{"id":8276,"date":"2019-07-22T08:00:20","date_gmt":"2019-07-22T06:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=8276"},"modified":"2019-07-21T17:25:05","modified_gmt":"2019-07-21T15:25:05","slug":"eine-aufschlussreiche-korrektur-in-mozarts-autograph-des-streichquartetts-c-dur-kv-170","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/07\/22\/eine-aufschlussreiche-korrektur-in-mozarts-autograph-des-streichquartetts-c-dur-kv-170\/","title":{"rendered":"Eine aufschlussreiche Korrektur in Mozarts Autograph des Streichquartetts C-dur KV 170"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/220px-Croce-Mozart-Detail.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-8296\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/220px-Croce-Mozart-Detail.jpg\" alt=\"\" width=\"124\" height=\"161\" \/><\/a>In wenigen Wochen geht ein von mir lang gehegter Traum in Erf\u00fcllung: Mozarts fr\u00fche Wiener Streichquartette KV 168 \u2013 173 erscheinen im Herbst 2019 bei uns im Urtext (HN 1121 und HN 7121). Der von mir edierte und von unseren Herstellern wundersch\u00f6n notengesetzte und gedruckte Text wird zwar keinen v\u00f6llig \u201eneuen Mozart\u201c pr\u00e4sentieren, aber doch im Detail ganz viele Verbesserungen f\u00fcr die quartettspielende Zunft aufweisen.<!--more--> Denn die Neue Mozart-Ausgabe (NMA), deren Notentext der B\u00e4renreiter Verlag bis heute anbietet, konnte damals \u2013 1966 \u2013 auf vier der sechs Autographe Mozarts nicht (!) zur\u00fcckgreifen, als der Notenband erschien. 1989, vor genau 30 Jahren, hatte die NMA dann wenigstens Zugang zu den drei in Krakau liegenden Manuskripten: KV 169, 171, 173. Damals, noch Student der Musikwissenschaft, legte ich im Auftrag der NMA nachtr\u00e4glich den \u201eKritischen Bericht\u201c zu diesem NMA-Band vor (NMA VIII\/20\/Abt. 1\/1: Streichquartette \u00b7 Band 1, Kritischer Bericht, Kassel etc. 1989). Wenn jetzt diese Mozart-Werke, \u00fcber die u.a. ich \u00fcbrigens 1990 promovierte, nun in meiner eigenen Edition erscheinen, ist das f\u00fcr mich nat\u00fcrlich ein wunderbares Ereignis.<\/p>\n<p>Heute will ich nur auf einen, eher \u00e4u\u00dferlichen Aspekt dieser Quartette eingehen, n\u00e4mlich auf eine kleine, aber wie ich meine aufschlussreiche Aufschrift im Kopf der autographen Partitur des C-dur-Quartetts KV 170. Dieses Autograph war \u00fcbrigens das einzige, das ich f\u00fcr meinen Kritischen Bericht 1989 nicht im Original einsehen konnte. Inzwischen ist auch dieses zug\u00e4nglich, n\u00e4mlich in der wunderbaren Paul Sacher Stiftung in Basel. Hier, als ein kleiner Service (nur f\u00fcr meine Blog-Leser), die \u00dcbersicht zu den Mozart-Autographen dieser sechs Streichquartette und die Links zu deren Digitalisaten (sofern vorhanden):<\/p>\n<p><b>Mozart-Autographe | Die fr\u00fchen Wiener Streichquartette KV 168 \u2013 173<\/b><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Nr. 1<\/td>\n<td>F-dur<\/td>\n<td>KV 168<\/td>\n<td>kein Digitalisat<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Streichquartett+F-dur+KV+168_3209\">Faksimile-Ausgabe<\/a><br \/>\nG. Henle Verlag HN 3209<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nr. 2<\/td>\n<td>A-dur<\/td>\n<td>KV 169<\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/243746\/edition\/232067\/content\">Digitalisat<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nr. 3<\/td>\n<td>C-dur<\/td>\n<td>KV 170<\/td>\n<td>kein Digitalisat, aber <a href=\"https:\/\/www.paul-sacher-stiftung.ch\/de\/sammlungen\/u-z\/wilhelm-de-20190211.html\">Nachweis<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nr. 4<\/td>\n<td>Es-dur<\/td>\n<td>KV 171<\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/243747\/edition\/232069\/content\">Digitalisat<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nr. 5<\/td>\n<td>B-dur<\/td>\n<td>KV 172<\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.bl.uk\/manuscripts\/FullDisplay.aspx?ref=Add_MS_31749\">Digitalisat<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nr. 6<\/td>\n<td>d-moll<\/td>\n<td>KV 173<br \/>\nKV 173\/4<\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/243748\/edition\/232070\/content\">Digitalisat<\/a><br \/>\nurspr\u00fcngliche Fassung: <a href=\"http:\/\/www.bl.uk\/manuscripts\/FullDisplay.aspx?ref=Zweig_MS_52\">Digitalisat<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Mich interessiert in diesem Blog-Beitrag allein die Titelei im Kopf des Autographs des C-dur-Quartetts KV 170: \u201equartetto III\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_8302\" style=\"width: 1191px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-1_2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8302\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-8302\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-1_2.jpg\" alt=\"\" width=\"1181\" height=\"897\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-1_2.jpg 1181w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-1_2-300x228.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-1_2-768x583.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-1_2-1024x778.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1181px) 100vw, 1181px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8302\" class=\"wp-caption-text\">Sammlung Arthur Wilhelm, Paul Sacher Stiftung, Basel. Mit freundlicher Genehmigung.<\/p><\/div>\n<p>Die \u00dcberschrift stammt nicht von Mozart selbst, sondern von seinem Vater Leopold (dessen 300. Geburtstag wir diese Tage feiern). Der Vater war sichtlich sehr stolz, was sein siebzehnj\u00e4hriger Sohn im August 1773 w\u00e4hrend eines gemeinsamen ausgedehnten Wien-Aufenthaltes zu Papier gebracht hatte:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-KV-170-Kopftitel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-8281\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-KV-170-Kopftitel.jpg\" alt=\"\" width=\"618\" height=\"112\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-KV-170-Kopftitel.jpg 1397w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-KV-170-Kopftitel-300x54.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-KV-170-Kopftitel-768x139.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2019\/07\/Autograph-KV-170-Kopftitel-1024x185.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 618px) 100vw, 618px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u201edi Wolfgango Amadeo Mozart. | accademico di Bologna e di Verona\u201c schreibt er mit Tinte links oben auf die erste Seite. Wir erinnern uns: Mozart wurde 1770, erst 14j\u00e4hrig, nach Studien beim ber\u00fchmten Kontrapunktiker Padre Martini als Mitglied in die noble \u201eAccademia Filarmonica\u201c <a href=\"https:\/\/www.mozartways.com\/content.php?m=2&amp;typ2=21&amp;lang=de\">Bolognas<\/a> aufgenommen. Warum der Vater allerdings auch die Akademie Veronas nennt, wei\u00df ich nicht (war Wolfgang auch deren Mitglied?).<\/p>\n<p>Wie dem auch sei: Auch die \u00dcberschrift \u201equartetto\u201c stammt von Leopold Mozarts Hand, w\u00e4hrend die r\u00f6mische \u201eIII\u201c dahinter in Bleistift vielleicht doch eher nach einer fremden Hand aussieht. So weit, so normal. Mir war damals in den zur Verf\u00fcgung stehenden Fotos zwar die Tinten-Verwischung \u00fcber dem Wort \u201eVerona\u201c aufgefallen, jedoch war es unm\u00f6glich gewesen zu entziffern, was Leopold Mozart urspr\u00fcnglich geschrieben hatte (\u201eunleserliche, verwischte Korrektur \u00fcber Verona\u201c schreibe ich im einschl\u00e4gigen Kritischen Bericht, S. a\/65). Vor kurzem hatte ich nun das Privileg, Mozarts Original in den R\u00e4umen der Paul Sacher Stiftung vor Ort einsehen zu d\u00fcrfen (es gibt dort auch hochaufl\u00f6sende Scans zu sehen, die genauso gut sind), und siehe da, Leopold hatte urspr\u00fcnglich geschrieben, und dann ausgewischt: \u201eDiv[ertimento]\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDivertimento\u201c ist freilich die alte, gewisserma\u00dfen \u00fcberwundene Titelei der Gattung Streichquartett. Joseph Haydn hatte seine fr\u00fchesten Streichquartette in den 1760er-Jahren noch als \u201eDivertimento\u201c bezeichnet, aber Mozart \u00fcberschrieb bereits seine fr\u00fchesten Quartette von 1770 und 1772\/73 (KV 80, KV 155 \u2013 160) mit dem \u201emodernen\u201c Werkbegriff, der die Besetzung (4 Stimmen), nicht die Funktion (unterhaltend) im Blick hat. Leopold Mozart wischte also, seinen Irrtum sofort erkennend und das falsche Wort gar nicht mehr ausschreibend \u2013 die noch feuchte Tinte aus und korrigierte zum Besetzungstitel.<\/p>\n<p>Mir scheint diese Kleinigkeit deshalb so wichtig, weil ich daran folgende Hypothese kn\u00fcpfe: Alle anderen f\u00fcnf Autographe der Streichquartette KV 168 \u2013 173 tragen auf der autographen Titelseite von vornherein, unkorrigiert, das sozusagen richtige \u201equartetto\u201c, nur KV 170 im ersten Anlauf noch nicht. (Das kann man alles im einschl\u00e4gigen Kritischen Bericht nachlesen.) Daraus, und aus der Tatsache, dass nur in KV 170 das Autograph die gewisserma\u00dfen stolze Aufschrift und dazu noch ausnahmsweise <em>links<\/em> oben tr\u00e4gt (\u201eaccademico di Bologna e di Verona\u201c) schlie\u00dfe ich, dass das C-dur-Quartett KV 170 vermutlich Mozarts erstes der sechs Streichquartette war, das er in Wien 1773 niederschrieb. Die anderen f\u00fcnf folgten darauf, behaupte ich. Denn in KV 168, 171 und 173 hei\u00dft es, <em>rechts<\/em> oben, abweichend von KV 170: \u201edel Sgr. Caval: [KV 173 nur \u201eCav:\u201c] Amadeo Wolfgango Mozart\u201c, in KV 168, nachdem die verbindliche Reihenfolge der sechs Quartette nachtr\u00e4glich (!) gekl\u00e4rt worden war, noch mit dem Reihentitel-Zusatz: \u201e6 quartetti del Sgr: Caval: \u2026\u201c (KV 169 und 172 tragen gar keine entsprechende Signierung).<\/p>\n<p>In welch verhunzter Form dann das C-dur-Quartett erstmals postum im Druck erschien (n\u00e4mlich kurz nach Mozarts Tod in einer korrumpierten Zusammenw\u00fcrfelung mit einem Satz aus dem fr\u00fcheren C-dur-Streichquartett KV 157) steht auf einem anderen Blatt, und k\u00f6nnte in einem n\u00e4chsten Blog-Beitrag von mir einmal eine Rolle spielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In wenigen Wochen geht ein von mir lang gehegter Traum &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2019\/07\/22\/eine-aufschlussreiche-korrektur-in-mozarts-autograph-des-streichquartetts-c-dur-kv-170\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,3,303,42],"tags":[758],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8276"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8276\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}