{"id":827,"date":"2012-07-23T08:00:55","date_gmt":"2012-07-23T06:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=827"},"modified":"2015-05-20T10:20:24","modified_gmt":"2015-05-20T08:20:24","slug":"fels-oder-stein-zu-schumanns-textanderungen-im-%e2%80%9eliederkreis%e2%80%9c-op-39-nach-gedichten-von-joseph-von-eichendorff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/07\/23\/fels-oder-stein-zu-schumanns-textanderungen-im-%e2%80%9eliederkreis%e2%80%9c-op-39-nach-gedichten-von-joseph-von-eichendorff\/","title":{"rendered":"Fels oder Stein? Zu Schumanns Text\u00e4nderungen im \u201eLiederkreis\u201c op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff"},"content":{"rendered":"<p>Kennen Sie die Loreley? Bekanntlich schaute sie ja bei St. Goar (f\u00fcr manchen verh\u00e4ngnisvoll) vom hohen Stein tief in den Rhein&#8230; Aber nicht bei Henle: In unserer Ausgabe vom <em>Liederkreis<\/em> op. 39 (<a title=\"HN 550\" href=\"http:\/\/www.henle.com\/de\/detail\/index.html?Titel=Liederkreis+op.+39%2C+Fassungen+1842+und+1850_550\" target=\"_blank\">HN 550<\/a>) steht das Schloss der Loreley im <em>Waldesgespr\u00e4ch<\/em> einer Textkorrektur Schumanns folgend auf einem \u201eFels\u201c \u2013 wodurch der Eichendorffsche Reim auf \u201eRhein\u201c zwar perdu, die Pr\u00e4gnanz des Ausdrucks aber enorm gesteigert ist. Ob solche Abweichungen eines Liedtextes von seiner Vorlage erlaubt, sinnvoll oder in einer verl\u00e4sslichen Ausgabe wom\u00f6glich als Fehler zu korrigieren sind, ist eine viel diskutierte Frage, der sich jeder Herausgeber einer Liedausgabe stellen muss.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Loreley-Bild.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-821\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Loreley-Bild.jpg\" alt=\"\" width=\"339\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Loreley-Bild.jpg 339w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Loreley-Bild-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 339px) 100vw, 339px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Immerhin kann man bei Robert Schumann davon ausgehen, dass dieser Dichtung und Musik gleicherma\u00dfen zugetane K\u00fcnstler seine Liedtexte sehr bewusst niedergeschrieben und sich bei eventuellen Eingriffen in die Gedichte auch etwas gedacht hat. Belegen l\u00e4sst sich dies freilich nur, wenn wir die konkret zur Komposition benutzte Textvorlage kennen. Bei Opus 39 sind wir in dieser gl\u00fccklichen Lage: Schumann griff hier auf eine 1839 gemeinsam mit Clara begonnene Sammlung von Gedichtabschriften zur\u00fcck (Zwickau, Robert-Schumann-Haus), in die Clara die Eichendorff-Texte offenbar direkt nach der Erstausgabe <em>Gedichte von Joseph Freiherrn von Eichendorff<\/em> (Berlin 1837)kopierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Gedichtabschrift_neu.jpg\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Gedichtabschrift_neu.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-824\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Gedichtabschrift_neu-975x1024.jpg\" alt=\"Gedichatbschrift Waldgespr\u00e4ch\" width=\"410\" height=\"430\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Gedichtabschrift_neu-975x1024.jpg 975w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Gedichtabschrift_neu-285x300.jpg 285w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Gedichtabschrift_neu.jpg 1075w\" sizes=\"(max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a>Von dieser Vorlage weichen Roberts im Fr\u00fchling 1840 entstandene Vertonungen nun allerdings in mancher Hinsicht ab: sei es, dass ganze Strophen gestrichen (so geschehen in <em>Die Stille<\/em>), einzelne Worte ersetzt oder umgestellt sind oder auch nur Satzzeichen ver\u00e4ndert wurden. So singt die Nachtigall in <em>Wehmut<\/em> \u201eaus ihres Kerkers [statt: K\u00e4figs] Brust\u201c, und im <em>Zwielicht <\/em>macht Schumann aus Eichendorffs \u201eWas heut m\u00fcde gehet unter\u201c das ungleich m\u00fcdere \u201eWas heut gehet m\u00fcde unter\u201c, um in der Schlussphrase durch das \u201eH\u00fcte dich, sei [statt: bleib] wach und munter\u201c nicht nur die Dringlichkeit der Aufforderung zu verst\u00e4rken, sondern dem S\u00e4nger zugleich den schwierig zu sprechenden Doppelkonsonanten \u201ebl\u201c zu ersparen.<\/p>\n<p>Solche inhaltlich, metrisch-musikalisch oder auch sprachlich motivierten Eingriffe in die Vorlagetexte weisen viele Lieder Schumanns auf, und bei Opus 39 wurde diese dichterische Freiheit sogar von Eichendorff selbst sanktioniert. Clara zufolge \u00e4u\u00dferte er sich nach einem Konzert als \u201eentz\u00fcckt \u00fcber Roberts Compositionen seiner Lieder \u2013 er meinte, er habe seine Gedichte erst zum Leben gebracht\u201c. W\u00e4hrend es sich hier von selbst versteht, dass man als Herausgeber Schumanns Text unangetastet l\u00e4sst, werfen andere Varianten durchaus Fragen auf. So bleibt der Vorzug von \u201e\u00dcber\u2019n Garten\u201c statt \u201e\u00dcber\u2019m Garten\u201c in der <em>Fr\u00fchlingsnacht<\/em> ebenso unklar wie der m\u00f6gliche Grund f\u00fcr die Verschiebung der Wetterlage in <em>Auf einer Burg<\/em>, wo Schumann die Regenschauer \u201edr\u00fcben [statt: dr\u00fcber] gehen\u201c l\u00e4sst. Mancher sp\u00e4tere Herausgeber vermutete hier ein Schreibversehen Schumanns, das nur versehentlich auch in den Druck einging, und stellte kurzerhand das Eichendorffsche Original wieder her.<\/p>\n<p>Bei der in vielen Ausgaben zu findenden Restitution von \u201eStein\u201c f\u00fcr den Schumannschen \u201eFels\u201c im eingangs erw\u00e4hnten <em>Waldesgespr\u00e4ch<\/em> muss dies allerdings einigerma\u00dfen verwundern, denn hier ist keinesfalls ein Versehen des Komponisten zu vermuten. Vielmehr strich Schumann selbst in seinem Kompositionsautograph (Berlin, Staatsbibliothek) das urspr\u00fcnglich notierte \u201eStein\u201c aus, um es zu \u201eFels\u201c zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Autograph-Ausschnitt.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-823\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Autograph-Ausschnitt.jpg\" alt=\"\" width=\"292\" height=\"171\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Autograph-Ausschnitt.jpg 870w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Autograph-Ausschnitt-300x175.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit diesem Text erschien das Lied im Erstdruck von 1842 bei Haslinger in Wien, und auch als Schumann den Eichendorff-Zyklus 1849\/50 f\u00fcr eine Neuausgabe bei Whistling in Leipzig revidierte \u2013 wobei er gerade im <em>Waldesgespr\u00e4ch<\/em> so manche \u00c4nderung vornahm \u2013, blieb der \u201eFels\u201c unangetastet, wie man der <a title=\"Stichvorlag IMSLP\" href=\"http:\/\/imslp.org\/wiki\/Liederkreis,_Op.39_(Schumann,_Robert)\" target=\"_blank\">Stichvorlage <\/a>(Rochester, Sibley Music Library) entnehmen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Haslinger-Ausgabe-Ausschnitt.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-825\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Haslinger-Ausgabe-Ausschnitt.jpg\" alt=\"Haslinger-Ausgabe\" width=\"442\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Haslinger-Ausgabe-Ausschnitt.jpg 2049w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Haslinger-Ausgabe-Ausschnitt-268x300.jpg 268w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/07\/Haslinger-Ausgabe-Ausschnitt-916x1024.jpg 916w\" sizes=\"(max-width: 442px) 100vw, 442px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die heute gel\u00e4ufige Variante mit \u201eStein\u201c findet sich erst in der nach Roberts Tod von Clara bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel herausgegebenen Schumann-Gesamtausgabe (1879\u201393), auf die zahlreiche sp\u00e4tere Ausgaben zur\u00fcckgehen. Ob diese R\u00fcck\u00e4nderung wegen des Reimverlustes oder aus anderen Gr\u00fcnden geschah, ist heute nicht mehr zu kl\u00e4ren. Dass sie Robert Schumanns Willen entsprach, steht aber nicht zu vermuten \u2013 weswegen unsere Schumann-Herausgeberin Kazuko Ozawa in ihrer Ausgabe des <em>Liederkreises<\/em> auch Roberts \u201eFels\u201c den Vorzug gab. Und wir sind nun gespannt, wann auf youtube die erste Einspielung des Liedes mit diesem Text zu h\u00f6ren sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie die Loreley? 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