{"id":78,"date":"2011-11-30T09:00:58","date_gmt":"2011-11-30T08:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=78"},"modified":"2015-05-19T12:26:22","modified_gmt":"2015-05-19T10:26:22","slug":"78","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2011\/11\/30\/78\/","title":{"rendered":"Wie endet Chopins 2. Ballade?"},"content":{"rendered":"<p class=\"mceTemp\">Viele Pianisten kennen das Problem: Zum Schluss von Chopins zweiter Ballade kursieren verschiedene Fassungen. Wie kam es zu diesen Varianten und \u2013 vielleicht noch wichtiger \u2013 welche Version ist die \u201erichtige\u201c?<!--more--><\/p>\n<p>Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin (1810\u20131849) konnte seine Verleger zur Wei\u00dfglut treiben. Noch einigerma\u00dfen gefasst schrieb Maurice Schlesinger 1833 an seinen Leipziger Kollegen Friedrich Kistner:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eChopin ist nicht allein ein Mann von Talent sondern es liegt ihm an seinem Ruf, er feilt daher immer noch den Werken nach, die l\u00e4ngst beendet; alles, was er uns verkauft, ist fertig, ich habe es mehreremahlen in H\u00e4nden gehabt, aber es ist ein Unterschied bei ihm zwischen beendet und geliefert.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Einige Wochen sp\u00e4ter war Schlesingers Tonfall schon ein Spur angespannter:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eErst heute erhielt ich von Chopin die erste Correktur der ersten sechs Et\u00fcden, angef\u00fcllt mit Fehlern; er ist so \u00e4ngstlich, dass es schwer ist, von ihm etwas zu erhalten\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Chopin tat sich offenbar nicht leicht damit, ein Werk aus den H\u00e4nden zu geben und ihm im Druck eine endg\u00fcltige Gestalt zu verleihen. Daf\u00fcr ist der Schluss der zweiten Ballade ein gutes Beispiel. Es ist erstaunlich, wie oft er an den letzten beiden Takten der Ballade feilte. Offenbar bereitete ihm die Frage Kopfzerbrechen, wie das von extremen Gegens\u00e4tzen gepr\u00e4gte Werk zu einem stimmigen Abschluss zu bringen war.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck pendelt zwischen volksliedhaften Passagen in F-dur und dramatischen Ausbr\u00fcchen in a-moll. Chopin war sich wohl nicht sicher: Sollte er mit einer schlichten Kadenz enden oder dem Schluss mehr Gewicht verleihen?<\/p>\n<p>Im Autograph pr\u00e4sentiert sich die Stelle folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-f-dur-ballade-schluss.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-45\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-f-dur-ballade-schluss-300x242.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-f-dur-ballade-schluss-300x242.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-f-dur-ballade-schluss.jpg 383w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Urspr\u00fcnglich hatte Chopin Schluss <strong>1 <\/strong>vorgesehen (Notenbeispiele siehe unten). Er verwarf ihn aber und korrigierte zur schlichteren Version <strong>2<\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die Sachlage w\u00e4re eindeutig, wenn Chopin nicht sp\u00e4ter zu seiner urspr\u00fcnglichen L\u00f6sung zur\u00fcckgekehrt w\u00e4re. In der Abschrift des Autographs, die Vorlage f\u00fcr die deutsche Erstausgabe war, \u00e4nderte Chopin eigenh\u00e4ndig die schlichte Kadenz <strong>2<\/strong> zu Version <strong>3<\/strong> (Stichfehler: <em>C<\/em><sub>1<\/sub> statt <em>E<\/em><sub>1<\/sub>). Dieser Schluss <strong>3 <\/strong>kursiert bis heute in den Ausgaben von Herrmann Scholtz (Peters) und Ignaz Jan Paderewski (PWM).<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">In der franz\u00f6sischen Erstausgabe wurde die schlichte Kadenz <strong>2<\/strong> aus dem Autograph gedruckt. In einer sp\u00e4teren Auflage korrigierte Chopin dies jedoch zu Version <strong>4<\/strong>. So erscheint der Schluss auch in der Ausgabe von Karol Mikuli, auf die\u00a0Pianisten heute noch oft zur\u00fcckgreifen. (Mikuli erg\u00e4nzt im letzten Takt ein <em>A<\/em><sub>1<\/sub> im Bass).<\/p>\n<p><strong>Beispiel 1<\/strong><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp12.png\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-46\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp12-300x156.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"156\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp12-300x156.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp12.png 518w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Beispiel 2<\/strong><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp22.png\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-47\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp22-300x128.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"128\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp22-300x128.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp22.png 525w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Beispiel 3<\/strong><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp32.png\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-48\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp32-300x157.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp32-300x157.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp32.png 521w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Beispiel 4<\/strong><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp42.png\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-49\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp42-300x143.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"143\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp42-300x143.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/09\/chopin-nbsp42.png 519w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die Fassungen<strong> 3 <\/strong>und <strong>4 <\/strong>sind beide zu Chopins Lebzeiten und mit seinem Einverst\u00e4ndnis im Druck erschienen. In gewisser Weise sind daher beide \u201erichtig\u201c. Allerdings ist Version <strong>4<\/strong> Chopins letztes Wort zum Schluss der zweiten Ballade.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Dennoch: die 2. Ballade kann entweder mit Schluss<strong> 3<\/strong> oder mit Schluss <strong>4 <\/strong>enden. Diese Ausgangslage kann als typisch f\u00fcr Chopin bezeichnet werden: Es handelt sich um keinen Unfall in der \u00dcberlieferungsgeschichte, sondern Chopin nimmt in gewissen Grenzen Varianten in Kauf. Diese Varianten verantwortungsvoll zu dokumentieren, ohne der Beliebigkeit T\u00fcr und Tor zu \u00f6ffnen \u2013 das ist die Herausforderung, mit der es eine <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ballade+F-dur+op.+38_936\" target=\"_blank\">Chopin-Urtextedition <\/a>aufnehmen muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Pianisten kennen das Problem: Zum Schluss von Chopins zweiter &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2011\/11\/30\/78\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[401,304,6,301,3],"tags":[5,4,687],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}