{"id":7808,"date":"2018-11-26T08:00:31","date_gmt":"2018-11-26T07:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7808"},"modified":"2018-11-26T09:41:22","modified_gmt":"2018-11-26T08:41:22","slug":"debussy-im-urtext-teil-6-interview-mit-pascal-roge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/11\/26\/debussy-im-urtext-teil-6-interview-mit-pascal-roge\/","title":{"rendered":"Debussy im Urtext \u2013 Teil 6: Interview mit Pascal Rog\u00e9"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7809\" style=\"width: 110px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Pascal-Rog\u00e9.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7809\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7809 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Pascal-Rog\u00e9.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7809\" class=\"wp-caption-text\">Pascal Rog\u00e9<\/p><\/div>\n<p>Im letzten Teil unserer kleinen Serie wollen wir unsere Debussy-Editionen einem Praxistest unterziehen. Und wer k\u00f6nnte daf\u00fcr geeigneter sein als der franz\u00f6sische Pianist Pascal Rog\u00e9, der seit Jahrzehnten mit seinen Konzerten und Einspielungen franz\u00f6sischer Musik des 19. und 20. Jahrhunderts Ma\u00dfst\u00e4be setzt und 2010 eine von der Fachpresse hochgelobte Gesamteinspielung von Debussys Klavierwerken abschlie\u00dfen konnte.<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Debussy-Editionen, deren letzte L\u00fccken f\u00fcr die dreib\u00e4ndige Sammelausgabe 2011 geschlossen wurden (Broschur <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke%2C+Band+I_1192\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1192<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke%2C+Band+I_1194\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1194<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke%2C+Band+I_1196\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1196<\/a>, Leinen <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke%2C+Band+I_1193\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1193<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke%2C+Band+I_1195\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1195<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke%2C+Band+I_1197\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1197<\/a>), kam seine Kooperation mit dem Henle-Verlag leider zu sp\u00e4t, aber seither hat er f\u00fcr zahlreiche Neuerscheinungen aus seinem Repertoire, sprich f\u00fcr Werke von Chabrier, Faur\u00e9, Ravel, Saint-Sa\u00ebns und Satie, die Fingers\u00e4tze beigesteuert.<\/p>\n<div id=\"attachment_7810\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Conservatoire_rue-de-madrid.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7810\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7810 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Conservatoire_rue-de-madrid.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Conservatoire_rue-de-madrid.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Conservatoire_rue-de-madrid-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7810\" class=\"wp-caption-text\">Eingang des Pariser Conservatoire (rue de Madrid, um 1965, Foto: Michael Baron)<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Herr Rog\u00e9, die Klavierwerke Debussys geh\u00f6rten vermutlich bereits in den 1960er-Jahren, als Sie am Pariser Conservatoire studierten, zum Kernrepertoire des Lehrplans. Damals standen nur die Nachdrucke der Originalausgaben (Fromont, Jobert, Durand) zur Verf\u00fcgung, in denen es zahlreiche Stichfehler und Inkonsequenzen gab. K\u00f6nnen Sie sich daran erinnern, dass Ihre Lehrer den Wunsch nach Revisionen oder gar kritischen Neuausgaben ge\u00e4u\u00dfert haben?<\/span><\/p>\n<p>PASCAL ROG\u00c9 (PR): Meine Lehrerinnen und Lehrer waren sich der vielen Fehler in den benutzten franz\u00f6sischen (und einzig verf\u00fcgbaren) Ausgaben selbstverst\u00e4ndlich bewusst. Zum Gl\u00fcck war am Pariser Conservatoire meine Hauptlehrerin Lucette Descaves, eine ehemalige Sch\u00fclerin von Marguerite Long, die, wie allgemein bekannt ist, Debussys Lieblingsinterpretin war, nicht zu reden von Faur\u00e9 und Ravel. So hatte ich eine direkte \u201eVerbindung\u201c zu solchen Druckfehlern und, wenn auch seltener, zu Debussys pers\u00f6nlichen Anmerkungen zur Interpretation. Damals gab es keine alternativen Ausgaben, und meine Lehrer hofften \u00f6fters auf \u201eNeuausgaben\u201c mancher St\u00fccke. Aber dies traf nicht ein, und wir mussten auf \u201efremde\u201c Herausgeber f\u00fcr bessere Editionen warten. Diese absurde Situation haben wir auch heute noch, beispielsweise f\u00fcr Poulencs Musik mit einer Menge Fehlern und ohne Aussicht auf \u201erevidierte Ausgaben\u201c der franz\u00f6sischen Verleger \u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_7811\" style=\"width: 297px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Durand-Nachdruck_1956.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7811\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7811 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Durand-Nachdruck_1956.jpg\" alt=\"\" width=\"287\" height=\"383\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Durand-Nachdruck_1956.jpg 287w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Durand-Nachdruck_1956-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7811\" class=\"wp-caption-text\">Beispiel eines Nachdrucks der Originalausgabe (1956)<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Gab es \u00fcberhaupt in den 1960er- und 1970er-Jahren ein Bewusstsein f\u00fcr einen kritischen, das hei\u00dft unter Ber\u00fccksichtigung aller verf\u00fcgbaren Quellen erstellten Notentext?<\/span><\/p>\n<p>PR: Zu dieser Zeit, als es aussah, als ob die bekannten Urtext-Ausgaben wie die von Henle oder anderen deutschen Verlagen deutscher Musik vorbehalten w\u00e4ren, glaubten wir, dass franz\u00f6sische Musik niemals in solchen renommierten Editionen erscheinen w\u00fcrde. Als junge Studierende dachten wir nicht an \u201eCopyright\u201c oder an die strengen Bestimmungen des \u201ealleinigen Verkaufsrechts\u201c der Verleger und waren einfach nur entt\u00e4uscht, keinen verl\u00e4sslichen kritischen Notentext zu haben.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Nach dem Wegfall der Schutzfristen war das Monopol der Originalverlage (und ihrer Lizenznehmer) gebrochen, so dass nun auch Ausgaben in anderen Verlagen erscheinen konnten. 1983 begann Henle mit seinen Urtext-Editionen der Klavierwerke Debussys. K\u00f6nnen Sie sich noch an Ihre ersten Eindr\u00fccke erinnern, als Sie diese Henle-Editionen kennenlernten? Vor allem auch bez\u00fcglich des Begriffs \u201eUrtext\u201c, der damals noch nicht so bekannt war wie heute?<\/span><\/p>\n<p>PR: Wie ich schon vorhin sagte, glaubten wir, dass der Begriff \u201eUrtext\u201c f\u00fcr das deutsche Repertoire reserviert w\u00e4re, so dass der erste Versuch f\u00fcr Debussy durch Henle eine sch\u00f6ne \u00dcberraschung und bedeutende Hilfe darstellte. Und dies wurde sogleich meine Lieblingsausgabe, nicht nur wegen der Verbesserungen des Notentexts, sondern auch wegen der wertvollen Hinweise, Anmerkungen und Informationen zu allem, was nicht verf\u00fcgbar war, bevor Henle uns einen neuen Blick auf Debussys Manuskripte lieferte, nicht zu reden vom Layout der Edition, das Lesen und Spielen so viel leichter und bequemer machte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Konnten die Henle-Ausgaben Ihre Erwartungen im Hinblick auf Druckfehler oder bis dahin unklare Stellen erf\u00fcllen?<\/span><\/p>\n<p>PR: In der Tat waren die allermeisten der bekannten (und manchmal auch nicht so bekannten!) Fehler korrigiert und wir waren erleichtert, dass wir nun einer brandneuen Urtext-Edition trauen konnten, die wertvolle Bemerkungen zu den verschiedenen Quellen, Handschriften und Erstausgaben lieferte.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich erinnere ich mich noch gut daran, dass Marguerite Long und Lucette Descaves mir \u201eKorrekturen\u201c oder Anmerkungen von Debussy \u00fcberlieferten, die noch dar\u00fcber hinausgingen. Aber ich wei\u00df von einer fr\u00fcheren Erfahrung, dass \u201eMundpropaganda\u201c keine f\u00fcr eine Urtext-Edition ausreichende Basis darstellt! Ich h\u00e4tte meine Lehrerinnen darum bitten sollen, solche Kommentare niederzuschreiben und zu unterzeichnen! Aber vielleicht erschiene es Ihnen ohnehin \u201efragw\u00fcrdig\u201c, da es nicht vom Komponisten selbst stammt \u2026!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_7814\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Lucette-Descaves-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7814\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7814\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Lucette-Descaves-1.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"293\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Lucette-Descaves-1.jpg 256w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Lucette-Descaves-1-216x300.jpg 216w\" sizes=\"(max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7814\" class=\"wp-caption-text\">Lucette Descaves (1906\u20131993)<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_7816\" style=\"width: 301px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Marguerite-Long.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7816\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7816\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Marguerite-Long.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"291\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Marguerite-Long.jpg 474w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Marguerite-Long-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Marguerite-Long-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7816\" class=\"wp-caption-text\">Marguerite Long (1874\u20131966)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Ja, es stimmt, dass Editoren im Allgemeinen sehr skeptisch gegen\u00fcber m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen sind. Immerhin aber hat Ernst-G\u00fcnter Heinemann, der Herausgeber der Debussy-Editionen von Henle, von Anfang an auch andere Quellen \u2013 wie die eigenen Einspielungen Debussys \u2013 mitber\u00fccksichtigt. In <em><span style=\"color: #4e8db1\">Pour les octaves<\/span><\/em>, der Nr. 5 der <em><span style=\"color: #4e8db1\">Douze \u00c9tudes<\/span><\/em>, f\u00fchrte sogar ein Brief Debussys zur \u00c4nderung der Noten. Im Dezember 1916 gab Debussy dem Pianisten Walter Rummel an, die Oktave <em><span style=\"color: #4e8db1\">e<\/span><\/em><sup><span style=\"color: #4e8db1\">2<\/span><\/sup><em><span style=\"color: #4e8db1\">\/e<\/span><\/em><sup><span style=\"color: #4e8db1\">3<\/span><\/sup> der linken Hand in Takt 4 (und allen Paralleltakten) eine Oktave tiefer zu spielen, da es so leichter auszuf\u00fchren sei.<\/span><\/p>\n<p>Erstausgabe mit hoher Oktave<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-EA.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-7819 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-EA.jpg\" alt=\"\" width=\"1043\" height=\"291\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-EA.jpg 1043w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-EA-300x84.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-EA-768x214.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-EA-1024x286.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1043px) 100vw, 1043px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Henle setzt im Notentext die tiefere Oktave und verweist in einer Fu\u00dfnote auf die Briefquelle:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-Henle.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-7821 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-Henle.jpg\" alt=\"\" width=\"2336\" height=\"820\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-Henle.jpg 2336w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-Henle-300x105.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-Henle-768x270.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2018\/11\/Ausschnitt-Henle-1024x359.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 2336px) 100vw, 2336px\" \/><\/a><span style=\"color: #4e8db1\">Wie gehen Sie mit dieser Stelle um?<\/span><\/p>\n<p>PR: Ich spiele die tiefere Oktave, aber nicht weil sie \u201eleichter\u201c, sondern weil sie obertonreicher ist und dadurch der Passage einen w\u00e4rmeren Ton verleiht. Ich glaube, dass solche \u201e\u00c4nderungen\u201c, die der Komponist zur Erleichterung der technischen Schwierigkeiten gibt, als \u201eVorschl\u00e4ge\u201c, nicht als Korrekturen anzusehen sind. Es ist Sache des Interpreten zu entscheiden, was am besten klingt. F\u00fcr mich gilt das gleiche f\u00fcr den Fingersatz: Es gibt einige F\u00e4lle, wo Debussy eine Handverteilung vorsieht, die meiner Meinung nach nicht dem Charakter f\u00fcr die Interpretation der Passage dienlich ist. In solchen F\u00e4llen habe ich kein Problem damit, meinen eigenen Fingersatz bzw. meine eigene Einrichtung zu verwenden, damit die Musik besser klingt \u2026 es ist ja bekannt, dass Debussy kein Klaviervirtuose war!<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Aus Ihrer Erfahrung als Dozent und Jurymitglied von Wettbewerben heraus, inwieweit wird das Besondere von Urtext-Editionen, die kritische Auseinandersetzung mit dem \u00fcberlieferten Notentext, von Sch\u00fclern und Studierenden wahrgenommen, insbesondere im Hinblick auf Debussys Klavierwerke?<\/span><\/p>\n<p>PR: Ich denke, dass heutzutage alle seri\u00f6sen Sch\u00fcler und Lehrer Zugang zu solchen kritischen Ausgaben haben und es daher keine Ausrede mehr gibt, nicht die korrekten Noten zu spielen! Dennoch sehe ich immer noch Studierende in Meisterklassen, die alte franz\u00f6sische Ausgaben mitbringen, weil sie denken \u201enur die franz\u00f6sischen k\u00f6nnen richtig sein\u201c (!) und damit weiterhin elementare Fehler spielen!<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Debussys zahlreiche poetische Titel und Vortragsbezeichnungen (wie etwa <em><span style=\"color: #4e8db1\">dans une brume doucement sonore<\/span><\/em> im Pr\u00e9lude <em><span style=\"color: #4e8db1\">La Cath\u00e9drale engloutie<\/span><\/em>) deuten auf gleichsam bildliche Klangvorstellungen, die weit \u00fcber die \u00fcblichen Angaben (wie <em><span style=\"color: #4e8db1\">doux<\/span><\/em> oder <em><span style=\"color: #4e8db1\">gracieux<\/span><\/em>) hinausgehen. Erreicht das Konzept der \u201eUrtext\u201c-Ausgaben hier seine Grenzen?<\/span><\/p>\n<p>PR: Ja, das glaube ich und m\u00f6chte einen pers\u00f6nlichen Kommentar zur franz\u00f6sischen Musik und speziell zu Debussy hinsichtlich von Dynamik und Tempoangaben anschlie\u00dfen. Keine Urtext-Ausgabe wird jemals Farben und Klangeffekte, die Debussy anzudeuten bestrebt war, vollst\u00e4ndig wiedergeben k\u00f6nnen. Ich sage meinen Sch\u00fclern immer wieder, wie arm die musikalische Notation ist im Vergleich zur Imagination eines Genies wie Debussy. Er notiert oft <em><strong>pp<\/strong><\/em> zu einem Akkord, obwohl die ganze Passage bereits im <em><strong>pp<\/strong><\/em> steht, oder setzt einen Akzent zu einer Note, die offenkundig ohnehin schon akzentuiert ist. Aber was soll er sonst tun, um eine \u201ebesondere Harmonie\u201c anzugeben, einen Farbwechsel, einen Schatten, einen Windhauch, einen Wechsel des Mondlichts? \u2026 Alle diese \u201eBilder\u201c, die f\u00fcr Debussys Welt so essentiell sind, lassen sich durch die Notation allein nicht ausdr\u00fccken, so dass es auf die Vorstellungskraft des Interpreten ankommt, diese schlichten Bezeichnungen in eine vielschichtige Palette von Farben und Klangeffekten gleichsam zu \u201e\u00fcbersetzen\u201c. Die beste \u201eLektion\u201c, an die ich mich von Marguerite Long erinnere, war die, als ich ihr Debussys Pr\u00e9lude \u201eDes pas sur la neige\u201c vorspielte und sie mich nach wenigen Takten unterbrach, indem sie sagte: \u201eDas ist nicht kalt genug \u2026!\u201c Was f\u00fcr eine gro\u00dfartige Methode, die Vorstellungskraft eines neun Jahre alten Jungen herauszufordern.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\">Vielen Dank f\u00fcr dieses Interview.<\/span><\/p>\n<p>Wir wissen nicht, wie das Spiel des neunj\u00e4hrigen Pascal Rog\u00e9 geklungen hat, aber wir <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PC6J6qSBbuM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">k\u00f6nnen jetzt h\u00f6ren, wie der reife Pianist das St\u00fcck gut vierzig Jahre sp\u00e4ter interpretiert.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Teil unserer kleinen Serie wollen wir unsere Debussy-Editionen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2018\/11\/26\/debussy-im-urtext-teil-6-interview-mit-pascal-roge\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305,301,3,460],"tags":[18,733],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7808"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7808"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7808\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7808"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}