{"id":749,"date":"2012-06-25T08:00:57","date_gmt":"2012-06-25T06:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=749"},"modified":"2015-05-20T10:10:19","modified_gmt":"2015-05-20T08:10:19","slug":"daneben-geschlagen-ein-vermeintlich-falscher-ton-in-beethovens-sonate-op-14-nr-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/06\/25\/daneben-geschlagen-ein-vermeintlich-falscher-ton-in-beethovens-sonate-op-14-nr-2\/","title":{"rendered":"Daneben geschlagen? &#8211; Eine vermeintlich falsche Note in Beethovens Sonate op. 14 Nr. 2"},"content":{"rendered":"<p>Seit nun fast zehn Jahren arbeite ich mit Murray Perahia als Mitherausgeber an einer Neuausgabe der Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven. Zehn Sonaten sind inzwischen erschienen, und ich verspreche, dass es nun nicht noch zwanzig Jahre dauern wird, bis auch die anderen Sonaten vorliegen!<\/p>\n<p>Unter den bereits ver\u00f6ffentlichten Sonaten befindet sich auch diejenige in <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fPsDwKAWN4U\" target=\"_blank\">G-dur, op. 14 Nr. 2<\/a> (die Sonate \u201eNr. 10\u201c,\u00a0falls Sie lieber\u00a0durchz\u00e4hlen). <!--more-->Leider liegt uns, wie f\u00fcr alle Sonaten bis einschlie\u00dflich Op. 22, auch f\u00fcr die G-dur-Sonate kein Autograph vor. Wir wissen zur Entstehung dieser Sonate nichts, nicht einmal, wann genau sie komponiert wurde. Hilfsmittel, die uns sonst f\u00fcr die Datierung zur Verf\u00fcgung stehen, etwa Skizzenmaterial, fehlen v\u00f6llig. Lediglich eine\u00a0Anzeige zum Erscheinen der Originalausgabe in der Wiener Zeitung aus dem Jahr 1799 hilft uns, diese Sonate chronologisch einzuordnen. Ob sie im Jahr der Ver\u00f6ffentlichung auch komponiert wurde oder eher ein oder zwei Jahre fr\u00fcher, muss offen bleiben.<\/p>\n<p>Als Quelle f\u00fcr eine Urtext-Edition kann mangels handschriftlicher Dokumente nur die Erstausgabe dienen (Beethoven hat h\u00f6chstwahrscheinlich auf sp\u00e4tere Ausgaben der Sonate keinen Einfluss genommen). Diese beim Verleger Mollo in Wien erschienene Ausgabe stellt uns im 1. Satz der Sonate Op. 14 Nr. 2 ein kleines R\u00e4tsel, das immerhin, je nachdem, wie man es l\u00f6st, zu einem deutlich h\u00f6rbaren Unterschied beim Spielen der Sonate f\u00fchrt. Hier ist es:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite1Mollo.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-757\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite1Mollo-1024x292.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"182\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite1Mollo-1024x292.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite1Mollo-300x85.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite2Mollo.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-758\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite2Mollo-1024x143.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"89\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite2Mollo-1024x143.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/06\/Seite2Mollo-300x41.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir sind in der Durchf\u00fchrung des 1. Satzes. Sehen Sie, von welcher r\u00e4tselhaften\u00a0Note ich spreche? Vielleicht haben Sie die Sonate schon einmal selbst gespielt? Dann w\u00fcrden Sie h\u00f6chstwahrscheinlich \u00fcber die 1. Note <em>des<\/em><sup>2<\/sup> in der rechten Hand im 10. Takt unseres Beispiels stolpern. Die meisten, wenn nicht alle modernen Ausgaben drucken stattdessen <em>d<\/em><sup>2<\/sup> und weichen damit von der einzigen Quelle zu diesem Werk ab. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt es wohl im Wesentlichen drei:<br \/>\n(1) Der harmonische Verlauf der F\u00fcnftakt-Gruppe ab dem 1. Forte ist: Drei Takte As-dur, ein Takt Dominantseptakkord auf <em>d<\/em>, ein Takt verminderter Dominantseptakkord auf <em>fis<\/em>. Die n\u00e4chste F\u00fcnftakt-Gruppe m\u00fcsste entsprechend mit drei Takten g-moll beginnen und nicht schon im dritten Takt einen verminderten Akkord aufweisen.<br \/>\n(2) Im Takt mit dem <em>des<\/em><sup>2<\/sup> fehlt ein notwendiges b-Vorzeichen vor\u00a0dem <em>h<\/em><sup>1<\/sup>. Deshalb:<br \/>\n(3) Der Stecher hat sich vermutlich (nach dem Seitenwechsel) geirrt und das b-Vorzeichen versehentlich mit dem Stempel eine Terz zu hoch eingeschlagen.<\/p>\n<p>Wir sind jedoch der Meinung, dass es ebenfalls drei Gr\u00fcnde gibt, nicht von der Quelle abzuweichen:<br \/>\n(1) Zu Beethovens Zeit war es noch \u00fcblich, bei Tonrepetitionen oder der Wiederholung von Notengruppen \u00fcber einen Taktstrich hinaus notwendige Vorzeichen nicht erneut zu setzen. Sehr h\u00e4ufig finden sich in Beethovens Manuskripten \u00e4hnliche Situationen, bei denen diese Vorzeichen nach dem Taktstrich NICHT wiederholt werden. Daher k\u00f6nnte es durchaus sein, dass auch in unserem Fall in Beethovens Autograph\u00a0vor dem <em>h<\/em><sup>1<\/sup> kein b-Vorzeichen steht und der Stecher es deshalb nicht setzte. (Im 3. Takte der 1. Gruppe fehlt zum Beispiel im oberen System das b-Vorzeichen vor dem unteren <em>e<\/em>.) Der Stecher hat sich also m\u00f6glicherweise nicht in der Terz geirrt, sondern hat den Takt genau so gestochen, wie er im Manuskript stand.<br \/>\n(2) Robert Levin schrieb einmal: \u201eHerausgeber wollen es einheitlich, K\u00fcnstler lieben die Vielfalt\u201c. :-) Warum sollte Beethoven den harmonischen Verlauf der 1. Gruppe in der 2. Gruppe w\u00f6rtlich wiederholt haben? Zwei Takte sp\u00e4ter, im 5. Takt der 2. Gruppe, \u00e4ndert er ja schlie\u00dflich ebenfalls im Vergleich zur 1. Gruppe!<br \/>\n(3) Das <em>des<\/em><sup>2<\/sup> ist harmonisch definitiv nicht falsch, nur \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Wir haben uns also entschieden, im Notentext unserer Ausgabe das <em>des<\/em><sup>2<\/sup> mit einer entsprechenden Fu\u00dfnote gem\u00e4\u00df der einzigen Quelle zu bringen. Spielen Sie es einmal! Ich habe es von Maestro Perahia mehrfach im Konzert geh\u00f6rt. Mir gef\u00e4llt es gut. Und Ihnen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit nun fast zehn Jahren arbeite ich mit Murray Perahia &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/06\/25\/daneben-geschlagen-ein-vermeintlich-falscher-ton-in-beethovens-sonate-op-14-nr-2\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,88,301,393,20,3,280,33],"tags":[7,35,690],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/749"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=749"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/749\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=749"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=749"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=749"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}