{"id":7873,"date":"2019-01-07T08:00:20","date_gmt":"2019-01-07T07:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=7873"},"modified":"2019-01-06T18:33:36","modified_gmt":"2019-01-06T17:33:36","slug":"zu-einer-unerklaerlichen-fermaten-notation-in-mozarts-streichquartett-kv-428","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/01\/07\/zu-einer-unerklaerlichen-fermaten-notation-in-mozarts-streichquartett-kv-428\/","title":{"rendered":"Zu einer unerkl\u00e4rlichen (?) Fermaten-Notation in Mozarts Streichquartett KV 428"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7885\" style=\"width: 117px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Mozart-1783-lange.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7885\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-7885\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Mozart-1783-lange.jpg\" alt=\"\" width=\"107\" height=\"137\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Mozart-1783-lange.jpg 467w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Mozart-1783-lange-234x300.jpg 234w\" sizes=\"(max-width: 107px) 100vw, 107px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7885\" class=\"wp-caption-text\">Wolfgang Amadeus Mozart (1756\u20131791)<\/p><\/div>\n<p>Dass Mozart, sofern er sorgf\u00e4ltig schreibt, graphisch zwischen dem Punkt und dem Strich unterscheidet, sollte f\u00fcr jeden, der seine Handschrift kennt, unstrittig sein. Welche auff\u00fchrungspraktische Bedeutung diese graphische Unterscheidung zwischen Punkt und Strich allerdings haben mag oder nicht, dar\u00fcber soll an dieser Stelle nicht gestritten werden. Heute will ich eine \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdige \u201eStrich\u201c-Notation Mozarts pr\u00e4sentieren. <!--more--><\/p>\n<p>Es geht um die (zweimalige) Tenuto-Stelle im Finale des Streichquartetts Es-dur KV 428 (Takte 104\u2014109, 251\u2014256 alle Stimmen). Mozart kombiniert hier dreierlei: den Staccato-Strich mit dem Fermate-Zeichen mit der \u201etenuto\u201c-Angabe. Eine Notation, die mir bislang noch in keinem anderen Werk Mozarts und bei keinem anderen Komponisten untergekommen ist:<\/p>\n<div id=\"attachment_7875\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-104-109.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7875\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7875 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-104-109.jpg\" alt=\"\" width=\"545\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-104-109.jpg 545w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-104-109-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 545px) 100vw, 545px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7875\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, T. 104\u2013109 des Finales<\/p><\/div>\n<p>Nicht etwa, dass Mozart nicht w\u00fcsste, wie man eine ordentliche Fermate notieren m\u00fcsse:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-Fermate.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-7877\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-Fermate.jpg\" alt=\"\" width=\"310\" height=\"276\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-Fermate.jpg 437w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Autograph-Fermate-300x267.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 310px) 100vw, 310px\" \/><\/a>Er schreibt die \u00fcbliche Fermate (hier Generalpause, T. 139) immer regelkonform, also als einen \u00fcber oder unter einen Punkt (!) notierten Halbkreis, genau so, wie es sein Vater in seiner Violinschule von 1756 wie folgt beschreibt: \u201eWenn ein halber Cirkel \u00fcber einer Note allein steht die \u00fcber sich einen Punkt [!] hat: so ist es ein Zeichen des Aushaltens [es folgt Notenbeispiel]. Ein solches Aushalten wird zwar nach Gutd\u00fcnken gemacht: doch mu\u00df es nicht zu kurz und nicht zu lang, sondern mit guter Beurtheilung geschehen. Alle die Mitspielenden m\u00fcssen einander beobachten \u2026\u201c (Violinschule, 1\/iii\/\u00a719). Hier, im Finale des Es-dur-Quartetts KV 428, will er aber zweifellos einen Strich statt des Punktes.<\/p>\n<p>Warum? Was bedeutet nun auff\u00fchrungspraktisch der Fermate-Halbkreis zusammen mit einem Strich (statt Punkt)? Noch dazu mit dem Hinweis \u201etenuto\u201c (= gehalten), den Mozart allerdings wohl im Sinne eine impliziten \u201esimile\u201c nur zur jeweils ersten zu haltenden Note (in Vl 1 auch noch zur 2. Note) schreibt. Mehrere Deutungen bieten sich meines Erachtens an \u2013 ich kenne die L\u00f6sung nicht, habe aber eine Idee. Eines ist klar: Es kann sich NICHT um einen K\u00fcrzungsstrich, wie \u00fcblich beim sogenannten Staccato-Strich, handeln, denn das st\u00fcnde im Widerspruch zu \u201etenuto\u201c und zum Fermatenkreis. Es k\u00f6nnte sich also um einen Akzentstrich (der moderne \u201eKeil\u201c?) handeln, also jede Viertelnote deutlich markiert spielen und etwas aushalten. Dieser Deutung steht wom\u00f6glich das piano-\u201e<em><strong>p<\/strong><\/em>\u201c entgegen. Und schlie\u00dflich (= meine Favorit-Erkl\u00e4rung): Es k\u00f6nnte sich um eine tats\u00e4chliche STRICH-Angabe handeln: jede Viertelnote ist deutlich abzusetzen, also mit wechselndem Bogenstrich (Ab \/ Auf \/ Ab etc.) und abgesetzt (jeweils folgende Pause!) zu spielen. Diese Interpretation w\u00fcrde auch zur generellen Bedeutung des Mozartschen Strich-Zeichens passen, so wie ich den Strich \u2013 im Gegensatz zum schlichten Punkt \u2013 generell interpretiere.<\/p>\n<p>Was mir jedenfalls bei vielen Aufnahmen und Auff\u00fchrungen dieses \u201eAllegro vivace\u201c auff\u00e4llt: die Grundbedeutung des \u201eFermate\u201c (Anhalten) wird meist zu wenig beachtet; es wird also in der Regel das rasche Grundtempo viel zu wenig ausgesetzt, obwohl doch am Fermate-Zeichen und am \u201etenuto\u201c als solchem kein Zweifel bestehen d\u00fcrfte, oder?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LeKCvxB7GA8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier<\/a> eine sch\u00f6ne Aufnahme des Emerson String Quartets. Die besprochene Stelle ist beim Time-Code 25:54 ff. zu finden.<\/p>\n<p>Aber diese Missachtung der Musiker der Besonderheit dieser Stelle(n) gegen\u00fcber \u2013 n\u00e4mlich als kurzfristiger Ruhepol im Kontext gro\u00dfer Eile, Erregung und Hektik \u2013 mag auch der gl\u00e4ttenden Wiedergabe dieser beiden Stellen in modernen Notenausgaben geschuldet sein. Denn genauso wie schon die Erstausgabe nicht wusste, wie Mozarts individuelle Notation zu stechen sei (man sieht: keine Fermate, kein Strich, blo\u00df das anf\u00e4ngliche \u201eten\u201c):<\/p>\n<div id=\"attachment_7878\" style=\"width: 2052px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Ausschnitt-EA.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7878\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7878 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Ausschnitt-EA.jpg\" alt=\"\" width=\"2042\" height=\"381\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Ausschnitt-EA.jpg 2042w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Ausschnitt-EA-300x56.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Ausschnitt-EA-768x143.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Ausschnitt-EA-1024x191.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 2042px) 100vw, 2042px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7878\" class=\"wp-caption-text\">Notation in der Erstausgabe<\/p><\/div>\n<p>so verf\u00e4lschen meines Erachtens auch moderne Editionen Mozarts Intention, indem sie ausschlie\u00dflich dem Text der Erstausgabe folgen und alle Fermaten samt Strich einfach weglassen (und die \u201esimile\u201c-tenutos erg\u00e4nzen):<\/p>\n<div id=\"attachment_7879\" style=\"width: 578px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/NMA.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7879\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-7879 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/NMA.jpg\" alt=\"\" width=\"568\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/NMA.jpg 559w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/NMA-300x202.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7879\" class=\"wp-caption-text\">Notation in der Neuen Mozart-Ausgabe<\/p><\/div>\n<p>Ich bin schon jetzt gespannt, wie meine Freunde vom Armida-Quartett das spielen werden, mit denen ich die Stelle als Vorbereitung der Urtextausgabe und zu ihrer CD-Aufnahme diskutiert habe. <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Streichquartette%2C+Band+III+%28Haydn-Quartette%29_7122\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meine Urtextausgabe (HN 7122)<\/a> erscheint Anfang 2019, und sie wird Mozarts eigenartige, spannende Notation erstmals \u201eoriginal\u201c bringen.<\/p>\n<div id=\"attachment_7895\" style=\"width: 626px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7895\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-7895\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Seite-78-aus-HN_7122_A_Mozart.jpg\" alt=\"\" width=\"616\" height=\"430\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Seite-78-aus-HN_7122_A_Mozart.jpg 6095w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Seite-78-aus-HN_7122_A_Mozart-300x209.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Seite-78-aus-HN_7122_A_Mozart-768x536.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/01\/Seite-78-aus-HN_7122_A_Mozart-1024x714.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 616px) 100vw, 616px\" \/><p id=\"caption-attachment-7895\" class=\"wp-caption-text\">Wiedergabe aller Zeichen in der neuen Henle-Ausgabe<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Mozart, sofern er sorgf\u00e4ltig schreibt, graphisch zwischen dem Punkt &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/01\/07\/zu-einer-unerklaerlichen-fermaten-notation-in-mozarts-streichquartett-kv-428\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62,3,303,42],"tags":[738,34],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7873"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7873"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7873\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7873"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7873"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7873"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}