{"id":869,"date":"2012-08-06T07:00:15","date_gmt":"2012-08-06T05:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=869"},"modified":"2015-05-20T10:29:59","modified_gmt":"2015-05-20T08:29:59","slug":"%e2%80%9eplay-it-again%e2%80%a6%e2%80%9c-fehlt-ein-wiederholungszeichen-in-brahms%e2%80%99-paganini-variationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/08\/06\/%e2%80%9eplay-it-again%e2%80%a6%e2%80%9c-fehlt-ein-wiederholungszeichen-in-brahms%e2%80%99-paganini-variationen\/","title":{"rendered":"\u201ePlay it again\u2026\u201c Fehlt ein Wiederholungszeichen in Brahms\u2019 Paganini-Variationen?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit erhielten wir eine interessante Anfrage einer Pianistin, die in Johannes Brahms\u2019 <em>Variationen \u00fcber ein Thema von Paganini<\/em> op. 35 \u00fcber eine formale Merkw\u00fcrdigkeit gestolpert war. Bekanntlich lie\u00df sich auch Brahms, wie zuvor schon Schumann oder Liszt, von Nicol\u00f2 Paganinis 24 <em>Capricci<\/em> op. 1 f\u00fcr Violine solo anregen und verfasste einen Zyklus von 28 h\u00f6chst virtuosen Variationen<!--more--> (in 2 Heften zu je 14 Nummern) \u00fcber das bekannte a-moll-Thema aus dem Capriccio Nr. 24 \u2013 hier in Brahms\u2019 Klavierfassung:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-Thema.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-865\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-Thema.jpg\" alt=\"\" width=\"765\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-Thema.jpg 765w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-Thema-300x213.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 765px) 100vw, 765px\" \/><\/a><br \/>\nBetrachtet man das Thema in formaler Hinsicht, erkennt man eine sehr klare Gliederung in 2\u00d74 + 2\u00d78 Takte \u2013 Loriot h\u00e4tte vielleicht dazu gesagt: \u201eDas sieht sehr \u00fcbersichtlich aus\u201c\u2026 Brahms folgt nun in seinem Opus 35 genau dieser Vorgabe und beh\u00e4lt das strukturelle Modell des Themas in allen Variationen fast schon schablonenhaft bei (wobei er oft die Wiederholungen ausnotiert und dabei auch kleine Varianten anbringt, wie Oktavierungen, Vertauschen der Figuration in rechter und linker Hand u.\u00e4.). Eine gewisse Ausnahme stellen nur die jeweils letzten, als l\u00e4ngere Coda dienenden Variationen von Heft 1 und 2 dar, doch auch hier ist die \u00fcbliche \u201e8+16\u201c-Einteilung deutlich zu erkennen.<\/p>\n<p>Hinter diesem \u201eSchematismus\u201c steht Absicht: Brahms behandelt innerhalb dieses formal streng abgesteckten Rahmens exemplarisch jeweils eine besondere spieltechnische Herausforderung, was den Variationen einen et\u00fcdenhaften Charakter verleiht \u2013 nicht von ungef\u00e4hr lautet der originale Titel der Erstausgabe: \u201e<strong>Studien<\/strong> f\u00fcr Pianoforte | Variationen \u00fcber ein Thema von Paganini\u201c. Der Herausgeber unserer Urtext-Edition (<a title=\"Henle Urtext HN 394\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Paganini-Variationen+op.+35_394\" target=\"_blank\">HN 394<\/a>), Hans Kann, spricht in seinem Vorwort von einem \u201eSpektrum pianistischer Spielformen mit allen Problemen der Doppelgriff- und Sprungtechnik, polyrhythmischen Kombinationen usw. In jeder Variation wird ein bestimmtes technisches Problem konzentriert, fast finger\u00fcbungsartig verarbeitet.\u201c Brahms selbst soll laut seinem Biographen Max Kalbeck \u00fcber das Werk gescherzt haben: \u201eDas sind meine Finger\u00fcbungen!\u201c<\/p>\n<p>So w\u00e4re eigentlich alles klar und in bester Ordnung \u2013 w\u00e4re da nicht die 6. Variation im Heft 2\u2026 Hier das vollst\u00e4ndige Notenbeispiel (die letzte Note ist schon der Auftakt zur 7. Variation):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Urtext.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-866\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Urtext.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Urtext.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Urtext-300x240.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><br \/>\nWie man sieht, findet sich hier eine auff\u00e4llige Abweichung von dem oben beschriebenen Schema: m\u00fcsste aus Symmetriegr\u00fcnden nicht ein Wiederholungszeichen nach den ersten vier Takten stehen?<\/p>\n<p>Diese Vermutung ist sehr naheliegend, doch die Quellen kommen uns in dieser Frage leider gar nicht entgegen. Als Hauptquelle unserer Edition dient Brahms\u2019 Handexemplar der Erstausgabe mit autographen Korrekturen und Eintr\u00e4gen, dazu kommt die von Brahms gr\u00fcndlich korrigierte Stichvorlage, und seit einiger Zeit steht sogar wieder das Autograph zur Verf\u00fcgung, das lange Zeit als verschollen galt, aber heute in der Russischen Nationalbibliothek St. Petersburg konsultierbar ist. Die Quellenlage ist also sehr gut und inhaltlich belastbar, und das Ergebnis einhellig: <em>nirgendwo<\/em> steht in dieser Variation nach dem 4.Takt ein Wiederholungszeichen. Im digitalen Archiv des Brahms-Instituts L\u00fcbeck kann die <a href=\"http:\/\/www.brahms-institut.de\/web\/bihl_digital\/jb_erstdrucke\/op_035_h2_s_008.html\" target=\"_blank\">entsprechende Seite der Erstausgabe<\/a> betrachtet werden. Die folgende Abbildung zeigt die Stelle im Autograph, wo Brahms die Wiederholungsklammer sogar explizit nur nach rechts zum 2. Teil hin \u00f6ffnet (die gestrichenen Noten geh\u00f6ren schon zu T.5, den Brahms aus Platzgr\u00fcnden hier abbricht und in der n\u00e4chsten Zeile neu beginnt):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Autograph.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-868\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"443\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Autograph.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-Autograph-300x166.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">Mit freundlicher Genehmigung der Russischen Nationalbibliothek St. Petersburg<\/span><\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich also nur dar\u00fcber spekulieren, ob es sich um eine Kette von Versehen handeln kann. Aus dem Autograph l\u00e4sst sich zumindest erschlie\u00dfen, dass diese 6. Variation urspr\u00fcnglich gar nicht in der Abfolge des Zyklus enthalten war (auf die 5. Variation folgte die nach heutiger Z\u00e4hlung 7. Variation) und erst nachtr\u00e4glich (mit anderer Tinte und Feder) auf der letzten Seite des Notenheftes notiert wurde. Sollte es sich um einen sp\u00e4teren spontanen Einfall handeln, bei dem Brahms seine urspr\u00fcngliche Formeinteilung bereits vergessen hatte\u2026? Unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie h\u00e4ufig Brahms sein eigenes Werk \u2013 auch \u00f6ffentlich \u2013 spielte. Brahms gilt dar\u00fcber hinaus als sorgf\u00e4ltiger Korrekturleser, und in der Stichvorlage hat er just bei der 6. Variation noch eine Bemerkung zur korrekten Halsrichtung hinzugef\u00fcgt (\u201eDie Vorschl\u00e4ge durchweg nach unten, die gr[o\u00dfen] Noten nach oben schw\u00e4nzen.\u201c) H\u00e4tte er nicht sp\u00e4testens hierbei auch den Wiederholungs-\u201eFehler\u201c bemerkt? Auch Eusebius Mandyczewski, enger Freund Brahms\u2019 und Herausgeber der ersten Brahms-Gesamtausgabe, der 1927 diese Quellen f\u00fcr den Band 13 zur Edition herangezog, sah keinerlei Anlass, die originale Notation in Frage zu stellen oder wenigstens mit einer Anmerkung im kritischen Bericht zu versehen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-GA-Breitkopf.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-867\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-GA-Breitkopf.jpg\" alt=\"\" width=\"785\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-GA-Breitkopf.jpg 785w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Paganini-Var.-II-6-GA-Breitkopf-300x76.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 785px) 100vw, 785px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Welche L\u00f6sung sollte also gew\u00e4hlt werden? Die Musikpraxis scheint sich in dieser Frage einig zu sein, die 4 Takte zu wiederholen. Der Pianist und Brahms-Forscher Detlef Kraus merkt zu dieser Stelle an: \u201eAus Gr\u00fcnden formaler Balance wiederhole ich den 1. Teil der 6. Variation. Sie w\u00e4re sonst auch allzu kurz.\u201c (<em>Johannes Brahms als Klavierkomponist<\/em>, Wilhelmshaven 1986, S.67). Auch in der folgenden Auswahl von Klangbeispielen wiederholen die Pianisten (aller Generationen) allesamt die ersten 4 Takte (die Wiedergabe beginnt jeweils direkt bei der Variation 6).<\/p>\n<ul>\n<li>Wilhelm Backhaus (<a title=\"YouTube: Wilhelm Backhaus\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QzSHx-Cr2wA#t=2m58s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Egon Petri (<a title=\"YouTube: Egon Petri\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GgHaoaFdSzY#t=3m16s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Arturo Benedetti Michelangeli (<a title=\"YouTube: Arturo Benedetti Michelangeli\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SKNaf9LfN1U#t=15m35s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Julius Katchen (<a title=\"YouTube: Julius Katchen\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QOpY6WD8xD0#t=2m51s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Gy\u00f6rgy Cziffra (<a title=\"YouTube: Gy\u00f6rgy Cziffra\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kE4-_kUIIGA#t=2m52s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Shura Cherkassky (<a title=\"YouTube: Shura Cherkassky\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Fvz4OW3JvbI#t=4m5s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Fran\u00e7ois-Ren\u00e9 Duch\u00e2ble (<a title=\"YouTube: Fran\u00e7ois-Ren\u00e9 Duch\u00e2ble\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yPsIhoA-rN4#t=3m43s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Alexander Gavrylyuk (<a title=\"YouTube: Alexander Gavrylyuk\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=USCF6-fIXPU#t=3m39s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<li>Dmitri Onyshchenko (<a title=\"YouTube: Dmitri Onyshchenko\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pOHgY9mEpbA#t=3m24s\" target=\"_blank\">anh\u00f6ren<\/a>)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gibt jedoch durchaus Musikwissenschaftler, die diese singul\u00e4re Stelle als bewussten Symmetriebruch Brahms\u2019 auffassen (siehe die Publikation von Julian Littlewood, <em>The variations of Johannes Brahms<\/em>, London 2004, S.103; hier der <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=7tHbknL_Ne0C&amp;lpg=PA103&amp;hl=de&amp;pg=PA103#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\">Ausschnitt bei GoogleBooks<\/a>). Ich denke, die Frage ist in jedem Fall zu vielschichtig, als dass man in der Edition die Stelle \u201estillschweigend angleicht\u201c, wie es oft so sch\u00f6n hei\u00dft. Die Entscheidung sollte jeder Musiker auf Basis dieses Wissens f\u00fcr sich selbst treffen. Aber die gute Nachricht zum Schluss: wer diese verteufelt schweren Variationen so spielen kann, um vor dieser Frage \u00fcberhaupt zu stehen, hat das gr\u00f6\u00dfte Problem schon hinter sich\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit erhielten wir eine interessante Anfrage einer Pianistin, &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/08\/06\/%e2%80%9eplay-it-again%e2%80%a6%e2%80%9c-fehlt-ein-wiederholungszeichen-in-brahms%e2%80%99-paganini-variationen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[315,412,301,3,33,395,73,338],"tags":[71,74,692,699,72,75],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/869"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=869"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/869\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}