{"id":791,"date":"2012-07-09T09:00:26","date_gmt":"2012-07-09T07:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=791"},"modified":"2015-05-20T10:15:32","modified_gmt":"2015-05-20T08:15:32","slug":"%e2%80%9efassung-nach-fontana%e2%80%9c-%e2%80%93echter-chopin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/07\/09\/%e2%80%9efassung-nach-fontana%e2%80%9c-%e2%80%93echter-chopin\/","title":{"rendered":"\u201eFassung nach Fontana\u201c \u2013 echter Chopin?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis unserer Urtextausgabe der Walzer Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins (HN <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Walzer_131\" target=\"_blank\">131<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Walzer_230\" target=\"_blank\">230<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Walzer_9131\" target=\"_blank\">9131<\/a>) mag schon bei manchem Chopin-Enthusiasten Stirnrunzeln hervorgerufen haben. So ber\u00fchmte St\u00fccke wie die erst nach Chopins Tod ver\u00f6ffentlichten Walzer op. post. 69 &amp; 70 bringen wir in zwei Versionen: zun\u00e4chst in einer \u201eFassung nach dem Autograph\u201c, gefolgt von einer \u201eFassung nach Fontana\u201c. <!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/HN131_Inhalt.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-799\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/HN131_Inhalt.jpg\" alt=\"\" width=\"596\" height=\"893\" \/><\/a><\/p>\n<p>Reicht die autograph \u00fcberlieferte Fassung nicht aus? Was kann denn \u201emehr\u201c Urtext sein als eine Version, die auf der Handschrift des Komponisten beruht? Und \u2013 wer ist \u00fcberhaupt Fontana?<\/p>\n<p>Julian Fontana (1810\u20131869) war ein Schulfreund Chopins aus Warschauer Tagen. Die beiden hatten sich am Lyzeum kennen gelernt, erhielten beide Kompositionsunterricht bei J\u00f3zef Elsner und pflegten ihre Freundschaft auch \u00fcber die Schul- und Studentenzeit hinaus. Mit Fontana zusammen f\u00fchrte Chopin 1828 in Warschau sein Rondo C-dur op. post. 73B in der Fassung f\u00fcr zwei Klaviere auf.\u00a0Der gl\u00fchende Patriot Fontana nahm 1830 am Warschauer Novemberaufstand teil und musste nach dessen Niederschlagung aus Polen fliehen. Es begann eine wahrhaftige Odyssee mit Aufenthalten in Paris, Hamburg, London, Bordeaux, Havanna und New York. In seinen Pariser Jahren 1832\/33 und 1836\u201341 lag es nahe, Kontakt mit dem ebenfalls nach Paris emigrierten Chopin aufzunehmen, und ihre Freundschaft vertiefte sich. Fontana avancierte zu einer Art Privatsekret\u00e4r des Komponisten. Chopin vertraute ihm zahlreiche Autographe mit der Bitte an, sie abzuschreiben, er trug ihm Verhandlungen mit Verlegern auf und bat ihn um Hilfe bei allt\u00e4glichen Angelegenheiten (bis hin zur Wohnungssuche). Ob sich Chopin bei seinem wichtigsten Kopisten jemals angemessen revanchierte, ist nicht bekannt. Immerhin widmete er ihm seine beiden Polonaisen op. 40: <em>d\u00e9di\u00e9es \u00e0 son ami Jules Fontana.<\/em><\/p>\n<p>Es mag zynisch klingen, aber Fontanas gro\u00dfe Stunde kam erst, nachdem sein Freund Chopin gestorben war: Er gab nun die unver\u00f6ffentlichten Werke Chopins in Druck. Dabei ging er durchaus professionell und gewissenhaft vor. Er stand in engem Kontakt mit der Familie des Verstorbenen; Ludwika, Chopins Schwester, legte f\u00fcr ihn ein Verzeichnis der unver\u00f6ffentlichten Kompositionen an.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/20120706094316941_0001.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-800\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/20120706094316941_0001.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"335\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/HN131_Inhalt.jpg\"><\/a><\/p>\n<p>(Ludwika Jedrzejewicz, <em>Kompozycje niewydane <\/em>\u2013 Unver\u00f6ffentlichte Kompositionen,\u00a0Incipt-Verzeichnis\u00a0von 35 Kompositionen\u00a0Chopins, Autograph, Warschau, nach Juni 1854, mit freundlicher Genehmigung der\u00a0Sammlung des Chopin Museums am Fryderyk Chopin Institut,\u00a0Warschau.\u00a0Eigentum des Originals: Fryderyk Chopin Gesellschaft,\u00a0Warschau, Inventar-Nummer M\/301.\u00a0Links neben dem Incipit jeweils der Titel, ganz links die Datierung durch Ludwika, z. B. beim ersten Eintrag <em>827 <\/em>f\u00fcr 1827).<\/p>\n<p>Fontana vergab die Opuszahlen 66\u201373 und ver\u00f6ffentlichte 1855 die <em>\u0152uvres posthumes pour piano de Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin<\/em> (1859 folgten die Lieder op. 74). Das <a href=\"http:\/\/chopin.lib.uchicago.edu\/gsdl\/cgi-bin\/library?e=d-000-00---0chopin--00-0-0-0prompt-10---4---Document-dtt--0-1l--1-en-Zz-1---50-home-op%2e+66--001-001-0-0utfZz-8-0&amp;a=d&amp;cl=search&amp;d=CHOP059.1\" target=\"_blank\">Titelblatt<\/a> sollte unmissverst\u00e4ndlich f\u00fcr die Authentizit\u00e4t der Edition b\u00fcrgen: <em>publi\u00e9s sur manuscrits originaux avec autorisation de sa famille<\/em>.<\/p>\n<p>Im Vorwort dieser Ausgabe, die parallel in Deutschland (Schlesinger) und Frankreich (Meissonnier) erschien, legt Fontana ausf\u00fchrlich dar, wie es zu dieser Publikation kam. Chopins Familie habe geglaubt, \u201eeine <em>heilige<\/em> Pflicht zu erf\u00fcllen, wenn sie eine <em>genaue<\/em> Ausgabe nach den <em>eigenh\u00e4ndigen <\/em>Manuscripten des Componisten veranstaltete [\u2026]\u201c Es folgt eine Kurzbiographie, die Fontanas Freundschaft zu Chopin und seine Beteilung bei vielen Erstausgaben ins rechte Licht r\u00fccken soll. Fontana f\u00e4hrt fort: \u201eSeine Familie, mit diesen freundschaftlichen Verh\u00e4ltnissen bekannt, gab uns den ehrenvollen Auftrag, die von ihm hinterlassenen musikalischen Sch\u00e4tze zu sammeln, eine Auswahl zu treffen, und sie zu ver\u00f6ffentlichen.\u201c Fontana betont noch einmal, er habe die \u201eOriginalmanuscripte\u201c zur Grundlage der Edition gemacht. Au\u00dferdem habe er Chopin die Werke spielen geh\u00f6rt und sie auch selbst unter dessen Anleitung studiert. Daher: \u201eDieser letzte Umstand war uns eine gro\u00dfe H\u00fclfe, wenn wir zwischen zwei oder drei Lesarten, alle von der Hand Chopin\u2019s, zu w\u00e4hlen, oder eine oft unlesbare Schrift zu entziffern hatten.\u201c<\/p>\n<p>Genau an dieser Stelle beginnen die Probleme, die wir heute mit Fontanas Ausgabe haben. Es ist zu vermuten, dass\u00a0er\u00a0ab und an ein wenig zu selbstbewusst in den Notentext eingriff. Das Dilemma ist also: Wo h\u00f6rt Chopin auf und wo beginnt Fontana?<\/p>\n<p>Zu einigen der Werke kennen wir heute Autographe Chopins. In der Tat weichen sie zum Teil erheblich von den Fassungen der Fontana-Ausgabe ab. Man mag nun denken, dies sei der Beweis, Fontana habe den autographen Urtext verf\u00e4lscht.<\/p>\n<p>Dem steht Fontanas Selbstzeugnis entgegen, seine Autorisierung durch die Familie\u00a0Chopins und die Berufung auf die \u201eOriginalmanuscripte\u201c. Wir m\u00fcssen daher zumindest die M\u00f6glichkeit in Betracht ziehen, dass Fontana auf heute verschollene Quellen zur\u00fcckgriff. M\u00f6glicherweise waren dies Autographe, die den Notentext in der Fassung \u201eletzter Hand\u201c \u00fcberliefern. Dann w\u00e4ren die Autographe, die wir heute kennen, lediglich Vorstadien.<\/p>\n<p>Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, sind wir dahr gut beraten, auch weiterhin beide Fassungen zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis unserer Urtextausgabe der Walzer Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/07\/09\/%e2%80%9efassung-nach-fontana%e2%80%9c-%e2%80%93echter-chopin\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,304,88,6,301,20,3,411],"tags":[4,687,25],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/791"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=791"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/791\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=791"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=791"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=791"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}