtlich seine Autographe als Stichvorlagen an die Verlage. \u00dcberpr\u00fcfte Abschriften waren daher nicht n\u00f6tig, sie wurden erst gar nicht hergestellt. Und mit den Autographen ging man, da Beethoven noch nicht die Ber\u00fchmtheit der sp\u00e4teren Jahre erlangt hatte, wenig sorgsam um. Sie gingen in den Verlagen verloren, besonders dann, wenn diese Unternehmen ihre T\u00e4tigkeit einstellten. F\u00fcr eine Urtextausgabe bedeutet dies, dass wir es hier mit nur einer Quelle f\u00fcr die Edition zu tun haben \u2013 dem Erstdruck. In einigen wenigen F\u00e4llen lie\u00df Beethoven besonders fehlerhaft gedruckte Kompositionen bei anderen Verlagen nochmals korrigiert drucken (z.B. op. 31), in anderen F\u00e4llen existieren korrigierte Drucke des Originalverlegers (z.B. op. 2). Dies kann aber den Verlust der Handschriften kaum kompensieren.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">1800 bis etwa 1806<\/span>: Beethovens schwer entzifferbare Handschrift, seine Tendenz, auch in Manuskripten, die f\u00fcr den Verlag gedacht waren, stark zu korrigieren, stellte die Verleger mehr und mehr vor unl\u00f6sbare Aufgaben. Daher erwartete man von Beethoven bald Abschriften von professionellen Kopisten, nach denen im Verlag der Notentext gestochen werden konnte. Der Komponist kam diesem Wunsch nicht immer nach, auch in sp\u00e4teren Jahren nicht. Aber im Fall der Sonate op. 22 aus dem Jahre 1800 ist erstmals und singul\u00e4r eine Stichvorlage einer Sonate \u00fcberliefert, die eine \u00fcberpr\u00fcfte Abschrift ist. In anderen F\u00e4llen, etwa bei den Sonaten op. 26 und op. 27 Nr. 2, bei denen sich die Autographen in Beethovens Nachlass vorfanden, k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass auch hier Abschriften an den Verlag gingen. Zur Herstellung dieser Abschriften engagierte Beethoven bevorzugt einen erstklassigen Kopisten, Wenzel Schlemmer, und dessen Kopierwerkstatt. Schlemmer war offensichtlich wie kein anderer in der Lage, Beethovens Handschrift zu entziffern. Erste Autographe sind nun auch in den Verlagen f\u00fcr die Nachwelt archiviert worden, so diejenigen zu op. 28 und op. 53. Aber f\u00fcr andere Sonaten ist weiterhin der bittere Verlust handschriftlicher Quellen zu beklagen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Etwa 1806 bis 1820<\/span>: Ab der Sonate op. 57 liegen uns l\u00fcckenlos Autographe vor \u2013 mit der wirklich niederschmetternden Ausnahme der Hammerklaviersonate, die vor Notentext-Problemen strotzt, die ohne handschriftliche Quellen nicht l\u00f6sbar sind. Aber freuen wir uns in den anderen F\u00e4llen umso mehr, als nun aus verschiedenen Gr\u00fcnden sorgsamer mit Beethovens Manuskripten umgegangen wurde. Dabei spielt eine bedeutende Privatsammlung eine entscheidende Rolle: Ab 1808\/1809 war Beethoven in engem Kontakt zu Erzherzog Rudolph, der ihm ein j\u00e4hrliches Gehalt zahlte und der bei ihm Unterricht nahm. Rudolph verehrte Beethoven als Komponisten und hatte sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, in seine Musikaliensammlung dessen s\u00e4mtliche Werke m\u00f6glichst in Handschriften aufzunehmen. Diesem Sammlerwunsch verdanken wir die \u00dcberlieferung von einigen bedeutenden Abschriften und dem Autograph des 1. Satzes der \u201eLes Adieux\u201c-Sonate, die Rudolph wie viele andere Werke gewidmet ist. (Vielleicht fand sich auch das Autograph der Hammerklaviersonate, die ihm ebenfalls zugeeignet ist, in dieser Sammlung, bevor es verloren ging.) So sind es also diese sp\u00e4teren Sonaten, die einen gr\u00f6\u00dferen Fundus an Quellen f\u00fcr den Editor zur Verf\u00fcgung stellen, was eine Freude ist, wenn auch keine ungetr\u00fcbte: Ab 1807 plante Beethoven die Ver\u00f6ffentlichung seiner Werke parallel bei mehreren Verlagen etwa in Wien, Berlin, London und Paris. Dies hatte zur Folge, dass Beethoven z. B. im Fall der drei sp\u00e4ten Sonaten op. 109, 110 und 111 mehrere autographe Niederschriften der ganzen Sonaten oder einzelner S\u00e4tze anfertigte. Die Abh\u00e4ngigkeiten und Chronologie dieser Quellen sind teils sehr undurchsichtig und der Notentext ist nat\u00fcrlich in diesen Handschriften nicht deckungsgleich. Ach ja \u2026<\/li>\n<p>&nbsp;<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Werk Beethovens nur auf der Basis eines Erstdrucks zu &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2017\/12\/11\/autographe-und-uberprufte-abschriften-zu-ludwig-van-beethovens-klaviersonaten-%e2%80%93-ein-uberblick\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,87,293,88,301,3,102],"tags":[7,657,715],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7153"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7153"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7153\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}