{"id":8848,"date":"2020-06-01T08:00:02","date_gmt":"2020-06-01T06:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=8848"},"modified":"2020-05-29T10:08:58","modified_gmt":"2020-05-29T08:08:58","slug":"beethovens-hammerklaviersonate-der-steinige-weg-zu-einem-verlaesslichen-notentext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2020\/06\/01\/beethovens-hammerklaviersonate-der-steinige-weg-zu-einem-verlaesslichen-notentext\/","title":{"rendered":"Beethovens \u201eHammerklaviersonate\u201c \u2013 Der steinige Weg zu einem verl\u00e4sslichen Notentext"},"content":{"rendered":"<p>Vor inzwischen fast genau 20 Jahren \u2013 ich hatte gerade meine Arbeit an der Edition der Missa solemnis f\u00fcr die Gesamtausgabe abgeschlossen \u2013 trat das Beethoven-Haus an mich heran, ob ich vielleicht Interesse h\u00e4tte, zusammen mit einem Co-Editor den letzten Band der Klaviersonaten zu edieren. Man bot mir neben den drei sp\u00e4ten Sonaten auch die Hammerklaviersonate an. Wer w\u00fcrde da nicht zugreifen! <!--more--><\/p>\n<p>Leider zeigte sich, dass meine damalige erste Begeisterung unbegr\u00fcndet war. Ich erledigte meine Arbeit, aber mein Co-Editor \u2013 ich nenne keine Namen \u2013 lieferte nicht. Der Band ist bis heute in der Gesamtausgabe nicht erschienen, ich habe meine Herausgeberschaft schon vor vielen Jahren daraufhin zur\u00fcckgezogen. Immerhin konnte ich meine damals gewonnenen Erkenntnisse zur Entstehung und zu den Quellen der Hammerklaviersonate in einem umfangreichen Aufsatz in den Bonner Beethoven-Studien (Band 2) ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Heute dagegen arbeite ich mit dem wunderbarsten Partner zusammen, den man sich nur w\u00fcnschen kann. Mit Murray Perahia sind nun schon <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/?q=Perahia&amp;catalogue=1&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">22 Sonaten in neuen Urtext-Ausgaben<\/a> erschienen, und seit einer ganzen Weile besch\u00e4ftigen wir uns mit dem wohl anspruchsvollsten Projekt \u2013 der Hammerklaviersonate. Zeit also, meinen 20 Jahre alten Aufsatz wieder hervorzuholen und hier einmal die vertrackte Situation um die Quellen dieser Sonate und die daraus folgenden Konsequenzen f\u00fcr eine Edition auszubreiten.<\/p>\n<p><em>Handschriftliches<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_8849\" style=\"width: 254px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8849\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8849\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf.jpg 1200w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf-226x300.jpg 226w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf-771x1024.jpg 771w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf-768x1020.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Erzherzog-Rudolf-1157x1536.jpg 1157w\" sizes=\"(max-width: 244px) 100vw, 244px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8849\" class=\"wp-caption-text\">Erzherzog Rudolph von \u00d6sterreich, in dessen Musikaliensammlung ein Teil des Autographs zu Op. 106 zumindest f\u00fcr kurze Zeit eine Heimat fand.<\/p><\/div>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Trag\u00f6dien der Musikgeschichte, dass ausgerechnet das Autograph der Hammerklaviersonate nicht mehr auffindbar ist. Existiert es noch? Wir wissen es nicht. Schon zu Beethovens Lebzeiten verlieren sich die Spuren. Der Komponist \u00fcberreichte es in Teilen seinem G\u00f6nner und Klaviersch\u00fcler (der die Sonate sicher nicht spielen konnte) Erzherzog Rudolph im M\u00e4rz 1819, doch findet sich im Katalog seiner Musikaliensammlung kein Eintrag dazu \u2013 vielleicht hat es Beethoven f\u00fcr Korrekturarbeiten an den Abschriften oder Drucken zur\u00fcckverlangt. Auch im Nachlassverzeichnis des Komponisten von 1827 keine Spur \u2013 es ist denkbar, dass sein Wiener Verleger Artaria und Comp. es als Eigentumsnachweis erhielt, zus\u00e4tzlich zu einer Abschrift, die als Stichvorlage dienen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_8850\" style=\"width: 633px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Nachlassverzeichnis.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8850\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8850 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Nachlassverzeichnis.jpg\" alt=\"\" width=\"623\" height=\"461\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Nachlassverzeichnis.jpg 1280w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Nachlassverzeichnis-300x222.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Nachlassverzeichnis-1024x758.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Nachlassverzeichnis-768x569.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8850\" class=\"wp-caption-text\">Anton Gr\u00e4ffer, Nachlassverzeichnis Ludwig van Beethovens mit Eintragungen Jacob Hotschevars, <a href=\"https:\/\/www.beethoven.de\/de\/media\/view\/6031626811211776\/Anton+Gr%C3%A4ffer%2C+Nachlassverzeichnis+Ludwig+van+Beethovens+mit+Eintragungen+Jacob+Hotschevars?fromHansexpSearch=1&amp;person=Hotschevar%252C%2BJacob&amp;parent=6261811254919168\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beethoven-Haus Bonn, NE 79<\/a>, hier der Beginn des Abschnitts \u201eEigenh\u00e4ndige Manuskripte schon gestochener Werke\u201c (Abbildung mit freundlicher Genehmigung)<\/p><\/div>\n<p>Es m\u00fcssen mindestens zwei Kopistenabschriften existiert haben. Denn Beethoven verkaufte die Sonate an einen Verlag in Wien, Artaria und Comp., und an einen in London, die Regent\u2019s Harmonic Institution. Im Briefwechsel mit seinem ehemaligen Sch\u00fcler und Komponistenkollegen Ferdinand Ries, von dem sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher die Rede sein wird, beschreibt er die missliche Lage bei der Herstellung dieser Kopien:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left\">\u201eunbegreiflich ist es mir, wie sich in die Abschrift der Sonate so viele Fehler einfinden konnten, die Eile mag mit schuld haben, u. da\u00df der Copist sie nicht selbst sondern von einem andern Copiren lie\u00dfe, erst beym durchspielen des hiesigen abgeschriebenen Exenplars [Ries lebte in London] fanden sich die Fehler, manche sind auch vieleicht schon fr\u00fcher corrigirt worden, [\u2026] die Unrichtige Copiatur r\u00fchrt wohl mit daher, <u>weil ich keinen eigenen Copisten, wie sonst, mehr halten kann<\/u>\u201c (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/?q=Beethoven+Briefwechsel&amp;katalog=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe<\/a>, Brief Nr. 1294)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Schon lange nahmen die Verlage von Beethoven keine Originalmanuskripte mehr zum Druck an \u2013 seine Handschrift war f\u00fcr den Notenstecher eine Zumutung und letztlich in vielen Details nicht mehr entzifferbar. Daher wurden Abschriften verlangt, die Beethoven selbst \u00fcberpr\u00fcfte, bevor sie abgeschickt wurden. Doch wissen wir, dass er meist ein miserabler Korrekturleser war. Und wenn das Ganze auch noch unter Zeitdruck geschah, ging es offensichtlich doppelt schief, wie im Fall der Hammerklaviersonate.<\/p>\n<p>Uns fehlen also das Autograph und beide Stichvorlagen. Da ist es kaum ein Trost, dass das Fragment eines Korrekturverzeichnisses erhalten blieb, das Beethoven zusammen mit dem oben zitierten Brief nach London an Ries schickte.<\/p>\n<div id=\"attachment_8851\" style=\"width: 637px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Fehlerverzeichnis.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8851\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8851 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Fehlerverzeichnis.jpg\" alt=\"\" width=\"627\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Fehlerverzeichnis.jpg 989w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Fehlerverzeichnis-255x300.jpg 255w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Fehlerverzeichnis-870x1024.jpg 870w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Fehlerverzeichnis-768x904.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8851\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig van Beethoven, Teil eines Briefes mit Fehlerverzeichnis an Ferdinand Ries in London, Wien, 19. M\u00e4rz 1819, Autograph, <a href=\"https:\/\/www.beethoven.de\/de\/media\/view\/6587375312437248\/Ludwig+van+Beethoven%2C+Teil+eines+Briefes+mit+Fehlerverzeichnis+an+Ferdinand+Ries+in+London%2C+Wien%2C+19.+M%C3%A4rz+1819%2C+Autograph?fromHansexpSearch=1&amp;person=Ries%252C%2BFerdinand&amp;parent=6261811254919168\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beethoven-Haus Bonn, Sammlung H. C. Bodmer, HCB Br 198<\/a>. (Abbildung mit freundlicher Genehmigung)<\/p><\/div>\n<p>Dieses Verzeichnis nennt 144 Takte, in denen Erg\u00e4nzungen und Korrekturen vorzunehmen sind. Der \u00fcberwiegende Teil bezieht sich auf Vorzeichen (50 Takte mit Fehlern, in 28 Takten erg\u00e4nzt Beethoven Warnvorzeichen). Es finden sich aber auch Noten- und Pausenerg\u00e4nzungen bzw. -streichungen, Korrekturen von Tonh\u00f6hen, Notenwerten, Pedalangaben etc. Auff\u00e4llig ist, dass Beethoven keinerlei \u00c4nderungen oder Korrekturen bei Dynamik- und Artikulationsangaben vornahm.<\/p>\n<p>Ein weiteres Exemplar dieses Korrekturverzeichnisses muss auch f\u00fcr den Wiener Verleger vorgelegen haben, denn in beiden Originalausgaben, Wien und London, sind die Korrekturen aus dieser Liste \u2013 mit ein paar minimalen Versehen \u2013 ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Eine kleine \u00dcberraschung kann vielleicht ein ungew\u00f6hnliches Dokument liefern. Im Fitzwilliam Museum in Cambridge findet sich ein kurzes Notat Beethovens, das aus dem 1. und 2. Takt des langsamen Satzes besteht, mit dem Hinweis: \u201eNb: hier muss der 1te Takt eingeschaltet werden der 2te bleibt wie vorhin\u201c. Das Blatt mit dieser Aufzeichnung stammt aus dem Verlag Artaria. Es weist zweifelsfrei nach, dass der 1. Takt des langsamen Satzes als ein sp\u00e4ter Nachgedanke in die Sonate eingef\u00fcgt wurde. Auch Ries erhielt f\u00fcr die Londoner Ausgabe zu diesem eingef\u00fcgten Takt in einem Brief Nachricht (Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Brief Nr. 1309).<\/p>\n<div id=\"attachment_8852\" style=\"width: 631px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Manuskript-Fitzwilliam-Museum.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8852\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8852 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Manuskript-Fitzwilliam-Museum.jpg\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Manuskript-Fitzwilliam-Museum.jpg 1183w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Manuskript-Fitzwilliam-Museum-300x136.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Manuskript-Fitzwilliam-Museum-1024x466.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Manuskript-Fitzwilliam-Museum-768x349.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 621px) 100vw, 621px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8852\" class=\"wp-caption-text\">Hammerklaviersonate, 3. Satz, Takt 1 und 2, Manuskript aus dem Fitzwilliam Museum, Cambrigde, Music Ms 288<\/p><\/div>\n<p>Skizzen zur Hammerklaviersonate gibt es zuhauf, nur ist der gr\u00f6\u00dfte Teil dieser Dokumente bisher nicht in lesbare Notenschrift transkribiert worden. Schauen Sie in das <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Dorfm%C3%BCller\/Gertsch\/Ronge%3A+Ludwig+van+Beethoven_2207\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Werkverzeichnis<\/a> von 2014, es finden sich allein 34 Eintr\u00e4ge zu Skizzendokumenten, die in aller Welt verstreut sind.<\/p>\n<p>Was also die Handschriften zur Sonate op. 106 angeht, ist die Quellenlage denkbar schlecht. Auch muss man aufgrund des oben von Beethoven selbst beschriebenen miserablen Zustands der Stichvorlagen bef\u00fcrchten, dass die Originalausgaben, die nach ihnen hergestellt wurden, uns bei der Edition keine Freude bereiten.<\/p>\n<p><em>Die Originalausgaben<\/em><\/p>\n<p>So ist es! Beginnen wir mit einer Einsch\u00e4tzung des \u201eeinfacheren\u201c Falls, der Wiener Originalausgabe:<\/p>\n<div id=\"attachment_8864\" style=\"width: 451px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/06\/Artaria-Ausgabe-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8864\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8864\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/06\/Artaria-Ausgabe-1.jpg\" alt=\"\" width=\"441\" height=\"586\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/06\/Artaria-Ausgabe-1.jpg 895w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/06\/Artaria-Ausgabe-1-226x300.jpg 226w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/06\/Artaria-Ausgabe-1-770x1024.jpg 770w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/06\/Artaria-Ausgabe-1-768x1021.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8864\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung mit freundlicher Genehmigung des <a href=\"https:\/\/www.beethoven.de\/de\/media\/view\/5175231102582784\/Ludwig+van+Beethoven%2C+Sonate+f%C3%BCr+Klavier+%28B-Dur%29+op.+106%2C+Artaria%2C+2588?fromArchive=6299845270700032&amp;fromWork=6048394363535360\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beethoven-Hauses Bonn<\/a>.<\/p><\/div>\n<p>Sie pr\u00e4sentiert die Sonate in der heute allgemein akzeptierten, sicher von Beethoven so gemeinten Reihenfolge der S\u00e4tze \u2013 keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit (siehe unten) \u2013, enth\u00e4lt den erst sehr sp\u00e4t hinzugef\u00fcgten 1. Takt des langsamen Satzes und au\u00dferdem die wohl ebenfalls erst sp\u00e4t nachgereichten, auch heute noch hei\u00df diskutierten Metronomzahlen (an London gingen sie etwa vier\/f\u00fcnf Monate nach \u00dcbersendung der Stichvorlage). Auch wurden alle \u00c4nderungen aus dem Korrekturverzeichnis eingearbeitet. Aus einem Brief Beethovens an Artaria vom Juli 1819, zwei Monate vor der Ver\u00f6ffentlichung, ergibt sich au\u00dferdem, dass der Komponist mindestens ein Mal einen Vorabzug des Druckes Korrektur las (\u201eBeyliegend \u00fcbersende ich die Correcturen und glaube fehlerfrey.\u201c, Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Brief Nr. 1317). \u00dcber die Qualit\u00e4ten des Korrekturlesers Beethoven siehe oben! Als Folge liegt eine Wiener Originalausgabe vor, die zahlreiche Fehler und Unklarheiten im Notentext aufweist. Es fehlen allein etwa 50 Vorzeichen, au\u00dferdem enth\u00e4lt der Druck zwei offensichtliche Notenfehler. Nachdem diese Auflage des Drucks ausgeliefert war, griff Beethoven an drei Stellen nochmals korrigierend ein. Doch auch dies half wenig, den allgemein schlechten Textzustand dieses Druckes aufzuwerten.<\/p>\n<p>Kein Autograph, keine \u00fcberpr\u00fcften Abschriften, eine problematische Wiener Originalausgabe. Doch es kommt noch schlimmer!<\/p>\n<p>Im Mai 1818 also mehr als ein Jahr vor dem Erscheinen der Ausgaben, hatte sich Beethoven an Ferdinand Ries in London gewandt, um ihn beim Verkauf zweier Kompositionen im englischen Rechtsraum zu unterst\u00fctzen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eich w\u00fcnschte, da\u00df sie s\u00e4hen folgende 2 Werke, eine gro\u00dfe Solo Sonate f\u00fcr Klawier [op. 106] <u>und eine<\/u> von <u>mir selbst umgeschaffene Klawier Sonate in ein Quintett f\u00fcr 2 Violin<\/u> 2 Bratschen 1 Violonschell [op. 104] an einen Verleger in London anzubringen\u201c (Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Brief Nr. 1258)<\/p><\/blockquote>\n<p>Beethoven muss wohl gesp\u00fcrt haben, dass er Ries mit dem Vermitteln dieser revolution\u00e4ren Sonate eine schwierige Aufgabe anvertraut hatte. Er war zu erstaunlichen Kompromissen bereit:<\/p>\n<blockquote><p>\u201esollte die sonate nicht recht seyn f\u00fcr london, so k\u00f6nn[te ich] eine andere schicken, oder sie k\u00f6nnen auch das Largo ausla\u00dfen u. gleich bey der Fuge [hier folgt ein Incipit des Fugenthemas] das lezte St\u00fcck anfangen, oder das erste St\u00fcck alsdenn das Adagio u. zum 3-ten das Scherzo u. No 4 sammt largo u. Allo risoluto ganz wegla\u00dfen, oder sie n[ehme]n nur das erste St\u00fcck u. Scherzo als [ganze Sonate.] ich \u00fcberla\u00dfe ihnen dieses, wie sie e[s] am besten finden, f\u00fcr den Augenblick w\u00fcrde es mich sehr geniren eine Neue zu schreiben\u201c (Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Brief Nr. 1295)<\/p><\/blockquote>\n<p>Noch einmal zusammengefasst die M\u00f6glichkeiten, die er anbietet:<\/p>\n<ol>\n<li>S\u00e4tze 1-2-3-4 ohne Einleitung zum 4. Satz<\/li>\n<li>S\u00e4tze 1-3-2, ohne 4. Satz<\/li>\n<li>S\u00e4tze 1-2, ohne 3. und 4. Satz<\/li>\n<\/ol>\n<p>Tats\u00e4chlich fand sich daraufhin in London ein Verleger, die Regent\u2019s Harmonic Institution. Die zweite Option wurde wahrgenommen, den 4. Satz ver\u00f6ffentlichte man separat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-8857\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-2.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-2.jpg 559w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-2-199x300.jpg 199w\" sizes=\"(max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/4.-Satz-London.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-8855\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/4.-Satz-London.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/4.-Satz-London.jpg 450w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/4.-Satz-London-184x300.jpg 184w\" sizes=\"(max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gibt es heute noch Musiker, die diese Satz- und Werkkonstellation f\u00fcr auff\u00fchrbar halten?<\/p>\n<p>Eine weitere Besonderheit im Londoner Druck: Die nachtr\u00e4gliche Einschr\u00e4nkung des Notentextes in der Tonh\u00f6he bis <em>c<\/em><sup>4<\/sup>, da man auf die Instrumente der Zeit R\u00fccksicht nehmen wollte. Stellen, die \u00fcber diesen Ambitus hinausgingen, wurden in Ossia-Systeme verbannt, im Hauptnotentext wurden andere L\u00f6sungen gefunden \u2013 sicher nicht von Beethoven selbst.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Ossia.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-8858 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Ossia.jpg\" alt=\"\" width=\"672\" height=\"538\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Ossia.jpg 672w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Ossia-300x240.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 672px) 100vw, 672px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Schwerer f\u00fcr eine Edition wiegen aber die zahlreichen direkten \u201eredaktionellen\u201c Eingriffe, die in London in den Notentext vorgenommen wurden:<\/p>\n<ol>\n<li>Er wurde systematisch auf \u201e\u00fcberfl\u00fcssige\u201c Vorzeichen durchgesehen, die man tilgte \u2013 war ein Vorzeichen in einer Oktavlage einmal gesetzt, wurden Vorzeichen in anderen Oktavlagen eliminiert. Ein nicht ganz unproblematisches Unterfangen.<\/li>\n<li>Generalvorzeichen-Wechsel wurden eliminiert oder umgestellt, ebenfalls zur Vereinfachung des Notenbildes (und mit fataler Verschleierung des von Beethoven bewusst dargestellten modulatorischen Verlaufs).<\/li>\n<li>Im letzten Satz wurden zahlreiche <strong><em>ff<\/em><\/strong> zu <strong><em>sf<\/em><\/strong> ge\u00e4ndert.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Schlie\u00dflich der wohl problematischste Eingriff aus heutiger Sicht: Der Londoner Druck enth\u00e4lt wesentlich mehr Artikulation als der Wiener. Zeichen wurden nicht nur vereinzelt, sondern h\u00e4ufig systematisch erg\u00e4nzt.<br \/>\nEin besonders auff\u00e4lliges Beispiel, der bereits erw\u00e4hnte erg\u00e4nzte 1. Takt des 3. Satzes:<\/p>\n<div id=\"attachment_8859\" style=\"width: 627px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Artaria-3.-Satz.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8859\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8859\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Artaria-3.-Satz.jpg\" alt=\"\" width=\"617\" height=\"202\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Artaria-3.-Satz.jpg 1343w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Artaria-3.-Satz-300x98.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Artaria-3.-Satz-1024x335.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/Artaria-3.-Satz-768x252.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 617px) 100vw, 617px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8859\" class=\"wp-caption-text\">Wiener Originalausgabe<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_8860\" style=\"width: 632px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-3.-Satz.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-8860\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-8860\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-3.-Satz.jpg\" alt=\"\" width=\"622\" height=\"187\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-3.-Satz.jpg 977w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-3.-Satz-300x90.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/05\/London-3.-Satz-768x231.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 622px) 100vw, 622px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8860\" class=\"wp-caption-text\">Londoner Originalausgabe, korrigierte Auflage<\/p><\/div>\n<p>Wir m\u00fcssen heute davon ausgehen, dass alle diese \u201eredaktionellen\u201c Eingriffe in den Notentext ohne Beethovens Autorisation erfolgten. Vielmehr habe ich im anfangs erw\u00e4hnten Aufsatz zahlreiche Indizien daf\u00fcr zusammengetragen, dass Ferdinand Ries, dem Beethoven schrieb: \u201eich \u00fcberla\u00dfe ihnen alles\u201c (Brief Nr. 1258), das Vertrauen des Komponisten zu genie\u00dfen vermutete, hier aus der Perspektive des Pianisten und Komponistenkollegen, Korrektors und Freundes \u201ehilfreich\u201c zupacken zu d\u00fcrfen \u2013 und dennoch leider wie schon bei der Wiener Originalausgabe auch hier zahlreiche Fehler zu \u00fcbersehen. Er produzierte durch sein Handeln eine \u201ekontaminierte\u201c Quelle, die uns dazu zwingt, sie f\u00fcr die Edition entsprechend abzuwerten.<\/p>\n<p>Ziehen wir ein kurzes Fazit: Die Wiener Originalausgabe ist die einzige Quelle, die man in einer modernen Edition als <u>Hauptquelle<\/u> f\u00fcr die Erstellung des Notentextes der Hammerklaviersonate heranziehen kann. Aufgrund der mittelbaren Abh\u00e4ngigkeit des Londoner Ausgabe vom Autograph \u2013 \u00fcber die verschollene, an Ries gesandte Stichvorlage \u2013, muss man sie als <u>Nebenquelle<\/u> ber\u00fccksichtigen. Manche Textstelle, die in der Wiener Quelle Fragen aufwirft, mag durch die Londoner Quelle best\u00e4tigt oder korrigiert werden k\u00f6nnen. (Wenn dereinst einmal die Skizzen vollst\u00e4ndig in Transkriptionen vorliegen, k\u00f6nnten wir weitere Indizien zur Kl\u00e4rung nicht gel\u00f6ster Textprobleme erhalten.)<\/p>\n<p>Lust auf mehr? Ich musste mich hier nat\u00fcrlich kurzfassen und viele Aspekte, die ich in meinem Aufsatz vertiefe, au\u00dfer Acht lassen. Sie finden die Bonner Beethoven-Studien, Band 2, von 2001 in Ihrer gut sortierten Bibliothek oder <a href=\"https:\/\/www.beethoven.de\/de\/shop\/beethoven-studien?orderby=band_number&amp;orderdir=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich folgt bald auch die Neuedition aus der Werkstatt Gertsch\/Perahia!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor inzwischen fast genau 20 Jahren \u2013 ich hatte gerade &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2020\/06\/01\/beethovens-hammerklaviersonate-der-steinige-weg-zu-einem-verlaesslichen-notentext\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,784,301,3,291],"tags":[7,785],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8848"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8848"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8871,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8848\/revisions\/8871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}