{"id":733,"date":"2012-06-11T08:00:36","date_gmt":"2012-06-11T06:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=733"},"modified":"2021-03-04T10:56:02","modified_gmt":"2021-03-04T09:56:02","slug":"aufwarts-oder-abwarts-ein-stolperstein-in-erik-saties-%e2%80%9e2eme-gymnopedie%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/06\/11\/aufwarts-oder-abwarts-ein-stolperstein-in-erik-saties-%e2%80%9e2eme-gymnopedie%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Aufw\u00e4rts oder abw\u00e4rts? Ein Stolperstein in Erik Saties \u201e2\u00e8me Gymnop\u00e9die\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick scheinen Urtext-Editionen von Saties Klaviermusik keine gro\u00dfe Herausforderung darzustellen. <!--more-->Hauptquellen sind in aller Regel die Erstausgaben, die vom Komponisten selbst Korrektur gelesen wurden, wie die f\u00fcr einige Werke erhaltenen Druckfahnen beweisen. \u00dcberdies haben sich viele der Autographen bewahrt, die in Zweifelsf\u00e4llen herangezogen werden k\u00f6nnen. Die relativ leichte Faktur und der klare Aufbau vor allem der fr\u00fchen Werke bieten ohnehin kaum Editionsprobleme. Sowohl Pianisten als auch Herausgeber bewegen sich auf gut ausgebauten, ebenen Wegen. Aber allzu sicher sollten sie sich nicht f\u00fchlen, denn auch solche Wege sind nicht immer frei von Stolpersteinen, wie der Fall der \u201e2<sup>\u00e8me<\/sup> Gymnop\u00e9die\u201c zeigt.<\/p>\n<p>Die drei im Fr\u00fchjahr 1888 entstandenen \u201eGymnop\u00e9dies\u201c stellen heute Saties bekannteste Werke dar. Durch ihre melodische \u00c4hnlichkeit \u2013 auf- und absteigende Skalenmotive auf der Basis statischer Akkordbegleitungen \u2013 lassen sie sich als Varianten der gleichen Grundidee beschreiben, so als w\u00fcrde Satie den imagin\u00e4ren antiken Tanz aus drei verschiedenen Perspektiven schildern. Der einheitliche Zug der drei St\u00fccke zeigt sich neben dem Melodischen auch im Formalen: Alle drei Nummern sind zweiteilig aufgebaut, und zwar als Folge A\u2013A&#8217;, also als Reprise des ersten Teils im zweiten mit kleinen Varianten (K\u00fcrzungen und Dehnungen von Gliedern, Umstellungen, harmonische \u00c4nderungen).<\/p>\n<p>Schaut man sich unter dieser Perspektive die \u201e2<sup>\u00e8me<\/sup> Gymnop\u00e9die\u201c genauer an, f\u00e4llt auf, dass die Abw\u00e4rts-\/Aufw\u00e4rtsbewegung der Melodie (Takte 6\/7 sowie 10\/11) bei der Wiederholung durch zwei Aufw\u00e4rtsbewegungen (Takte 41\/42 sowie 45\/46) ersetzt ist \u2013 und zwar nicht nur in der <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b52000072r.r=Satie.langDE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erstausgabe<\/a>, sondern auch in allen Nach- und Neudrucken bis in die j\u00fcngste Zeit hinein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-735 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_1.jpg\" alt=\"\" width=\"1062\" height=\"626\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_1.jpg 1062w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_1-300x176.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_1-1024x603.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1062px) 100vw, 1062px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-736 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_2.jpg\" alt=\"\" width=\"1062\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_2.jpg 1062w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_2-300x188.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_2-1024x643.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1062px) 100vw, 1062px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Nicht-Entsprechung ist umso auffallender, als die Abw\u00e4rts-\/Aufw\u00e4rtsbewegung zum melodischen Kern geh\u00f6rt und weder in der ersten noch in der dritten der \u201eGymnop\u00e9dies\u201c bei der Wiederholung variiert wird \u2013 warum dann ausgerechnet in der zweiten? Der Blick ins <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b52000852z\/f13.r=Satie.langDE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Autograph<\/a> zeigt, dass Satie tats\u00e4chlich urspr\u00fcnglich eine Variante der Grundidee vorsah, und zwar in beiden Teilen des St\u00fccks, also beim ersten Erklingen genauso wie bei der Wiederholung. Eindeutig notierte er in den Takten 6 und 10 sowie 41 und 45 die Aufw\u00e4rtsfolge <em>f\u2013g\u2013a<\/em>. Dann aber entschloss er sich zur \u00c4nderung, vermutlich um die \u00c4hnlichkeit mit den Melodien der anderen \u201eGymnop\u00e9dies\u201c zu verst\u00e4rken und dadurch das St\u00fcck enger in den Zyklus einzubinden. Er \u00e4nderte allerdings nur die Takte 6 und 10 (das Vorspiel der Takte 1\u20134 fehlt noch im Autograph) zur Abw\u00e4rtsfolge <em>a\u2013g\u2013f<\/em>:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_3.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-737 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_3.jpg\" alt=\"\" width=\"1220\" height=\"526\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_3.jpg 1220w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_3-300x129.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Satie_3-1024x441.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1220px) 100vw, 1220px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eine entsprechende \u00c4nderung in den Takten 41 und 45 unterblieb \u2013 zweifellos aus Versehen, denn die Abschnitte der Takte 5\u201319 und 40\u201354 sind, von kleinen Varianten der dynamischen Bezeichnung abgesehen, vollkommen identisch. Offenbar entging Satie die inkonsequente Korrektur auch in der Stichvorlage und der Korrekturfahne, die beide nicht erhalten sind. So gelangte die doppelte Aufw\u00e4rtsbewegung in der Reprise <em>f\u2013g\u2013a | e\u2013f\u2013g<\/em> (statt, wie nach der Korrektur beabsichtigt, <em>a\u2013g\u2013f | e\u2013f\u2013g<\/em>) in die Erstausgabe.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es aber nicht doch sein, dass Satie in dieser \u201e2<sup>\u00e8me<\/sup> Gymnop\u00e9die\u201c ganz bewusst auf vollkommene Entsprechung verzichten, ja eine konventionelle Erwartungshaltung gleichsam augenzwinkernd unterlaufen wollte? Ganz ausschlie\u00dfen l\u00e4sst sich dies nicht, aber es widerspr\u00e4che der Statik, auf die es ihm in seinem neu geschaffenen pseudo-antiken Stil der \u201eGymnop\u00e9dies\u201c ja gerade ankommt. Denn der Wechsel der Laufrichtung in der Reprise w\u00fcrde eine Entwicklung andeuten, die Satie ja gerade vermeiden will.<\/p>\n<p>Warum er dann in sp\u00e4teren Ausgaben die Stelle nicht korrigieren lie\u00df? Satie legte hier eine Indifferenz zu Tage, die auch anderen Komponisten h\u00e4ufig zu Eigen ist. Wenn \u00fcberhaupt, erw\u00e4hnen sie Fehler in Briefen oder korrigieren sie in ihren Handexemplaren \u2013 wie es Satie beispielsweise f\u00fcr <em>Ogives<\/em> tat \u2013, dr\u00e4ngen aber nicht oder zumindest nicht mit letzter Konsequenz auf deren Behebung bei den Verlagen.<\/p>\n<p>Spieler, die sich die \u201e2<sup>\u00e8me<\/sup> Gymnop\u00e9die\u201c erstmals vornehmen, werden jedenfalls in Takt 41 stutzen und sich fragen, ob die Umkehrung des Motivs Absicht oder Versehen ist. Bei vielen Ausgaben werden sie damit allein gelassen, in der neuen <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Gymnop%C3%A9dies_1072\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Henle-Edition<\/a> entschied sich der Herausgeber Ulrich Kr\u00e4mer aus den genannten Gr\u00fcnden f\u00fcr eine Angleichung der Takte 41\/46 an die Takte 6\/10 und machte durch eine Fu\u00dfnote auf die Abweichung gegen\u00fcber den Quellen aufmerksam.<\/p>\n<p>Der Fall zeigt, dass \u201eUrtext\u201c einerseits die Kenntnis der Quellen voraussetzt \u2013 ohne die Korrektur im Autograph h\u00e4tte man keinen Anhaltspunkt zur Beseitigung des Stolpersteins \u2013, andererseits aber auch offen sein muss f\u00fcr Intentionen, die \u00fcber den \u00fcberlieferten Text in den Quellen hinausgehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick scheinen Urtext-Editionen von Saties Klaviermusik keine &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/06\/11\/aufwarts-oder-abwarts-ein-stolperstein-in-erik-saties-%e2%80%9e2eme-gymnopedie%e2%80%9c\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,392,301,3,313,102],"tags":[65,66,64],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/733"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=733"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/733\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9286,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/733\/revisions\/9286"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=733"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=733"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}