{"id":7276,"date":"2018-02-26T08:00:31","date_gmt":"2018-02-26T07:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7276"},"modified":"2018-02-23T10:40:58","modified_gmt":"2018-02-23T09:40:58","slug":"%e2%80%9erichtig%e2%80%9c-%e2%80%93-%e2%80%9efalsch%e2%80%9c-zu-einer-fragwurdigen-note-in-mendelssohns-c-moll-klaviertrio-op-66","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/02\/26\/%e2%80%9erichtig%e2%80%9c-%e2%80%93-%e2%80%9efalsch%e2%80%9c-zu-einer-fragwurdigen-note-in-mendelssohns-c-moll-klaviertrio-op-66\/","title":{"rendered":"\u201eRichtig\u201c? \u2013 \u201eFalsch\u201c? Zu einer fragw\u00fcrdigen Note in Mendelssohns c-moll-Klaviertrio op. 66"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7284\" style=\"width: 106px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/220px-Mendelssohn_Bartholdy.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7284\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7284 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/220px-Mendelssohn_Bartholdy.jpg\" alt=\"\" width=\"96\" height=\"129\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7284\" class=\"wp-caption-text\">Felix Mendelssohn Bartholdy (1809\u20131847)<\/p><\/div>\n<p>Gelegentlich kommt es im Editionsgesch\u00e4ft zu unl\u00f6sbaren Konflikten zwischen eindeutigem Quellenbefund und musikalischer \u201eLogik\u201c. Auf einen solchen besonders spannenden Fall machte mich der eminente Pianist, Hochschulprofessor und Freund Michael Sch\u00e4fer aufmerksam. Der Sachverhalt ist in wenigen S\u00e4tzen dargestellt und meinen geneigten Lesern hiermit zur Diskussion \u00fcberreicht.<!--more--><\/p>\n<p><em><\/em>Felix Mendelssohn Bartholdy geh\u00f6rt bekanntlich zu jener Spezies Komponisten, die, bis es endlich zur Drucklegung eines neuen Werkes kommt, daran unendlich feilen und verbessern. So auch im Falle seines Klaviertrios in c-moll op. 66. Nicht nur hat er in seinem Partitur-Autograph seine urspr\u00fcngliche Niederschrift wie besessen korrigiert und ver\u00e4ndert, sondern es sind auch im Prozess der Drucklegung dann noch mehrere Korrekturstadien dokumentiert. Noch kurz vor Erstver\u00f6ffentlichung bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel im Februar 1846 sandte Mendelssohn den sicherlich schon Haare raufenden Verlegern noch eine eigenh\u00e4ndige ausf\u00fchrliche Korrekturliste mit Bitte um Ausf\u00fchrung zu (was auch noch geschah). Dies alles ist geradezu musterg\u00fcltig im einschl\u00e4gigen Band der Leipziger <a href=\"https:\/\/www.breitkopf.com\/work\/4310\/14809\" target=\"_blank\">Mendelssohn-Gesamtausgabe<\/a> dokumentiert und bewertet (merkw\u00fcrdig genug, dass es von dieser Edition bis heute keine praktische, wohlfeile Ausgabe f\u00fcr Musiker gibt \u2026).<\/p>\n<p>Nun zur fraglichen Note: Im Finale des c-moll-Trios, inmitten der gro\u00dfen C-dur-Schlussapotheose, kommt es noch einmal f\u00fcr einen kurzen Moment zu einer Beruhigung (\u201etranquillo\u201c ab Takt 296 ff.), bevor sich die drei Musiker dann fulminant in den grandiosen Schluss werfen (\u201esempre crescendo e con pi\u00f9 di fuoco\u201c). In der rechten Hand des Klaviers hat Mendelssohn in T. 298 f. die Melodielinie in konventionellen Oktaven plus Terz notiert:<\/p>\n<div id=\"attachment_7278\" style=\"width: 626px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Autograph-Ausschnitt1.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7278\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7278 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Autograph-Ausschnitt1.jpg\" alt=\"\" width=\"616\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Autograph-Ausschnitt1.jpg 1227w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Autograph-Ausschnitt1-1024x307.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 616px) 100vw, 616px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7278\" class=\"wp-caption-text\">Autograph op. 66 T. 294\u2013300<\/p><\/div>\n<p>Eine interessante Nebenbeobachtung zu diesem autographen Befund: Die vorausgehend notierten klangverst\u00e4rkenden Oktavierungen hat er gestrichen \u2013 immerhin soll die Stelle <em>p dim<\/em>, dann <em>p tranquillo<\/em> erklingen.<\/p>\n<p>Dieselbe Stelle ist in der Erstausgabe nun viel opulenter ausgestaltet, um nicht zu sagen, in T. 298 fast unspielbar und musikalisch h\u00f6chst fragw\u00fcrdig ver\u00e4ndert:<\/p>\n<div id=\"attachment_7282\" style=\"width: 629px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/T-296-299-mit-Rahmen1.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7282\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7282 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/T-296-299-mit-Rahmen1.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/T-296-299-mit-Rahmen1.jpg 813w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/T-296-299-mit-Rahmen1-300x172.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7282\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe op. 66 T. 296\u2013299<\/p><\/div>\n<p>Da leider s\u00e4mtliche zwischen dem Autograph und der Erstausgabe bei Breitkopf stattgefundenen Korrekturstadien verschollen sind, wissen wir nicht, ob Mendelssohn diese markante \u00c4nderung entweder in seiner eigenh\u00e4ndigen Stichvorlage des Klavierparts (Quelle \u201e[C]\u201c der Gesamtausgabe) oder im Prozess von Fahnenkorrekturen vorgenommen hatte. Philologisch ist der Sachverhalt klar und wasserdicht: Die Erstausgabe repr\u00e4sentiert ohne Zweifel Mendelssohns Willen, zumal in der bereits erw\u00e4hnten Fehler-Korrekturliste Mendelssohns an Breitkopf kurz vor Erscheinen diese Stelle <span style=\"text-decoration: underline\">nicht<\/span> moniert, demnach final abgesegnet wird.<\/p>\n<p>Was philologisch wasserdicht ist, muss musikalisch nicht immer \u00fcberzeugen. Hier liegt solch ein Fall vor. Klar und leicht nachvollziehbar ist, dass Mendelssohn seine urspr\u00fcnglich vorgenommene klangliche \u201eAusd\u00fcnnung\u201c der Stelle sozusagen r\u00fcckwirkend wieder \u201eeindickt\u201c: In T. 298 kommt eine wunderbar dissonierende punktierte Halbenote <em>a<\/em><sup>1<\/sup> hinzu, im Folgetakt das akkordf\u00fcllende <em>g<\/em><sup>1<\/sup> auf beiden Akkordschl\u00e4gen. Die Note, die jedoch furchtbar st\u00f6rt, ist in T 298 die zus\u00e4tzlich zur punktierten Halbenote <em>a<\/em><sup>1<\/sup> hinzukommende Viertelnote <em>f<\/em><sup>1<\/sup> im ersten Akkord. Dadurch entsteht ein (im Tempo) \u00e4u\u00dfert unbequem zu spielender f\u00fcnfstimmiger (! statt wie sonst immer vierstimmiger) Akkord, der noch dazu musikalisch-klanglich v\u00f6llig unn\u00f6tigerweise (weil nicht h\u00f6rbar) den Bass(Grund-)ton verst\u00e4rkt und die klar zu Grunde liegende (schon im Autograph notierte) Oktavlinie plus Terz \u00fcberdies verschleiert.<\/p>\n<p>Alle sp\u00e4teren Druckausgaben des Werkes, einschlie\u00dflich der einstmals stark verbreiteten Peters-Ausgabe (Plattennummer 7133) und der fr\u00fcheren Henle-Urtextausgabe (HN 250, inzwischen vergriffen), haben deshalb dieses <em>f<\/em><sup>1<\/sup> kurzerhand weggelassen. Die Leipziger Gesamtausgabe sowie die neue, revidierte <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviertrios_957\" target=\"_blank\">Urtextausgabe<\/a> unseres Hauses restituieren das <em>f<\/em><sup>1<\/sup>, philologisch-editorisch v\u00f6llig zu Recht:<\/p>\n<div id=\"attachment_7283\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Seiten-aus-HN_957_A_Mendelssohn.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7283\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-7283\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Seiten-aus-HN_957_A_Mendelssohn-300x288.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Seiten-aus-HN_957_A_Mendelssohn-300x288.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/02\/Seiten-aus-HN_957_A_Mendelssohn.jpg 512w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7283\" class=\"wp-caption-text\">Henle-Urtext-Ausgabe T. 298 f<\/p><\/div>\n<p>Wollte man annehmen, das <em>f<\/em><sup>1<\/sup> sei tats\u00e4chlich unbeabsichtigt in den Druck geraten (was ich pers\u00f6nlich glaube), dann k\u00f6nnte beispielsweise eine (erg\u00e4nzte?) Punktierung in den verlorenen Korrekturfahnen zum direkt daneben stehenden <em>g<\/em><sup>1<\/sup> vom Stecher irrt\u00fcmlich als Notenkopf <em>f<\/em><sup>1<\/sup> verlesen und von Mendelssohn dies \u00fcbersehen worden sein. M\u00f6glich, aber nicht zwingend. Ein vom kritisch und gut Korrektur lesenden Mendelssohn \u00fcbersehener Stichfehler ist freilich nicht v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen. \u00dcbliche, bew\u00e4hrte Editionspraxis besagt jedoch, dass ein Stichfehler nur dann zwingend anzunehmen \u2013 und dann zwingend zu verbessern \u2013 ist, wenn der Befund musikalisch (!) ohne jeden Zweifel falsch sein <span style=\"text-decoration: underline\">muss<\/span> (in der Fachsprache nennen wir das \u201eEmendation\u201c).<\/p>\n<p>Das ist hier freilich nicht der Fall: Das <em>f<\/em><sup>1<\/sup> ist m\u00f6glich, wenn auch musikalisch und pianistisch st\u00f6rend, um das Mindeste zu sagen. Ein \u201erichtig\u201c oder \u201efalsch\u201c gibt es also in solchen F\u00e4llen nicht. Philologie und musikalischer Sachverstand widersprechen sich. Jeder Pianist muss hier also f\u00fcr sich entscheiden. Wir werden ihn in der kommenden Auflage durch Erg\u00e4nzung einer Fu\u00dfnote mit der Nase auf die hier diskutierte Stelle sto\u00dfen. Dank eines Hinweises eines aufmerksamen und sensiblen Pianisten (siehe eingangs). Wir Editoren brauchen solche Musiker, um unsere Urtextausgaben immer ein St\u00fcckchen besser zu machen. Danke!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelegentlich kommt es im Editionsgesch\u00e4ft zu unl\u00f6sbaren Konflikten zwischen eindeutigem &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/02\/26\/%e2%80%9erichtig%e2%80%9c-%e2%80%93-%e2%80%9efalsch%e2%80%9c-zu-einer-fragwurdigen-note-in-mendelssohns-c-moll-klaviertrio-op-66\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,251,676,336,3,102],"tags":[276,706],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7276"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7276\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}