{"id":901,"date":"2012-08-20T08:00:43","date_gmt":"2012-08-20T06:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=901"},"modified":"2015-05-20T10:37:47","modified_gmt":"2015-05-20T08:37:47","slug":"willen-versus-willkur-uber-den-umgang-mit-den-schlusstakten-von-robert-schumanns-c-dur-fantasie-op-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/08\/20\/willen-versus-willkur-uber-den-umgang-mit-den-schlusstakten-von-robert-schumanns-c-dur-fantasie-op-17\/","title":{"rendered":"Willen versus Willk\u00fcr. Zu den Schlusstakten von Robert Schumanns C-dur-Fantasie op. 17"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Schumann_op.-17-neu.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-904\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/Schumann_op.-17-neu.jpg\" alt=\"\" width=\"630\" height=\"527\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was Sie hier sehen, ist die letzte Seite der C-dur-Fantasie op. 17 von Robert Schumann in der Handschrift des Kopisten Carl Br\u00fcckner aus Leipzig. <!--more-->Die Quelle befindet sich in der Sz\u00e9ch\u00e9nyi-Bibliothek in Budapest. Die urspr\u00fcnglich notierten Takte (beginnend links oben mit \u201eAdagio\u201c), welche der Kopist aus dem (verlorenen) Autograph abgeschrieben hatte, strich Schumann selbst w\u00e4hrend seiner \u00dcberarbeitung und Druckvorbereitung des Werks eigenh\u00e4ndig durch. Im Anschluss schrieb er die endg\u00fcltigen Schlusstakte, die man hier nur etwas schw\u00e4cher erkennen kann. \u201eEnd-g\u00fcltig\u201c \u2013 denn so erscheinen sie dann auch in der gedruckten und von Schumann nachweislich Korrektur gelesenen Erstausgabe.<\/p>\n<p>Das alles w\u00e4re nicht weiter eine Erw\u00e4hnung wert, weil \u201et\u00e4glich Brot\u201c f\u00fcr alle, die sich mit Handschriften der Komponisten und der Werk\u00fcberlieferung befassen. Aber in diesem Falle handelt es sich um eine musikalisch \u00e4u\u00dferst interessante Text\u00e4nderung: Schumann hatte urspr\u00fcnglich n\u00e4mlich auf den Schluss des ersten Satzes der Fantasie zur\u00fcckgegriffen, wo er Beethovens wunderbare Melodie zu den Zeilen \u201eNimm sie hin denn diese Lieder, die ich dir, Geliebte [Clara], sang\u201c aus dem Liederzyklus \u201eAn die ferne Geliebte\u201c op. 98 zitiert. Wir wissen nicht, warum Schumann diese Reminiszenz durchstrich und durch einen gew\u00f6hnlicheren Schluss ersetzte. Vielleicht sp\u00fcrte er, dass sich die Botschaft des Beethoven-Zitats in der Wiederholung abnutzt und sie insgesamt besch\u00e4digt, oder dass nach der riesigen Apotheose der Vortakte ein neuer, vor allem so markanter musikalischer Gedanke die Schluss-Sogwirkung abschw\u00e4cht. Man k\u00f6nnte auch entgegengesetzt argumentieren, er habe seinen \u2013 genialeren \u2013 ersten Einfall sp\u00e4ter als allzu gewagt empfunden und dann \u2013 leider \u2013 durch Banaleres ersetzt. Wie auch immer: Es geht f\u00fcr den Philologen doch nicht um Geschmacksfragen:\u00a0Schumann strich diese Takte und ersetzte sie. Und es stellt sich die Frage, wie wir mit so einem Ph\u00e4nomen in unseren Editionen umgehen sollen. Denn seit Auftauchen der Abschrift wird der Schluss der C-Dur-Fantasie op. 17 in Musikerkreisen diskutiert und es gibt auch schon einige Aufnahmen und Konzerte mit dem \u201eurspr\u00fcnglichen\u201c Schluss.<\/p>\n<p>Der G. Henle Verlag ver\u00f6ffentlichte 1987 just diesen gestrichenen Schluss Schumanns nach der Budapester Abschrift. Alle Auflagen zwischen 1987 und 2003 enthielten <a title=\"diesen urspr\u00fcnglichen Schluss\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/files\/hn_276_s_39.pdf\" target=\"_blank\">diesen urspr\u00fcnglichen Schluss<\/a> \u2013 in Kleindruck als Fu\u00dfnote. Seit wir jedoch im Jahr 2003 die <a title=\"erneute kritisch revidierte Ausgabe\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Fantasie+C-dur+op.+17_276\" target=\"_blank\">erneute kritisch revidierte Ausgabe<\/a> herausbrachten, verzichten wir wieder auf diesen Zusatz; es erfolgt nur ein Hinweis im Kritischen Bericht. Warum das?<\/p>\n<p>Die damalige Entscheidung war meiner Meinung nach ein Fehler. Wir haben als Editoren und Verleger wegen der weltweiten Verbreitung und Nutzung unserer Ausgaben eine weit h\u00f6here Verantwortung im Umgang mit Notentexten als die ausf\u00fchrenden Musiker. Schumanns Willen ist eindeutig. Er will nicht, dass die aus seiner Sicht \u00fcberholten Takte gespielt werden. Er hat sie deutlich gestrichen und das Gew\u00fcnschte notiert. Er las gewissenhaft Korrektur der Erstausgabe. Diese allein ist Schumanns letztes Wort. Das haben wir zu respektieren. Unser Werkbegriff zerfiele letztlich zu Staub, wollten wir frei und fallweise nach unserem privaten Gusto dar\u00fcber entscheiden, was \u201ebesser\u201c oder \u201eschlechter\u201c sei. Der Willk\u00fcr w\u00e4re T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet. So sehr es aus Sicht des Studierenden und Interpretierenden hoch interessant ist, zu sehen, wie die C-dur-Fantasie zu dem wurde, was sie heute ist, so wenig hat die Werkstatt etwas mit einer Urtextausgabe zu tun. Bestenfalls im Kritischen Apparat oder in einem Anhang kann man in besonderem Falle Korrekturstufen ausf\u00fchrlicher darstellen. Aber eigentlich geh\u00f6rt solches in den Apparat einer Gesamtausgabe. Wir wollen unseren Kunden keine Vorstufen pr\u00e4sentieren, sondern den korrekten, also den vom Autor legitimierten Text.<\/p>\n<p>Haben Sie eine andere Meinung? Schreiben Sie uns!<\/p>\n<p>Auch im Falle Franz Schuberts gibt es hei\u00df diskutierte Ph\u00e4nomene dieser Art; mit Schubert will ich mich in meinem n\u00e4chsten Blog befassen.<\/p>\n<p>PS: Dieser Text ist ein Auszug aus einem weitaus umfangreicheren Text, entnommen dem <a title=\"Schumann-Forum 2010\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/schumann-jahr-2010\/index.html\" target=\"_blank\">\u201eSchumann-Forum 2010\u201c<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was Sie hier sehen, ist die letzte Seite der C-dur-Fantasie &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/08\/20\/willen-versus-willkur-uber-den-umgang-mit-den-schlusstakten-von-robert-schumanns-c-dur-fantasie-op-17\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[396,301,3,314,102,408],"tags":[76,67,77],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/901"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=901"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/901\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}