{"id":8013,"date":"2019-02-18T08:00:11","date_gmt":"2019-02-18T07:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=8013"},"modified":"2019-02-15T18:09:31","modified_gmt":"2019-02-15T17:09:31","slug":"grenzen-der-moderne-zur-urtextausgabe-von-schumanns-myrthen-op-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/02\/18\/grenzen-der-moderne-zur-urtextausgabe-von-schumanns-myrthen-op-25\/","title":{"rendered":"Grenzen der Moderne \u2013 Zur Urtextausgabe von Schumanns &#8220;Myrthen&#8221; op. 25"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts der Tatsache, dass gerade bei Werken des 19. Jahrhunderts die Erstausgabe oft die wichtigste Quelle f\u00fcr die Edition ist, k\u00f6nnte man die Frage aufwerfen, warum wir unsere Urtextausgaben \u00fcberhaupt neu setzen \u2013 wo man doch so sch\u00f6n den Originaldruck abbilden und die paar Fehler, die darin sind, einfach durch eine Retusche korrigieren k\u00f6nnte. Aber mal ganz abgesehen davon, dass die n\u00f6tigen Korrekturen in vielen F\u00e4llen eben doch gar nicht im originalen Layout realisierbar w\u00e4ren, kommt hier das W\u00f6rtchen \u201emodern\u201c ins Spiel, mit dem sich (auch) unsere Urtextausgaben schm\u00fccken.<!--more--><\/p>\n<p>Denn eine moderne Urtextausgabe bietet eben nicht nur einen nach aktuellem Forschungsstand gesicherten Notentext, sondern sie pr\u00e4sentiert diesen auch in einer zeitgem\u00e4\u00dfen, normierten Darstellung. Schumanns Liederalben bieten daf\u00fcr ein besonders gutes Beispiel, denn hier kommt zum reinen Notensatz auch Gesangstext hinzu. Der Vergleich der 1840 bei Kistner in Leipzig erschienenen Erstausgabe mit unserer brandneuen Urtextausgabe von Schumanns <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Myrthen+op.+25%2C+Liederkreis_551\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Myrthen<\/em> op. 25<\/a> macht die Unterschiede unmittelbar deutlich:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-8021 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen.png\" alt=\"\" width=\"1082\" height=\"731\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen.png 1082w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-300x203.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-768x519.png 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-1024x692.png 1024w\" sizes=\"(max-width: 1082px) 100vw, 1082px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Myrthen, Ausschnitt aus Nr. 13, links Erstausgabe, rechts Urtextausgabe<br \/>\n(zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken)<\/p>\n<p>Neben der Korrektur von zwei veritablen Textfehlern der Erstausgabe in T. 8 (\u201eNord\u201c statt \u201eOrt\u201c) und 10 (\u201ein\u201c statt \u201eim\u201c) nimmt unsere Ausgabe Korrekturen der Rechtschreibung (\u201ewand\u2019re\u201c statt \u201eWand\u2019re\u201c) und gestalterische Verbesserungen vor (wie die konsequente Unterscheidung zwischen mittig gesetztem Trennstrich zwischen zwei Silben und auf der Grundlinie stehendem Fortsetzungsstrich am Ende eines Wortes). Weitere Abweichungen betreffen die heute in praktischen Urtextausgaben \u00fcbliche Modernisierung der Rechtschreibung, wodurch z. B. in T. 11 \u201eMuthes\u201c zu \u201eMutes\u201c wird.<\/p>\n<p>Hinter dieser im Kapitel \u201eZur Edition\u201c nur in einem Satz erw\u00e4hnten Modernisierung verbirgt sich allerdings immer auch einiges Kopfzerbrechen, denn selbstverst\u00e4ndlich d\u00fcrfen diese \u2013 der leichteren Lesbarkeit dienenden \u2013 Eingriffe nicht in Widerspruch zu Schumanns kompositorischen Intentionen geraten. So h\u00e4lt unsere Schumann-Herausgeberin <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/der-verlag\/autoren\/kazuko-ozawa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kazuko Ozawa<\/a> einschr\u00e4nkend fest, dass die von Schumann gegen\u00fcber den Textvorlagen h\u00e4ufig ver\u00e4nderte Setzung von Apostrophen und Kommas beibehalten wird. Auch ein durch eine altert\u00fcmliche Schreibweise anders klingendes Wort \u2013 wie z. B. \u201ehieher\u201c statt \u201ehierher\u201c im \u201eWanderlied\u201c aus den <em>Kerner-Liedern <\/em>op. 35 \u2013 w\u00fcrde selbstverst\u00e4ndlich nicht modernisiert werden, da dies ja Schumanns Klangvorstellung entgegenst\u00fcnde.<\/p>\n<p>Mit dieser Leitlinie sind wir bei Henle in unseren Schumann-Alben immer gut gefahren: Von der <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Dichterliebe+op.+48_549\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Dichterliebe<\/em> <\/a>\u00fcber <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Frauenliebe+und+Leben+op.+42_547\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Frauenliebe und Leben<\/em><\/a> (wie Schumann von Chamissos Vorlage abweichend schreibt!) und die beiden <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Liederkreis+op.+24_548\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Liederkreise<\/em> op. 24<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Liederkreis+op.+39%2C+nach+Eichendorff%2C+Fassungen+1842+und+1850_550\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">39<\/a> bis zu den <em>Kerner-Liedern<\/em>. Aber in den j\u00fcngst erschienenen <em>Myrthen<\/em> standen wir auf einmal vor einem Problem: bei Schumanns Vertonung des \u201eR\u00e4thsels\u201c \u00fcber den Buchstaben \u201eh\u201c. Das fr\u00fcher f\u00e4lschlich Lord Byron zugeschriebene \u201e<a href=\"http:\/\/www.lieder.net\/lieder\/get_text.html?TextId=19518\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Riddle about the letter h<\/a>\u201c stammt von Catherine Maria Fanshaw und wurde von Friedrich Ludwig Kannegie\u00dfer kongenial ins Deutsche \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Die ersten Zeilen von <a href=\"http:\/\/www.lieder.net\/get_text.html?TextId=113259\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kannegie\u00dfers Gedicht<\/a> lauten: \u201eEs fl\u00fcstert\u2019s der Himmel, es murrt es die H\u00f6lle, \/ Nur schwach klingt\u2019s nach in des Echo\u2019s Welle, \/ Und kommt es zur Fluth, so wird es stumm, \/ Auf den H\u00f6hen, da h\u00f6rst du sein zwiefach Gesumm.\u201c Auch wenn man es nicht h\u00f6rt, muss das originale \u201eth\u201c in \u201eFluth\u201c nat\u00fcrlich erhalten bleiben, damit man den Text versteht \u2013 und nicht nur diesen: Auch die raffinierten musikalischen Bez\u00fcge des \u2013 nat\u00fcrlich in H-dur gesetzten \u2013 Liedes auf den (Ton-)Buchstaben \u201eh\u201c erschlie\u00dfen sich nur so.<\/p>\n<p>Am Ende geht Schumann sogar ganz eigene Wege, wenn er den originalen Gedichtschluss (\u201eIm Schatten birgt sich\u2019s, im Bl\u00fcmchen auch; \/ Du hauchst es t\u00e4glich, es ist nur ein Hauch.\u201c) zu einer Frage umwandelt, die rein musikalisch beantwortet wird:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-EA-Nr.-16.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-8018 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-EA-Nr.-16.png\" alt=\"\" width=\"669\" height=\"460\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-EA-Nr.-16.png 669w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/02\/Schumann-Myrthen-EA-Nr.-16-300x206.png 300w\" sizes=\"(max-width: 669px) 100vw, 669px\" \/><\/a>Ausschnitt aus Myrthen, Nr. 16, Urtextausgabe<br \/>\n(zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken)<\/p>\n<p>Wir haben uns daher entschlossen, bei diesem Lied ausnahmsweise die originale Rechtschreibung zu \u00fcbernehmen. In der Hoffnung, dass auch und gerade eine moderne Urtextausgabe diesen kleinen Anachronismus vertr\u00e4gt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der Tatsache, dass gerade bei Werken des 19. 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