{"id":7512,"date":"2018-06-04T08:00:18","date_gmt":"2018-06-04T06:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7512"},"modified":"2018-06-06T16:52:53","modified_gmt":"2018-06-06T14:52:53","slug":"zur-%e2%80%9epicardischen%e2%80%9c-dur-terz-im-todtraurigen-cis-moll-nocturne-von-chopin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/06\/04\/zur-%e2%80%9epicardischen%e2%80%9c-dur-terz-im-todtraurigen-cis-moll-nocturne-von-chopin\/","title":{"rendered":"Zur \u201epicardischen\u201c Dur-Terz im todtraurigen cis-moll-Nocturne von Chopin"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/chopin.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-7522\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/chopin-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Welch befreiende, ja erl\u00f6sende Wirkung die unerwartete Durterz zum Schluss eines Mollst\u00fccks haben kann, wissen vor allem Bach-Spieler und -H\u00f6rer. Um nur ein Beispiel zu nennen, das jeder kennen d\u00fcrfte: Das streng und unerbittlich in Moll voranschreitende c-moll-Pr\u00e4ludium aus dem ersten Band des \u201eWohltemperierten Klaviers\u201c endet im allerletzten Takt mit einem wunderbar aufbl\u00fchenden C-dur-Dreiklang. (Auch mein Lieblingspr\u00e4ludium von Bach, dasjenige in fis-moll aus dem zweiten Band, endet erl\u00f6send in Fis-Dur.) \u201ePicardisch\u201c nennt Rousseau solche Terzauswechslung zum Schluss eines Mollst\u00fcckes. <!--more--><\/p>\n<p>In der nach-Bach\u2018schen Zeit wird dieser wirkungsvolle Komponisten-\u201eTrick\u201c immer seltener. Moll bleibt unerbittlich Moll (siehe beispielsweise: Mozarts Klavier-Fantasie in c-moll). Oder das Picardische wird im gro\u00dfen Stil auf den ganzen Schluss-Satz einer Symphonie ausgedehnt, wie bekanntlich zum Beispiel in Beethovens \u201eSchicksals\u201c-Symphonie Nr. 5 in c-moll: durch Nacht zum Licht\u2026<\/p>\n<p>Im Falle der Klaviermusik Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins tritt die picardische Terz gelegentlich, durchaus nicht h\u00e4ufig auf. Als ich vor wenigen Tagen zusammen mit den Klavierprofessoren Michael Sch\u00e4fer und Claudius Tanski das Klavierspiel von weit \u00fcber 100 Kindern beurteilen durfte, die an unserem allj\u00e4hrlichen YouTube-Klavierwettbewerb teilnahmen, entspann sich pl\u00f6tzlich eine lebhafte Diskussion \u00fcber den richtigen Schluss des weltber\u00fchmten Nocturne in cis-moll op. post. (KK IVa Nr. 16). Viele der jungen K\u00fcnstler w\u00e4hlten ausgerechnet dieses St\u00fcck aus dem heuer vorgeschriebenen Band <a title=\"&quot;Am Klavier | Chopin\" href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Am+Klavier+-+17+bekannte+Originalst%C3%BCcke_1810\" target=\"_blank\">\u201eAm Klavier | Chopin\u201c<\/a>. \u201eWeltber\u00fchmt\u201c wurde dieses todtraurige St\u00fcck durch den ersch\u00fctternden Film <a title=\"&quot;Der Pianist&quot;\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u_jE7-6Uv7E\" target=\"_blank\">\u201eDer Pianist\u201c<\/a> von Roman Polanski.<\/p>\n<p>Einige Kinder spielten die Durterz (<em>eis<\/em>) erst ganz zum Schluss (im vorletzten Takt 61), im gewisserma\u00dfen ersterbenden Licht des dreifachen Pianissimo. Gro\u00dfe Wirkung. Andere spielten die Durterz bereits ab Takt 59 \u2013 ebenfalls mit gutem Effekt, aber doch weniger stark in der \u201eErl\u00f6sungswirkung\u201c. Da waren wir uns in der Jury zwar einig: Die picardische Terz erst ganz zum Schluss tut die gr\u00f6\u00dfere Wirkung. Doch in der Henle-Ausgabe steht das <em>eis<\/em> bereits in Takt 59. Ein Fehler?<\/p>\n<p>Dank des sofort konsultierten Henle-Lektorats und unserer umfassenden Quellensammlung wurde dann auch das bereits vermutete Noten\/Quellen-Problem schnell gel\u00f6st. \u201eBeide\u201c Fassungen sind legitimiert. In der Henle-Urtext-Ausgabe aller <a title=\"Nocturnes\" href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Nocturnes_185\" target=\"_blank\">Nocturnes<\/a> von Chopin werden daher auch beide Fassungen abgedruckt (Nr. 20a \/ 20b), in der Serie \u201eAm Klavier | Chopin\u201c aber nur diejenige Fassung, wie sie uns von Chopins Schwester Ludwika J\u0119drzejewicz \u00fcberliefert ist. Sie schreibt <em>eis<\/em> mit Vorzeichen \u266f bereits in Takt 59, dann nicht (!) in Takt 60, dann wieder in Takt 61:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Abschrift.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7516\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Abschrift.png\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"260\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Abschrift.png 1200w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Abschrift-300x65.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Abschrift-1024x221.png 1024w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ludwikas Vorlage war nachweislich Chopins reinschriftliches Autograph der \u00fcberarbeiteten, endg\u00fcltigen Version. Doch ausgerechnet das ist leider verloren gegangen. Ludwika gilt als zuverl\u00e4ssige Kopistin (und hat sich um den unver\u00f6ffentlichten Nachlass ihres Bruders unendlich verdient gemacht). Nun kommt hinzu, dass ein weiterer Kopist Chopins verlorenes Autograph abgeschrieben hat, n\u00e4mlich Oskar Kolberg. Und darin steht das picardische <em>eis<\/em> erst zum Schluss. Schlussfolgerung: entweder irrt die Schwester oder Kolberg. Also 1:1. Chopin hatte aber sein cis-moll-Nocturne vorab schon vor seiner Reinschrift entworfen, dieses Autograph hat \u00fcberlebt (und ist in einem sch\u00f6nen Faksimile des Chopin und George Sand-Museums auf Mallorca, 2003, publiziert) \u2013 und in diesem Autograph steht das #-Vorzeichen eindeutig erst, und mich und die Jury-Kollegen letztlich \u00fcberzeugender, im Schlusstakt:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Detail.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7517\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Detail.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"294\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Detail.jpg 1000w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/05\/Chopin_Nocturne_Detail-300x88.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Henle-Herausgeber (Ewald Zimmermann) will das Problem nicht entscheiden (\u201emuss offen bleiben\u201c) und druckt eben beide Fassungen. Jan Ekier in seiner Ausgabe bei Wiener Urtext (UT 50065) ediert das \u266f erst in Takt 61 und kommentiert das schwesterlich-fr\u00fchere Dur mit \u201epresumably a mistake since \u266f is missing in bar 60\u201c.<\/p>\n<p>Die Henle-YouTube-Jury war \u00fcbrigens von der sehr reifen Interpretation der neunj\u00e4hrigen Elina Baron so ber\u00fchrt, dass wir ihr einstimmig den ersten Preis in der Altersgruppe II zusprachen. Es lohnt sich, die junge K\u00fcnstlerin mit dem cis-moll-Nocturne zu erleben; wenn Sie, liebe Leser, die 4:30 Minuten bis zum Schluss h\u00f6ren, dann werden Sie auch wissen, an welcher Stelle Elina das ungeheuer ber\u00fchrende <em>eis<\/em> spielt:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/qXCI7uIPqNA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welch befreiende, ja erl\u00f6sende Wirkung die unerwartete Durterz zum Schluss &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/06\/04\/zur-%e2%80%9epicardischen%e2%80%9c-dur-terz-im-todtraurigen-cis-moll-nocturne-von-chopin\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,87,304,301,3],"tags":[682],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7512"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7512"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7512\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}