{"id":8964,"date":"2020-08-31T07:00:49","date_gmt":"2020-08-31T05:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=8964"},"modified":"2020-09-01T14:59:58","modified_gmt":"2020-09-01T12:59:58","slug":"die-posaune-in-beethovens-symphonien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2020\/08\/31\/die-posaune-in-beethovens-symphonien\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg zum romantischen Orchester \u2013 die Posaune in Beethovens Symphonien"},"content":{"rendered":"<p>Bereits im Mai hat sich mein Kollege Norbert Gertsch mit Beethovens Beziehung zu einem Instrument befasst, das \u00fcblicherweise nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht: in seinem Fall war es die <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2020\/05\/04\/beethoven-und-die-bratsche\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bratsche<\/a>. Heute soll es um ein vielleicht noch abseitigeres Instrument gehen, n\u00e4mlich die Posaune.<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-8981 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Tenor_trombone.jpg\" alt=\"\" width=\"1237\" height=\"279\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Tenor_trombone.jpg 1237w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Tenor_trombone-300x68.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Tenor_trombone-1024x231.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Tenor_trombone-768x173.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1237px) 100vw, 1237px\" \/><!--more--><\/p>\n<p>Das klingt aus Sicht der Beethoven-Forschung nach einem sehr kuriosen Randthema, denn schlie\u00dflich hat Beethoven nur ein einziges Werk speziell f\u00fcr die Posaune komponiert: die <em><a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Drei+Equale+f%C3%BCr+vier+Posaunen+WoO+30_1151\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Drei Equale WoO 30<\/a><\/em>, die wohl kaum zu seinen bedeutenden Hauptwerken gerechnet werden k\u00f6nnen. Auch in Beethovens Orchesterwerken kommen Posaunen eher selten vor.<\/p>\n<p>Aus der Perspektive der Posaunisten hat sich Beethoven jedoch sehr um ihr Instrument verdient gemacht, denn die erw\u00e4hnten <em>Drei Equale<\/em> sind nun einmal eine der wenigen Originalkompo\u00adsitio\u00adnen f\u00fcr Solo-Posaunen aus jener Zeit und ein fester Bestandteil ihres Re\u00adper\u00adtoires. Noch wichtiger aber: Beethoven gilt als Begr\u00fcnder der Posaunenbesetzung in der Symphonik, indem er mit der 5. und der 6. Symphonie die Posaune erstmals als Mitglied des Symphonieorchesters einf\u00fchrte und etablierte. \u201eErstmals\u201c ist zwar nicht ganz richtig, da es zuvor bereits einzelne Beispiele von Symphonien mit Posaunen gab (dazu gleich mehr), aber dennoch kann der 22. Dezember 1808, als im gleichen Konzert die Urauff\u00fchrung der F\u00fcnften und der Sechsten stattfand, als Geburtsstunde des gro\u00df besetzten romantischen Symphonieorchesters gelten.<\/p>\n<p>Und da s\u00e4mtliche Symphonien Beethovens nun im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Die+Symphonien+-+9+B%C3%A4nde+im+Schuber_9800\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Referenz-Notentext der Beethoven-Gesamtausgabe vorliegen<\/a>, ist es Zeit f\u00fcr einen kurzen Streifzug durch seine Symphonien aus dem Blickwinkel der Posaune!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-6002 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/Sackbut-2.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"389\" \/>Dass die Posaune Anfang des 19. Jahrhunderts f\u00fcr das Symphonieorchester \u00fcberhaupt \u201ewiederentdeckt\u201c werden musste, w\u00e4hrend sich andere Blechbl\u00e4ser wie Horn und Trompete dort schon l\u00e4ngst etabliert hatten, h\u00e4ngt mit ihrem Sonderweg seit dem 16. Jahrhundert zusammen. Denn die Posaunen konnten unter allen Blechblasinstrumenten als einzige bereits seit ihrer Entwicklung in der Renaissance mit ihrem stufenlos verl\u00e4ngerbaren Zug s\u00e4mtliche chromatischen Zwischent\u00f6ne mit absoluter Intonationsreinheit erreichen. Zudem deckten sie mit ihren verschiedenen Baugr\u00f6\u00dfen (Altposaune, Tenorposaune, Bassposaune) einen gro\u00dfen Tonumfang ab, verf\u00fcgten \u00fcber eine dynamische Spannweite vom Pianissimo bis zum Fortissimo, und ihr tragender, klarer und edler Ton wurde als der menschlichen Stimme besonders verwandt angesehen. Die Posaunen waren somit ideal daf\u00fcr geeignet, Vokalstimmen in komplexen polyphonen Kompositionen zu unterst\u00fctzen und wurden aus diesen Gr\u00fcnden bevorzugt im Zusammenspiel mit kirchlichen Vokalensembles und in geistlichen Werken eingesetzt. Diese enge Verkn\u00fcpfung mit der Kirchenmusik und ihren festlich-sakralen Charakter hat die Posaune \u00fcber die Jahrhunderte hinweg nicht verloren, und mit der entsprechenden Konnotation des Au\u00dferweltlichen wurde sie auch bevorzugt in der Oper eingesetzt, sei es in Monteverdis <em>Orfeo<\/em>, Glucks <em>Alceste<\/em>, oder bei Mozart in <em>Don Giovanni<\/em> und der <em>Zauberfl\u00f6te.<\/em><\/p>\n<p>Die Bauweise der Barockposaune war \u00fcbrigens technisch und klanglich so ausgereift, dass sie mehrere Jahrhunderte lang im Grunde nicht ver\u00e4ndert wurde. So unterscheiden sich die Posaunen, die Beethoven zu Verf\u00fcgung hatte, tats\u00e4chlich kaum von jenen, f\u00fcr die Gabrieli oder Sch\u00fctz schrieben. Vergleichen Sie einmal diese beiden Fotos von Originalinstrumenten im Online-Instrumentenmuseum MIMO:<\/p>\n<p><strong>\u2022 <a href=\"https:\/\/mimo-international.com\/MIMO\/doc\/IFD\/OAI_GNM_383881\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tenorposaune in B, Anton Drewelwecz, N\u00fcrnberg 1595<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u2022 <a href=\"https:\/\/mimo-international.com\/MIMO\/doc\/IFD\/OAI_AF_IT_DSMFI_STR0001_0000087\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tenorposaune in B, Joseph Huschauer, Wien 1813<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Der Ton der barocken und klassischen Posaune ist entsprechend der Bauweise wesentlich schlanker und zarter als auf einer modernen Posaune. Ohrenbet\u00e4ubendes Geschmetter ist von diesen Instrumenten nicht zu erwarten; die Posaune zu Beethovens Zeit hat einen markanten und durchsetzungsf\u00e4higen, in der H\u00f6he strahlenden Klang, \u00fcberdeckt aber in der absoluten Lautst\u00e4rke nie die \u00fcbrigen Stimmen.<\/p>\n<p>In welchen seiner Kompositionen verwendet Beethoven die Posaune \u00fcberhaupt? Hier ist eine chronologisch sortierte \u00dcbersicht s\u00e4mtlicher Werke (zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken):<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Beethoven_Tabelle.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-8973 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/Beethoven_Tabelle.png\" alt=\"\" width=\"2843\" height=\"1856\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wie die letzte Spalte zeigt, setzt Beethoven die Posaunen meist in der dreifachen Besetzung Alt\u2013Tenor\u2013Bass ein. Die Dreistimmigkeit erm\u00f6glicht das Spielen vollst\u00e4ndiger Akkorde durch den Posaunensatz, die dadurch klanglich besonders wirkungsvoll sind. Nur in der 6. Symphonie und im <em>Fidelio <\/em>gen\u00fcgt ihm eine paarige Besetzung, wie es auch bei Trompeten und H\u00f6rnern \u00fcblich war. W\u00e4hrend Beethoven in der Sechsten das <u>hohe<\/u> Posaunenpaar Alt\/Tenor f\u00fcr die scharfen Klangeffekte im Gewittersatz w\u00e4hlt, setzt er im <em>Fidelio<\/em> das <u>tiefe<\/u> Paar Tenor\/Bass mit gro\u00dfer Wirkung f\u00fcr die d\u00fcstere Kerkerszene im 2. Akt ein.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend ist die Verwendung von Posaunen in Beethovens geistlichen Werken und B\u00fchnenwerken, wie es der obengenannten Tradition entspricht. Innovativ und wegweisend ist dagegen, dass (und wie) er die Posaunen in drei seiner Symphonien einsetzt: der F\u00fcnften, Sechsten und Neunten, aus denen im Folgenden jeweils einige Beispiele gezeigt werden sollen.<\/p>\n<p>Erstmals in einem reinen Orchesterwerk verwendet Beethoven die Posaune in seiner 5. Symphonie, und man kann sagen, dass er damit als erster die Posaune in das Symphonieorchester fest eingef\u00fchrt hat (im Sinne einer nachhaltigen Neuerung), auch wenn findige Forscher einzelne Orchesterwerke entdeckt haben, in denen schon fr\u00fcher Posaunen vorkommen: etwa in einem Divertimento Michael Haydns, oder bei dem Salzburger Komponisten <a href=\"https:\/\/www.trombone.org\/articles\/view.php?id=331#4.6\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Joseph Krottendorfer<\/a>, der bereits 1768 eine Symphonie mit 3 Posaunen schrieb. Von dem schwedischen Komponisten <a href=\"http:\/\/www.lvbeethoven.com\/VotreLVB\/English_TromboneAvishai.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Joachim Eggert<\/a> stammt ebenfalls eine Symphonie mit 3 Posaunen aus dem Jahr 1807, also noch ein Jahr vor Beethovens F\u00fcnfter.<\/p>\n<p>Beethoven spart sich in der 5. Symphonie die Posaunen als besonderen Effekt bis zum Schlusssatz auf, wo sie den strahlenden Durchbruch vom vorausgehenden c-moll zum C-dur klanglich unterstreichen.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/5.Symphonie_01.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-5988 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/5.Symphonie_01.png\" alt=\"\" width=\"2008\" height=\"2835\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Posaunen verst\u00e4rken hier das Tutti \u2013 beachtenswert ist dabei die eigenst\u00e4ndige Stimmf\u00fchrung der Posaunen, die an keine andere Stimme gekoppelt sind, wie dies h\u00e4ufig bei anderen Komponisten der Fall ist. Aber Beethoven weist den Posaunen im Schlusssatz durchaus auch solistische Momente zu, z. B. das spannungsvolle chromatisch ansteigende Motiv in den Takten 113\u2013118:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/5.Symphonie_02.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-5989 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/5.Symphonie_02.png\" alt=\"\" width=\"2008\" height=\"2835\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eine vergleichbare Bereicherung des Klangs ist in der 6. Symphonie, der <em>Pastorale<\/em>, zu bemerken. Wie oben erw\u00e4hnt, verwendet Beethoven in diesem Fall nur 2 hohe Posaunen, es fehlt die Bassposaune. Auch hier hebt er sich den Einsatz als besonderen klanglichen Effekt bis zum 4. Satz auf: im \u201eGewitter\u201c treten dann ab T. 106 die Posaunen als letzte gro\u00dfe Steigerung der Unwetterschilderung hinzu:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/6.Symphonie_01.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-5990 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/6.Symphonie_01.png\" alt=\"\" width=\"2008\" height=\"2835\" \/><\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/6.Symphonie_02.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-5991 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/6.Symphonie_02.png\" alt=\"\" width=\"2008\" height=\"2835\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die beiden Posaunen werden in dieser Passage stets in Oktaven gef\u00fchrt, genau wie die Trompeten und H\u00f6rner; die 3 Blechbl\u00e4serpaare erg\u00e4nzen sich so zum jeweiligen Akkord (z. B. beim ersten Einsatz in T. 106 zum verminderten Dreiklang <em>a\u2013c\u2013es<\/em>). Diese Akkordaufspaltung und die \u201ehohlen\u201c Oktaven vor allem der beiden sehr hochliegenden Posaunen tragen zu einer Sch\u00e4rfe des Klangs bei, die der bildlichen Grellheit der Gewitterszene sehr angemessen ist.<\/p>\n<p>Im Schlusssatz der <em>Pastorale<\/em> werden die Posaunen weniger prominent, aber \u00e4hnlich wie im 4. Satz verwendet: lange Haltet\u00f6ne zur Verst\u00e4rkung im Tutti, nun aber oft in Terzen und in einer weniger hohen Lage. Hier verleihen die Posaunen im Gegensatz zur grellen Sturmszene den Akkorden zus\u00e4tzliche Strahlkraft, oder, um den Beethoven-Forscher Willy Hess zu zitieren: \u201eMit einer staunenswerten Meisterschaft wei\u00df nun Beethoven den Glanz der beiden Posaunen im Sinne eines wundervollen Leuchtens zu verwenden \u2013 die Abendsonne, die ihre letzten Strahlen auf die vom Regen erquickten Auen wirft.\u201c [Willy Hess: <em>Die Posaunen im Orchester Beethovens<\/em>, in: Schweizerische Blasmusikzeitung 47 (1958), S. 418]<\/p>\n<p>In den beiden folgenden Symphonien Nr. 7 und 8 verzichtet Beethoven wieder auf die Posaunen. Dies zeigt, dass diese Besetzung f\u00fcr ihn noch kein Standard ist und die Hinzuf\u00fcgung nur nach Bedarf und als bewusste Steigerung des Klangapparats geschieht. Auch in der 9. Symphonie waren die Posaunenstimmen, wie wir sie heute kennen, nicht von Anfang an enthalten, wahrscheinlich entschied sich Beethoven erst kurz vor der Urauff\u00fchrung im Mai 1824, diese Partien zu erweitern, wie eine von ihm separat ausgeschriebene Partitur der Posaunenstimmen zeigt. Dass die Posaunen dabei im Chorfinale die Vokalstimmen unterst\u00fctzen, ist nichts Neues und steht in einer langen Tradition. Beethoven setzt sie aber auch schon im 2.Satz, dem Scherzo, ein. Hier erh\u00e4lt die Bassposaune eine bemerkenswerte solistische Rolle \u2013 vor Beginn des Trios scheint sie mit einem energischen Zwischenruf das Orchester regelrecht zum Schweigen zu bringen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-8987\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie.png\" alt=\"\" width=\"2008\" height=\"2835\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie.png 2008w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie-212x300.png 212w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie-725x1024.png 725w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie-768x1084.png 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie-1088x1536.png 1088w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2020\/08\/9.Symphonie-1451x2048.png 1451w\" sizes=\"(max-width: 2008px) 100vw, 2008px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese individuelle Behandlung des Posaunensatzes scheint f\u00fcr uns heute nichts Besonderes zu sein. Wie innovativ Beethoven zu seiner Zeit damit allerdings war, zeigt ein kontrastierender Vergleich. Die folgende Posaunenstimme stammt aus Joseph Haydns Ora\u00adtorium <em>Die<\/em> <em>Sch\u00f6pfung<\/em>, entstanden 1796\u201398, also nicht viel fr\u00fcher als Beethovens 5. und 6. Symphonie. Hier wird im Chor \u201eVollendet ist das gro\u00dfe Werk\u201c die Bassposaune sozusagen als \u201eBlechfagott\u201c behandelt und durchweg colla parte mit den \u00fcbrigen Bass-Instrumenten gef\u00fchrt:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/Haydn_Schoepfung.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-5994 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/Haydn_Schoepfung.png\" alt=\"\" width=\"2464\" height=\"1717\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die pausenlose Achtelbewegung mit vielen gro\u00dfen Intervallspr\u00fcngen, die auf dem Cello oder Fagott problemlos zu bew\u00e4ltigen ist, stellt auf der historischen Bassposaune, die im unterem Register mit dem Zug weite Wege gehen muss, eine sehr gro\u00dfe Herausforderung dar und wird dem Charakter des Instruments nicht wirklich gerecht.<\/p>\n<p>Beethovens Schreibweise zeugt hingegen von gro\u00dfem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die beson\u00adde\u00adren spiel\u00adtech\u00adni\u00adschen und klanglichen Eigenschaften der Posaune. Er spart den Einsatz der Posaune f\u00fcr besondere Momente, Steigerungseffekte und klangliche Sch\u00e4rfung auf und behandelt sie nicht wie ein hinzugekoppeltes Orgel\u00adregister, sondern als individuelles Instrument mit eigenst\u00e4ndiger Stimm\u00adf\u00fchrung. Beachtenswert ist in diesem Zusammen\u00adhang, dass Hector Berlioz in seiner 1844 ver\u00f6ffentlichten Instrumentationslehre (<em>Grand trait\u00e9 d\u2019instrumentation et d\u2019orchestration modernes<\/em>) Beethoven zusammen mit Gluck, Mozart, Spontini und Weber zu den wenigen Komponisten rechnet, die \u201edie Bedeutung der Rolle der Posaune g\u00e4nzlich begriffen\u201c und sie mit \u201evollkommenem Verst\u00e4ndnis\u201c eingesetzt h\u00e4tten.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/Berlioz_Traite\u0301.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-5980 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2020\/08\/Berlioz_Traite\u0301.png\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"124\" \/><\/a><\/p>\n<p>Prinzipiell war die Zeit um 1800 sicher reif f\u00fcr die Einbeziehung der Posaune ins Orches\u00adter: Im Zuge einer Emanzipation und \u00e4sthetischen Aufwertung der Instru\u00admental\u00admusik dr\u00e4ngte die Symphonie nach neuen Ausdruckm\u00f6glichkeiten und einer Erweiterung des Klangspektrums, wie auch weitere instrumentale Neuerungen in der Besetzung zeigen, etwa mit Piccolofl\u00f6te, Kontrafagott oder erweitertem Schlagwerk. Doch es brauchte mehr als einen Krottendorfer oder Eggert, n\u00e4mlich einen Beethoven, der mit dem k\u00fcnstleri\u00adschen Rang seiner Symphonien der Posaune zum Durchbruch verhelfen konnte. Durch ihn kommt es gleichsam zu einer \u201eS\u00e4kularisierung\u201c der Posaune, die in seinen Symphonien aus ihrem traditionellen religi\u00f6sen Kontext befreit und allein gem\u00e4\u00df ihrer Klang\u00advaleurs eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Mit dieser Emanzipation war der Grundstein f\u00fcr die weitere Entwicklung gelegt \u2013 den direktesten Einfluss hatte Beethoven damit sicher auf Franz Schubert, der in seinen sp\u00e4ten Symphonien h-moll (der \u201eUnvollendeten\u201c) und C-dur ebenfalls mit gro\u00dfer Wirkung Posaunen einsetzte und und so den Weg zum romantischen Orchester weiter beschritt. Und wenn Sie das n\u00e4chste Mal die bet\u00f6rend sch\u00f6nen Posaunens\u00e4tze in den Symphonien von <a href=\"https:\/\/youtu.be\/BcSuhw_2uTU?t=50\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Johannes Brahms<\/a>, <a href=\"https:\/\/youtu.be\/LVTemkkT0UI?t=4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Anton Bruckner<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vzbsVlG8ips\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gustav Mahler<\/a> genie\u00dfen, denken Sie kurz dankbar an Ludwig van Beethoven, der hierzu die T\u00fcr aufgesto\u00dfen hat\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits im Mai hat sich mein Kollege Norbert Gertsch mit &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2020\/08\/31\/die-posaune-in-beethovens-symphonien\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,731,3],"tags":[7,151,790],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8964"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8964"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8964\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9000,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8964\/revisions\/9000"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8964"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8964"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8964"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}