{"id":931,"date":"2012-09-03T08:00:56","date_gmt":"2012-09-03T06:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=931"},"modified":"2015-05-20T10:48:14","modified_gmt":"2015-05-20T08:48:14","slug":"das-kreuz-mit-dem-b-warnvorzeichen-genug-oder-darf%e2%80%99s-etwas-mehr-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/09\/03\/das-kreuz-mit-dem-b-warnvorzeichen-genug-oder-darf%e2%80%99s-etwas-mehr-sein\/","title":{"rendered":"Das Kreuz mit dem B. Warnvorzeichen genug oder darf\u2019s etwas mehr sein?"},"content":{"rendered":"<p>Unser Lektorat erh\u00e4lt immer wieder Anfragen von Benutzern mit der Bitte, zu bestimmten Stellen Auskunft \u00fcber die Quellen zu geben: \u201eSteht das genauso im Autograph?\u201c oder: \u201eEntspricht das tats\u00e4chlich der Erstausgabe?\u201c. <!--more-->Im Hintergrund der Fragen steht gelegentlich die Vorstellung, \u201eUrtext\u201c bedeute einen (mehr oder weniger) textidentischen Abdruck der als Hauptquelle erkannten Vorlage. Dies ist nat\u00fcrlich nicht der Fall, denn, ganz abgesehen von Fehlerkorrekturen, m\u00fcssen Urtext-Ausgaben selbstverst\u00e4ndlich auch individuelle oder zeitbedingte Schreibgewohnheiten in den Quellen den heute \u00fcblichen Regeln der Notengraphik anpassen.<\/p>\n<p>Eines dieser Elemente betrifft den Umgang mit Warnvorzeichen. Der Gebrauch f\u00fcr notwendige Vorzeichen f\u00fcr taktgebundene Musik ist relativ klar geregelt: Sie gelten f\u00fcr jeden Einzelton f\u00fcr die Dauer eines Taktes, bei Halteb\u00f6gen dar\u00fcber hinaus bis zum letzten gebundenen Ton. Die Setzung von zus\u00e4tzlichen Vorzeichen \u2013 Warnvorzeichen \u2013 ist dagegen im Prinzip vollkommen freigestellt. \u00dcblicherweise werden Erh\u00f6hungen oder Erniedrigungen von Einzelt\u00f6nen (zumindest) im nachfolgenden Takt sicherheitshalber nochmals als aufgehoben angezeigt; dasselbe gilt auch im gleichen Takt, wenn der zuvor erh\u00f6hte oder erniedrigte Ton in anderer Oktavlage erscheint. Aber von einer festen Regel kann keine Rede sein; selbst bei Gesamtausgaben wird das Ph\u00e4nomen sehr unterschiedlich behandelt.<\/p>\n<p>Wie geht man als Herausgeber mit den Warnvorzeichen der Quellen um? Bel\u00e4sst man solche, die nach heutigem Gebrauch eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig sind, hat man zwar den Vorteil, das harmonische Denken des Komponisten wiederzugeben, ger\u00e4t aber in Gefahr, die Musiker durch \u00dcberf\u00fclle zu irritieren (man denke etwa an Max Reger). Umgekehrt kann man aber auch gerade dadurch Verwirrung stiften, das seinerzeit Selbstverst\u00e4ndliche durch ein zus\u00e4tzliches Vorzeichen hervorzuheben.<\/p>\n<p>Im Folgenden habe ich einige F\u00e4lle aus j\u00fcngst erschienenen Editionen zusammengetragen (die in Frage stehenden Vorzeichen sind rot markiert).<\/p>\n<p>1) Beginnen wir mit einem ,klassischen\u2018 Fall: Der alterierte Ton <em>fis<\/em>\u00b9 kehrt in einer anderen Stimme (hier sogar von anderer Hand ausgef\u00fchrt) wieder, entnommen der Neuedition zu: Gabriel Faur\u00e9, Violinsonate Nr. 1 A-dur op. 13, Satz II, Takt 4 (<a title=\"HN 980\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violinsonate+Nr.+1+A-dur+op.+13_980\" target=\"_blank\">HN 980<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/01.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-934\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/01.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"191\" \/><\/a><\/p>\n<p>Notwendig ist das Vorzeichen nicht, aber doch sinnvoll \u2013 oder?<\/p>\n<p>2) \u00c4hnlich, aber in umgekehrter Richtung das n\u00e4chste Beispiel: Emmanuel Chabrier, <em>Bourr\u00e9e fantasque<\/em>, Takt 166 (<a title=\"HN 1162\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Bourr%C3%A9e+fantasque_1162\" target=\"_blank\">HN 1162<\/a>): Hier wird der gleiche Ton in erh\u00f6hter (<em>ais<\/em>, oberes System), danach in anderer Oktavlage in nichterh\u00f6hter Form (<em>a<\/em>, unteres System) notiert. F\u00fcr Chabrier war es selbstverst\u00e4ndlich, mit der linken Hand <em>a<\/em>\u00b9 zu\u00a0spielen (siehe Vortakt), so dass er kein Warnvorzeichen setzte. Ist das \u266e also \u00fcberfl\u00fcssig oder kl\u00e4rt es doch m\u00f6gliche Zweifel?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/05.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-935\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/05.jpg\" alt=\"\" width=\"353\" height=\"226\" \/><\/a><\/p>\n<p>3) A propos Zweifel: Faur\u00e9 geh\u00f6rt zu den Komponisten, die Vorzeichen nicht immer konsequent setzten, sondern durchaus aus Nachl\u00e4ssigkeit verga\u00dfen. In aller Regel ist klar, was gemeint ist, und oft haben die Setzer bereits in den Drucken das Notwendige erg\u00e4nzt. In der nachfolgenden Stelle (wieder aus HN 980, diesmal Satz III, Takt 184 f.) bleibt ein kleiner Zweifel. In den Quellen steht kein \u266e vor <em>e<\/em>\u00b9, aber dessen Erg\u00e4nzung d\u00fcrfte doch sinnvoll sein, denn <em>eis<\/em>\u00b9 als\u00a0erneuter Vorhalt vor <em>fis<\/em>\u00b9 im Folgetakt 185 (wie zu Beginn von T. 184 eine Oktave tiefer) w\u00e4re melodisch nicht v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen \u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/02.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-936\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/02.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"182\" \/><\/a><\/p>\n<p>4) Ein \u00e4hnliches Beispiel findet sich in Mozarts Klavierkonzert KV 503, Satz I, Takt 364 (<a title=\"HN 825\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klavierkonzert+Nr.+25+C-dur+KV+503_825\" target=\"_blank\">HN 825<\/a>). Mozart erh\u00f6hte <em>f<\/em>\u00b9 zu <em>fis<\/em>\u00b9 \ufeffals\ufeff melodische Wechselnote, setzte aber leider eine Oktave h\u00f6her kein kl\u00e4rendes Vorzeichen (\u266e oder erneutes \u266f). Nach den Regeln m\u00fcsste <em>f<\/em>\u00b2 gespielt werden.<em> <\/em>Da aber in der postumen Erstausgabe <em>f<\/em>\u00b2 zu <em>fis<\/em>\u00b2 erh\u00f6ht wurde, wohl im Hinblick auf den nachfolgenden Zielton <em>g<\/em>\u00b2, ist in unserer Edition an dieser Stelle eine Fu\u00dfnote mit dem un\u00fcbersehbaren Verweis auf diese abweichende Lesart hinzugef\u00fcgt. Es ist n\u00e4mlich nicht auszuschlie\u00dfen, dass die Erstausgabe auf einer noch von Mozart selbst durchgesehenen, heute verschollenen Abschrift beruht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/04.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-937\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/04.jpg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"141\" \/><\/a><\/p>\n<p>5) Mit zunehmender Aufl\u00f6sung des dur-moll-tonalen Systems ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Vorzeichen und damit auch der Warnvorzeichen. Verst\u00e4ndlicherweise sahen sich die Komponisten gen\u00f6tigt, zur Vermeidung von Missverst\u00e4ndnissen bei harmonisch neuartigen T\u00f6nen und Kl\u00e4ngen zus\u00e4tzliche Zeichen zu notieren. Eine Stelle aus Maurice Ravels Sonatine (Satz III, Takt 140, <a title=\"Hn 1018\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonatine_1018\" target=\"_blank\">HN 1018<\/a>) mag dies demonstrieren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/03.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-938\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/03.jpg\" alt=\"\" width=\"459\" height=\"222\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach den \u00fcblichen Regeln m\u00fcsste im oberen System nur \u266f vor der 2. Note (<em>cis<\/em>\u00b2) wegen des <em>cisis<\/em>\u00b2 in der linken Hand stehen, aber es erscheint logisch, dass auch die oktavversetzten Noten <em>cis<\/em>\u00b3 und <em>cis<\/em>\u00b9 ein Warn-\u266f erhalten. Was aber soll das \u266e vor <em>d<\/em>\u00b2, vor einer Note, die zuvor weder erh\u00f6ht noch erniedrigt wurde? Es geht auf Ravel selbst zur\u00fcck, der hier offenbar einer m\u00f6glichen, durch das <em>cisis<\/em>\u00b2 ausgel\u00f6sten Vorwegnahme von <em>dis<\/em>\u00b2 (kommt erst auf Z\u00e4hlzeit 4) vorbeugen wollte. In unserer Neuedition sind wir dieser Warnung des Komponisten gefolgt \u2013 zu Recht?<\/p>\n<p>6) Zum Schluss noch ein Beispiel f\u00fcr die Probleme in Musik, die auf Takteinteilung verzichtet, veranschaulicht anhand des Beginns von Erik Saties <em>1<sup>\u00e8re<\/sup> Gnossienne<\/em> (<a title=\"HN 1073\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Gnossiennes_1073\" target=\"_blank\">HN 1073<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/06.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-939\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/06.jpg\" alt=\"\" width=\"613\" height=\"109\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/06.jpg 972w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/08\/06-300x53.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wenn die Ordnung der Takteinheiten wegf\u00e4llt, soll diese dann durch den Zeilenfall als neue Einheit ersetzt werden? Dann w\u00e4ren alle rot markierten Vorzeichen zu tilgen. Oder m\u00fcssen nun doch alle Vorzeichen konsequent in jeder motivischer Einheit \u2013 wie hier, dem Original entsprechend \u2013 wiederholt werden?<\/p>\n<p>Wie denken <em>Sie<\/em> \u00fcber die Setzung von Warnvorzeichen? Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn Sie zu dem einen oder anderen Beispiel Ihre Meinung \u00e4u\u00dfern w\u00fcrden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Lektorat erh\u00e4lt immer wieder Anfragen von Benutzern mit der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/09\/03\/das-kreuz-mit-dem-b-warnvorzeichen-genug-oder-darf%e2%80%99s-etwas-mehr-sein\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[347,3,33,102],"tags":[79,30,34,37,64,80],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/931"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=931"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/931\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=931"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=931"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=931"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}