{"id":8239,"date":"2019-06-24T08:00:10","date_gmt":"2019-06-24T06:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=8239"},"modified":"2019-06-19T11:16:34","modified_gmt":"2019-06-19T09:16:34","slug":"was-wollte-der-komponist-zu-einem-merkwuerdigen-takt-in-saint-saens-romance-fuer-floete-op-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/06\/24\/was-wollte-der-komponist-zu-einem-merkwuerdigen-takt-in-saint-saens-romance-fuer-floete-op-37\/","title":{"rendered":"Was wollte der Komponist? Zu einem merkw\u00fcrdigen Takt in Saint-Sa\u00ebns\u2019 Romance f\u00fcr Fl\u00f6te op. 37"},"content":{"rendered":"<p>Wer die heute im Handel befindliche Ausgabe des Originalverlags Durand mit der 1874 erschienenen Erstausgabe von Saint-Sa\u00ebns\u2019 Romance f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier op. 37 vergleicht, wird schnell eine markante Abweichung in Takt 102, am Ende des im Verlaufs des St\u00fccks mehrfach variierten Hauptgedankens, bemerken:<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_8245\" style=\"width: 2215px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-aktuelle-Ausgabe-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8245\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8245 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-aktuelle-Ausgabe-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2205\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-aktuelle-Ausgabe-1.jpg 2205w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-aktuelle-Ausgabe-1-300x54.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-aktuelle-Ausgabe-1-768x139.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-aktuelle-Ausgabe-1-1024x186.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 2205px) 100vw, 2205px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8245\" class=\"wp-caption-text\">Durand, aktuelle Ausgabe, Fl\u00f6te, T. 100<span class=\"st\">\u2013<\/span>103<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_8246\" style=\"width: 1214px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-Erstausgabe.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8246\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8246 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-Erstausgabe.jpg\" alt=\"\" width=\"1204\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-Erstausgabe.jpg 1204w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-Erstausgabe-300x41.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-Erstausgabe-768x105.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Durand-Erstausgabe-1024x140.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1204px) 100vw, 1204px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8246\" class=\"wp-caption-text\">Durand, Erstausgabe (1874), Fl\u00f6te, T. 100\u2013103<\/p><\/div>\n<p>Bei der Sichtung der Quellen des St\u00fccks st\u00f6\u00dft man in der erhaltenen ersten autographen Niederschrift (1871) auf folgende Notierung der fraglichen Stelle:<\/p>\n<div id=\"attachment_8247\" style=\"width: 638px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Autograph.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8247\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8247\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"628\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Autograph.jpg 1281w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Autograph-300x143.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Autograph-768x365.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Autograph-1024x487.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 628px) 100vw, 628px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8247\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, T. 102\u2013103<\/p><\/div>\n<p>Wie in den Takten zuvor trug Saint-Sa\u00ebns in den jeweils vierzeiligen Akkoladen den Fl\u00f6tenpart in die oberste Zeile, den Klavierpart in den beiden unteren Zeilen ein. Eindeutig notierte er dabei mit Tinte zun\u00e4chst die Variante I, die wir aus der aktuellen Durand-Ausgabe kennen, trug aber sp\u00e4ter mit Bleistift in die freie zweite Zeile die Variante II nach, die in der Erstausgabe gedruckt wurde. Dass es sich hier nicht um eine Korrektur handelt, geht nicht nur aus der fehlenden Streichung der Erstfassung, sondern auch aus der geschweiften Klammer um beide Varianten hervor. Eine Alternative also, keine Korrektur. Da sich keine unmittelbaren musikalischen Gr\u00fcnde \u2013 die Harmonik (As<sup>7<\/sup>) bleibt gleich \u2013 f\u00fcr die Notierung der Alternative aufdr\u00e4ngen, liegt der Verdacht nahe, dass es um eine vereinfachte Ausf\u00fchrung geht.<\/p>\n<p>Und in der Tat: Wie mir die Fl\u00f6tenlehrerin Christel Drebes-Heinemann demonstrierte, ist der kleine Finger bei der Folge <em>ges<\/em><sup>1<\/sup>\u2013<em>es<\/em><sup>1<\/sup>\u2013<em>c<\/em><sup>1<\/sup> | <em>es<\/em><sup>1<\/sup>\u2013<em>des<\/em><sup>1<\/sup> in den Takten 102 f. besonders gefordert. Denn dieser hat zuerst das <em>ges<\/em><sup>1<\/sup> zu greifen, bleibt dann f\u00fcr das <em>es<\/em><sup>1<\/sup> liegen und muss danach f\u00fcr die Folge <em>c<\/em><sup>1<\/sup>\u2013<em>es<\/em><sup>1<\/sup>\u2013<em>des<\/em><sup>1<\/sup> jedes Mal die Position wechseln \u2013 Fingerakrobatik, die vor allem f\u00fcr kleinere Finger anstrengend ist.<\/p>\n<p>F = kleiner Finger<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Fingersatz-plus.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-8248\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Fingersatz-plus.jpg\" alt=\"\" width=\"292\" height=\"109\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Fingersatz-plus.jpg 886w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Fingersatz-plus-300x112.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Fingersatz-plus-768x287.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man darf annehmen, dass die Ausf\u00fchrung dieser Passage f\u00fcr die seinerzeit ber\u00fchmten Fl\u00f6tisten, mit denen Saint-Sa\u00ebns die Romance auff\u00fchrte, das hei\u00dft f\u00fcr den Widmungstr\u00e4ger Amad\u00e9e de Vroye sowie sp\u00e4ter f\u00fcr Paul Taffanel, kein Problem darstellte; sie d\u00fcrften den Komponisten aber darauf hingewiesen haben, dass es sich bei der Tonfolge in Takt 102 um eine heikle Stelle handelt.<\/p>\n<p>Der Befund des Autographs zieht eine Reihe von Fragen nach sich, die sich aber nur zum Teil beantworten lassen. Saint-Sa\u00ebns bot in mehreren seiner Werke Ossias f\u00fcr solche schwierigen oder zumindest unbequemen Stellen an, als Beispiel seien nur die als \u201eFacilit\u00e9s\u201c bezeichneten Erleichterungen (Einzelnoten statt Zweikl\u00e4nge) f\u00fcr die rechte Hand der Solopartie im Presto-Finale im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierkonzert+Nr.+2+g-moll+op.+22_1355\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2. Klavierkonzert<\/a> (HN 1355) oder die Ossias (Akkorde statt 16tel-Passagen der Violine) im Schlussteil der <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Violinsonate+Nr.+1+d-moll+op.+75_572\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1. Violinsonate<\/a> (HN 572) genannt. Warum tat er dies nicht auch im Falle der Romance? Der Verleger w\u00e4re sicherlich auch hier bereit gewesen, ein Ossia einzur\u00fccken: Variante I im Haupttext, Variante II als \u201eFacilit\u00e9\u201c in einer Ossia-Zeile dar\u00fcber \u2026<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Quellenlage: Die erw\u00e4hnte erste autographe Niederschrift diente nicht als Stichvorlage f\u00fcr die Erstausgabe drei Jahre sp\u00e4ter. Es muss eine zweite Niederschrift gegeben haben, die heute verschollen ist und m\u00f6glicherweise erst f\u00fcr den Druck als Reinschrift neu ausgeschrieben wurde; welche der Varianten dort notiert war, bleibt also unklar.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass die fr\u00fchen Auff\u00fchrungen, darunter die Premieren f\u00fcr die Klavier- wie auch die Orchesterfassung (Baden-Baden, 8. und 13. Juli 1871), noch mit der Variante I des Taktes 102 gegeben wurden. Danach muss sich Saint-Sa\u00ebns, und zwar sp\u00e4testens bei der Durchsicht der Druckfahnen 1874, zum Wechsel zur Variante II entschlossen haben. Auch wenn sich keine Dokumente erhalten haben, d\u00fcrfte jedenfalls die Erstausgabe nicht ohne Autorisierung des Komponisten erschienen sein. Zu diesem Zeitpunkt war er unzweideutig der Ansicht, die leichter ausf\u00fchrbare Version als allein g\u00fcltige drucken zu lassen.<\/p>\n<p>Wann und warum wurde aber in sp\u00e4teren Ausgaben die Variante I wieder eingef\u00fchrt? Offensichtlich gab das Erscheinen der Orchesterfassung 1897, in der gem\u00e4\u00df der Stichvorlage, einer nicht datierten Abschrift, die Variante I notiert ist, den Ausschlag f\u00fcr die \u00c4nderung in der Klavierfassung, jedenfalls weisen alle Drucke nach 1897 die Variante I auf. Wurde die Anpassung von Verlagsseite vorgenommen oder war es Saint-Sa\u00ebns selbst, der zu seiner ersten Eingebung zur\u00fcckkehrte? Darauf gibt es leider keine Antwort; nicht ausgeschlossen, dass er beide Varianten im Druck toleriert hat, aber sich \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 weder in der Klavier-, noch in der Orchesterfassung f\u00fcr eine Ossia-Notierung entscheiden wollte. In der neuen Henle-Edition, die demn\u00e4chst erscheinen wird (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Romance+Des-dur+op.+37+f%C3%BCr+Fl%C3%B6te+und+Klavier_1354\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1354<\/a>) wird dies jetzt nachgeholt, denn die Entscheidung f\u00fcr die Variante II, die ja mindestens eine Zeit lang unangefochten g\u00fcltig war, sollte unbedingt den heutigen Fl\u00f6tisten mitgeteilt werden, die urspr\u00fcngliche, heute \u00fcblicherweise gespielte Variante I aber nat\u00fcrlich nicht unterschlagen werden:<\/p>\n<div id=\"attachment_8243\" style=\"width: 632px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Henle.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8243\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8243\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Henle.jpg\" alt=\"\" width=\"622\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Henle.jpg 1579w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Henle-300x118.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Henle-768x302.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/06\/Ausschnitt-Henle-1024x403.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 622px) 100vw, 622px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8243\" class=\"wp-caption-text\">Henle-Edition, Takte 97\u2013115<\/p><\/div>\n<p>Die Wiedergabe von Variante II im Haupttext ist lediglich der Konsequenz geschuldet, dass die Erstausgabe der Klavierfassung die Hauptquelle bildet, und bedeutet hier keine Wertung \u2013 es bleibt dem Interpreten \u00fcberlassen, welche er ausw\u00e4hlt, da der Wille des Komponisten letztlich nicht zu entschl\u00fcsseln ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die heute im Handel befindliche Ausgabe des Originalverlags Durand &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/06\/24\/was-wollte-der-komponist-zu-einem-merkwuerdigen-takt-in-saint-saens-romance-fuer-floete-op-37\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[482,20,3,756,90],"tags":[757,463],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8239"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8239"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8239\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}