{"id":7548,"date":"2018-06-18T08:00:18","date_gmt":"2018-06-18T06:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7548"},"modified":"2018-06-22T14:26:34","modified_gmt":"2018-06-22T12:26:34","slug":"zur-urauffuhrung-von-sergej-rachmaninows-2-klaviersonate-op-36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/06\/18\/zur-urauffuhrung-von-sergej-rachmaninows-2-klaviersonate-op-36\/","title":{"rendered":"Zur Urauff\u00fchrung von Sergej Rachmaninows 2. Klaviersonate op. 36"},"content":{"rendered":"<p>Moskau, St. Petersburg, Rostow am Don, Saratow, Smolensk, Woronesch \u2013 was haben diese russischen St\u00e4dte gemeinsam? Nein, es sind nicht die Austragungsorte der Fu\u00dfballweltmeisterschaft, die gerade in Russland begonnen hat\u2026<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_7551\" style=\"width: 124px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sergei_Rachmaninoff_cph.3a40575.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7551\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7551  \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sergei_Rachmaninoff_cph.3a40575.jpg\" alt=\"\" width=\"114\" height=\"145\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sergei_Rachmaninoff_cph.3a40575.jpg 472w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sergei_Rachmaninoff_cph.3a40575-236x300.jpg 236w\" sizes=\"(max-width: 114px) 100vw, 114px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7551\" class=\"wp-caption-text\">Sergej Rachmaninow (1873\u20131943)<\/p><\/div>\n<p>Die Antwort ist vielleicht etwas unspektakul\u00e4r: All diese Orte besuchte Sergej Rachmaninow Ende 1913 im Zuge einer Konzerttournee durch das russische Kaiserreich, bei der er von Anfang Oktober bis Anfang Dezember Klavierabende mit eigenen Kompositionen in insgesamt 24 St\u00e4dten gab.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr uns heute insofern interessant, als Rachmaninow kurz zuvor seine gro\u00dfe Klaviersonate Nr. 2 b-moll op. 36 vollendet hatte, sicher eines der Schl\u00fcsselwerke in seinem Schaffen und bis heute vielgeliebt und -gespielt (und in wenigen Wochen endlich im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+Nr.+2+b-moll+op.+36%2C+Fassungen+1913+und+1931_1256\" target=\"_blank\">Henle-Urtext<\/a> erh\u00e4ltlich!). Das ganze Jahr 1913 \u00fcber hatte Rachmaninow an diesem Werk gearbeitet und am 18. September vollendet, wenn man der Datierung auf der letzten Seite des Autographs folgt. (In einer 1917 zusammen\u00adge\u00adstellten Werkliste notierte Rachmaninow dagegen zur 2. Sonate als Entstehungszeit \u201eJanuar\u2013August 1913\u201c, aber vielleicht ungenau aus der Erinnerung.)<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass Rachmaninow seine brandneue Komposition dem Publikum in den Konzerten der erw\u00e4hnten Russland-Tournee vorstellte \u2013 aber wo zuerst, denn seine Programme waren nicht jeden Abend identisch? Welche Stadt kann sich tats\u00e4chlich mit der Urauff\u00fchrung der 2. Klaviersonate durch den Komponisten h\u00f6chstpers\u00f6nlich schm\u00fccken?<\/p>\n<div id=\"attachment_7558\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sonate_op36_1.Fassung_Titel.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7558\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7558\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sonate_op36_1.Fassung_Titel.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sonate_op36_1.Fassung_Titel.jpg 400w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Sonate_op36_1.Fassung_Titel-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7558\" class=\"wp-caption-text\">Titelblatt der Erstausgabe, Moskau: Gutheil, 1914<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left\">Auf diese interessante Frage stie\u00df ich im Rahmen meiner Neuedition der Sonate. In der westlichen Literatur zu Rachmaninow findet sich in der Regel die Angabe, dass die Premiere der Sonate op. 36 am 3. Dezember 1913 in Moskau stattfand (nach dem russischen Kalender datiert, was im westlichen gregorianischen Kalender dem 16. Dezember entspricht). Dieses Urauff\u00fchrungsdatum findet sich z.B. in den wichtigen Rachmaninow-Biographien von Max Harrison (<em>Rachmaninoff. Life, Works, Recordings<\/em>, London\/New York 2005, S. 194) und Geoffrey Norris (<em>Rachmaninoff<\/em>, New York 1994, S. 171). Auch das Werkverzeichnis von Robert Threlfall und Geoffrey Norris (<em>A Catalogue of the compositions of S. Rachmaninoff<\/em>, London 1982, S. 115) nennt den gleichen Termin, ist aber immerhin so vorsichtig, nur von einer \u201eperformance\u201c zu sprechen, nicht der \u201efirst performance\u201c.<\/p>\n<p>Hingegen gibt etwa Kim Andrei Lasarenko in seiner Dissertation (<em>A Style Change in Rachmaninoff&#8217;s Piano Music as Seen in the Second Piano Sonata in B-Flat Minor, Opus 36 (1913 and 1931 Versions)<\/em>, Ohio State University 1988, S. 16) St. Petersburg als Urauff\u00fchrungsort an, nennt als Datum aber nur \u201ein December\u201c; seine Quelle ist George Kehlers Kompendium <em>The piano in concert<\/em>. Lasarenkos Datierung wird auch vom <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Piano_Sonata_No._2_(Rachmaninoff)\" target=\"_blank\">englischen Wikipedia-Eintrag<\/a> zur Sonate \u00fcbernommen (Stand 18. 6. 2018).<\/p>\n<p>Leider nehmen diese westlichen Publikationen nicht die seit langem bekannten Ergebnisse der russischen Musikforschung zur Kenntnis, die auf diese und viele andere Fragen zur Biographie Rachmaninows genau Auskunft geben k\u00f6nnen. So sind in der von Zarui Apetjan herausgegebenen dreib\u00e4ndigen Text- und Materialsammlung <em>S.\u00a0Rachma\u00adninov. Literaturnoe nasledie<\/em> (=Literarischer Nachlass, Moskau 1978\u20131980) auch ausf\u00fchrliche Tabellen mit Konzertterminen und Werkauff\u00fchrungsdaten enthalten. Aus ihr geht hervor, dass die Urauff\u00fchrung der Sonate op. 36 bereits am <strong>5. Oktober 1913<\/strong> (russ. Kalender) <strong>im Saal der Adelsversammlung in Kursk<\/strong> stattfand, also gleich im ersten Konzertort der Tournee Rachmaninows (vgl. <em>Literaturnoe nasledie<\/em>, Bd. 2, S. 396 und Bd. 3, S. 443). Erst einige Wochen sp\u00e4ter spielte der Komponist seine Sonate auch in St. Petersburg und zum Abschluss der Tournee in Moskau.<\/p>\n<p>Als Henle-Lektor ist man allerdings gewohnt, keine Information ungepr\u00fcft zu \u00fcber\u00adnehmen, und so suchte ich nach handfesten zeitgen\u00f6ssischen Belegen, dass in Kursk die Sonate op. 36 auch tats\u00e4chlich gespielt wurde. Gl\u00fccklicherweise konnte ich in russischen Bibliotheken noch Exemplare von Kursker Lokalzeitungen aus dem Jahr 1913 ausfindig machen und Reproduktionen erhalten. Und meine Freude war gro\u00df, als mir von der Titelseite der Tageszeitung <em>Kurskaja Byl&#8217; <\/em>vom 5. Oktober 1913 der Name Rachmaninows entgegensprang\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_7552\" style=\"width: 582px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-05.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7552\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7552 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-05.jpg\" alt=\"\" width=\"572\" height=\"519\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-05.jpg 1315w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-05-300x272.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-05-1024x930.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 572px) 100vw, 572px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7552\" class=\"wp-caption-text\">Kurskaja Byl&#039; , 5. 10. 1913. Ank\u00fcndigung von Rachmaninows Konzert am gleichen Abend, auf dem Programm u. a. die Klaviersonate op. 36.<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-08.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-7553 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-08.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"741\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-08.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-08-87x300.jpg 87w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/06\/Kurskaya_Byl_1913-10-08-297x1024.jpg 297w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Endg\u00fcltige Gewissheit verschaffte mir dann eine Konzertbesprechung in der gleichen Zeitung vom 8. Oktober 1913, die belegt, dass die Sonate nicht nur angek\u00fcndigt, sondern auch tats\u00e4chlich aufgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>So sind also einmal nicht die Metropolen Moskau und St. Petersburg Schauplatz eines musikalischen Ereignisses gewesen, sondern die etwa 500 km s\u00fcdlich von Moskau gelegene Industriestadt Kursk. Diese Er\u00adkenntnis \u00fcber den korrekten Urauff\u00fchrungstermin und -ort der Sonate op. 36 ist sicher nicht weltbe\u00adwegend, aber bei einem so bedeutenden Werk der Klavier\u00adliteratur darf man ruhig etwas penibler sein, wenn es um Details geht \u2013 nicht nur bei der Edition des Notentexts\u2026<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Die 1931 von Rachmaninow revidierte Fassung der Sonate (die in unserer Edition nat\u00fcrlich auch vollst\u00e4ndig abgedruckt wird) stellte der Komponist erstmals auf einem Klavierabend in Portland (Maine) am 10. Dezember 1931 vor (vgl. <em>Literaturnoe nasledie<\/em>, Bd. 2, S. 530 u. 536). Auch hier zog es Rachmaninow also zuerst in die \u201eProvinz\u201c, bevor er die Sonate zwei Tage sp\u00e4ter in New York auff\u00fchrte.<\/p>\n<p>Und was es \u00fcberhaupt mit den zwei verschiedenen Fassungen der Sonate auf sich hat, davon soll mein n\u00e4chster Blogbeitrag handeln\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moskau, St. Petersburg, Rostow am Don, Saratow, Smolensk, Woronesch \u2013 &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/06\/18\/zur-urauffuhrung-von-sergej-rachmaninows-2-klaviersonate-op-36\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[684,301,3,328],"tags":[35,161,683],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7548"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7548"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7548\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}