{"id":9419,"date":"2021-05-10T08:00:56","date_gmt":"2021-05-10T06:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=9419"},"modified":"2021-05-06T11:01:44","modified_gmt":"2021-05-06T09:01:44","slug":"versuch-einer-neudatierung-der-drei-beliebten-quartett-divertimenti-kv-136-138","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/05\/10\/versuch-einer-neudatierung-der-drei-beliebten-quartett-divertimenti-kv-136-138\/","title":{"rendered":"Versuch einer Neudatierung der drei beliebten \u201eQuartett-Divertimenti\u201c KV 136\u2013138 von Mozart"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Mozart.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-9423\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Mozart.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Mozart.jpg 471w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Mozart-244x300.jpg 244w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a>Im Zusammenhang meiner nun kurz vor Ver\u00f6ffentlichung stehenden Urtextausgabe der drei bekannten und vielgespielten \u201e<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Streichquartette+Band+I+%28Italienische+Quartette%2C+Salzburger+Divertimenti%29_1120\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Divertimenti\u201c KV 136\u2013138<\/a> wurde klar, dass Mozarts eigene, ungew\u00f6hnlich vage Datierung im Kopf seines Autographs: \u201e<u>Salisburgo<\/u> 1772\u201c nicht g\u00e4nzlich zutreffen kann. Ich gehe vielmehr davon aus, dass er an der Komposition dieser drei Werke bereits ab dem Sp\u00e4therbst 1771 in Mailand arbeitete, um sie dann erst in Salzburg zu Jahresbeginn 1772 abzuschlie\u00dfen. In diesem Blogbeitrag m\u00f6chte ich diese These knapp begr\u00fcnden.<!--more--><\/p>\n<p><strong>DATIERUNG<\/strong>. Mozarts ungew\u00f6hnlich pauschale Datierung erfolgte offensichtlich nachtr\u00e4glich, was bisher noch nirgends zutreffend beschrieben wird. Denn die Ziffer \u201e2\u201c aus \u201e1772\u201c ist offenkundig verdickt, was auf eine Korrektur hinweist. Leider hat uns der Eigent\u00fcmer des Originals keinen Zugang erm\u00f6glicht, weshalb ich mit schlechten Kopien arbeiten musste, aber vermutlich hatte Mozart urspr\u00fcnglich \u201e1771\u201c geschrieben, und dann zu \u201e1772\u201c korrigiert:<\/p>\n<div id=\"attachment_9424\" style=\"width: 629px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Datierung.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9424\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9424\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Datierung.jpg\" alt=\"\" width=\"619\" height=\"49\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Datierung.jpg 1165w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Datierung-300x24.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Datierung-1024x81.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/Datierung-768x61.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9424\" class=\"wp-caption-text\">Datierung im Kopf des Autographs KV 136.<\/p><\/div>\n<p><strong>HANDSCHRIFT<\/strong>. Wolfgang Plath, der gro\u00dfe Mozart-Forscher und unbestechliche Kenner der Handschrift Mozarts, akzeptierte die \u00fcbliche Datierung der drei Divertimenti f\u00fcr den \u201eZeitraum ca. Januar \u2013 M\u00e4rz 1772 \u2026 als wahrscheinlich\u201c, stellte jedoch zum Schriftbild des 1. Satzes von KV 136 fest, dass dieses \u201em\u00fchelos etwa in der weiteren Nachbarschaft von KV 112 einzuordnen\u201c sei (Wolfgang Plath, <em>Beitr\u00e4ge zur Mozart-Autographie II. Schriftchronologie 1770\u20131780<\/em>, in: Mozart-Jahrbuch 1976\/77, Salzburg 1978, S. 147). Das w\u00fcrde Mailand, ca. November 1771 bedeuten. Und auch das urspr\u00fcngliche, spontan notierte, von Plath seinerzeit nicht erkannte \u201e1771\u201c erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>AUTOGRAPH<\/strong>. Wenn man Mozarts Partiturbild von KV 136\u2013138 mit seinen sonstigen Partituren vergleicht, so ist es sehr ungew\u00f6hnlich notiert. Statt eines der \u00fcblichen Streichquartett-Papiere der Zeit mit insgesamt 10 Systemen, die zu 2&#215;4 Systemen (mit 2 Leersystemen) beschrieben wurden, nutzte Mozart hier alle Systeme des 12zeilig rastrierten Notenpapiers aus. Dadurch ist alles ungew\u00f6hnlich gedr\u00e4ngt notiert, die Notenschrift ist eng, klein, hastig. Es fehlt die sonst \u00fcbliche r\u00e4umliche Gro\u00dfz\u00fcgigkeit der Anlage. Zweitens kommen recht viele Korrekturen und ungew\u00f6hnlich h\u00e4ufig eine stark abk\u00fcrzende Notation hinzu; so notiert Mozart unmittelbare Wiederholungen platzsparend nicht etwa aus, sondern schreibt eine sogenannte \u201ebis\u201c-Anweisung, meist umzirkelt er dabei auch noch den oder die zu wiederholenden Takte; \u201ebis\u201c hei\u00dft \u201e2 Mal\u201c und dient als Markierung und Hinweis f\u00fcr den Kopisten bei w\u00f6rtlich zu wiederholenden Abschnitten:<\/p>\n<div id=\"attachment_9425\" style=\"width: 551px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_II_T.-21ff.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9425\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9425 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_II_T.-21ff.jpg\" alt=\"\" width=\"541\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_II_T.-21ff.jpg 1326w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_II_T.-21ff-300x192.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_II_T.-21ff-1024x656.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_II_T.-21ff-768x492.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 541px) 100vw, 541px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9425\" class=\"wp-caption-text\">\u201ebis\u201c-Anweisung in KV 136\/2, T 21\u201324 wiederholt in 25\u201328.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9427\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9427\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9427 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"604\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1.jpg 960w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1-123x300.jpg 123w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1-420x1024.jpg 420w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1-768x1872.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1-630x1536.jpg 630w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/05\/KV136_III_T.-39ff-1-840x2048.jpg 840w\" sizes=\"(max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9427\" class=\"wp-caption-text\">KV 136\/3, T. 39 am Rand<\/p><\/div>\n<p>Takt 39 des 3. Satzes von KV 136 hatte Mozart zun\u00e4chst vergessen zu notieren; er erg\u00e4nzt ihn dann nachtr\u00e4glich am linken Rand vor der Akkolade, was ein klares Indiz daf\u00fcr ist, dass er hier bestehendes Material abschrieb und nicht etwa neu Komponiertes erstmalig niederschrieb:<\/p>\n<p>Auch ist eine l\u00e4ngere Passage des Kopfsatzes von KV 138 (T. 36\u201374) mit deutlich spitzerer Feder notiert \u2013 also zu einem anderen Zeitpunkt als die vorausgehenden und nachfolgenden Takte, was auf eine Unterbrechung des Schreibvorgangs deutet.<\/p>\n<p><strong>NOTENPAPIER<\/strong>. Alan Tyson, der gro\u00dfe Mozart-Forscher und unbestechliche Kenner der von Mozart verwendeten Notenschreibpapiere, datiert das Notenpapier von KV 136\u2013138 auf \u201eSalzburg 1771\u201c. Es handelt sich bei allen 12 Bl\u00e4ttern um italienisches Papier mit dem Wasserzeichen \u201eWZ 25\u201c. Auf diesem Papier hat Mozart sonst nur noch wesentliche Teile seiner <em>Serenata<\/em> \u201eIl Sogno di Scipione\u201c KV 126 (\u201eDer Traum des Scipio\u201c) geschrieben; Datierung: Salzburg April bis August 1771 (siehe NMA, Vorwort), Urauff\u00fchrung des Werks allerdings erst 1772.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>FAZIT<\/strong>. All diese Beobachtungen zusammengenommen liegt es also mehr als nahe, dass Mozart entgegen der bisherigen Annahme an der Komposition seiner drei \u201eQuartett-Divertimenti\u201c KV 136\u2013138 nicht erst in Salzburg nach seiner R\u00fcckkehr von der zweiten Italienreise, also \u201eJanuar bis M\u00e4rz 1772\u201c, sondern bereits in Italien Ende 1771 arbeitete. Er hatte sich bei der Abreise nach Italien aus Salzburg 12zeilig rastriertes Notenpapier (n\u00e4mlich Restbest\u00e4nde von KV 126) nach Mailand mitgenommen und dann nach Abschluss seiner eigentlichen dortigen Verpflichtung im Herbst 1771 \u2013 n\u00e4mlich der Komposition der <em>Serenata teatrale<\/em> \u201eAscanio in Alba\u201c (KV 111) \u2013 die Zeit u.a. zum Komponieren der launigen Divertimenti genutzt. Vermutlich notierte er dabei zun\u00e4chst allerlei Skizzen und Entw\u00fcrfe und brachte das Ganze dann eng gedr\u00e4ngt zu Papier, weil er n\u00e4mlich nur noch 12 Bl\u00e4tter Papier \u00fcbrighatte. Diese \u201eAbschreibt\u00e4tigkeit\u201c d\u00fcrfte dann zum Gro\u00dfteil in Salzburg nach der R\u00fcckkehr vonstattengegangen sein, was sowohl die auff\u00e4llige Ver\u00e4nderung der Handschrift nach dem ersten Satz KV 136 zu den \u00fcbrigen Partien des Autographs, wie auch das \u201eSalisburgo\u201c (anstatt \u201eMilano\u201c) in Mozarts Datierung erkl\u00e4ren vermag.<\/p>\n<p>Die biographische Situation Mozarts Ende 1771 unterst\u00fctzt zu guter Letzt diese allein aus dem autographen Befund und dem verwendeten Notenpapier abgeleitete Datierungshypothese: Mozart hatte nach Abschluss seines \u201eAscanio\u201c KV 111 n\u00e4mlich jede Menge freie Zeit im Sp\u00e4therbst 1771 in Mailand. Erst Anfang Dezember ging es zur\u00fcck nach Salzburg. Leopold Mozart schreibt am 28. September 1771 nach Hause: \u201eunsere Vacanz und unterhaltung f\u00e4ngt nun an [\u2026] weil der Wolfg: am Montage schon alles fertig hatte\u201c (<a href=\"https:\/\/dme.mozarteum.at\/DME\/briefe\/letter.php?mid=808&amp;cat=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brief Nr. 247<\/a>). Dank dieser erfreulichen \u201eVacanz und unterhaltung\u201c sind also die drei wunderbaren \u201eDivertimenti\u201c KV 136\u2013138 wesentlich in Norditalien entstanden, was man doch jeder Note anh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zusammenhang meiner nun kurz vor Ver\u00f6ffentlichung stehenden Urtextausgabe der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/05\/10\/versuch-einer-neudatierung-der-drei-beliebten-quartett-divertimenti-kv-136-138\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,303,42],"tags":[808],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9419"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9419"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9432,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9419\/revisions\/9432"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}