{"id":7222,"date":"2018-01-15T08:00:59","date_gmt":"2018-01-15T07:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7222"},"modified":"2018-01-11T13:13:00","modified_gmt":"2018-01-11T12:13:00","slug":"verwirrung-um-chopins-scherzi-%e2%80%93-folge-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/01\/15\/verwirrung-um-chopins-scherzi-%e2%80%93-folge-23\/","title":{"rendered":"Verwirrung um Chopins Scherzi \u2013 Folge 2&amp;3"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7234\" style=\"width: 148px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Chopin_portrait_1847.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7234\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7234 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Chopin_portrait_1847.jpg\" alt=\"\" width=\"138\" height=\"177\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Chopin_portrait_1847.jpg 374w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Chopin_portrait_1847-233x300.jpg 233w\" sizes=\"(max-width: 138px) 100vw, 138px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7234\" class=\"wp-caption-text\">Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin (1810\u20131849)<\/p><\/div>\n<p>Im meinem <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2016\/03\/21\/verwirrung-um-haltebogen-in-chopins-scherzo-h-moll\/\" target=\"_blank\">Blog-Beitrag vom 21. M\u00e4rz 2016<\/a> habe ich die \u201eVerwirrung\u201c beklagt, die um Halteb\u00f6gen in Chopins 1. Scherzo besteht. Inzwischen bin ich, salopp formuliert, 2 Scherzi weiter, um 2 Scherzi gealtert \u2013 und leider deutlich verwirrter. Das 2. Scherzo op. 31 und das 3. Scherzo op. 39 sind soeben in meiner Neu-Edition erschienen. Es liegt daher nahe, erneut aus der Chopin-Werkstatt zu berichten und ein paar Schlaglichter auf Probleme dieser Ausgaben zu werfen. Also: Verwirrung \u2013 Folge 2&amp;3!<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_7223\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1335-dt.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7223\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7223  \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1335-dt.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7223\" class=\"wp-caption-text\">Stemma zu den Quellen von Scherzo op. 31<\/p><\/div>\n<p>Die Quellenlage, das war zumindest mein Eindruck, wird mit jedem Scherzo noch ein wenig komplizierter. Zum h-moll Scherzo ist kein Autograph \u00fcberliefert, zum 2. Scherzo hingegen haben wir sowohl ein Autograph (A) als auch eine Abschrift (AB), die von Chopin \u00fcberpr\u00fcft wurde. Das Autograph war Stichvorlage f\u00fcr die franz\u00f6sische Erstausgabe (E<sub>F<\/sub>), die Abschrift f\u00fcr die deutsche Erstausgabe (E<sub>D<\/sub>). Bevor die franz\u00f6sische Ausgabe erschien, las Chopin jedoch offensichtlich zwei Fahnenkorrekturen; der Textstand nach der 1. Korrektur war die Vorlage f\u00fcr die englische Erstausgabe (E<sub>E<\/sub>). E<sub>E<\/sub> und E<sub>D<\/sub> wurden von Chopin nicht Korrektur gelesen. In einem Stemma lassen sich diese Abh\u00e4ngigkeiten gut erfassen.<\/p>\n<p>Was diese schematische Darstellung nicht hergibt sind folgende Beobachtungen: A weist viele Anzeichen daf\u00fcr auf, dass Chopin mit der Notation noch nicht ganz \u201efertig\u201c war. Vieles ist unvollst\u00e4ndig notiert (Dynamikangaben fehlen oft), und alles spricht daf\u00fcr, dass Chopin diese Dinge dann in den Fahnenkorrekturen f\u00fcr E<sub>F<\/sub> nachtragen wollte (was nur sehr begrenzt geschah). Die Abschrift AB hingegen wurde von Chopin sehr sorgf\u00e4ltig korrigiert. Ich musste also folgenden Schluss ziehen: E<sub>F<\/sub> ist zwar die Fassung letzter Hand, also die Quelle, die zuletzt von Chopin korrigiert wurde. Dennoch weist sie einen fr\u00fcheren und \u201eschlechteren\u201c Textstand auf als AB. Obwohl also AB nicht die Fassung letzter Hand repr\u00e4sentiert, ist sie die \u201ebeste\u201c Quelle und wurde folglich Hauptquelle meiner Edition. Diese Quellenbewertung zieht nat\u00fcrlich Probleme nach sich, denn auch \u201eletzte\u201c \u00c4nderungen, die Chopin in E<sub>F<\/sub> anbrachte, m\u00fcssen irgendwie dokumentiert werden.<\/p>\n<p>Der einzige Ausweg besteht in einem ausf\u00fchrlichen Fu\u00dfnotenapparat, der auf abweichende Lesarten hinweist und sie dem Spieler erkl\u00e4rt. Ich m\u00f6chte hier nur ein Beispiel herausgreifen, da es die \u201eVerwirrung\u201c am besten illustriert und zudem recht prominent ist:<\/p>\n<div id=\"attachment_7224\" style=\"width: 623px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN_1335_A_Chopin.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7224\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-7224 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN_1335_A_Chopin-769x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"613\" height=\"816\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN_1335_A_Chopin-769x1024.jpg 769w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN_1335_A_Chopin-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN_1335_A_Chopin.jpg 1645w\" sizes=\"(max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7224\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus dem Scherzo op. 31<\/p><\/div>\n<p>Es gibt in dieser Passage des Trio-Teils zwei Aspekte, die bei Chopin-Spielern immer wieder Stirnrunzeln hervorrufen: die Frage nach Halteb\u00f6gen (rote K\u00e4sten) und die Frage nach dem punktierten Rhythmus (rot eingekreist). Die Parallelstellen weichen voneinander ab, und die Frage ist naheliegend, ob das Chopins Wille oder ein Unfall in der \u00dcberlieferung war. Die Fu\u00dfnoten meiner Edition informieren den Spieler dar\u00fcber, dass es hier einen gewissen Interpretationsspielraum gibt, und die <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/download\/KB_ausfuehrlich\/1335de.pdf\" target=\"_blank\">Ausf\u00fchrungen im Kritischen Bericht<\/a> zu T. 265\/266 und zu T. 268 etc. erl\u00e4utern dies genau.<\/p>\n<p>Die Verwirrung der Quellenlesarten wird dadurch gewisserma\u00dfen potenziert, dass sp\u00e4tere Ausgaben zus\u00e4tzlich Varianten und Alternativen einf\u00fchren, die noch heute durch die Chopin-Welt geistern (etwa die im Kritischen Bericht genannten Ausgaben von Mikuli, Scholtz, Paderewski).<\/p>\n<p>Im 3. Scherzo wird die Ausgangslage nun noch un\u00fcbersichtlicher. Hier das Stemma zu diesem Werk:<\/p>\n<div id=\"attachment_7225\" style=\"width: 594px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1342-dt.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7225\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-7225 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1342-dt-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"388\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1342-dt-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1342-dt-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Stemma-1342-dt.jpg 1336w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7225\" class=\"wp-caption-text\">Stemma zu den Quellen von Scherzo op. 39<\/p><\/div>\n<p>Es gibt wiederum drei Erstausgaben (E<sub>F<\/sub>, E<sub>D<\/sub>, E<sub>E<\/sub>), die nun jedoch in verschiedenen Auflagen existieren. Es gibt eine von Chopin \u00fcberpr\u00fcfte Abschrift AB und schlie\u00dflich drei autographe Quellen, die in eckige Klammern gesetzt sind. Diese Quellen sind verschollen; ob es sie wirklich alle gegeben hat, ob sie wirklich an genau diesen Stellen des Stemmas standen \u2013 das ist Spekulation. Es ist jedoch n\u00f6tig, derartige Zwischenquellen anzunehmen, da sich anders die Varianten in den Erstausgaben kaum erkl\u00e4ren lassen. Eine wahrlich \u201eharte Nuss\u201c. Hauptquelle meiner Edition ist die franz\u00f6sische Erstausgabe, da im Fall des 3. Scherzos die Abschrift AB von Chopin leider nur punktuell gepr\u00fcft wurde \u2013 E<sub>F<\/sub> erwies sich nicht nur als die sp\u00e4teste, sondern trotz aller Stichfehler auch als die zuverl\u00e4ssigste Quelle. Die \u00fcberlieferten und vermutlich autorisierten Varianten aus den \u00fcbrigen Quellen sind jedoch zahlreich, die Fu\u00dfnoten in meiner Ausgabe ebenfalls. Zwei Beispiele:<\/p>\n<div id=\"attachment_7226\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN-1342_A_Chopin-zugeschnitten.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7226\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-7226 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN-1342_A_Chopin-zugeschnitten-739x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"852\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN-1342_A_Chopin-zugeschnitten-739x1024.jpg 739w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN-1342_A_Chopin-zugeschnitten-216x300.jpg 216w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Seiten-aus-HN-1342_A_Chopin-zugeschnitten.jpg 1645w\" sizes=\"(max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7226\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus Scherzo op. 39<\/p><\/div>\n<p>Manche Pianisten werden vielleicht entt\u00e4uscht sein, weil ich ihnen die punktierte Lesart in T. 31 und Parallelstellen genommen habe. Es gibt aber gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, T. 31 und 47 abweichend zu edieren:<\/p>\n<div id=\"attachment_7231\" style=\"width: 495px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/KB-zusammen.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7231\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-7231 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/KB-zusammen-1024x779.jpg\" alt=\"\" width=\"485\" height=\"369\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/KB-zusammen-1024x779.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/KB-zusammen-300x228.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/KB-zusammen.jpg 1127w\" sizes=\"(max-width: 485px) 100vw, 485px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7231\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus dem Kritischen Bericht zu op. 39; (Quellen St und Je sind Sch\u00fclerexemplare)<\/p><\/div>\n<p>Eine Stelle, die gleich in drei Varianten existiert, ist T. 460. Alle drei Akkordvarianten sind von Chopin vermutlich autorisiert \u2013 was zu den Zeitgenossen-Berichten passt, denen zufolge Chopin eigene Werke nie zweimal auf die gleiche Weise spielte.<\/p>\n<div id=\"attachment_7227\" style=\"width: 362px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Takt-458-f-mit-Fu\u00dfnote.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7227\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7227 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Takt-458-f-mit-Fu\u00dfnote.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"262\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Takt-458-f-mit-Fu\u00dfnote.jpg 815w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/01\/Takt-458-f-mit-Fu\u00dfnote-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7227\" class=\"wp-caption-text\">3. Scherzo, T. 458 \u2013461 mit Fu\u00dfnote<\/p><\/div>\n<p>Chopin h\u00e4tte \u00fcber die N\u00f6te heutiger Herausgeber m\u00f6glicherweise gel\u00e4chelt. Dennoch ist es unsere Aufgabe, die \u00dcberlieferung zu dokumentieren, autorisierte Varianten von sp\u00e4ter \u201eerfundenen\u201c zu trennen, einen Notentext zu edieren, der auf einer Hauptquelle basiert und der Versuchung widersteht, Quellenstr\u00e4nge zu vermischen und die jeweils \u201esch\u00f6nsten\u201c Lesarten auszuw\u00e4hlen. Ein schwieriges, aber spannendes Unterfangen! Und am Ende sollte die \u201eVerwirrung\u201c einer \u201eKlarheit\u201c gewichen sein, die den Interpreten informiert und ihm gleichzeitig die Freiheit l\u00e4sst, eigene Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<p>Sie ahnen es sicher schon \u2013 die \u201eVerwirrung um Chopins Scherzi, Folge 4\u201c, l\u00e4sst nicht mehr lange auf sich warten\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im meinem Blog-Beitrag vom 21. 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