{"id":8114,"date":"2019-04-29T08:00:02","date_gmt":"2019-04-29T06:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=8114"},"modified":"2019-04-29T15:14:50","modified_gmt":"2019-04-29T13:14:50","slug":"wolfgang-amadeus-stadler-allegro-fuer-klaviertrio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/04\/29\/wolfgang-amadeus-stadler-allegro-fuer-klaviertrio\/","title":{"rendered":"\u201eWolfgang Amadeus Stadler\u201c, Allegro f\u00fcr Klaviertrio"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/HN-1379.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-8119\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/HN-1379.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"305\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/HN-1379.jpg 1851w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/HN-1379-227x300.jpg 227w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/HN-1379-768x1013.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/HN-1379-776x1024.jpg 776w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><\/a>Es kommt \u00e4u\u00dferst selten bei uns vor, dass wir eine veritable Erstausgabe ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen. Mit meiner Urtextausgabe der drei Klaviertrio-Fragmente <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Drei+S%C3%A4tze+f%C3%BCr+Klaviertrio%2C+Fragmente+KV+442_1379\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KV 442 von Mozart (HN 1379)<\/a> war es vor wenigen Wochen einmal wieder soweit. Im Anhang dieser Edition bieten wir v\u00f6llig unbekannte Musik f\u00fcr die Besetzung Klaviertrio: einen gut 350 Takte langen, gut gemachten, recht leicht zu spielenden Satz in D-dur. Der Autor? Tja, das ist die Frage. Nein, Mozart ist es nicht, so wie auch die ungl\u00fcckselige K\u00f6chelnummer KV 442 ein dreis\u00e4tziges Klaviertrio von Mozart vorgaukelt, das es so nie gegeben hat.<!--more--><\/p>\n<p>Aber der Reihe nach: Mozart hat mehrere Fragment gebliebene Klaviertrio-S\u00e4tze hinterlassen. Darunter findet sich ein Allegro in D-dur (\u201eKV 442\u201c, Nr. 3), das \u201eeines der gro\u00dfartigsten Fragmente Mozartscher Kammermusik [ist \u2026], gro\u00dfartig selbst noch in der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pwIOd39zgRg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erg\u00e4nzung Stadlers<\/a>\u201c (Wolfgang Rehm im Vorwort seiner Ausgabe f\u00fcr die Neue Mozart-Ausgabe). Abb\u00e9 Maximilian Stadler hat bekanntlich etliche Kompositionen seines Freundes Mozart auf Wunsch der Witwe Constanze vervollst\u00e4ndigt und dann drucken lassen. Im Falle der Klaviertrio-Fragmente waren das:<\/p>\n<ul>\n<li>besagter wundervoller Satz in D-dur (169 originale Takte, bis zum Beginn der Reprise nahezu vollst\u00e4ndig ausgef\u00fchrt; fr\u00fchestens 1787 komponiert und unvollendet liegen gelassen (\u201eKV 442\/3\u201c)<\/li>\n<li>ein weiterer Allegro-Satz, in d-moll (nur 50 Takte, etwa 1785); wie der erstgenannte ein typischer Kopfsatz (\u201eKV 442\/1\u201c)<\/li>\n<li>und ein \u201eTempo di Menuetto\u201c in G-dur (150 Takte, 1786); hierbei handelt es sich um den beiseitegelegten ersten Versuch zum Finale des bekannten Klaviertrios KV 496 in G-dur (\u201eKV 442\/2\u201c)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es war die unselige Idee Georg Nikolaus Nissens, dem zweiten Ehemann von Constanze Mozart, diese drei, inzwischen von Stadler vervollst\u00e4ndigten Einzels\u00e4tze zu einem vollwertigen, dreis\u00e4tzigen Klaviertrio zusammenzufassen und in dieser Form beim Verleger Andr\u00e9 in Offenbach zu ver\u00f6ffentlichen. Nat\u00fcrlich weder mit einem Hinweis darauf, dass der Gro\u00dfteil dieser Musik nicht von Mozart (sondern von Stadler!) stammt, noch, dass Mozart diese 3 S\u00e4tze nie als Einheit betrachtete. Alle Details zu den Quellen und auch n\u00f6tige Richtigstellungen zur in allen bisherigen Ver\u00f6ffentlichungen v\u00f6llig falsch dargestellten Erstausgabe finden sich im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/foreword\/1379.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vorwort<\/a> und im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/review\/1379.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritischen Bericht<\/a> meiner Ausgabe. Zu allem \u00dcberfluss erhielt diese Ausgabe Andr\u00e9s dann eine eigene K\u00f6chelnummer, eben die 442 \u2013 heute w\u00fcrden wir dabei von \u201efake news\u201c sprechen.<\/p>\n<div id=\"attachment_8124\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/DSC_7983-zugeschnitten.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8124\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-8124\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/DSC_7983-zugeschnitten.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/DSC_7983-zugeschnitten.jpg 1708w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/DSC_7983-zugeschnitten-271x300.jpg 271w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/DSC_7983-zugeschnitten-768x849.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/DSC_7983-zugeschnitten-926x1024.jpg 926w\" sizes=\"(max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8124\" class=\"wp-caption-text\">Robert Levin<\/p><\/div>\n<p>Mozarts fragmentarische Trios\u00e4tze sind in der Erg\u00e4nzung Stadlers zweifellos eine Bereicherung des Repertoires, weshalb ich immer schon vorhatte, sie bei Henle herauszubringen. Da mein Freund Robert Levin, mit dem zusammen ich u.a. schon einen anderen Fragmente-Band Mozarts herausgebracht hatte (n\u00e4mlich die <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Violinsonaten%2C+Fragmente_1039\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Violinsonaten-Fragmente, HN 1039<\/a>), genau diese 3 Trios\u00e4tze ebenfalls vervollst\u00e4ndigt vorliegen hatte, beschlossen wir, zus\u00e4tzlich zu Stadlers (bekannten) Erg\u00e4nzungen auch Levins zu ver\u00f6ffentlichen. Besonders sch\u00f6n ist, dass Robert Levin \u201esein KV 442\u201c gerade zusammen mit der Geigerin Hilary Hahn und dem Cellisten Alain Meunier bei <a href=\"https:\/\/lepalaisdesdegustateurs.com\/label-discographique\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Le Palais des D\u00e9gustateurs<\/a> aufgenommen hat (dazu KV 496). Diese CD wird in wenigen Wochen erh\u00e4ltlich sein. Auf Youtube kann man schon einen Vorgeschmack erhalten: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=K1-XbXPUlpI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> der wundervolle D-dur-Satz KV \u201e442\/3\u201c \u2013\u00a0 Levins Erg\u00e4nzung ab 5:24, einige in Mozarts Autograph fehlende Streichertakte bereits davor in Levins Erg\u00e4nzung). Es versteht sich, dass in meiner Ausgabe s\u00e4mtliche erg\u00e4nzten Teile klar und deutlich als solche gekennzeichnet sind, also Mozarts \u201eoriginaler\u201c Anteil jeweils klar ersichtlich ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_8118\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Abb\u00e9_Stadler_1813_J._B._Pfitzer.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8118\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8118\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Abb\u00e9_Stadler_1813_J._B._Pfitzer.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Abb\u00e9_Stadler_1813_J._B._Pfitzer.jpg 1990w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Abb\u00e9_Stadler_1813_J._B._Pfitzer-215x300.jpg 215w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Abb\u00e9_Stadler_1813_J._B._Pfitzer-768x1069.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Abb\u00e9_Stadler_1813_J._B._Pfitzer-735x1024.jpg 735w\" sizes=\"(max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8118\" class=\"wp-caption-text\">Abb\u00e9 Maximilian Stadler (1748<span class=\"st\">\u2013<\/span>1833)<\/p><\/div>\n<p>Ich hatte meine Edition schon weitgehend abgeschlossen, als die Staatsbibliothek zu Berlin Preu\u00dfischer Kulturbesitz eine <a href=\"http:\/\/resolver.staatsbibliothek-berlin.de\/SBB00020EEF00000000\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bislang v\u00f6llig unbekannte Abschrift zu \u201eKV 442\u201c<\/a> in hervorragender Reproduktion und bibliothekarischer Erschlie\u00dfung ver\u00f6ffentlichte. \u201eScheinbar KV 442\u201c \u2013 denn ich staunte nicht schlecht, als klar wurde, dass es sich erstens um Stadlers eigene Handschrift handelt, dass er zweitens Mozarts originale Takte sowie seine eigenen Erg\u00e4nzungen abschrieb (f\u00fcr diesen Teil handelt es sich also um ein Autograph, denn Schreiber und Autor fallen ineins) und dass er vor allem den d-moll-Satz Mozarts, den ersten Satz in Andr\u00e9s Erstausgabe, schlicht wegl\u00e4sst. Stadler stellt sein ganz eigenes \u201eKlaviertrio\u201c zusammen: \u201eKV 442\/3\u201c \u2013 \u201eKV 442\/2\u201c \u2013 und eine unbekannte Komposition (Allegro in D-dur), von der wir dringend davon ausgehen m\u00fcssen, dass es sich um eine eigene Sch\u00f6pfung Stadlers handelt. Wer sonst sollte in diesem Kontext der Geschichte zu \u201eKV 442\u201c den so passenden Satz beigesteuert haben? Diese spannende, neue Quelle wird im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/review\/1379.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritischen Bericht<\/a> meiner Urtextausgabe unter dem Siegel \u201eAB1\u201c genau beschrieben und beurteilt.<\/p>\n<div id=\"attachment_8117\" style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Beginn-Anhang.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8117\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8117 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Beginn-Anhang.jpg\" alt=\"\" width=\"999\" height=\"755\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Beginn-Anhang.jpg 999w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Beginn-Anhang-300x227.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/04\/Beginn-Anhang-768x580.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 999px) 100vw, 999px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8117\" class=\"wp-caption-text\">Bislang unbekanntes Allegro D-dur in der Berliner Handschrift<\/p><\/div>\n<p>Und just dieses Allegro Stadlers haben wir also jetzt als gedruckte Erstausgabe herausgebracht. Seit weit mehr als einem Jahrhundert kann diese Musik nicht mehr erklungen sein, denn die Noten schlummern seit etwa 1830 im Archiv der Berliner Bibliothek. Dieser ist der Fund und der \u00f6ffentliche Zugang zur Quelle zu danken.<\/p>\n<p>Musiker in aller Welt sollten den Satz durchaus spielen. Es handelt sich um gute Musik, kompositorisch-handwerklich einwandfrei gemacht, die Streicher in den dominanten Klaviersatz gut eingebunden \u2013 sonst h\u00e4tten wir sie nicht gedruckt. Nat\u00fcrlich nicht auf dem Niveau eines Mozart, aber wer bitte n\u00e4hme das f\u00fcr sich in Anspruch? Und es macht vor allem gro\u00dfen Spa\u00df sie zu spielen. Wir sehen einen ausf\u00fchrlichen Sonatensatz mit zwei \u00e4u\u00dferst eing\u00e4ngigen, fast kindlich-naiven Themen, geschickt verarbeitet unter Einbeziehung der beiden Streicher, in mehr als 100 Takten Durchf\u00fchrung ausf\u00fchrlich verarbeitet.<\/p>\n<p>Zu seiner Zeit galt <a href=\"https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz80912.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abb\u00e9 Maximilian Stadler<\/a> \u201eals einer der gr\u00f6\u00dften Clavier und Orgelspieler \u2026 und hervorragender \u00f6sterreichischer Tonsetzer\u201c (Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 54, 1908, S. 429 ff.). Dank unserer Ausgabe kann sich nun jeder Musiker ein Bild davon machen, wie stilsicher er einerseits Mozarts fragmentarische Vorlagen vervollst\u00e4ndigte, aber auch wie gut er selbst \u201eim Stile Mozarts\u201c zu komponieren verstand. Gerne h\u00f6re ich erste Meinungen aus dem Kreis unserer Blog-Leser zu diesem Fund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kommt \u00e4u\u00dferst selten bei uns vor, dass wir eine &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/04\/29\/wolfgang-amadeus-stadler-allegro-fuer-klaviertrio\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[88,3,303,407,479],"tags":[34,749],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8114"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8114"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8114\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}