{"id":7787,"date":"2018-11-12T08:00:54","date_gmt":"2018-11-12T07:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7787"},"modified":"2018-11-13T11:33:49","modified_gmt":"2018-11-13T10:33:49","slug":"ein-traene-fuer-oder-von-rossini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/11\/12\/ein-traene-fuer-oder-von-rossini\/","title":{"rendered":"Eine Tr\u00e4ne f\u00fcr oder von Rossini?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7788\" style=\"width: 140px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini_Gioacchino_2_sw-verkleinert.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7788\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7788\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini_Gioacchino_2_sw-verkleinert.jpg\" alt=\"\" width=\"130\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini_Gioacchino_2_sw-verkleinert.jpg 2298w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini_Gioacchino_2_sw-verkleinert-219x300.jpg 219w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini_Gioacchino_2_sw-verkleinert-768x1052.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini_Gioacchino_2_sw-verkleinert-748x1024.jpg 748w\" sizes=\"(max-width: 130px) 100vw, 130px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7788\" class=\"wp-caption-text\">Gioacchino Rossini (1792<span class=\"st\">\u2013<\/span>1868)<\/p><\/div>\n<p>Am 13. November j\u00e4hrt sich Gioacchino Rossinis Todestag zum 150. Mal, da kann man schon mal eine Tr\u00e4ne vergie\u00dfen! Und wir bei Henle liefern daf\u00fcr sogar ein St\u00fcck vom Meister selbst, n\u00e4mlich \u201eUne larme\u201c (Eine Tr\u00e4ne) f\u00fcr Kontrabass und Klavier. Rossini widmete diese schwerm\u00fctige musikalische Miniatur 1858 einem verstorbenen Freund \u2013 warum sie unserem Herausgeber <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/der-verlag\/autoren\/tobias-gloeckler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/a> aber trotzdem zur Freude gereicht, erkl\u00e4rte er mir im Gespr\u00e4ch.<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Aber beginnen wir mit der wichtigsten Frage: Lieber Herr Gl\u00f6ckler, weshalb lieben die Kontrabassisten dieses St\u00fcck?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_7789\" style=\"width: 298px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Tobias-Gl\u00f6ckler-Kontrabass.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7789\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7789\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Tobias-Gl\u00f6ckler-Kontrabass.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"306\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Tobias-Gl\u00f6ckler-Kontrabass.jpg 3392w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Tobias-Gl\u00f6ckler-Kontrabass-282x300.jpg 282w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Tobias-Gl\u00f6ckler-Kontrabass-768x817.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Tobias-Gl\u00f6ckler-Kontrabass-963x1024.jpg 963w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7789\" class=\"wp-caption-text\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/p><\/div>\n<p>Rossini ist mit <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Une+larme+f%C3%BCr+Kontrabass+und+Klavier_571\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eUne larme\u201c<\/a> zweifellos ein kleines Meisterwerk voll tief empfundener Musik gelungen, das ganz wunderbar mit der dunklen Klangfarbe des Kontrabasses harmoniert. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich in jedem Takt die Leidenschaft des gro\u00dfen italienischen Opernkomponisten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EHcAjKcNDa0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Hier k\u00f6nnen Sie das Werk anh\u00f6ren.)<\/a><\/p>\n<p>Es scheint, als h\u00e4tte sich Rossini diese Elegie in einem pers\u00f6nlich schweren Moment f\u00f6rmlich von der Seele geschrieben. Das \u201eUne larme\u201c-Thema war ihm offenbar so wichtig, dass er es sp\u00e4ter in einem gr\u00f6\u00dferen Werk noch einmal verarbeitete.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Was macht Sie eigentlich so sicher, dass \u201eUne larme\u201c wirklich f\u00fcr Kontrabass geschrieben wurde und nicht \u2013 wie immer wieder vermutet \u2013 f\u00fcr Violoncello?<\/span><\/p>\n<p>In Rossinis Nachlass in Pesaro (Italien) findet sich ein Autograph des Werkes, das mit \u201eUne Larme pour Basse\u201c \u00fcberschrieben ist. Auf den ersten Blick passt hier wirklich Einiges nicht zusammen: In der Solostimme fallen mehrere Akkorde aufgrund des oktavierenden Kontrabassklangs unter den Klaviersatz, was unerw\u00fcnschte Dreiklangsumkehrungen zur Folge hat. Hinzu kommt ein Schlussakkord, der bis zum tiefen <em>C<\/em> hinab reicht und damit die Tiefengrenze des Kontrabasses <em>(E)<\/em> unterschreitet, auf einem Violoncello jedoch spielbar w\u00e4re. Zweifel sind also durchaus angebracht, ob Rossini mit \u201eBasse\u201c wirklich einen Kontrabass meinte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Jetzt wird es aber spannend\u2026<\/span><\/p>\n<p>Bei genauer Betrachtung des Autographs f\u00e4llt auf, dass Rossini die Gefahr der harmonisch problematischen Akkordumkehrungen elegant umgeht, und zwar mit einem schlichten Arpeggio-Zeichen! Ohne Arpeggiando w\u00fcrde beispielsweise im Takt 10 das tiefe <em>A<\/em> des Kontrabass-Akkords klanglich unter dem tiefsten Klavierton liegen. Bei einer gebrochenen Ausf\u00fchrung <em>vor<\/em> dem Schlag sind die betreffenden Akkorde aber automatisch harmonisch \u201ekorrekt\u201c, da der Kontrabass den h\u00f6chsten Ton seines Akkords zum Zeitpunkt des Erklingens der Klavieroktave bereits erreicht hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_7793\" style=\"width: 636px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini-T-9-ff.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7793\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7793\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini-T-9-ff.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"208\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini-T-9-ff.jpg 2390w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini-T-9-ff-300x100.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini-T-9-ff-768x255.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Rossini-T-9-ff-1024x340.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7793\" class=\"wp-caption-text\">Henle-Ausgabe, T. 9-11<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Und was ist mit dem Schlussakkord?<\/span><\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise ist auch das tiefe <em>C <\/em>des Schlussakkords kein Argument gegen den Kontrabass, wie ein Blick auf die zu Rossinis Zeit gebr\u00e4uchlichen Kontrabass-Stimmungen zeigt: Nachdem Vincenzo Panerai bereits um 1780 die Tiefengrenze italienischer Kontrab\u00e4sse mit <em>C<\/em> angab, wurde 1818 von Griffith Jones f\u00fcr Italien sogar detailliert von einer Kontrabass-Stimmung in Quinten (!) berichtet, die mit <em>C\u2013G\u2013d\u2013a<\/em> klanglich genau eine Oktave unter der Cello-Stimmung lag. Auch J. C. Nicolai (1816) und Fran\u00e7ois-Auguste Gevaert (1863) berichten von genau dieser Stimmung.<\/p>\n<p>Da auch Rossini in seinen Opernpartituren die tiefsten Kontrabasst\u00f6ne verlangte, \u00fcberrascht es kaum, dass er den Schlussakkord von \u201eUne larme\u201c gleichfalls vom tiefen <em>C<\/em> emporsteigen lie\u00df. F\u00fcr unsere Edition musste der Schlussakkord minimal an den Tonumfang des modernen, quartgestimmten Kontrabasses angepasst werden, wobei der Duktus eines vierstimmigen <em>pizzicato-<\/em>Arpeggiando gewahrt blieb.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">W\u00e4hrend der Arbeit an der Edition gab es auch eine faustdicke \u00dcberraschung\u2026<\/span><\/p>\n<p>Das kann man wohl sagen! Alle gebr\u00e4uchlichen Notenausgaben von \u201eUne larme\u201c basieren auf dem erw\u00e4hnten Autograph in Pesaro. In Vorbereitung unserer Edition verdichteten sich Hinweise auf ein m\u00f6gliches weiteres Rossini-Autograph. Nach monatelanger Recherche stand fest: Es existiert eine weitere, sp\u00e4tere Quelle des Werks! Es handelt sich dabei um ein besonders sch\u00f6nes, auf reich verziertem Schmuckpapier notiertes Widmungsautograph, das in St. Petersburg aufbewahrt wird.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Und wie wirkte sich dieser Fund auf die Edition aus?<\/span><\/p>\n<p>Die russische Quelle konnte nun erstmals in einer Urtext-Ausgabe ber\u00fccksichtigt werden. Sie erg\u00e4nzt das Autograph aus Pesaro an verschiedenen Stellen und erlaubt zudem eine Datierung: Rossini eignete die Reinschrift am 18. November 1858 dem Grafen Mateusz Wielhorski (1794\u20131866) zu, in Erinnerung an dessen verstorbenen Bruder Micha\u0142. Die Grafen Wielhorski waren zentrale Figuren des russischen Musiklebens \u2013 Micha\u0142 als Komponist, Mateusz als Cellist. Ihr Salon in St. Petersburg war ein beliebter Treffpunkt der musikalischen Welt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Moment mal: Der Widmungstr\u00e4ger war Cellist?<\/span><\/p>\n<p>Ja. Urspr\u00fcnglich war das St. Petersburger Autograph wohl nicht f\u00fcr den sp\u00e4teren Widmungstr\u00e4ger Mateusz Wielhorski bestimmt. Bei einer eigens f\u00fcr den passionierten Cellisten entstandenen Niederschrift h\u00e4tte Rossini gewiss die Instrumentenangabe im Notentext mit \u201eVioloncelle\u201c angegeben. Stattdessen notierte er \u201eBasse\u201c, ebenso wie schon beim bekannten Autograph in Pesaro.<\/p>\n<div id=\"attachment_7796\" style=\"width: 153px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7796\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7796\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Basse_St.-Petersburg-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"143\" height=\"92\" \/><p id=\"caption-attachment-7796\" class=\"wp-caption-text\">Instrumentenangabe im Autograph aus St. Petersburg<\/p><\/div>\n<p>Da Rossini sehr genau zwischen \u201eVioloncelle\u201c und \u201eBasse\u201c unterschied, wie aus den <em>divisi<\/em>-Passagen seiner Opernautographe hervorgeht, ist eine synonyme Benutzung beider Begriffe f\u00fcr das Violoncello ausgeschlossen. Zudem w\u00e4re \u2013 anders als bei dem auch als Dreisaiter verbreiteten Kontrabass (u. a. in Frankreich und England, Stichwort <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/03\/17\/der-herr-der-tiefen-tone-%e2%80%93-tobias-glockler-im-gesprach-uber-dragonettis-%e2%80%9efamous-solo%e2%80%9c\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dragonetti<\/a>) \u2013 in einer origin\u00e4r f\u00fcr Violoncello bestimmten Abschrift der wiederholte Hinweis auf eine erforderliche 4.\u00a0Saite (<em>sulla 4<sup>a<\/sup><\/em>) gegenstandslos. Wohl aus H\u00f6flichkeit gegen\u00fcber dem Grafen erg\u00e4nzte Rossini stattdessen auf der R\u00fcckseite einfach nur \u201epour Violoncelle\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_7795\" style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7795\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-7795\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Basse_Pesaro-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"81\" \/><p id=\"caption-attachment-7795\" class=\"wp-caption-text\">Instrumentenangabe im Autograph aus Pesaro<\/p><\/div>\n<p>Mit dieser unkonventionellen Umwidmung wurde die \u00e4sthetische Wirkung des Schmuckautographen nicht durch eine auff\u00e4llige Korrektur der Instrumentenangabe beeintr\u00e4chtigt. Dank des St. Petersburger Autographs mit seinen differenzierten Instrumentenbezeichnungen und dem gel\u00f6sten \u201eR\u00e4tsel\u201c um Akkordumkehrungen und den vermeintlich zu tiefen Schlussakkord d\u00fcrfte nun zweifelsfrei feststehen: \u201eUne larme\u201c ist eine Originalkomposition f\u00fcr Kontrabass!<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Welchen Stellenwert hat eine originale Rossini-Komposition innerhalb des Kontrabass-Repertoires?<\/span><\/p>\n<p>Bekanntlich schrieben nur sehr wenige Komponisten ersten Ranges Werke f\u00fcr solistischen Kontrabass. Bisher fiel mir auf diese Frage eigentlich nur Mozart mit der Konzertarie \u201ePer questa bella mano\u201c KV 612 und Saint-Sa\u00ebns mit dem <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Elefant+aus+%22Der+Karneval+der+Tiere%22+f%C3%BCr+Kontrabass+und+Klavier_730\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eElefant\u201c aus dem \u201eKarneval der Tiere\u201c<\/a> ein; vielleicht noch Hindemith mit seiner Sonate f\u00fcr Kontrabass und Klavier. Dass wir nun auch Rossini dazu z\u00e4hlen k\u00f6nnen, ist ein unsch\u00e4tzbarer Gewinn und Grund genug f\u00fcr eine wahre Freuden-Tr\u00e4ne.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Gibt es nicht doch irgendeinen Cello-Bezug?<\/span><\/p>\n<p>Doch, und damit sind wir wieder bei dem eingangs erw\u00e4hnten gr\u00f6\u00dferen Werk. Rossini \u00fcberarbeitete das \u201eUne larme\u201c-Thema sp\u00e4ter noch einmal geringf\u00fcgig und erg\u00e4nzte es um ein Klaviervorspiel und mehrere virtuose Variationen, die auf dem Kontrabass unspielbar sind. Und was schrieb er vor die erste Notenzeile des Soloinstruments? \u201eVioloncelle\u201c! Wenn Rossini das Violoncello meinte, schrieb er es auch hin. Wir g\u00f6nnen es den Cellisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 13. 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